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Resonanzen

Vismelodi (Lied ohne Worte), Trad. von Gotland

von der CD „Singende Steine – Musik und Dichtung von der Insel Gotland)

 

7. April 2021

Poesie der Versprechungen

 

Tiefpreisalarm!!!!

Wunschlos günstig – wunschlos glücklich

Ein Einkauswagen voll Italien

Geniesssen Sie la dolce vita!

Einmal hin. Alles drin.

Spice & soul – Alles gut verstaut

Hollywoodreife Snacks zum Sofa-Preis? Ich sag ja!

Aus der Heimat für die Heimat

Fleischgenuss von hier – auf die Haltung kommt es an!

Wir & jetzt für Ressourcenschutz – Meeresfrüchte für mehr Ressourcenschutz

Gut für mich. Gut für die Umwelt. Gut für mein Portemonaie.

Wir möchten ihre Treue besonders belohnen! 

Respekt verdienst du dir immer wieder neu. Dürfen wir vorstellen! Die Neuen im toom-Team: Ana Ivanovic und Bastian Schweinsteiger sind nicht nur ehemalige einstige Weltranglistenerste im Tennis und ehemaliger Fußballweltmeister, sie sind vor allem echte Macher. Denn statt sich auf Erfolgen auszuruhen, stellen sich die beiden lieber neuen Herausforderungen. Ihr erstes Vorhaben mit uns: der Bau eines mit Bio-Kohlrabi bepflanzten Hochbeets. Wir finden, dafür haben sie schon einmal ordentlich Respekt verdient. Du willst mit deinem Vorhaben auch neuen Respekt verdienen? Alles für den perfekten Frühlingsgarten gibt’s ab sofort in deinem toom Baumarkt und unter toom de.

Talente die überzeugen!

Hier punkte ich!

3 x Vertrauenssieger in Deutschland!

Iss so!

Denn Größe zählt doch!

Hör auf Dein Herz!

Fühl dich frei! Sei gossy oder bold!


(Aus Werbebeilagen von Kaufland, REWE, toom, Einkauf aktuell, EDEKA)

 

3. April 2021

Tjelvar oder:  Feuer, Stein und Flöte (Lesezeit ca.12′)

Vom mythischen, verzauberten Anfang der Entdeckung und Besiedlung Gotlands berichtet der Anfang der gotländischen Gutasaga: „Gotland fand zuerst ein Mann, der Tjelvar hieß. Da war Gotland so verzaubert, dass es tagsüber sank und nachts oben war. Aber dieser Mann brachte als erster Feuer an Land, und seitdem sank es nie wieder.“

 

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I

Die der Westküste Gotlands in Sichtweite vorgelagerten Karlsinseln wirken auch heute noch derartig aus der Zeit gefallen, dass man sich unschwer Tjelvar und seine Söhne hier vorstellen kann: in einer Felsengrotte am Feuer hockend, das Steinbeil neben sich liegend, mit einer scharfen Klinge aus Flintstein einen Widder- oder Schwanenknochen löchernd, glättend und magische Zeichen einritzend: Schon bald entlockt dieser seinem zierlichen Instrument helle Töne, die sich zu einer Melodie formen. Der Wind trägt die Klänge hinaus aufs windstille Meer, wo sie das Ohr eines Heimkehrers in seinem Einbaum, aus den Fischgründen zurückpaddelnd, anrühren.

 

Musik auf zwei Lammknochenflöten (J. Ochner u. J.Motog auf der CD „Singende Steine“)

 

Die schwarze, steinerne Klinge und das Steinbeil wiegen schwer in meiner Hand – Stücke, die der Sammlung im gotländischen landesmuseum von Visby mit den vielfältigen Werkzeugen aus Stein-, Bronze- und Wikingerzeit und dem Mittelalter wohl anstünden, wie ich finde. Ich entdeckte diese Seltenheiten an einem der vielen Strände, die voll sind mit Strandgut, angespült ans Ufer unserer Zeit. Ich rede aber nicht von den Klapperstein- und Sandstränden Gotlands.

 

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Ich meine vielmehr die Strände der Zeit, die sich auf Gotland vielerorts finden lassen: den sogenannten Loppismärkten, verwandt den deutschen Flohmärkten. (Dieser sommers weitverbreiteten schwedischen Institution, an der sich viel von der schwedischen Mentalität der Vergangenheitsbewahrung und Bewältigung ablesen lässt, ein eigenes Kapitel zu widmen, wäre reizvoll. )

Ich folge also, von der Hauptstraße abbiegend, beherzt einem Schild „Loppis – 3km“ auf staubiger Schotterpiste oder einem schmalen Waldweg, der ins Nichts zu führen scheint. Was wird mich dort erwarten? Ein Paradies oder vielleicht auch eine Vorhölle von Dingen aus zweiter, dritter Hand? Oder, wie so oft schon, eine Mischung aus beidem?

Der Giebel einer rot weiß gestrichenen  Bauernscheune wird sichtbar. Eine leicht erhöhte Temperatur wäre jetzt vielleicht bei mir messbar, Erwartungstemperatur, Shoppinglaune auf schwedisch-hinterwäldlerisch, oder auch subtile Jagd auf Dinge. Geldbeutel eingesteckt und unauffällig platziert? Ich klopfe  mir gönnerisch auf die von der Geldbörse aufgewölbte Gesäßtasche und nicke mir zu im selbstzufriedenen Einverständnis mit mir selbst.

Du wirst im Loppis in der Regel alles mögliche finden – seltene, patinierte, ja museumswürdige Möbelstücke oder praktische Dinge, wie etwa eine mit Fuchsfell besetzte Jagdtasche zum Schultern, zweite Hälfte 18. Jahrhundert, vielerlei Hausrat, Gläser, Besteck, Stoffe, Bücher, Berge und Regale vollmit alten Zeitschriften, Tischler- und Zimmermannswerkzeuge und landwirtschaftliches Gerät der vormaschinellen Zeit, hölzerne Humpen aus Wachholderholz, deren fein gearbeitete Spanten von Weidenreifen zusammengehalten werden, bis hin zu gusseisernen Öfen oder riesigen Reisekoffern, die einem Andersen- oder Rydberg-Märchen entwichen zu sein scheinen. Das Auge schult sich, diese eben aufgezählten Dinge zu unterscheiden und zu entdecken unter dem vielen U n m ö g l i c h e n: unmöglich im Sinne von von: „Wie kann der alte, stoppelbärtige Mann dort hinter seinem Verkaufstresen ernsthaft glauben, dass irgendjemand mit einigermaßen intakten Sinnen und Verstand für solch einen Haufen „Pryll“ Geld ausgeben könnte!“

 Pryll – der schwedische Begriff für gänzlich abgelebte, verbrauchte Dinge, die noch nicht ihr einzig wahres, hochverdientes Ende in der Mülltonne gefunden haben, weil ein Pryllonkel oder eine Prylltante glaubt, damit irgendeinem Dummen ein paar Kronen aus der Tasche zu ziehen. Dies ist auch eine Form der Wegelagerei, die jedoch auf Freiwilligkeit des Vorüberfahrenden ahnungslosen Opfers beruht.

Und Achtung: Kaum hast du so einen Pryllort betreten, beginnt der Muff der Dinge sich auch schon in deiner Kleidung einzunisten. Nicht genug damit: deine zuvor in einem kristallklaren See reingewaschsenen Hände fühlen sich binnen kurzem an wie infiziert mit einem unsichtbaren, staubigen, subtil schmierigen Film – abgestandene Astralität wildfremden Lebens, vor dem man sich eigentlich doch besser hüten sollte, weil man nie weiss, wen oder was man sich einhandelt, oder welchen Geist man aus der Flasche lässt.

Pryll klingt zurecht wie Müll – selber schuld, wer sich in die Pryllhölle der allzuvergänglichen Dinge begibt, oder, um im Bilde des Strandes zu bleiben: wer durch brakig fauligen Uferschlamm watet. Aber, wie gesagt, auch unter diesem abgestandenen Abschaum von Sachen kann man mit guter Entdeckerintuition gelegentlich fündig werden, zumal der Pryllonkel oder – nicht ganz so schlimm, weil ordentlicher – die Prylltante kaum eine Ahnung vom Wert bestimmter Stücke haben – Steine halt, für die man allerdings in einem Stockholmer Edelantiquariat leicht viele hunderte von Kronen hinblättern müsste.

Diese bergeweis angehäuften, schier unfassbaren Sammelsuria verraten viel davon, wie es ums Leben und Lebendigkeit derjenigen steht, die hinter ihren Ständen auf urlaubernde, zahlungsfähige Kundschaft hoffen. Oft scheinen diese Menschen selber zu einer Art Strandgut des Lebens geworden zu sein, die zwar noch irgendwie im Netz des hochgerüsteten schwedisch- sterilen Wohlfahrtsstaates kleben: und doch sind sie oft odachlos Gewordene und Einsame, jedoch mit Dach überm Kopf.

Da halte ich sie also abwägend in der Hand –  erstaunliches Strandgut von den müllübersäten Stränden der Zeit in so einem Loppis oder Pryllmarknades (noch schlimmer :: „gamla saker“) – herrliche, intakte steinzeitliche Werkzeuge, die so viel zu erzählen haben: von den hochentwickelten handwerklich- funktionalen Fähigkeiten genauso wie vom ästethischen Sinn des unbekannten steinzeitlichen Steinschmiedemeisters; erzählen auch von den vergangenen Zeitläufen seit ihrer Fertigung, der stillen, schweigenden, Jahrtausende währenden Todesnacht der Grabhügel, denen sie beigelegt wurden als unverzichtbarer, magisch heiliger Begleiter und als Faustpfand auf der Lebensreise am anderen Ufer des großen Stroms.

Drüben, in der Seelen-, Geister- und Göttersphäre ging das Leben, das Schaffen, die auf der Erde begonnene Lebensbewegung ja weiter, nur in anderer Form. Das war tiefster, die Schrecken des Todes mildernder Glaube. Doch konnte die Lebensreise dort nur dann richtig weitergehen, wenn den Verstorbenen an sein diesseitiges Sein nichts mehr band und fesselte. Der Grabhügel, zu mächtig-herrschaftlicher Höhe mit Steinen übereinandergepackt, sollte den Leichnam an der zutiefst gefürchteten Widergängerei hindern. Der Weg in die andere Welt musste  eine Rückkehrmöglichkeit ausschließen, dafür war durch die schier übermenschliche Auftürmung von Steinen, als seien Riesen am Werk gewesen, gesorgt.

Was man für’s Erdenleben benötigte: den Mahlstein, den Faustkeil, die Steinaxt : Waffe und Werkzeug in einem – zum Kampf, zur Jagd dienend, ebenso wie zur Rodung und Lichtung der unermeßlich großen Wälder, zum Bau des bergenden, schützenden Hauses mit der matriarchalischen Sphäre des Feuerherdes und dem Handmühlstein im Zentrum: Voraussetzung jedweder Sesshaftigkeit und Entwicklung menschlicher Kultur. Thors Hammer: Axt und Mahlstein, der Flintstein und das aus ihm geschlagene und sorgsam gehütete Feuer ermöglichten erst Lichtung und Licht, Wärme, Geborgenheit, Zugehörigkeit, Ansiedlung und Schönheit im sonnen- mond- und sternenhaften Abglanz auf Schmuck, Kleidung, auf Waffen und häuslichen Geräten – nicht Verzierung und Zierrat, Schnörkel, sondern eingefangene, festgehaltene Bewegung, Dynamik himmlisch-götterhafter Kräfte und Kraftströmungen. 

 

II

Weit aber hat sich das sozusagen festländische Gotland von dieser Atmosphäre der Vorzeit entfernt: Schicht um Schicht, Jahresring um Jahresring, manchmal auch mit einem Faustschlag aufs Auge, wie es die die gigantischen Zementsilotürme von Klintehamn mir antun, wenn ich von Lilla Karlsö ostwärts auf die Küste blicke.

Doch es ist paradox: da, wo mein Fuß hier und jetzt den Klappersteinstrand berührt, da stehe ich auf dem allerältesten der unter mir sich rundenden Ufersäume – nach unten, zum Wasser hin immer heller werdende, uralte Strandwälle, die wie Jahrhundert- und Jahrtausendringe zeigen, wo das Wasser vor 100, 500, 1000, 5000, ja 8000 Jahren anbrandete, als das gegenwärtige baltische Meer mit viel größeren Ausdehnungen als littornisches Meer das heutige Land überspülte und die Küstenlinie der Insel gänzlich anderes aussah.

Namenlose, ungemessene Zeit damals, als Tjelvar seine Fußspur  hinterließ, da er mit dem Licht seines Bewusstseins und dem Feuer seines Willens die Insel aus der Namen- und Zeitlosigkeit hervorholte – eine fast prometheusähnliche Urtat – so will es die Sage – welche die Insel aus dem nicht gewussten, unbekannten, ungewussten und unbewussten Dasein ins geschichtliche Bewusstein mit seinem Vorher, unserem Jetzt und dem Zukünftigen hinaufhob.

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Noch lag da alles wie in mythisch-magischen Nebeln – Drachenzeit. Noch schlängelt und rollt sich die Midgardschlange, glüht das tückische Auge des Fenriswolfes, der die Sonne zu verschlingen droht. Tjelvar und seine drei Söhne, die Gotland schon früh unter sich dreiteilten, muten an wie isländische Sagahelden, deren Taten Maßstäbe und Marken setzten für alle nachfolgenden Generationen bis in unsere Gegenwart, auch wenn man für diese Behauptung an die Auswirkungen homoöpathischer Verdünnungen von Sagen, Legenden und Märchen auf den Lauf der Geschichte glauben muss.

 

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In den einzigartigen gotländischen Bildsteinen ist die Erinnerung an die bedrohlichen, übermenschlichen Mächte der Finsternis und des Chaos festgehalten, kunstvoll in aufgerichtete Steinplatten eingeritzt und einst farbig bemalt wie die Statuen und Tempel der Griechen, eingraviert auch die Kämpfe im Zeichen des siegreichen, feurigen Sonnenrades.

 

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Fast 2000 Jahre später lebt das Sonnenrad – vielleicht von iroschottischen Wandermönchen inspiriert– wieder auf in den großen Hofkreuzen, die das ringförmige Sonnenzeichen und das Kreuz miteinander verbinden.

 

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Ebenso dann in den großen Scheiben- oder Ringkreuzen der romanisch-gotischen Zeit, die auf Gotland so reiche und intakte Zeugnisse hinterlassen hat. Auf sehr merkwürdige Weise sind da Christi Sterben und Tod mit dem Moment der sonnenhaften Auferstehung in ihrer Gleichzeitigkeit abgebildet: ewig gültiges Weltgeschehen, das wir jedoch mit unserem kleinen, zusammengezogenen Erdenbewußtsein nur im Nacheinander zu erfassen vermögen: hier, im Bilde von Christus und der Sonne, ist es in seiner Präsenz anschaubar – wunderbar schwebend im Triumphbogen entrückte, heilig-stillegesättigte Bilder, die den Raum und das Bewußtsein des staunenden Betrachters zu erweitern und zu verwandeln vermögen.

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26. März 2021

Die Engelgleichen

Nicht Drahtesel mehr – das war einmal. In den sich überbietenden Epochen mit ihren Entwicklungen zum „höher-  schneller- weiter“, die auch vor dem Fahrrad nicht haltgemacht haben,  lautet es wohl passender: Stahlross. Ich habe mich nach dem Abendessen nocheinmal auf den Sattel geschwungen und radle nun auf einer kleinen, kurvigen Landstraße, die an meinem temporären gotländischen Zuhause vorbeiführt, aufs Geratewohl los. Ein Wegweiser besagt, dass ich nach etlichen Kilometern  in Dalhem mit seiner großen Bauernkathedrale ankommen werde, doch – den Rückweg eingerechnet – wäre es bei meiner Heimkehr dann wohl Mitternacht. Dalhems Kirche mit ihrer großen, warm klingenden Orgel kommt also ein anderes Mal dran. 

 

Jetzt gleite ich ziellos die unbekannte Straße dahin, voller absichtsloser Neugier Neuland erfahrend. Mich auf zwei Rädern unterm weiten, hohen Himmel des frühen Abends fortzubewegen, ohne Motorengeräusch,  begleitet nur vom leisen Singsang der Bereifung auf dem Aspalt, das hat etwas vom zeit- und schwerelosen Dahinschweben der gefiederten Wesen, erst recht dann, wenn ich meine Hände vom Lenker löse – eine freie Bewegung, zu der ich fast nichts mehr hinzutun muss, und die mir die Freiheit gewährt – der Vorteil des glatten Asphaltes  – meinen Blick erhobenen Hauptes frei über die weite Landschaft schweifen zu lassen, ohne auf Schlaglöcher achten zu müssen, was meine Augen notgedrungen zur Erde hinunterzwingen würde.

Aber nicht vogelfrei fühle ich mich, denn das bedeutete ja angstgetriebener Verlust aller Zugehörigkeit –  doch frei und lustvoll wie ein Vogel im Flug, wie etwa jenes ferne balzende Kolkrabenpärchen in seiner übermütig attackierenden Verfolgungsjagd. Ihr heiter-glockiges „Korr korr“  wird vom aufgespannten Resonanzraum der klaren, tief -blauen Unendlichkeit über mir kilometerweit getragen …

Eine Kirchturmspitze wird zwischen einer Baumgruppe sichtbar. Wenig später öffne ich die quietschende Pforte zum Kirchhof von Halla. Der merkwürdige Zwitterbau aus romanisch-gedrungenem Langhaus und dem hohen Anbau mit seinen gotischen Chorfenstern liegt still träumend im kupfergoldenen Abendlicht, Besonntes und Beschattetes scharf  voneinander sondernd –  diese Trennschärfe von Licht und Schatten, die den langen Sommerabenden des Nordens ihre unfassbare Klarheit und Reinheit verleiht, – Sehnsucht und Sehsucht gleichermaßen immer von neuem weckend, Jahr um Jahr, Sommer um Sommer, näher dem Leuchten einer von rasendem Wahn und Wirrnis befreiten Ewigkeit im Augenblick.

Als ich nun aufschaute, entdeckte ich sie, aufstaunend, die Engelgleichen. Sie schienen im völlig lautlosen Flug versunken in den Tanz eines Reigens, unhörbar dessen Musik, ein schwebendes Kreisen, Steigen und Hinabgleiten reiner, weißer Geflügelter, die sich in den Aufwinden des vom tagsüber aufgeheizten Gemäuers selig wiegten – ein Schwarm von vielleicht zwei, drei Dutzend reinweißer Sturmmöwen, wie auf einer Himmelsleiter über dem Kirchenbau auf und absteigend …

 

 

17. März 2021

Kraniche – Boten des Frühlings und des Glücks

 

Jetzt sind sie wieder da, jene lichtdurchfluteten Tage, in denen wir, obwohl noch Nachtfrost und kalte Winde herrschen, mit Gewissheit spüren: der Frühling ist da, wohl auch, weil die Erinnerung an das lange, kalte Dunkel noch so nah ist. Noch staunen und verwundern wir uns täglich, wie früh es hell wird und wie merkbar länger sich abends Sonnenuntergang und Dämmerung dehnen. Wer an solchen Tagen das Glück hat, vom Rufen ziehender Kraniche getroffen zu werden, und wer dann suchend aufschaut, um diese lebenden Zeichen am Himmel zu entdecken und mit Ohr und Auge zu verfolgen, der ahnt und fühlt beglückt, dass er Teil hat an etwas Planetarischem, ja Kosmischen.

Auf meinem Weg vom Parkplatz bei Bjurum am Hornborgasee im schwedischen Västergötland hinauf zu einem hügeligen Beobachtungsplatz traue ich kaum meinen Ohren. Die Luft scheint überall erfüllt von an– und abschwellenden Lauten, von nahen und ferneren Fanfarenstößen. Je näher ich komme, desto stärker verdichten sich diese Laute zu einem erregt wogenden Meer von Tönen aus tausenden von Vogelkehlen. Der Anblick, der sich mir dann auf die Niederung unterhalb der umzäunten Anhöhe bietet, verschlägt mir die Sprache. Für einige Augenblicke schließe ich die Augen, lausche. Es ist, als wären diese Töne auf mein Gefühl abgestimmt, in einer fremden Sprache zwar, doch unmittelbar herzergreifend. Was schwingt da alles mit: zärtlich gurrendes, werbendes Schluchzen, forderndes Trompeten, schmerzvolle Abwehrschreie, ekstatisches Aufjauchzen in allen dynamischen Schattierungen.

Die plötzliche Nähe und unglaubliche Fülle der sonst so überaus scheuen, die Einsamkeit und totale Abgeschiedenheit von Mooren und Waldlichtungen suchenden Vögel hat etwas Überwältigendes und Beglückendes. Immer neue Kraniche, einzeln, paarweise oder in kleineren Formationen, gleiten majestätisch heran, um sich auf der Wiese vor mir in den großen Tanz einzureihen. Sobald sie sich im Landeanflug aus ihrer vollkommen gestreckten Flughaltung gelöst haben, scheinen sie den Erdboden mit ihren langen Beinen und Krallen ergreifen zu wollen. Kaum haben sie aufgesetzt, beginnt ihr ekstatisches Treiben: hohe Sprünge, von heftigem Flügelschlagen begleitet, eindringliche „Verneigungen“ gegeneinander, einknickende Bewegungen der Beine, erregtes Umherstolzieren, Hochwerfen von Erde und Pflanzenteilen – Anmut und Würde, Aggression und Passion, vereint in totaler Hingabe, welche sie die Nähe von uns Menschen, ihren gefährlichsten Feinden, nahezu vergessen lässt.

Nüchtern spricht der Vogelkundler hier vom Balzverhalten. Aber dieses Schauspiel scheint noch etwas Größeres zu meinen. Darin liegen etwas Festlich-Freudiges, Werbendes, Hochzeitliches, rivalisierende Leidenschaft, Verteidigung und Kampf um die Auserwählte, Wiedersehensfreude und auch Abschiedsschmerz nach einem langen gemeinsamen Zug über tausende von Kilometern von Süd nach Nord.
Doch bald schon werden sich die Kraniche wieder die kommenden warmen Monate über in die paarweise  Absonderung zurückziehen, um ihre Nester zu bauen, zu brüten, ihre Jungen großzuziehen. Erst im Herbst, nach dem kurzen, intensiven Sommer der Nordhalbkugel unseres Planeten, werden sie sich an den großen Sammelplätzen wie z.B. hier in Bjurum/ Dagsnäs am schwedischen Hornborgasee im Westgötaland wiedertreffen, sich erneut zu großen Zügen vereinen, um zielstrebig und mit wunderbarer Unfehlbarkeit südlichere und wärmere Gefilde aufzusuchen.

Zunehmend ist dabei in den letzten 25 Jahren zu beobachten, wie eine von Jahr zu Jahr zunehmende Zahl von Kranichen ihre Winterquartiere etwa schon im milderen Nordeutschland aufschlagen, und sich damit die ganz weiten Entfernungen ersparen.
Inmitten des unübersehbaren Treibens unter mir rasten, scheinbar unberührt, die weiß- leuchtenden und um so viel schwerfälligeren Sing- und Höckerschwäne, die unauffälligeren Grau-, Nonnen- und Ringelgänse; eine Wolke hunderter von Staren fällt schwatzend ein, verstummt urplötzlich wieder und fliegt wie ein Wesen auf einen Zauberschlag wieder auf; das mischt sich mit Krähen- und Kiebitzrufen zu einer ungeheuren Frühlings- und Fruchtbarkeitssymphonie, gekrönt vom Morgenjubel der Lerche hoch oben im tiefen Blau des Himmels.

Ich fühle, dass ich teilhabe an der Äußerung einer großen, gewaltigen Kraft, welche Abertausenden von einzelnen Vögeln ihren verbindenden Stempel aufdrückt, stärker vielleicht noch als beim keilförmigen Flug im Reich von Licht und Luft, denn dies hier spielt sich kaum fünfzig, hundert Meter entfernt von mir auf dem Erdboden ab, auf dem auch ich stehe. Fast handgreiflich spürbar wird hier das morphogenetische Feld, die Gruppenseele , die Vögel hier so leidenschaftlich vereint…

Später am Tage, vor Sonnenuntergang und noch kurze Zeit danach, wenn die Vögel sich anschicken, ihre Schlafplätze im flachen Wasser des Sees aufzusuchen, spielt sich dann das umgekehrte Schauspiel ab. Womöglich ist das „Gru Gru“ der abziehenden Tiere noch inniger, noch zärtlicher, noch wehmütiger. Wunderbar hat der finnische Komponist Einojuhani Rautavaara in seiner Komposition für Orchester und Vogelstimmen, dem „Cantus Arcticus“, dieses Stimmungsbild erfasst.

In kleinen Gruppen, zu zehn oder zwanzig, streichen die Vögel nordwärts ab, dem flachen Wasser des Hornborga zu. Dicht gleiten ihre Silhouetten über den im letzten Licht aufleuchtenden Wasserspiegel. Ein letzter, großer Schwarm von vielleicht zweihundert Vögeln fliegt wie auf ein geheimes Zeichen hin auf, und gegen 21 Uhr haben sich die letzten Tiere im Grau-Rot des Abendhimmels „aufgelöst“ . Der Tanzplatz wird nun leer bleiben bis Sonnenaufgang. Doch die ganze Frühlingsnacht wird es nicht wirklich still werden – seien es die erregt schluchzenden Laute der Singschwäne, die hellen Kiebitzschreie und nicht zuletzt, von weit draußen vom See her, das ferne, vielstimmige, nur langsam abklingende „Gru Gru“.

Seit rund sechzig Millionen Jahren gibt es Kranicharten auf unserem Planeten – heute sind es weltweit noch 15 verschiedene Arten, deren eine der in Mittel- und Nordeuropa verbreitete Graue Kranich (grus grus) ist. Diese größten unter den Vögeln, die so viele menschenähnliche Verhaltensweisen zeigen – lebenslange Ehe, sorgfältige Pflege der Jungen, ihre Zeremonien und Tänze – haben seit Jahrtausenden die schöpferische Phantasie und mythenbildenden Vorstellungskräfte von Menschen in nahezu allen Erdgegenden angeregt – unmöglich ist es an dieser Stelle, die Fülle dieser Vorstellungen und Mythen zu erfassen.

Für den Chinareisenden etwa ist das Bild des Kranichs nahezu allgegenwärtig, nicht nur im Alltag bei vielen Alltagsgegenständen, oder etwa auf dem Klangkörper der traditionellen Zither Ghu Zheng in Form kunstvoller Säge- oder Schnitzarbeiten, sondern auch in der Kulturgeschichte.

Für Laotse war der Kranich Mittler zwischen diesseitiger und jenseitiger Welt, Botschafter einer himmlischen Sphäre, ein Reittier für die Götter oder für Heilige auf dem Wege nach „oben“. Starb etwa ein taoistischer Priester, so stellte man sich die sich von der diesseitigen Welt ablösende Seele als einen gefiederten Kranich vor – der Kranich also als Symbol der unsterblichen Seele und eines langen, ewigen Lebens. (In Analogie dazu: Kraniche können Flughöhen von bis zu 10 00 Metern erreichen und non stopp bis zu 2000 Kilometern fliegen!)

Vor allem aber sind es wohl Eigenschaften wie die Körpergröße, das aufrechte Stolzieren, das Aufspringen, die berührenden Laute und das mächtige, raumerfüllende Trompeten und ihr geheimnisvolles , immer wiederkehrendes zeichenhaftes Erscheinen am Himmel um die großen Tag- und Nachtgleichen herum, die die Menschen bewogen haben, Kraniche als Boten oder Verkörperungen von etwas Göttlichem zu betrachten. Auch ihr Federkleid (insbesondere das des Mandschurei-Kranichs mit seinem leuchtend roten Scheitel, dem schneeweißen Gefieder mit den kontrastierenden schwarzen Verzierungen) spielte für das Attribut des Göttlichen eine Rolle. Als weiß gefiederter Vogel galt er nicht nur als Bote der Reinheit und Unsterblichkeit, sondern auch des Glücks, der Treue, der Liebe und Unzertrennlichkeit.

… „ So unter Sonn und Monds wenig verschiedenen Scheiben/ Fliegen sie hin, einander ganz verfallen./ Wohin ihr?/ Nirgendhin. / Von wem davon?/ Von allen./ Ihr fragt, wie lange sind sie schon beisammen?/ Seit kurzem./ Und wann werden sie sich trennen?/ Bald./ So scheint die Liebe Liebenden ein Halt. ( Berthold Brecht: Die Liebenden).

Auch im alten Ägypten spielten die Kraniche als Götter- und Seelenvögel, doch auch als Opfertiere im Tempel und sogar als Nahrungsmittel – nicht für die Götter, sondern auch für den Menschen – eine wichtige Rolle. So wurden sie mit Netzen gefangen und als Geflügel zusammen mit Enten, Tauben, Hühnern und Gänsen gehalten und gemästet.
Im griechischen Mythos sind Kraniche die beständigen Begleiter der Erdgöttin Demeter. Als Teil von Sonnen- und Fruchtbarkeitskulten sind Kranichtänze überliefert , die besonders im Frühjahr getanzt wurden. So wurde im Mittelalter an den Höfen der „Crue“ getanzt, und vom Carnevale im spätmittelalterlichen Florenz ist ein Kranich-Madrigal überliefert, in dem die Balzlaute und die Bewegungen des Kranichs lautmalerisch vertont sind.

In vielen japanischen Häusern hängen heutzutage aus buntem Papier gefaltete stilisierte Kraniche in großen Bündeln als Glücksbringer, und die „Kette der 1000 Kraniche“ ist durch das Mahnmal in Hiroshima zu einem internationalen Friedenszeichen geworden. Und während und nach der Tsunami- und Reaktorkatastrophen von Fukushima im März 2011 kamen Schulkinder in Deutschland auf die Idee, Papierkraniche zu falten und sie in den Fenstern der Schulklassen als Zeichen der Verbundenheit, des Mitgefühls und der Hoffnung für die Opfer aufzuhängen.

Der Kranich allein in der Literatur Skandinaviens oder Osteuropas wäre ein eigenes, umfassendes Thema, ebenso wie seine Darstellungen in den bildenden Künsten im Laufe der jahrtausendealten Kulturgeschichte der Menschheit. Denn kaum ein anderes Lebewesen auf unserem Planeten hat uns Menschen bis heute so stark beeindruckt, begeistert, im Herzen berührt, beglückt und inspiriert zu Gedanken und Gefühlen über unser eigenes menschliches „Woher“ und Wohin“ im Wolkenmeer der Zeiten.

 

 

 

8. März 2021

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Kopfweiden bei Esbeck/ Westfalen. Kohlezeichnung von Siegfried Motog,1947

 

 

Erlkönigs Lächeln (PDF, Lesezeit 15′)

 

Mein Sohn, mein Sohn, ich seh es genau,/ es scheinen die alten Weiden so grau …“

 

 

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Die Himmelstür (PDF)

 

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Ein Philosoph (PDF)

 

 

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3. März 2021

 

Die Amsel

 

Du singst den Blüten

und dem Glanz des Morgens.

Ohn‘ Harm dein Singen                                                                                                                       

füllt’s selig alle Blütenkelche, 

aus denen ich mich liebend stille.

Sonnen, Sterne wachsen lauschend,  

die Knospen schwellen mit den Tönen.  

und Früchte reifen süßer deinem Lied. 

 

 

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21. Februar 2021

 

Winterfrühling

So hoch der Tag,

so überweltlich licht

der blaue Dom.

Reglos der Wald.

In kahlen Wipfeln

pocht ein Specht.

Spiegelklare schweigt der See,

der fernen Ufer dunkle Säumung

von dort, wo sich der Abend naht,

und vor mir Silberschilf, Geäst und Stämme,

die dann und wann vom Sturme fielen,

gleich Riesen, die nun stumm vergehen;

Reifend in solchem Glanz

zu Wandel und zu Neubeginn

fühl ich die Welt.

Sie lauscht der Amsel,

sehnt und leuchtet sich

dem Licht entgegen,

und meint auch mich.

 

 

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17. Februar 2021

Wirkung von Musik

Aber da stellt sich die Frage, ob nicht Musik immer mit Schwermut versetzt ist? Auch Mozart: wie anders könnte er sonst über die Traurigen etwas vermögen? Es gilt doch wohl, dass Musik ohne das ganz unerträglich sein würde. Wie auch ein Mensch, dem Schwermut ganz fremd ist, so schwer erträglich, ja so unheimlich ist wie einer, der sie unverdeckt lässt und öffentlich darin versinkt.“ (Erhart Kästner in: „Die Stundentrommel vom Heiligen Berg Athos“).

 

11. Februar 2021

Als stünde die Zeit still …

Fårö – Gotlands Norden

 

I

Stensträngar

Auf dieser Insel, die den Norden Gotlands bildet – vom „gotländischen Festland“ nur durch einen schmalen Sund getrennt, freilich so breit, dass man mit einer Fähre übersetzen muss – ist es einem bei der Ankunft zumute, als würde ein ganz neues Kapitel im Landschaftsbuch aufgeschlagen. Oder als würde ein Musikstück plötzlich nicht nur in eine andere, fremd anmutende Tonart, sondern vor allem in eine höhere Oktave gehoben: Fårö wirkt eher wie eine Insel, die aus dem Mittelmeer hierher gezaubert wurde, archaisch, karg und oft karstig, von urtümlichen, mit einer dicken Mütze Ag gedeckten (dem Reetgras ähnlich) Schafställen und verstreuten alten Gehöften bebaut – Szenarien und Stimmungen wie aus fernen Legenden des Mittelalters oder Mythen der Wikinger- und Bronzezeit. Dazu die schier endlos laufenden lebendig gemusterten „stensträngar“, den geschichteten, halbhohen Trockenmauern aus Kalkstein und Findlingen, die die Insel mit einem Geflecht wundersam schöngemusterter Stränge kreuz und quer überziehen – wahre Landschaftskunstwerke, die im Schweiße des Angesichts durch Jahrhunderte hindurch von Generation zu Genration kunstvoll geschichtet und instandgehalten werden bis auf den heutigen Tag.

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Der Blick auf diese Gemäuer von den alteingesessenen Bauern, Schafzüchtern und Fischern früher und heute ist jedoch sicherlich viel nüchterner gewesen, und der Anlass zu ihrer Aufschichtung viel weniger künstlerisch motiviert, wie es etwa die Mauern eines Landschaftskünstlers wie Andy Goldsworthy sind. Vielmehr ging es um Besitzgrenzen und stabile Einhegungen für die zahlreichen Gotlandschafe (eine Rasse, die seit der Bronzezeit gezüchtet wird), die innerhalb dieser großzügigen Grenzen frei herumlaufen. Doch die Mauern scheinen nichtsdestoweniger von Künstlerhänden wie in die Insel hineinkomponiert. Trotz aller Pragmatik und Zweckmäßigkeit sind diese viele Kilometer sich hinziehenden Grenzbefestigungen mit einem untrüglich harmonischen Gefühl für Statik, Form, Zweck, ästhetisches Spiel von Farben, Mustern und Maserungen und ihre Harmonie mit der Landschaft errichtet. Goldsworthy lässt also grüßen, oder richtiger gesagt: die Stensträngar lassen Goldsworthy grüßen.

So spürt man auf Fårö, folgt man den reichen Erkenntnisse der Historiker und Archäologen, den lebendigen Atem früherer Jahrhunderte, bis zurück ins Mittelalter, ja bis in die Zeiten der Wikinger und noch weiter zurück – ein wahres Kulturerbe also. Dass Fårö zu großen Teilen lange Jahrzehnte militärisches Sperrgebiet war und berühmten Namen aus Kunst und Politik als abgeschotteter, kreativer Rückzugsort diente, mag seinen Teil dazu beigetragen haben, die Atmosphäre der Insel lebendig und weitgehend intakt zu halten, allen Touristenströmen zum Trotz, die diese Insel nach ihrer gänzlichen Öffnung verkraften muss.

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II

Windmühlen

Winzlinge sind es gegenüber den modernen, gigantischen Windkrafträdern, die die Winde in Phöbus Reich gierig abgreifen und nutzbar machen: Seziermesser, die die Luft böse fauchend zerschneiden. Dagegen sind die zahlreichen historischen Windmühlen auf Fårö (und der Hauptinsel) unendlich viel schöner anzusehen. Alle, die ich bislang sah, waren äußerlich noch halbwegs intakt – kleine, gedrungene, steingefügte Türme, der Außenputz verwittert. Die Kappe aus Holz mit dem rippigen Flügelkreuz wurde einst mit einem Balken gegen die Windrichtung gedreht. BIs auf zwei, drei von annähernd 190 Windmühlen auf ganz Gotland dreht sich keine einzige mehr. Sie stehen still, aber wirken doch so, als könnten sie sich mit eilends aufgespannten Segeltüchern und mit wenigen Handgriffen knarrend und ächzend wieder in Bewegung setzen. Selbst das hölzerne Mahlwerk mit Achsen, hölzernen Zahnrädern und Wellen ist vielfach noch erhalten.
Einst sangen diese wie magisch daliegenden Bauwerke doch schon das monotone Lied der Technik: Erinnerungen an eine Zukunft, in der das Gebrumm und der strenge Zwangstakt der Motoren die Welt als Generalbass untermalt.

Doch denke ich beim Anblick dieser Mühlen nicht zuerst an Technik und deren Funktion, sondern fühle in all diesen variierten Bauformen, die sich der geheimnisvoll belebten Monotonie der Landschaft anschmiegen, auf sie eingehen – nicht gegen sie angehen – wie sie ihr die Hand reichen im Miteinander von Wind, Meer, der reichen Vogelwelt mit den Flügeln der Mühlen, die von Menschenhand in den Wind gedreht wurden –  aber eben nicht als störender, ausbeuterischer Gegner und Zerstörer, sondern im friedlichen Einklang mit den Elementen.

Mit den stillen, ruhenden Mühlen scheint auch die große Mühle der Zeit stillzustehen, zumindest aber ist es, als ginge sie hier viel langsamer: wie die Insel Fårö das mit ihrer Zeit meint, erschließt sich nur schwerlich jenen Insassen der Autokorsos, die zielgerichtet und schnurstracks die Fähre verlassend zum weitläufigen Suderstrand oder zu den Raukfeldern von Langhammers unterwegs sind.

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III

Glücksweh

Nur der fußläufige Wanderer, allenfalls noch dem gemächlichen Radwanderer auf einer der Petterssonhaft- klapprigen Scheesen, die man an manchen Stellen mit der freundlichen Aufforderung zur (kostenlosen) Ausleihe abgestellt findet – Spende erwünscht – erschließt sich im Ziellosen auch das Zeitlose, und damit die tiefere Seele dieser kleinen und doch so weiten Inselwelt. Freilich darf man da keine hochmütigen oder sportlichen Ansprüche stellen, etwa an Gangschaltungen, pompöse Reifenprofile und schnittig-sportliches Design. Es sind eher sehr in die Jahre gekommene Museumsstücke, die hier ihr Gnadenbrot fristen, gezeichnet von Wind und Wetter und dem Zahn der Zeit, mit durchgesessenem Sattel und Ketten, die schon bei schärferem Hinsehen vor Schreck mal abspringen können. Wenn man diese Drahtesel nicht trietzt und Rekorde einfahren will, erfüllen sie  ihren guten Zweck –  man muss sich nurauf solch ein quietschendes Gefährt einlassen: Langsamkeit, nicht Schnelligkeit zu genießen, mit all dem, was diese Gemächlichkeit, dieses Tempo der Postkutschenzeit an Horizonten, an kleinen und kleinsten Impressionen und Sensationen am Wegesrand, an Düften, Aromen, Farben, Vogelstimmen und dem Atem im Dreiklang von Insel- und Wolkenlandschaft und Meer im Jubel der sommerlicher Überfülle, die sich mitunter bescheiden mit Kargheit tarnt, der Seele und den Sinnen schenkt.

Die Wanderung führt oben entlang auf dem höchsten und urältesten von vergangenen Strandlinien, an die die Brandung anschlug, – Strandwälle, die mit  den unterschiedlichen Grautönen der Klappersteine wie Jahrhundert- oder gar auch Jahrtausendringe terrassenartig mehrere Meter tief zum Meere hin sich abzeichnen.

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Kilometerweit schweifen von hier meine Blicke – ruhen aus auf dem winzigen Hüttengeschachtel der uralten Fischersiedlung Helgumannen, befragen neugierig groteske Raukargebilde, die aus der Ferne teils wie versteinerte Saurier oder wie monströse Riesengestalten aus Märchen und Mythen wirken. Die allmähliche Annäherung aber  lässt dieses Bilderhafte zur greifbaren Wirklichkeit werden. Wenn ich mich dann wiederum umwende und zurückschaue, weckte noch stets mein Erstaunen, welch riesig wirkende Entfernung man im weiten, offenen und nach oben hin unendlichen Raum zurückgelegt hat. Wie klein bin ich, der ameisenhafte Mensch, wie groß dagegen die weite Räumlichkeit dieser Insel! Und weiter:  Wie klein diese Insel im Vergleich zur Hauptinsel. Welch ein Winzling die ganze Insel im Vergleich zur riesigen skandinavischen Landmasse; wie bescheiden diese Landmasse gegenüber dem europäischen Kontinent, und so immer weiter. Zuletzt: die Kontinente: schwimmende Inseln auf unserem Planeten, und unser Planet : eine winzige Insel im kosmischen Meer … .

Wo ich vorhin stand, magnetisch vom spielzeughaft wirkenden Helgumannen angezogen, da ist dieser mein vorheriger Standort nun selber geschrumpft, ein entrücktes Bild, unwirklich in blauen Traumschleiern wie schwerelos schwebend, und in diesem Raumerlebnis schauert mich meine Vergänglichkeit an: Wer war ich eben noch, wer ist denn dieses Ich, und wie bin ich im Wechsel der vergänglichen Erscheinungen?

Doch schon im nächsten Moment weckt mich ein heiterer Möwenschrei aus diesem Weh, und mich durchflutet ein kaum beschreibbares Glück des Augenblicks: jetzt gerade hier zu sein, zur richtigen Lebenszeit am richtigen Lebensort: Ein Glücksweh – so oft schon fand ich es hier, und es bringt mich auf ein Gedicht Christian Morgensterns:

Jetzt bist du da, dann bist du dort,
Jetzt bist du nah, dann bist du fort,
Kannst du’s fassen? Und über eine Zeit
gehen wir beide in die Ewigkeit
dahin – dorthin. Und was blieb?…
Komm, schließ die Augen und hab mich lieb.

*

*

*

 

7. Februar 2021

 
Winterträume von Gotland (Teil 2)
I
Ankommen auf Gotland – eine Begegnung mit Gustav Larsson

Visby, Sommer 1982. Mein erster Erkundungsgang durch die Stadt führte mich durch die Adelsgatan. Im Schaufenster von Wessman & Peterssons Bokhandel wurde mein Blick magnetisch angezogen von einem Augenpaar – Augen, die von innen zu strahlen schienen. Kein durchdringender, direkter Blick, sondern der weiche Blick eines Lauschenden. Reiche Lebenserfahrung, Tiefe und Güte spricht aus Gesichtszügen, denen die Augen etwas Lichtvolles geben. Sie zeigten den neunzigjährigen gotländischen Dichter Gustav Larsson (1893 – 1985), der damals mit einer Auswahl von Übertragungen seiner Gedichte ins Deutsche geehrt wurde. Wie magnetisch angezogen betrat ich die Buchhandlung, blätterte das schmale Büchlein auf, aus dem mich gleich auf der ersten Seite das Porträt des Dichters ansprach:

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Gespräch mit meiner Seele

Meine Seele ist wie eine Glocke
die zwischen den Dingen schwingt.
Meine Seele ist wie eine Flöte
aus Wehmut und Freude.

So begegnete ich den Gedichten Gustav Larsson zum ersten Mal in dieser Übertragung durch Ingeborg Vatheuer, die damals lange schon auf Gotland lebte.
Im schwedischen Original lautet es so:

Tall till min själ

Min själ är som en klocka
som svänger bland tingen.
Min själ är en flöjt
av vemod och glädje.

Vom ersten Wort an begriff ich, das hier so etwas wie der „Genius Loci“ der Insel sich ausdrückt. Es waren die Augen Gotlands, in die ich blickte, und die Glockenschläge der Seele, von denen da die Rede ist, schienen etwas mir tief Vertrautes zum Mitschwingen zu bringen. Wesentliche Motive von Landschaft, Historie, Kirchen, Natur und Kultur klingen in den einfachen Worten dieser Liebeserklärung an – eine Art dichterischer Vogelperspektive auf Raum und Zeit Gotlands; ein Schlüssel für die Seele, der mir mehr aufzuschließen begann, als alle Reiseführer zusammen. Immer neu liest sich dieses Gedicht, auch nach Jahrzehnten noch – oder sollte ich sagen: erst recht nach so vielen Gotlandaufenthalten. Denn mit jeder Reise, mit jeder neuen Gotland-Erfahrung reichern sich seither diese Gedichtzeilen mit eigenen Erlebnissen, Berührungen, Düften, Farben, Menschengesichtern und Stimmen, Ahnungen und einer heiterer Gegenwart an, die – wie etwa in der Musik eines Bach oder Händel – aus einem Grund von Schmerz und Wehmut hervorquellen. Oder wie Glocken – tönen sie denn nicht stets in einer berührenden, aus Moll und Dur gemischten Tonalität?

 
II
Gotlands Kirchen

Ich betrat, aus dem gleißend hellen Licht des späten Nachmittages kommend, einen stillen, kühlen,  Kirchenraum, dessen gotischer Gestus der Aufrichtung und Weitung unmittelbar zur Wirkung kommt: Gothem – eine der annähernd einhundert Kirchen Gotlands mit einer erhalten gebliebenen Ausmalung der Wände und Gewölbe aus dem 13. Jahrhundert.
Dabei bemerkte ich einen Mann mittleren Alters, der auf jemanden oder auf etwas zu warten schien; er nickte mir grüßend zu; möglich, dass er dort Aufsicht führte, was allerdings in den Landkirchen der Insel äußerst ungewöhnlich ist. Nach einer Weile schritt er auf einen Notenständer zu, der in der Nähe der Orgel im Turmgewölbe aufgebaut war.

Aha, jetzt wird er wohl etwas singen, mutmaßte ich, vielleicht probt er für ein Solo anlässlich eines Konzertes? Die Akustik dieses großen, hochgewölbten Raumes wie auch vieler anderer gotländischer Kirchen dürfte ziemlich einzigartig sein, es singt und spielt sich quasi wie von selbst.

Er schraubte das Notenpult höher,  hochaufgerichtet blickte er konzentriert darauf. Was mochte da wohl für ein Notenblatt vor ihm liegen? Meine Spannung stieg. Jetzt würde er gleich loslegen … doch stattdessen ergriff er, einem unsichtbaren, jedoch ganz bestimmten, klaren Einsatz folgend, ein aus dem Gewölbe herabhängendes dickes Seil, das vor ihm auf den Steinfliesen in einer schönen Spirale schlangengleich aufgerollt ruhte, und nach wenigen gekonnten Zügen am Seil und einem nicht minder beherrschten federnden Zurückgleitenlassen erfüllte feierlicher gedämpfter Glockenklang die Kirche …

Welch ein Bild: ein Glöckner, der vorm Notenpult stehend die älteste Glocke der Insel von 1374 mit ihren rhythmischen Hin und Wider ihres einen und einzigartig schönen Tones zum Klingen bringt, in abgemessener Zeitspanne … als hätte Christian Morgenstern persönlich diese Palmströmiade arrangiert …

Palmström spielt Musik nach Noten,
und er hat sich jüngst erboten
für die Kirch’ im Dorfe G.
ein Stück für Glocke (tiefes C)
ganz modern zu komponiern
und daselbst zu terpretiern.

Nächtelang sieht man ihn sitzen,
und über Notenblättern schwitzen,
doch beim Blick in Palmströms Partitur
seh’n Musikologen nur
ein einzig Tongebild – ein tiefes C !
Kopfschütteln. „Nimmer und nie
kann das stimmen!“ Doch Palmström, das Genie –
spielt weiter frei mit Phantasie
mit diesem einen einz’g wahren Ton.
All der Banausen Hohn
und auch der Spezialisten macht ihm nichts aus:
Einsames Genie, der Zeit voraus.

Uraufführung: P., vor seinem Notenpulte,
hochkonzentriert. Nur v.Korff und Oma Schulte
schaun und hör’n ihm schweigend zu,
wie er sich selbst den Einsatz dirigiert,
dann virtuos das Glockenseil traktiert.
Die Glocke klingt, die Glocke schwingt,
und Palmström selig lächelnd, liebestrunken,
lauscht seinem Opus, tief versunken …

(So ähnlich hätte es Morgenstern vielleicht besungen).

Meine alte, in frühester Kindheit wurzelnde Liebe zu Kirchen, Domen und Kathedralen erhielt auf Gotland neue, frische Nahrung. … Vielleicht war die Erstbegegnung, ja, die Liebe auf den ersten Blick mit dieser Insel vielleicht mehr als nur der Blick eines Flachwurzlers?
In den Wochen vor meiner ersten Reise nach Gotland war ich in Florenz gewesen – überwältigt von dem Reichtum meiner Eindrücke der dort konzentrierten Kunstschätze, an Bildern und großer Architektur des Mittelalters und der Renaissance.

Wie anders dagegen, wieviel inniger und verinnerlichter wirkten und sprachen die Dorfkirchen Gotlands – nahezu einhundert an der Zahl und wie Akkupunkturpunkte auf dem Leib der Insel verteilt.
Ihre absoluten Dimensionen – gemessen an den Ausmaßen des Florentiner Doms oder etwa auch der Franziskanerkirche Santa Croce – ist klein. Aber die Relationen, die Proportionen, die musikalischen Zahlenverhältnisse, das also, worauf ein Raum, seine Wandabschnitte und Raumteilungen, die für Gotlands Kirchen so typische dreiteilige Fensteranordnung im Chorraum etwa, mensuriert und gestimmt sind wie die Saiten eines Instrumentes, seine Skalierung und Kirchentonart: das steht an innerer Größe den erwähnten großen Bauwerken in nichts nach. Ja, der Bezug zum Menschen und zur Idee des Menschen scheint mir im Ganzen sogar stärker spürbar und zugänglicher zu sein als in der Unübersichtlichkeit der Riesenräume mit ihren überwältigenden Ausdehnungen und ihren Sensationen an raffinierter, prunkvoller, farbenprächtiger Ausstattung, Bemalung, Skulptur und Plastik. Gotlands Kirchen aber überwältigen nicht, weder von Außen betrachtet, noch in ihren Innenräumen und in ihrer Ausstattung. Sondern …?

 
 
 
 
 
III
Schlüsselerlebnisse
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An der Schwelle von Außen nach Innen habe ich immer wieder meine Schlüsselerlebnisse. Groß wie der Himmelsschlüssel Petri ragt das verschnörkelte schwarz-eiserne Ding aus der nach Holzteer duftenden Pforte. Oft genug gibt das Schloss die den Weg ins Innere der Kirche nur frei, wenn du den Schlüssel in die unerwartete, „falsche“ Richtung drehst. Manchmal lässt er sich dabei nur gegen einen bedenklichen Widerstand bewegen, den man beherzt überwinden muss. Aber, keine Sorge – ein solcher Kirchenschlüssel mit seiner großen, oft verzierten Reite, dem wulstigen Gesenk darunter, bevor der starke Halm sich im Innern der Kirchentür versenkt, bricht nicht so leicht, auch nicht nach bald tausend Jahren des Gebrauchs. Und da du nun die große, reich beschlagene Eingangspforte mit geräuschvollem metallischen Knacken und einem schluffendem Geräusch aufgedrückt hast und Du sie hinter dir wieder zuziehst, beginnst Du schon aufzuhorchen: Das Echo, der Nachhall des Zufallens oder des Hinter-dir-Zuziehens wirkt wie ein Doppelpunkt, hinter dem Stille unvermittelt einsetzt – Stille. Zugleich gegensätzliche Dämmerung und Kühle zur gleißenden Helle draußen. Wie ein Dreiklang empfangen dich diese drei: zuerst Dämmerung, dann Stille, schließlich ein Fluidum von Kühle, gemischt mit Geruch von Kalkstein.

Eine ganz eigene beredte Stille herrscht in diesen Räumen, deren Ursprung und Quelle sich nicht gleich erschließt. Nach anfänglich zögerndem Innehalten und Hineinschauen und -lauschen beginnt man unwillkürlich, sich in Bewegung zu setzen – nicht wie ein schlendernder Spaziergänger oder Wanderer oder wie einer, der zielgerichtet auf dem Weg zu einer Arbeit ist. Nein, eher wie ein Traumwandler, und doch auch wieder nicht. Denn man ist ja ganz wach und erfrischt von der Kühle, und der Raum, den ich nun durchschreite auf den steinernen Gewölbehimmel des Altarraumes zu, ist ja real, so real, wie irgendetwas nur sein kann mit seinen Steinen, Gewölben, Wand- und Glasmalereien, goldschimmernden Kronleuchtern, der Kanzel mit den kunstvoll ziselierten Sanduhren und dem Taufstein, die alle seit vielen hundert Jahren hier zusammenwirkend ihren unveränderten Bestand haben – diese Unveränderlichkeit, dieses weitgehende Fehlen barocker Misshandlungen der oft romanisch-gotisch gemischten Bauformen ist eine Besonderheit der gotländischen Landkirchen, von denen manche den selbstbewussten Gestus und Rang geradezu von Bauernkathedralen zeigen.

 

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Woher also rührt diese Stille? Vom Sichtbaren? Von der Abschirmung durchs dicke Mauerwerk und duurch die verglasten Fenster? Beruht sie nicht auch auf der ruhigen Lage der allermeisten dieser Kirchen, abseits von vielbefahrenen Straßen?

Mein Blick wandert in der Mitte des Langhauses zu einer runden, emporstrebenden Säule, in der man einen Schiffsmast sehen könnte. Die großen Kirchen etwa von Dahlem und Gothem: Zweimaster, mit leicht wirkenden steinernen Segeln, die sich über dem Kapitellband nach vier Seiten hin aufspannen, aller Schwere enthoben, von einem unsichtbaren Windatem straff aufgespannt und gebläht.

 

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Was für Kräfte hier kontrapunktisch gegeneinander wirken, sich aufheben: Tragen und Lasten, Schub und Zug, Halten und Fließen, Geerdetheit und Streben nach Licht. Dieses ausgeglichene Kräftewirken, diese lebendige, vielfältige Statik ist nicht nur gebaute, steinerne Musik, sondern ist auch ihr Gegenteil: ist gebaute Stille. Die Luft in diesen Räumen riecht niemals abgestanden und muffig. Vielmehr ruht sie, ausharrend wie in einem Resonanzraum und Klangkörper eines kostbaren Musikinstrumentes, scheint gespannt zu warten: auf Gesang, Musik, aber weniger wohl auf das gesprochene Wort.

Räume wie dieser haben das Potential, Dich zur „Mitte“ zu führen – ein inflationärer Begriff. Was ist das denn eigentlich: die Mitte? Was meint dieses Wort? Die Mitte – das ist der Punkt, von dem aus ich mich aufrichte: mein Zenit, der zugleich eins ist mit dem Himmelszenit über mir.
Ist die Mitte nicht auch ein Erlebnis, und damit ein Seinzustand? „In meiner Mitte s e i n“: Die Sprache setzt da eindeutig auf’s Sein, nicht auf’s Haben.

Also: In der Mitte kann ich sein, ich kann die Mitte nicht haben. In der Mitte bin ich, oder bin ich nicht. Entweder – oder. Oder? Was ist mit der Balance? Ist meine Mitte nicht etwas, das ich immer wieder neu, in jedem Augenblick, ausbalancieren muss?
Also sage ich lieber: Räume wie dieser führen Dich potentiell in eine Balance. Balance ist dynamisch, die Mitte dagegen ein fester, unbeweglicher Punkt. Oder?

So markiert der große Pfeiler wie ein Mastbaum mit den Gewölbesegeln das Zentrum oder die Längsachse des Kirchenschiffes. Ich richte mich unwillkürlich auf bei seinem Anblick, beim Aufblick in die regelmäßig gebauschten Segel und auf die steinerne Takelage aus Rippen und Jochen, Gurtbögen, Kämpfern, Abkragungen und Kapitellen.
Diese ausbalancierten Kräfte vermögen stark zu wirken: erhebend und innerlich weitend, mein Menschenich selbstbewusst zwischen Himmel und Erde, mit festem Boden unter den Füßen, aber eben nicht enthoben oder entrückt wie ein Erdenflüchtling oder ein klein und demütig gemachter Erdenwurm durch Riesendimensionen und macht- und prunkvolle Prachtentfaltung.

Nebenbei: den schlichtesten und vielleicht schönsten Altar sah ich in der Strandkapelle des Fischerdorfes Koviken nahe Klintehamn: unter einem kleinen lichtdurchfluteten Fenster eine Kalkplatte, darauf nichts als ein alter Anker und ein Blumenstrauß aus Strandnelken ruhen: ein Bild von Glaube, Liebe und Hoffnung …

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Som Stjärnan …(swedish trad.)

*(Fortsetzung folgt.)

 

5. Februar 2021

Winterträume von Gotland Sommer (Teil 1)

 

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31. Januar 2021

 

Was können und könnten die superreichen und so wohltätigen technokratischen Gesinnungsgenossen dieser Welt nicht alles bewegen mit ihren Dagobert-Duckhaften Ersparnissen, die die Staatshaushalte vieler Länder unseres Planeten übertreffen. Gigantische Fabriken entstehen da in Windeseile, fressen zusehends Wälder, Landschaft und saugen das Wasser in der Tiefe auf, vernetzen und vermüllen den Weltraum mit Satelliten und den Maschinationen superschneller künstlicher Intelligenz, deren Vision „Star Wars“ schon vor Jahren in den Puppenstuben und Kinderzimmern wie selbstverständlich Platz eingenommen hat. Alles, was diesen ach so menschenfreundlichen Visionären ausdenkbar ist , ist ihnen auch machbar, gerechtfertigt durch die unbegrenzte Bezahlbarkeit, und ungebremst durch ein – vermeintlich – hoffnungslos antiquiertes Menschen- und Weltbild. Nur eines können sie nicht, diese Kämpfer für das „Gute“, diese Streiter für ihre höchst egozentrischen Wahrheiten: sie können keinen „Frieden auf Erden“ und vor allem keine Liebe machen. „Und hättet der Liebe nicht“ aus dem  Korintherbrief – das bleibt eins der großen Schlüsselworte, dessen Goldgehalt sie wahlweise umzumünzen versuchen in goldlackiertes Blech oder, wie Andersen es in einem seiner Märchen betitelte, indem sie in Orwell’scher Manier „die Schilder vertauschen“.

Die verbreitete Denkungsart, die sich – einer gepanzerten Echse gleich – nur in verneinenden Kategorien wie „Gegen“, von „Kampf“ oder gar „Krieg“ zu bewegen vermag. Das ist schon in biblischen Bildern angelegt wie in dem von St. Michaels Kampf mit dem Drachen. Schon im Kleinen, Alltäglichen wirkt das. So sagt man zu einem unruhigen Kind schnell mal:“ Hör auf rumzukippeln“, oder:“Sitz endlich still!“  anstatt zu sagen:“ Stell deine Füße auf die Erde und spüre den Boden unter deinen Füßen!“ oder:“Achte mal auf die Bewegungen deiner Lippen beim Sprechen“, wenn ein Kind sehr leise und schüchtern spricht. Einem Stotterer ermöglicht man zu singen oder rhythmisch-Gereimtes zu sprechen, anstatt ihm zu sagen, er solle aufhören zu stottern, er müsse doch keine Angst haben … .

Oder, auf anderer Ebene, die eine Siebenjährige so ausdrückt: „Ich möchte nicht nach einer Fibel lernen, ich will in m e i n e r   Freiheit lernen, will die Sachen aus meiner eigenen Freiheit machen …“.

 

Übertragungen ins größere Geschehen angesichts der herrschenden Kampf- und Kriegsparolen gegen die Ungläubigen, gegen den Terrorismus, gegen den Klimawandel, gegen Corona. So mutierte der Kampf gegen die „Ungläubigen“ im Mittelalter und gegen den neuzeitlichen Terrorrismus selbst sehr schnell zum Terror, der seit Jahrhunderten immer aufs neue missgebiert, was zu bekämpfen und zu besiegen er doch vorgibt. Und im Kampf gegen ein reales Virus hat man so eine zweite Pandemie realer und ansteckender Angst erschaffen, mit all den Folgen für Psyche und Soma und für unsere sozialen Schutzhüllen. Mit dem Virus leben“ klingt da weitaus vernünftiger, ist aber für die Profiteure von Angst und Terror weitaus unrentabler.

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„Alle machen sich Gedanken, wie man Terrorismus beenden kann. Nun, es gibt einen wirklich einfachen Weg: indem man damit aufhört, daran teilzunehmen.“ (Noam Chomsky)

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Auch Musikkonserven haben ihre Verfallsdaten, nach deren Ablauf diese Klangbilder ungenießbar werden. Was einst als epochales Ereignis galt, als Aufnahme festgehalten, kann nach Jahrzehnten beim Anhören nur noch schwer erträglich sein.  Über unsere Aufnahmen wird man später einmal lachen – so äußerte sich Nikolaus Harnoncourt (1928 – 2016) dazu selbstkritisch.

 

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18. Januar 2021

Gesichter, Physiognomien und deren Tonarten, deren „Klang“: Gesichtszüge in Moll, in Dur; darin verminderte Akkorde, übermäßige; leere Quinten; reines, strahlendes Dur; wenn eine Anspannung weicht: Septimakkorde, sich zur Grundtonart auflösend. Sehnsucht: der Quartvorhalt, seine Terz umspielend.

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12. Januar 2021

J. S. Bach, dieser Machtvolle, Unbegreifliche; einer aus einer bestimmten Art der Tiger : ein Ermutiger.  Die Eingangssätze der Kantaten „Herz und Mund und Tat und Leben“ , „In allen meinen Taten“, „Wie schön leucht uns der Morgenstern“, „Es ist das Heil uns kommen her“…  (Netherlands Bach Society „AllofBach“)

 

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7. Januar 2021

Der Doppelgänger der USA (PDF anklicken)

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