Spiegelungen im Hier und Jetzt von Tag zu Tag – von Jürgen Motog

Zwei schwedische Weisen, gespielt auf der Nyckelharpa (Tastenfidel)

Nyckelharpa

 

 

 

Spiegelung Tiveden 2

 

Siehe auch die vergangenen Einträge im „Archiv der Spiegelungen“

 

 

19. 10.2018

Wenn jemand einen Meineid ablegt, so bestätigt er damit letztlich die Wahrheit. Wenn einer aber einen Eid auf die Lüge ablegt, so bestätigt er damit die Lüge als Wahrheit: ein gängiges Mittel in Diktaturen.

 

 

14. Oktober 2018

„Tag des Cellos“ in der Berliner Philharmonie:

 

Campanula in Violamensur                                               Campanula

 

„Himmel“

(gespielt von Stefanie John auf einer Campanula, einem dem Cello  verwandten Instrument mit Resonanzsaiten)

 

Du baust die Brücke in die Stille,

in jene Räume, wo die Träume weben,

dort, wo sich Lauschen, Zeit und Wille

ganz sich wagen hinzugeben,

 

schweigend, deinem Spiel und Tönen.

Ich gehe Ton um Ton mit Dir

dorthin, wo sich Zeit und Ewigkeit versöhnen.

Und kehr, verwandelt so, zurück ins Hier.

 

 

12. Oktober 2018

Der wohl am häufigsten geäußerte Satz nach “ der Wende“, da sich die Möglichkeit auftat, seine Stasi-Akte einzusehen: „Unmöglich … Das hätte ich von X. nie gedacht.“  So vielleicht sinngemäß.

Zersetzung eines Menschen und seiner auf Vertrauen ruhenden Beziehungen zu sich selbst und anderen, wie es z.B. in der Serie „Weissensee“ nachgestellt ist.

Kein schlimmerer Zusammenbruch als der Einsturz des Vertrauens.

 

 

 

11. Oktober 2018

 

Wie verletzlich war von weitem –  im Auto sitzend die „Breite Straße“ im Spätnachmittagsverkehr passierend – der Anblick der Menschlein hoch oben in einem Karussell, welches die Attraktion der Herbstkirmes ist. Kein gewöhnliches Kettenkarussell, sondern eines, das sich langsam um einen beleuchteten Mast herum in eine Höhe von ca. vierzig Meter hochschraubt, während die Menschen in den offenen Sesseln des Karussell in Schräglage am Himmel rotieren. Im Auto vernahm ich nicht die spitzen Schreie, die Ausrufe der Wagemutigen, sah nur die gegen die tiefstehende goldene Oktobersonne die Silhouetten und die hervorstehenden zappelnden Beinchen der zahlreichen Karusselfahrer.

In früheren Jahren stand an derselben Stelle immer ein gigantisches Riesenrad, dieses profanisierte Abbild des mittelalterlichen Schicksalsrades der Göttin Fortuna.

O Fortuna,
rasch wie Luna wechselhaft und wandelbar, ewig steigend
und sich neigend:
Fluch der Unrast immerdar ! Eitle Spiele,
keine Ziele,
also trügts den klaren Sinn; Not, Entbehren,
Macht und Ehren schwinden wie der Schnee dahin. (Carmina Burana Nr.17, 13. Jh.)

Das Glücksrad reißt in raschem Lauf Fallende ins Dunkel,
einen trägts hinauf:
hell im Lichtgefunkel
thront der König in der Höh…

(Carmina Burana Nr. 16, 13. Jh.)

 

Nun also ein neuer Kitzel : das Erlebnis nicht nur des Höhenfluges, sondern auch der Fliehkraft. Die Menschen, die sich darauf einlassen – wohl gesichert durch metallene Bügel, die sie vor dem Herausfallen aus den an lediglich zwei dünnen Ketten angehängten Sitzen bewahren – finde ich wahrlich mutig. Liefern sie sich nicht der Technik und ihren  Bedienern und Handlangern des Fahrgeschäftes aus, vertrauen der Festigkeit der Materialien, dem TÜV, der sein „Ja“ gab, der Aufmerksamkeit der Bediener dieser Vergnügungsmaschinerie?

Der Reiz – auch des Riesenradfahrens –  liegt in der Verwandtschaft zum Fliegen und zu Blicken und Ausblicken, die sonst nur den Vögeln vergönnt sind. Auch die starr synchrone Bewegung der Sessel hat entfernte Verwandtschaft zum synchronen Flug eines Vogelschwarms, etwa von Tauben …

In hoher Geschwindigkeit drehten sich die Sessel um ihr Zentrum, die bunt blinkende Säule, und diese wurde mir für Momente ein Abbild unserer Sonne, um die ihre Planeten in musikalisch-proportionierten Abständen kreisen, unsichtbar jedoch die Ketten, die haltenden Kräfte, die unsere Erde, den Mond, die Venus usw. in ihren Umlaufbahnen und Abständen zueinander halten.

Und auch hier das Verletzliche, vom Weltall aus gesehen und oft beschrieben: unser blauer Planet, zart und sehr zerbrechlich, mit den Kontinenten, die gleich Embryonen in den Weltmeeren wie in Fruchtwasser schwimmen.

 

 

Orion, das markante Wintersternbild vor Sonnenaufgang im Osten: die Reinheit der Unendlichkeit „wehte“ mich an. Wären wir Menschen sinnesbegabt für elektromagnetische Strahlen und Wellen, so würden uns die Sterne und ihre Bilder wohl verborgen bleiben, so dicht eingesponnen scheint mir die Erde in diese Strahlungen unserer elektrischen und magnetischen Netzwerke.

Wie aber wird der Falter – unsere Erde – dann aussehen, der aus dieser elektromagnetischen Verpuppung, diesem künstlichen Kokon dereinst ausbricht und daraus ausschlüpfen wird? Und: Wie wird das sein? Welche Kämpfe und Stürme werden damit einhergehen wenn die virtuelle Welt untergehen wird?

 

 

 

 

8. Oktober 2018

 

Im Alltagsstau

Sollen, Müssen, Termine, Abwasch, Müll und Kompost entsorgen, Anrufe, anrufen, Banküberweisungen, Post lesen und beantworten, Handwerker bestellen, Benzin tanken, Einkaufen, Auspacken, Kochen, Spülmaschine ausräumen und befüllen: der Alltagsstau, in dem ich auf meinen Weg gegangen werde. Innerer Stillstand.

So verließ ich diesen Stau, ließ alles liegen und ging durch den Wald am Seeufer entlang, wo die untergehende Sonne sich spiegelte und am Himmel ein stilles aber gewaltiges Feuerwerk erschien.

Goethe: Wer nicht vorwärts geht, geht rückwärts finde ich trotzdem (trotz wem? ) zu apodiktisch. Wie oft floh gerade er aus Weimar: nach Italien, nach Jena, nach Dornburg,  entfloh dem familiären Treiben in seinem Haus, entfloh seiner Frau, dem Hof, entfloh in seine vielen Verliebtheiten, Leidenschaften (auch die des Sammelns), um sich in der Fähigkeit zu lieben erneut und erneuert zu finden …

Welcher deutschsprachige Schriftsteller aber hat wohl im Geiste Goethes das Hohelied der Liebe als Wachstums- und Erneuerungskraft reiner, abgeklärter und zeitloser gesungen als Adalbert Stifter in seinem „Nachsommer“?

 

 

 

 

5., 6. und 7. Oktober 2018

Was hat der seit Urzeiten bis heute wirkende und wirksame Schamanismus mit moderner Technik zu tun? Die Verbindung sind Krafttiere bzw. deren Symbole, z.B.: Kranich (Lufthansa), Pferd (PS), Esel (Fahrrad), Maus (Computer), Adler (Schreibmaschine), Schwalbe und Vespa (Motorrad), Ente und Käfer (Kultautos der 60er und 70er Jahre), Falck (Rettungsdienst in Schweden), Tümmler (so hieß das Segelboot Albert Einsteins, mit dem er die Seen rund um sein Sommerhaus in Caputh befuhr) …

 

 

 

3. Oktober 2018

VOM WESTEN NACH OSTEN – eine „Begegnung“ mit Goethe

 

 

29./30. September 2018

 

Das hörende und sehende Herz

Magdalena Kožená, der Dirigent Václav Luks und das „Collegium 1704“ in Potsdam

(Lesezeit 5′)

Ich tappte im Dunkeln, tastete mit vorgestreckten Armen und Fingern wie mit Fühlern, tastete vorsichtig Schritt für Schritt, mit meinen Füßen den Boden ab, lauschte angestrengt, um irgendetwas von dem Unbekannten, was da in der Dunkelheit an mich herankam, zu begreifen, zu verstehen … und saß doch zugleich wie festgebannt in meinem Sitz. Mein Verstand begann heftig zu arbeiten, er schnitt meinen Kopf förmlich vom Rest meines Körpers ab, der mehr und mehr zum Anhängsel zu verkümmern schien. Verstand denn irgendjemand von den vielen anderen Menschen im Saal etwas von dem, was die Sängerin auf der Bühne sang? Die Glücklichen, die ihr Programmheft mit Texten und Übersetzungen vor Augen hatten! Denn sie konnten verstehen, was die berühmte Primadonna da, teils händeringend und mit tragischer Miene, teils schelmisch lächelnd oder durch Koloraturen rasend und bebend, zum Ausdruck brachte … .

Ein Kitzeln im Hals war das erste Zeichen, das mein Körper mit seinen Etagen unterhalb meines Hirns setzte. Einzelne Worte,  Seufzer und melodische Aufschreie – „Se la morte“, „Ombre, cure, suspetti!“ oder „Cosi, cosi mi tratti?“ verstand ich erleichtert. Aber wie ein ganzes Programm durchstehen, wenn man, wenn überhaupt, nur einzelne Worte vernimmt aber nichts versteht und erkennt aus der Flut von Worten und Tönen? Ich begann mich mehr und mehr wie ein Statist zu fühlen. Dort die Musiker, die Sängerin, hier ich – getrennt von mir selbst, als würde ich angestrengt in ein Schaufenster starren, in dem ich  immer nur mein eigenes Spiegelbild sähe.

Beginnt nicht unser Körper sich zu wehren, wo der Verstand, die Verengung und Erstarrung der eigenen Wahrnehmung, die damit aufhört, Wahrnehmung zu sein, derartig übermächtig wird?

In diesem Moment begann er,  sich  eines Hustenteufelchens als Helfer zu bedienen, welches in meinem Hals und in meinen Bronchien – ein, zwei Etagen tiefer also als mein Hirn – mit einem spitzen Gegenstand meinen Schlund reizte, kitzelte und piekste. Jeder tiefere Atemzug drohte zu einem katastrophalen Ausbruch zu führen. Es hieß tapfer sein, Luft anhalten oder zumindest sehr flach zu atmen, was den Hustenteufel aber nicht beeindruckte. Er traktierte mich derart, dass mir das krampfhafte Festhalten des Atems die Tränen in die Augen trieb. Merkten die neben und hinter mir Sitzenden etwas von meinem bevorstehenden Erstickungstod, dem ich nur noch durch eine beherzte Flucht würde entgehen können? Aber warum stand ich nicht einfach auf, ließ mich gehen und flüchtete? Der Ausgang war nicht weit entfernt, ein Notausgang im wörtlichen Sinne, der Gang dorthin war frei, aber doch den Blicken einer Hundertschaft von Menschen ausgesetzt. Wollte ich mich den vermeintlich verächtlichen Blicken und Gedanken über diesen hustenden Banausen, als den ich mich nun mit einem inneren „Jetzt reiß dich doch mal zusammen!“ fühlte und der sich nicht in den Griff bekam, nicht aussetzen?

Noch spielte ich den Helden, aber in Wahrheit sehnte ich nichts mehr herbei als das rettende Ufer, den Schlussakkord, dort, wo Applaus und Jubel aufbranden und meinen Hustenanfall übertönt würde. Jedoch:  das konnte dauern, Land war keineswegs in Sicht. Wann endlich würde sie fertig sein, diese schluchzende, furiose Sängerin und der elektrisiert und unter Hochspannung insistierend fuchtelnde Dirigent …

Mittlerweile waren auch die unteren Stockwerke meiner Körperfestung von mehreren Hustenteufeln erreicht, ich ruckte hin und her, legte eine Hand auf  meine gepresste Brust. Ruhe bewahren, gaaaanz ruhig bleiben …Dort irgendwo musste sich doch mein Herz befinden, das ich aber nicht fühlte, denn es war furchtsam zusammengeschnurzelt wie ein Luftballon, aus dem die Luft entwichen ist. Das Bild hinkt jedoch gewaltig, denn: hier konnte ja eben nichts entweichen …

Hätte ich nur ein Programmheft in der Hand gehabt, etwas für meine Augen zum Lesen, zum Begreifen und etwas zum Festhalten für meinen Verstand. Aber ich tappe im Dunkeln –„Cosi, cosi mi tratti …?  – fühle  Erbitterung – oder vielmehr: ich huste den Veranstaltern etwas, die nicht in der Lage sind, Programmhefte für einen Abend mit „Stars international“ in ausreichender Anzahl zu drucken. Sie und niemand sonst sind Schuld an meinem Hustenanfall und daran, dass diese Musik zu meinem Gegner geworden ist. 

Ich blicke gequält auf die Streicher. Für Momente erkenne ich mit einem Anflug von Erstaunen, was sich im Innern des Schaufensters abspielt, in dem ich mich bis dahin nur selbst gespiegelt gesehen hatte. Was die Finger und Arme der Musiker an Bogenstrichen und Griffen da vollführen – synchron wie ein Schwarm Stare am Abendhimmel – ergibt Klanggesten  – Wirbel, Saltos, Sprünge, Kaskaden und Lachsalven, Tränenflüsse oder wehe Seufzer –   erschafft eine seidig-glänzende Hülle aus unfassbar reinen Harmonien und leuchtenden Farben, denen Logik und tanzende Verbindung, genauso aber auch Brüche und Überraschungen innewohnen – ein wild entschlossenes, akrobatisches Drängen, das um die Gestalt der Sängerin herumwirbelt, dann wieder sich an ihre schlanke, in ein blaues Gewand gehüllte Gestalt anschmiegt, sie streichelt, ihr liebkosend durch die blonden Haare streicht, sie beschirmt oder den Himmel über ihr öffnet, zu dem sie ihre Augen aufschlägt …

Immer noch verstehe ich kein Wort von dem, was sie singt, aber jetzt – als hätte der Dirigent Magnesium und Phosphor in die Glut geworfen – sprüht eine feurige Lohe auf, fällt wieder zusammen, eine Flamme züngelt, wird wiederum knisternd größer, schlägt hoch hinauf mit lodernder Helle und Gluthitze …

Doch so jäh, wie die Flamme aufschoss, so plötzlich ist auch wieder geschrumpft – nur noch ein in sich zusammengefallenes Flämmchen jetzt, ängstlich flackern, bebend, aufzuckend, nahe am Verlöschen, flüsternd … „Che dolce foco in petto oltre  I‘ usato io sento …“

Ich höre ein lautes Klopfen, ein schlagendes Herz …Tod der Liebe, Liebe des Todes, des Sterbens; eine Geliebte, die ich zu meinem größten Erstaunen plötzlich hoch oben an der Decke des Saales schweben sehe wie in einem Gemälde Chagalls. Sie schaut entrückt auf die rasenden Leidenschaften, das tiefe, in sich versunkene Trauern und Lacrimosa, das Lebenstableau ihres eigenen Liebens, Hassens, eifersüchtigen Verlangens, Sehnens und Verlierens, das durch ihren Körper und ihre Stimme hindurch weht wie ein Sturm ..

Arianna, Maria dolorosa, Angelica, Dido, Ero … , all diese leidenschaftlichen, legendären  Frauengestalten mit ihren Kostümen, Masken, Staffagen, Marmorbildern und Gemälden stoßen diese Sängerin, der Dirigent und sein Orchester um, zerbrechen, zerwühlen, zerreißen sie, um sie auf Neue in Fleisch und Blut wieder zu gebären: von Augenblick zu Augenblick, von Ton zu Ton, von Akkord zu Akkord, von Rezitativ zu Arie und von Arie zu Rezitativ – in einer Musik, in der Leben und Tod, Licht und Schatten,  Frühlingssehnsucht, Sommergluten, Herbststürmen und Winterstarre um die Menschenseele ringen und kämpfen …

Meine Ohren beginnen, den Raum weiter und weiter zu öffnen, den die Klänge und Farben der Musik geben und nehmen –  ihre Zäsuren, die Abgründe der Stille zwischen dem Windzügen des Atmens, den gezackten Schlägen, Stichen und den zuschnappenden Atemgeräuschen des Dirigenten, auf die die Streicher mit scharfen Attacken antworten … Anläufe und Bremsungen, Anläufe, Absprünge, ein wirbelnder Flug oder ein selig reigendes Schweben, das aus den vereinten Bogenbewegungen und dem eilenden, unfassbar leichten Tanz der Fingerkuppen auf den magischen Punkten der schwarzen Griffbretter der Violinen entspringt …

Spätestens hier war es, dass ich des synchronen Übersetzers oder Souffleurs in mir gewahr wurde. Schwerlich aber hätte ich ihn bemerkt, wenn ich auf die gedruckten Texte fixiert gewesen wäre, denn der Blinde – der, dem die Augen verbunden sind, ist gezwungen, lauschen zu lernen und mit noch einem anderen Organ als dem Ohr hinzuhören, denn wer anderes wohl als mein Herz hätte dieser Übersetzer und Souffleur sein können, der mir Verstandesblinden zur Hilfe gekommen war … Ich hatte ein anderes Augenlicht bekommen: aus dem „Écoute avec le coeur“ war nach und nach das „Voir avec le coeur“ geworden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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