search instagram arrow-down

Archiv

Resonanzen

 

Vismelodi (Lied ohne Worte), Trad. von Gotland

von der CD „Singende Steine – Musik und Dichtung von der Insel Gotland)

 

 

 

 

 

 

 

8. März 2021

Scan 1

Kopfweiden bei Esbeck/ Westfalen. Kohlezeichnung von Siegfried Motog,1947

 

 

Erlkönigs Lächeln (PDF, Lesezeit 15′)

 

Mein Sohn, mein Sohn, ich seh es genau,/ es scheinen die alten Weiden so grau …“

 

 

*

*

*

 

 

 

 

 

Die Himmelstür (PDF)

 

*

*

*

 

 

Ein Philosoph (PDF)

 

 

*

*

*

3. März 2021

 

Die Amsel

 

Du singst den Blüten

und dem Glanz des Morgens.

Ohn‘ Harm dein Singen                                                                                                                       

füllt’s selig alle Blütenkelche, 

aus denen ich mich liebend stille.

Sonnen, Sterne wachsen lauschend,  

die Knospen schwellen mit den Tönen.  

und Früchte reifen süßer deinem Lied. 

 

 

*

*

*

 

21. Februar 2021

 

Winterfrühling

So hoch der Tag,

so überweltlich licht

der blaue Dom.

Reglos der Wald.

In kahlen Wipfeln

pocht ein Specht.

Spiegelklare schweigt der See,

der fernen Ufer dunkle Säumung

von dort, wo sich der Abend naht,

und vor mir Silberschilf, Geäst und Stämme,

die dann und wann vom Sturme fielen,

gleich Riesen, die nun stumm vergehen;

Reifend in solchem Glanz

zu Wandel und zu Neubeginn

fühl ich die Welt.

Sie lauscht der Amsel,

sehnt und leuchtet sich

dem Licht entgegen,

und meint auch mich.

 

 

*

*

*

 

17. Februar 2021

Wirkung von Musik

Aber da stellt sich die Frage, ob nicht Musik immer mit Schwermut versetzt ist? Auch Mozart: wie anders könnte er sonst über die Traurigen etwas vermögen? Es gilt doch wohl, dass Musik ohne das ganz unerträglich sein würde. Wie auch ein Mensch, dem Schwermut ganz fremd ist, so schwer erträglich, ja so unheimlich ist wie einer, der sie unverdeckt lässt und öffentlich darin versinkt.“ (Erhart Kästner in: „Die Stundentrommel vom Heiligen Berg Athos“).

 

11. Februar 2021

Als stünde die Zeit still …

Fårö – Gotlands Norden

 

I

Stensträngar

Auf dieser Insel, die den Norden Gotlands bildet – vom „gotländischen Festland“ nur durch einen schmalen Sund getrennt, freilich so breit, dass man mit einer Fähre übersetzen muss – ist es einem bei der Ankunft zumute, als würde ein ganz neues Kapitel im Landschaftsbuch aufgeschlagen. Oder als würde ein Musikstück plötzlich nicht nur in eine andere, fremd anmutende Tonart, sondern vor allem in eine höhere Oktave gehoben: Fårö wirkt eher wie eine Insel, die aus dem Mittelmeer hierher gezaubert wurde, archaisch, karg und oft karstig, von urtümlichen, mit einer dicken Mütze Ag gedeckten (dem Reetgras ähnlich) Schafställen und verstreuten alten Gehöften bebaut – Szenarien und Stimmungen wie aus fernen Legenden des Mittelalters oder Mythen der Wikinger- und Bronzezeit. Dazu die schier endlos laufenden lebendig gemusterten „stensträngar“, den geschichteten, halbhohen Trockenmauern aus Kalkstein und Findlingen, die die Insel mit einem Geflecht wundersam schöngemusterter Stränge kreuz und quer überziehen – wahre Landschaftskunstwerke, die im Schweiße des Angesichts durch Jahrhunderte hindurch von Generation zu Genration kunstvoll geschichtet und instandgehalten werden bis auf den heutigen Tag.

DSC01105 2

Der Blick auf diese Gemäuer von den alteingesessenen Bauern, Schafzüchtern und Fischern früher und heute ist jedoch sicherlich viel nüchterner gewesen, und der Anlass zu ihrer Aufschichtung viel weniger künstlerisch motiviert, wie es etwa die Mauern eines Landschaftskünstlers wie Andy Goldsworthy sind. Vielmehr ging es um Besitzgrenzen und stabile Einhegungen für die zahlreichen Gotlandschafe (eine Rasse, die seit der Bronzezeit gezüchtet wird), die innerhalb dieser großzügigen Grenzen frei herumlaufen. Doch die Mauern scheinen nichtsdestoweniger von Künstlerhänden wie in die Insel hineinkomponiert. Trotz aller Pragmatik und Zweckmäßigkeit sind diese viele Kilometer sich hinziehenden Grenzbefestigungen mit einem untrüglich harmonischen Gefühl für Statik, Form, Zweck, ästhetisches Spiel von Farben, Mustern und Maserungen und ihre Harmonie mit der Landschaft errichtet. Goldsworthy lässt also grüßen, oder richtiger gesagt: die Stensträngar lassen Goldsworthy grüßen.

So spürt man auf Fårö, folgt man den reichen Erkenntnisse der Historiker und Archäologen, den lebendigen Atem früherer Jahrhunderte, bis zurück ins Mittelalter, ja bis in die Zeiten der Wikinger und noch weiter zurück – ein wahres Kulturerbe also. Dass Fårö zu großen Teilen lange Jahrzehnte militärisches Sperrgebiet war und berühmten Namen aus Kunst und Politik als abgeschotteter, kreativer Rückzugsort diente, mag seinen Teil dazu beigetragen haben, die Atmosphäre der Insel lebendig und weitgehend intakt zu halten, allen Touristenströmen zum Trotz, die diese Insel nach ihrer gänzlichen Öffnung verkraften muss.

DSC01100

 

II

Windmühlen

Winzlinge sind es gegenüber den modernen, gigantischen Windkrafträdern, die die Winde in Phöbus Reich gierig abgreifen und nutzbar machen: Seziermesser, die die Luft böse fauchend zerschneiden. Dagegen sind die zahlreichen historischen Windmühlen auf Fårö (und der Hauptinsel) unendlich viel schöner anzusehen. Alle, die ich bislang sah, waren äußerlich noch halbwegs intakt – kleine, gedrungene, steingefügte Türme, der Außenputz verwittert. Die Kappe aus Holz mit dem rippigen Flügelkreuz wurde einst mit einem Balken gegen die Windrichtung gedreht. BIs auf zwei, drei von annähernd 190 Windmühlen auf ganz Gotland dreht sich keine einzige mehr. Sie stehen still, aber wirken doch so, als könnten sie sich mit eilends aufgespannten Segeltüchern und mit wenigen Handgriffen knarrend und ächzend wieder in Bewegung setzen. Selbst das hölzerne Mahlwerk mit Achsen, hölzernen Zahnrädern und Wellen ist vielfach noch erhalten.
Einst sangen diese wie magisch daliegenden Bauwerke doch schon das monotone Lied der Technik: Erinnerungen an eine Zukunft, in der das Gebrumm und der strenge Zwangstakt der Motoren die Welt als Generalbass untermalt.

Doch denke ich beim Anblick dieser Mühlen nicht zuerst an Technik und deren Funktion, sondern fühle in all diesen variierten Bauformen, die sich der geheimnisvoll belebten Monotonie der Landschaft anschmiegen, auf sie eingehen – nicht gegen sie angehen – wie sie ihr die Hand reichen im Miteinander von Wind, Meer, der reichen Vogelwelt mit den Flügeln der Mühlen, die von Menschenhand in den Wind gedreht wurden –  aber eben nicht als störender, ausbeuterischer Gegner und Zerstörer, sondern im friedlichen Einklang mit den Elementen.

Mit den stillen, ruhenden Mühlen scheint auch die große Mühle der Zeit stillzustehen, zumindest aber ist es, als ginge sie hier viel langsamer: wie die Insel Fårö das mit ihrer Zeit meint, erschließt sich nur schwerlich jenen Insassen der Autokorsos, die zielgerichtet und schnurstracks die Fähre verlassend zum weitläufigen Suderstrand oder zu den Raukfeldern von Langhammers unterwegs sind.

DSC00673

 

III

Glücksweh

Nur der fußläufige Wanderer, allenfalls noch dem gemächlichen Radwanderer auf einer der Petterssonhaft- klapprigen Scheesen, die man an manchen Stellen mit der freundlichen Aufforderung zur (kostenlosen) Ausleihe abgestellt findet – Spende erwünscht – erschließt sich im Ziellosen auch das Zeitlose, und damit die tiefere Seele dieser kleinen und doch so weiten Inselwelt. Freilich darf man da keine hochmütigen oder sportlichen Ansprüche stellen, etwa an Gangschaltungen, pompöse Reifenprofile und schnittig-sportliches Design. Es sind eher sehr in die Jahre gekommene Museumsstücke, die hier ihr Gnadenbrot fristen, gezeichnet von Wind und Wetter und dem Zahn der Zeit, mit durchgesessenem Sattel und Ketten, die schon bei schärferem Hinsehen vor Schreck mal abspringen können. Wenn man diese Drahtesel nicht trietzt und Rekorde einfahren will, erfüllen sie  ihren guten Zweck –  man muss sich nurauf solch ein quietschendes Gefährt einlassen: Langsamkeit, nicht Schnelligkeit zu genießen, mit all dem, was diese Gemächlichkeit, dieses Tempo der Postkutschenzeit an Horizonten, an kleinen und kleinsten Impressionen und Sensationen am Wegesrand, an Düften, Aromen, Farben, Vogelstimmen und dem Atem im Dreiklang von Insel- und Wolkenlandschaft und Meer im Jubel der sommerlicher Überfülle, die sich mitunter bescheiden mit Kargheit tarnt, der Seele und den Sinnen schenkt.

Die Wanderung führt oben entlang auf dem höchsten und urältesten von vergangenen Strandlinien, an die die Brandung anschlug, – Strandwälle, die mit  den unterschiedlichen Grautönen der Klappersteine wie Jahrhundert- oder gar auch Jahrtausendringe terrassenartig mehrere Meter tief zum Meere hin sich abzeichnen.

DSC01096

Kilometerweit schweifen von hier meine Blicke – ruhen aus auf dem winzigen Hüttengeschachtel der uralten Fischersiedlung Helgumannen, befragen neugierig groteske Raukargebilde, die aus der Ferne teils wie versteinerte Saurier oder wie monströse Riesengestalten aus Märchen und Mythen wirken. Die allmähliche Annäherung aber  lässt dieses Bilderhafte zur greifbaren Wirklichkeit werden. Wenn ich mich dann wiederum umwende und zurückschaue, weckte noch stets mein Erstaunen, welch riesig wirkende Entfernung man im weiten, offenen und nach oben hin unendlichen Raum zurückgelegt hat. Wie klein bin ich, der ameisenhafte Mensch, wie groß dagegen die weite Räumlichkeit dieser Insel! Und weiter:  Wie klein diese Insel im Vergleich zur Hauptinsel. Welch ein Winzling die ganze Insel im Vergleich zur riesigen skandinavischen Landmasse; wie bescheiden diese Landmasse gegenüber dem europäischen Kontinent, und so immer weiter. Zuletzt: die Kontinente: schwimmende Inseln auf unserem Planeten, und unser Planet : eine winzige Insel im kosmischen Meer … .

Wo ich vorhin stand, magnetisch vom spielzeughaft wirkenden Helgumannen angezogen, da ist dieser mein vorheriger Standort nun selber geschrumpft, ein entrücktes Bild, unwirklich in blauen Traumschleiern wie schwerelos schwebend, und in diesem Raumerlebnis schauert mich meine Vergänglichkeit an: Wer war ich eben noch, wer ist denn dieses Ich, und wie bin ich im Wechsel der vergänglichen Erscheinungen?

Doch schon im nächsten Moment weckt mich ein heiterer Möwenschrei aus diesem Weh, und mich durchflutet ein kaum beschreibbares Glück des Augenblicks: jetzt gerade hier zu sein, zur richtigen Lebenszeit am richtigen Lebensort: Ein Glücksweh – so oft schon fand ich es hier, und es bringt mich auf ein Gedicht Christian Morgensterns:

Jetzt bist du da, dann bist du dort,
Jetzt bist du nah, dann bist du fort,
Kannst du’s fassen? Und über eine Zeit
gehen wir beide in die Ewigkeit
dahin – dorthin. Und was blieb?…
Komm, schließ die Augen und hab mich lieb.

*

*

*

 

7. Februar 2021

 
Winterträume von Gotland (Teil 2)
I
Ankommen auf Gotland – eine Begegnung mit Gustav Larsson

Visby, Sommer 1982. Mein erster Erkundungsgang durch die Stadt führte mich durch die Adelsgatan. Im Schaufenster von Wessman & Peterssons Bokhandel wurde mein Blick magnetisch angezogen von einem Augenpaar – Augen, die von innen zu strahlen schienen. Kein durchdringender, direkter Blick, sondern der weiche Blick eines Lauschenden. Reiche Lebenserfahrung, Tiefe und Güte spricht aus Gesichtszügen, denen die Augen etwas Lichtvolles geben. Sie zeigten den neunzigjährigen gotländischen Dichter Gustav Larsson (1893 – 1985), der damals mit einer Auswahl von Übertragungen seiner Gedichte ins Deutsche geehrt wurde. Wie magnetisch angezogen betrat ich die Buchhandlung, blätterte das schmale Büchlein auf, aus dem mich gleich auf der ersten Seite das Porträt des Dichters ansprach:

Scan 2

Gespräch mit meiner Seele

Meine Seele ist wie eine Glocke
die zwischen den Dingen schwingt.
Meine Seele ist wie eine Flöte
aus Wehmut und Freude.

So begegnete ich den Gedichten Gustav Larsson zum ersten Mal in dieser Übertragung durch Ingeborg Vatheuer, die damals lange schon auf Gotland lebte.
Im schwedischen Original lautet es so:

Tall till min själ

Min själ är som en klocka
som svänger bland tingen.
Min själ är en flöjt
av vemod och glädje.

Vom ersten Wort an begriff ich, das hier so etwas wie der „Genius Loci“ der Insel sich ausdrückt. Es waren die Augen Gotlands, in die ich blickte, und die Glockenschläge der Seele, von denen da die Rede ist, schienen etwas mir tief Vertrautes zum Mitschwingen zu bringen. Wesentliche Motive von Landschaft, Historie, Kirchen, Natur und Kultur klingen in den einfachen Worten dieser Liebeserklärung an – eine Art dichterischer Vogelperspektive auf Raum und Zeit Gotlands; ein Schlüssel für die Seele, der mir mehr aufzuschließen begann, als alle Reiseführer zusammen. Immer neu liest sich dieses Gedicht, auch nach Jahrzehnten noch – oder sollte ich sagen: erst recht nach so vielen Gotlandaufenthalten. Denn mit jeder Reise, mit jeder neuen Gotland-Erfahrung reichern sich seither diese Gedichtzeilen mit eigenen Erlebnissen, Berührungen, Düften, Farben, Menschengesichtern und Stimmen, Ahnungen und einer heiterer Gegenwart an, die – wie etwa in der Musik eines Bach oder Händel – aus einem Grund von Schmerz und Wehmut hervorquellen. Oder wie Glocken – tönen sie denn nicht stets in einer berührenden, aus Moll und Dur gemischten Tonalität?

 
II
Gotlands Kirchen

Ich betrat, aus dem gleißend hellen Licht des späten Nachmittages kommend, einen stillen, kühlen,  Kirchenraum, dessen gotischer Gestus der Aufrichtung und Weitung unmittelbar zur Wirkung kommt: Gothem – eine der annähernd einhundert Kirchen Gotlands mit einer erhalten gebliebenen Ausmalung der Wände und Gewölbe aus dem 13. Jahrhundert.
Dabei bemerkte ich einen Mann mittleren Alters, der auf jemanden oder auf etwas zu warten schien; er nickte mir grüßend zu; möglich, dass er dort Aufsicht führte, was allerdings in den Landkirchen der Insel äußerst ungewöhnlich ist. Nach einer Weile schritt er auf einen Notenständer zu, der in der Nähe der Orgel im Turmgewölbe aufgebaut war.

Aha, jetzt wird er wohl etwas singen, mutmaßte ich, vielleicht probt er für ein Solo anlässlich eines Konzertes? Die Akustik dieses großen, hochgewölbten Raumes wie auch vieler anderer gotländischer Kirchen dürfte ziemlich einzigartig sein, es singt und spielt sich quasi wie von selbst.

Er schraubte das Notenpult höher,  hochaufgerichtet blickte er konzentriert darauf. Was mochte da wohl für ein Notenblatt vor ihm liegen? Meine Spannung stieg. Jetzt würde er gleich loslegen … doch stattdessen ergriff er, einem unsichtbaren, jedoch ganz bestimmten, klaren Einsatz folgend, ein aus dem Gewölbe herabhängendes dickes Seil, das vor ihm auf den Steinfliesen in einer schönen Spirale schlangengleich aufgerollt ruhte, und nach wenigen gekonnten Zügen am Seil und einem nicht minder beherrschten federnden Zurückgleitenlassen erfüllte feierlicher gedämpfter Glockenklang die Kirche …

Welch ein Bild: ein Glöckner, der vorm Notenpult stehend die älteste Glocke der Insel von 1374 mit ihren rhythmischen Hin und Wider ihres einen und einzigartig schönen Tones zum Klingen bringt, in abgemessener Zeitspanne … als hätte Christian Morgenstern persönlich diese Palmströmiade arrangiert …

Palmström spielt Musik nach Noten,
und er hat sich jüngst erboten
für die Kirch’ im Dorfe G.
ein Stück für Glocke (tiefes C)
ganz modern zu komponiern
und daselbst zu terpretiern.

Nächtelang sieht man ihn sitzen,
und über Notenblättern schwitzen,
doch beim Blick in Palmströms Partitur
seh’n Musikologen nur
ein einzig Tongebild – ein tiefes C !
Kopfschütteln. „Nimmer und nie
kann das stimmen!“ Doch Palmström, das Genie –
spielt weiter frei mit Phantasie
mit diesem einen einz’g wahren Ton.
All der Banausen Hohn
und auch der Spezialisten macht ihm nichts aus:
Einsames Genie, der Zeit voraus.

Uraufführung: P., vor seinem Notenpulte,
hochkonzentriert. Nur v.Korff und Oma Schulte
schaun und hör’n ihm schweigend zu,
wie er sich selbst den Einsatz dirigiert,
dann virtuos das Glockenseil traktiert.
Die Glocke klingt, die Glocke schwingt,
und Palmström selig lächelnd, liebestrunken,
lauscht seinem Opus, tief versunken …

(So ähnlich hätte es Morgenstern vielleicht besungen).

Meine alte, in frühester Kindheit wurzelnde Liebe zu Kirchen, Domen und Kathedralen erhielt auf Gotland neue, frische Nahrung. … Vielleicht war die Erstbegegnung, ja, die Liebe auf den ersten Blick mit dieser Insel vielleicht mehr als nur der Blick eines Flachwurzlers?
In den Wochen vor meiner ersten Reise nach Gotland war ich in Florenz gewesen – überwältigt von dem Reichtum meiner Eindrücke der dort konzentrierten Kunstschätze, an Bildern und großer Architektur des Mittelalters und der Renaissance.

Wie anders dagegen, wieviel inniger und verinnerlichter wirkten und sprachen die Dorfkirchen Gotlands – nahezu einhundert an der Zahl und wie Akkupunkturpunkte auf dem Leib der Insel verteilt.
Ihre absoluten Dimensionen – gemessen an den Ausmaßen des Florentiner Doms oder etwa auch der Franziskanerkirche Santa Croce – ist klein. Aber die Relationen, die Proportionen, die musikalischen Zahlenverhältnisse, das also, worauf ein Raum, seine Wandabschnitte und Raumteilungen, die für Gotlands Kirchen so typische dreiteilige Fensteranordnung im Chorraum etwa, mensuriert und gestimmt sind wie die Saiten eines Instrumentes, seine Skalierung und Kirchentonart: das steht an innerer Größe den erwähnten großen Bauwerken in nichts nach. Ja, der Bezug zum Menschen und zur Idee des Menschen scheint mir im Ganzen sogar stärker spürbar und zugänglicher zu sein als in der Unübersichtlichkeit der Riesenräume mit ihren überwältigenden Ausdehnungen und ihren Sensationen an raffinierter, prunkvoller, farbenprächtiger Ausstattung, Bemalung, Skulptur und Plastik. Gotlands Kirchen aber überwältigen nicht, weder von Außen betrachtet, noch in ihren Innenräumen und in ihrer Ausstattung. Sondern …?

 
 
 
 
 
III
Schlüsselerlebnisse
DSC01083

An der Schwelle von Außen nach Innen habe ich immer wieder meine Schlüsselerlebnisse. Groß wie der Himmelsschlüssel Petri ragt das verschnörkelte schwarz-eiserne Ding aus der nach Holzteer duftenden Pforte. Oft genug gibt das Schloss die den Weg ins Innere der Kirche nur frei, wenn du den Schlüssel in die unerwartete, „falsche“ Richtung drehst. Manchmal lässt er sich dabei nur gegen einen bedenklichen Widerstand bewegen, den man beherzt überwinden muss. Aber, keine Sorge – ein solcher Kirchenschlüssel mit seiner großen, oft verzierten Reite, dem wulstigen Gesenk darunter, bevor der starke Halm sich im Innern der Kirchentür versenkt, bricht nicht so leicht, auch nicht nach bald tausend Jahren des Gebrauchs. Und da du nun die große, reich beschlagene Eingangspforte mit geräuschvollem metallischen Knacken und einem schluffendem Geräusch aufgedrückt hast und Du sie hinter dir wieder zuziehst, beginnst Du schon aufzuhorchen: Das Echo, der Nachhall des Zufallens oder des Hinter-dir-Zuziehens wirkt wie ein Doppelpunkt, hinter dem Stille unvermittelt einsetzt – Stille. Zugleich gegensätzliche Dämmerung und Kühle zur gleißenden Helle draußen. Wie ein Dreiklang empfangen dich diese drei: zuerst Dämmerung, dann Stille, schließlich ein Fluidum von Kühle, gemischt mit Geruch von Kalkstein.

Eine ganz eigene beredte Stille herrscht in diesen Räumen, deren Ursprung und Quelle sich nicht gleich erschließt. Nach anfänglich zögerndem Innehalten und Hineinschauen und -lauschen beginnt man unwillkürlich, sich in Bewegung zu setzen – nicht wie ein schlendernder Spaziergänger oder Wanderer oder wie einer, der zielgerichtet auf dem Weg zu einer Arbeit ist. Nein, eher wie ein Traumwandler, und doch auch wieder nicht. Denn man ist ja ganz wach und erfrischt von der Kühle, und der Raum, den ich nun durchschreite auf den steinernen Gewölbehimmel des Altarraumes zu, ist ja real, so real, wie irgendetwas nur sein kann mit seinen Steinen, Gewölben, Wand- und Glasmalereien, goldschimmernden Kronleuchtern, der Kanzel mit den kunstvoll ziselierten Sanduhren und dem Taufstein, die alle seit vielen hundert Jahren hier zusammenwirkend ihren unveränderten Bestand haben – diese Unveränderlichkeit, dieses weitgehende Fehlen barocker Misshandlungen der oft romanisch-gotisch gemischten Bauformen ist eine Besonderheit der gotländischen Landkirchen, von denen manche den selbstbewussten Gestus und Rang geradezu von Bauernkathedralen zeigen.

 

DSC01078

Woher also rührt diese Stille? Vom Sichtbaren? Von der Abschirmung durchs dicke Mauerwerk und duurch die verglasten Fenster? Beruht sie nicht auch auf der ruhigen Lage der allermeisten dieser Kirchen, abseits von vielbefahrenen Straßen?

Mein Blick wandert in der Mitte des Langhauses zu einer runden, emporstrebenden Säule, in der man einen Schiffsmast sehen könnte. Die großen Kirchen etwa von Dahlem und Gothem: Zweimaster, mit leicht wirkenden steinernen Segeln, die sich über dem Kapitellband nach vier Seiten hin aufspannen, aller Schwere enthoben, von einem unsichtbaren Windatem straff aufgespannt und gebläht.

 

DSC01130 2

 

Was für Kräfte hier kontrapunktisch gegeneinander wirken, sich aufheben: Tragen und Lasten, Schub und Zug, Halten und Fließen, Geerdetheit und Streben nach Licht. Dieses ausgeglichene Kräftewirken, diese lebendige, vielfältige Statik ist nicht nur gebaute, steinerne Musik, sondern ist auch ihr Gegenteil: ist gebaute Stille. Die Luft in diesen Räumen riecht niemals abgestanden und muffig. Vielmehr ruht sie, ausharrend wie in einem Resonanzraum und Klangkörper eines kostbaren Musikinstrumentes, scheint gespannt zu warten: auf Gesang, Musik, aber weniger wohl auf das gesprochene Wort.

Räume wie dieser haben das Potential, Dich zur „Mitte“ zu führen – ein inflationärer Begriff. Was ist das denn eigentlich: die Mitte? Was meint dieses Wort? Die Mitte – das ist der Punkt, von dem aus ich mich aufrichte: mein Zenit, der zugleich eins ist mit dem Himmelszenit über mir.
Ist die Mitte nicht auch ein Erlebnis, und damit ein Seinzustand? „In meiner Mitte s e i n“: Die Sprache setzt da eindeutig auf’s Sein, nicht auf’s Haben.

Also: In der Mitte kann ich sein, ich kann die Mitte nicht haben. In der Mitte bin ich, oder bin ich nicht. Entweder – oder. Oder? Was ist mit der Balance? Ist meine Mitte nicht etwas, das ich immer wieder neu, in jedem Augenblick, ausbalancieren muss?
Also sage ich lieber: Räume wie dieser führen Dich potentiell in eine Balance. Balance ist dynamisch, die Mitte dagegen ein fester, unbeweglicher Punkt. Oder?

So markiert der große Pfeiler wie ein Mastbaum mit den Gewölbesegeln das Zentrum oder die Längsachse des Kirchenschiffes. Ich richte mich unwillkürlich auf bei seinem Anblick, beim Aufblick in die regelmäßig gebauschten Segel und auf die steinerne Takelage aus Rippen und Jochen, Gurtbögen, Kämpfern, Abkragungen und Kapitellen.
Diese ausbalancierten Kräfte vermögen stark zu wirken: erhebend und innerlich weitend, mein Menschenich selbstbewusst zwischen Himmel und Erde, mit festem Boden unter den Füßen, aber eben nicht enthoben oder entrückt wie ein Erdenflüchtling oder ein klein und demütig gemachter Erdenwurm durch Riesendimensionen und macht- und prunkvolle Prachtentfaltung.

Nebenbei: den schlichtesten und vielleicht schönsten Altar sah ich in der Strandkapelle des Fischerdorfes Koviken nahe Klintehamn: unter einem kleinen lichtdurchfluteten Fenster eine Kalkplatte, darauf nichts als ein alter Anker und ein Blumenstrauß aus Strandnelken ruhen: ein Bild von Glaube, Liebe und Hoffnung …

IMG_20190715_132542

Som Stjärnan …(swedish trad.)

*(Fortsetzung folgt.)

 

5. Februar 2021

Winterträume von Gotland Sommer (Teil 1)

 

*

*

*

 

31. Januar 2021

 

Was können und könnten die superreichen und so wohltätigen technokratischen Gesinnungsgenossen dieser Welt nicht alles bewegen mit ihren Dagobert-Duckhaften Ersparnissen, die die Staatshaushalte vieler Länder unseres Planeten übertreffen. Gigantische Fabriken entstehen da in Windeseile, fressen zusehends Wälder, Landschaft und saugen das Wasser in der Tiefe auf, vernetzen und vermüllen den Weltraum mit Satelliten und den Maschinationen superschneller künstlicher Intelligenz, deren Vision „Star Wars“ schon vor Jahren in den Puppenstuben und Kinderzimmern wie selbstverständlich Platz eingenommen hat. Alles, was diesen ach so menschenfreundlichen Visionären ausdenkbar ist , ist ihnen auch machbar, gerechtfertigt durch die unbegrenzte Bezahlbarkeit, und ungebremst durch ein – vermeintlich – hoffnungslos antiquiertes Menschen- und Weltbild. Nur eines können sie nicht, diese Kämpfer für das „Gute“, diese Streiter für ihre höchst egozentrischen Wahrheiten: sie können keinen „Frieden auf Erden“ und vor allem keine Liebe machen. „Und hättet der Liebe nicht“ aus dem  Korintherbrief – das bleibt eins der großen Schlüsselworte, dessen Goldgehalt sie wahlweise umzumünzen versuchen in goldlackiertes Blech oder, wie Andersen es in einem seiner Märchen betitelte, indem sie in Orwell’scher Manier „die Schilder vertauschen“.

Die verbreitete Denkungsart, die sich – einer gepanzerten Echse gleich – nur in verneinenden Kategorien wie „Gegen“, von „Kampf“ oder gar „Krieg“ zu bewegen vermag. Das ist schon in biblischen Bildern angelegt wie in dem von St. Michaels Kampf mit dem Drachen. Schon im Kleinen, Alltäglichen wirkt das. So sagt man zu einem unruhigen Kind schnell mal:“ Hör auf rumzukippeln“, oder:“Sitz endlich still!“  anstatt zu sagen:“ Stell deine Füße auf die Erde und spüre den Boden unter deinen Füßen!“ oder:“Achte mal auf die Bewegungen deiner Lippen beim Sprechen“, wenn ein Kind sehr leise und schüchtern spricht. Einem Stotterer ermöglicht man zu singen oder rhythmisch-Gereimtes zu sprechen, anstatt ihm zu sagen, er solle aufhören zu stottern, er müsse doch keine Angst haben … .

Oder, auf anderer Ebene, die eine Siebenjährige so ausdrückt: „Ich möchte nicht nach einer Fibel lernen, ich will in m e i n e r   Freiheit lernen, will die Sachen aus meiner eigenen Freiheit machen …“.

 

Übertragungen ins größere Geschehen angesichts der herrschenden Kampf- und Kriegsparolen gegen die Ungläubigen, gegen den Terrorismus, gegen den Klimawandel, gegen Corona. So mutierte der Kampf gegen die „Ungläubigen“ im Mittelalter und gegen den neuzeitlichen Terrorrismus selbst sehr schnell zum Terror, der seit Jahrhunderten immer aufs neue missgebiert, was zu bekämpfen und zu besiegen er doch vorgibt. Und im Kampf gegen ein reales Virus hat man so eine zweite Pandemie realer und ansteckender Angst erschaffen, mit all den Folgen für Psyche und Soma und für unsere sozialen Schutzhüllen. Mit dem Virus leben“ klingt da weitaus vernünftiger, ist aber für die Profiteure von Angst und Terror weitaus unrentabler.

*

*

*

„Alle machen sich Gedanken, wie man Terrorismus beenden kann. Nun, es gibt einen wirklich einfachen Weg: indem man damit aufhört, daran teilzunehmen.“ (Noam Chomsky)

*

*

*

 

Auch Musikkonserven haben ihre Verfallsdaten, nach deren Ablauf diese Klangbilder ungenießbar werden. Was einst als epochales Ereignis galt, als Aufnahme festgehalten, kann nach Jahrzehnten beim Anhören nur noch schwer erträglich sein.  Über unsere Aufnahmen wird man später einmal lachen – so äußerte sich Nikolaus Harnoncourt (1928 – 2016) dazu selbstkritisch.

 

*

*

*

 

18. Januar 2021

Gesichter, Physiognomien und deren Tonarten, deren „Klang“: Gesichtszüge in Moll, in Dur; darin verminderte Akkorde, übermäßige; leere Quinten; reines, strahlendes Dur; wenn eine Anspannung weicht: Septimakkorde, sich zur Grundtonart auflösend. Sehnsucht: der Quartvorhalt, seine Terz umspielend.

*

*

*

 

12. Januar 2021

J. S. Bach, dieser Machtvolle, Unbegreifliche; einer aus einer bestimmten Art der Tiger : ein Ermutiger.  Die Eingangssätze der Kantaten „Herz und Mund und Tat und Leben“ , „In allen meinen Taten“, „Wie schön leucht uns der Morgenstern“, „Es ist das Heil uns kommen her“…  (Netherlands Bach Society „AllofBach“)

 

*

*

*

 

7. Januar 2021

Der Doppelgänger der USA (PDF anklicken)*

*

*

 

Kommentar verfassen
Your email address will not be published. Required fields are marked *

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: