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Resonanzen

26. März 2020

Ob die derzeitige Zäsur wohl in die Geschichtsbücher eingehen wird? Schon seit geraumer Zeit, da die Rückkopplungen zwischen Virus und Angstvirus immer schriller werden, werden nicht nur historische Vergleiche zu früheren, einschneidenden desaströsen Situationen gezogen, sondern auch ein imaginärer Punkt in der Zukunft anvisiert, von dem aus man – gleich „Erinnerungen aus der Zukunft“ – z.B. über den derzeitigen Kahlschlag des freischaffenden Künstler- und Unternehmertums debattiert und unbürokratisch Hilfen leistet, um den Lauf zum noch Schlimmeren aufzuhalten. Die zukünftigen Forschungen von Sozialhistorikern u.a. zu sozialdarwinistischen Experimentiersituationen und zu gewissen Verhaltensauffälligkeiten von uns Konsumenten werden vielleicht auch die Aufmerksamkeit darauf richten, dass es eine auffällige Korrelation gegeben hat zwischen dem aus den Regalen der Supermärkte verschwundenen Klopapier und den gigantischen Summen Geldes, die die Staaten ausschütteten … .

 

Den Untergang der „Costa Corona“* im thyrenischen Meer vor der Insel Giglio im Jahre 2012  könnte man dem Untergang der „Titanic“ im Jahre 1912 vergleichen. Dieser galt schon bald als Fanal des Untergangs einer ganzen Epoche; zwei Jahre später mähten die Sensen des 1. Weltkrieges, des Völkermordes an den Armeniern und die spanische Grippe die alte Welt und ihre ausgehöhlten Werte nieder.

Die mit über viertausend Menschen voll besetzte „Costa Corona“ schrammte ohne Not – lediglich durch eine leichtsinnig-unterhaltsame Laune des Kapitäns bedingt – über den Felsengrund vor der Isola del Giglio, wurde auf einer Länge von 70 Metern aufgerissen, bekam Schlagseite, um – von unterseeischen Felsen festgehalten – zur Hälfte zu versinken. Havarierte hier nicht eine ganze Wohlstandswelt und Wohlstandsepoche, die trotz aller Mahnungen und weiteren katastrophalen Fanalen – beispielsweise die 634 ertunkenen Flüchtlinge vor Lampedusa am 3. und am 11. Oktober 2013 – unbekümmert weiterbetrieben worden ist?

*(es handelte sich natürlich in Wahrheit um die „Costa Concordia“. Wie sieht es mit der Concordia der europäischen Staaten aus?).

 

 

Annäherungen an die perfekte, unsichtbare Diktatur: wenn der Mensch beginnt, über sich selbst fremd zu bestimmen.

 

 

 

 

25. März 2020

 

Zwei Fundstücke

„Nichts ist dem Menschen unerträglicher, als in völliger Ruhe zu verharren, ohne Leidenschaften, ohne Tätigkeit, ohne Zerstreuung, ohne Hingabe. Dann fühlt er sein Nichts, seine Verlassenheit, sein Ungenügen, seine Abhängigkeit, seine Ohnmacht, seine Leere. Sofort steigt vom Grunde seiner Seele die Langeweile auf, die Niedergeschlagenheit, die Traurigkeit, der Kummer, der Verdruss, die Verzweiflung.“

 

„Fürchtet euch nicht, vorausgesetzt, dass ihr euch fürchtet. Wenn ihr euch aber nicht fürchtet, dann – fürchtet euch!“

(Blaise Pascal, 1623 – 1662)

 

 

 

Der Geist in der Flasche

Die Wirklichkeit nimmt den Charakter des Unwirklichen, Spuk- und Geisterhaften an.                 Immer w i r k samer,  präsenter und gestaltungsmächtiger hingegen wird das Unwirklich-Irrationale, das Pseudologische, das Paranoide, Zwang- und Maskenhafte. Fanale gab es zuvor übergenug, aber in deren Wahrnehmung hat die Trägheit der Herzen und die Agonie des „Denkens des Herzens“ überwogen.

Eine Kunst des Sehens und Hörens könnte z.B. darin bestehen, die Fanale unserer Zeit mit „stereoskopischem Blick“ und in ihren Zusammenhängen zu erkennen, wie etwa: Die strickte Schließung der Grenzen innerhalb Europas, die gegenseitige Abschottung aus „Vorsicht, Angst, Schutz und Vorbeugung“ einerseits und die gewaltsam durchgesetzte Abschottung gegen laufengelassene Kriegsopfer  an der griechisch-türkischen Grenze; hunderte, tausende von Schiffbrüchigen und ertrinkenden Flüchtlingen einerseits und das vor einigen Jahren ohne Not havarierte Kreuzfahrtschiff vor Lampedusa andererseits; Volkswirtschaften und eine Wohlstandswelt, die sich wesentlich über ihre Waffenschmieden und Exporte nähren und tragen, mit denen jene Kriege und Vertreibungen wesentlich mit ermöglicht werden, die Hunderttausende in die Flucht treiben … .

Eine mechanistische, fabrikmäßige und antibiotikagestützte Tierhaltung und Naturzernutzung, die sich (als Beispiel) – wie 2019 in China geschehen – die Keulung von 200 Millionen(!) Mastschweinen (von insgesamt ca. 400 Millionen) leistet, um einer Seuche Herr zu werden, der durch die Massenfleischerzeugung erst der Boden bereitet wurde – und andererseits u.a. die Schwächung der menschlichen Immunsysteme mitfördert … usw.

Das kritische Maß ist längst schon voll und der atmosphärische Druck auf die Sicherungs- und Einschläferungssysteme der Wohlstands- und Wachstumswelt war übermächtig. Das erwartete Unerwartete ist eingetreten: der Geist ist aus der Flasche.

 

 

 

 

 

20. März 2020

Geburtstagsständchen für J. S. Bach:

„McBach’s Frolics“

Antje Jansen – Fiddle und Jürgen Motog – Piano

 

Zelter über J. S. Bach an Goethe am 9. Juni 1828

… „so bin ich oft geneigt, ihn gerade hier zu bewundern, mit welcher heiligen Unbefangenheit, ja mit apostolischer Ironie ein ganz Unerwartetes heraustritt, das keinen Zweifel gegen Sinn und Geschmack aufkommen lässt. Ein „passus et sepultus“ führt an die letzten Pulse der stillen Mächte; ein „resurrexit“ oder “in gloria die patris“ in die ewigen Regionen seligen Schmerzens gegen die Hohlheit des Erdentreibens. Dies Gefühl aber ist wie unzerreißbar, und es möchte schwer sein, eine Melodie oder sonst ein Materialbuches davon mit sich zu nehmen. Es erneut sich nur, ja es stärkt sich verstärkt sich bei Wiederholung des Ganzen immerfort.
Bei alldem ist er bis daher noch abhängig von irgendeiner Aufgabe. Man soll ihm auf der Orgel folgen. Diese ist seine eigentliche Seele, der er den lebendigen Hauch unmittelbar eingibt. Sein Thema ist die eben geborene Empfindung, welche wie der Funke aus dem Steine allenfalls aus dem ersten zufälligen Fußtritt aufs Pedal hervorspringt. So kommt er nach und nach hinein, bis er sich isoliert, einsam fühlt und dann ein unerschöpflicher Strom in den unendlichen Ozean übergeht.
So ungefähr hat sein ältester Sohn Friedemann, welcher hier gestorben ist, die Sache mit seinen Worten wiedergegeben. „Gegen diesen bleiben wir alle Kinder.“
Nicht wenige seiner größeren Orgelsachen hören endlich wohl auf, aber sie sind nicht aus: bei ihnen ist kein Ende.
So will ich denn auch hier aufhören, so viel noch zu sagen wäre. Alles erwogen, was gegen ihn zeugen könnte, ist dieser Leipziger Kantor eine Erscheinung Gottes: klar, doch unerklärbar.
Ich könnte ihm zurufen: „Du hast mir Arbeit gemacht
Ich habe dich wieder ans Licht gebracht.

 

 

 

 

Heimkehr

Am Horizont spannte sich der leuchtende Lichtbogen der Morgenröte, welcher den seit fernsten zeitlosen Zeiten aufrollenden Sonnenball immer aufs Neue ankündigt.
Stampfend, rollend, ratternd und zitternd am ganzen stählernen Leib wendete sich das Fährschiff mit seinem Bug dem Anleger zu, und als es sein Wendemanöver geendet hatte, nahm es Fahrt auf, vorbei an den schier endlosen zementierten zyklopischen Kaianlagen, vertäuten Frachtschiffen, Kränen und Türmen, den aufgestapelten Röhren und Rotoren künftiger Windräder, den Lagergebäuden und Schuppen, den Werfthallen und Asphaltstraßen, gesäumt von tausend künstlichen Sonnen, deren nüchterner Schein im zunehmenden Lichte des aufkommenden Tages allmählich verblasste.

In dem offenen Fensterausschnitt des Autodecks, einem Bilderrahmen gleich, erstaunte ich über ein Gemälde hoher Transparenz  an  räumlicher und zeitlicher Tiefe, einer Partitur gleich, lebendig und klingend: Polyphon und doch harmonisch, voneinander gesondert geführte zeit-räumlich verfließende Bewegungen, unterschiedlichen Stimmen und Klangfarben gleich; Sonnen- und Erdbewegung, ein dem Schiff Geleit gebender gaukelnder Zug von Vögeln: der stählerne Koloss, der scheinbar synchron zum Sonnenlauf an der steinernen Maschinenwelt vorüber auf den Anleger zuglitt, und ich selbst, ruhend inmitten dieser ungleichen Bewegungen und Lebensrhythmen, die doch alle einem Thema und einer Harmonie zu folgen schienen …  einem tönend-bewegten Aquarell gleichend, in dem jedes und jeder miteinander verbunden waren: Naturelemente, Menschenwerk, der jakende Möwenschwarm, das wolkendurchleuchtende, raumschaffende Licht und mein kleiner Ichpunkt, ein jedes mit seiner Zeit : Glück der Zugehörigkeit zu einem Ganzen, im Morgenglanz des Hier und Jetzt.

Neben mir wie aus dem Boden gewachsen stand ein Vater mit seinem kleinen Sohn auf dem Arm. Er sprach wenige Worte in einer mir fremden wohlklingenden Sprache zu seinem Jungen, und darin schwang unmissverständlich die Schönheit des Morgenglanzes mit.

Aus dem Lautsprecher erscholl jetzt blechern und kratzend die Aufforderung, sich in die Fahrzeuge zu begeben. Ich war wieder zurück …

 

 

 

 

 

 

 

19. März 2020

Im Krisenmodus

Klima
Klimaaktivistin
Kleinklima
Klimahysterie
Klimastreik
Klimastreit
Klimawandel
Klimakurve
Klimasprung
Klimademo
Klimakrisensitzung
Klimaretter
Klimarettung
Klimagefahr
Klimaanlage
Klimakatastrophe
Klimawechsel
Klimafeinde
Klimakiller
Klimazerstörung
klimafreundlich
klimafeindlich
Klimaschutz
Klimaschützerin
Klimaschützer
Klimapolitik
Klimakonferenz
Klimakrise
Coronakrise

 

Die Liebe der Erde

Wir suchen Seine Nähe nicht.
Wir suchten zu entfliehn,
Verbargen uns vor Ihm
in unseren Höhlen,
bedeckten uns mit Feigenblättern,
kletterten hoch
auf dichtbelaubte Bäume
oder kauerten
im Schatten ihrer Stämme,
unter Dächern und Decken;
machten Es unsichtbar mit Scheuklappen,
hielten unter Wasser den Atem an
fast zum Ersticken,
immer in der Hoffnung,
Es gehe vorüber,
ohne unserer gewahr zu werden.
Doch untrüglich und sicher
fand Es mich, dich
und jeden noch.
Komm, fass meine Hand,
ich geb Dir meine!
Und auch, wenn Du es lässt –
so oder so sind wir verbunden:
in Ihm, dem Leid,
dieser Liebe der Erde
zu uns flügellosen Engeln,
voller Sehnsucht
nach dem Himmel auf Erden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

8. Februar 2020

Die Mühle von Blomsterhult PDF 2

(Lesezeit ca. 10 – 15′)

 

3. Februar 2020

 

An den Wind

Brausest wieder übern See
wilde Gischt und Schaum.
Lösest endlich mir mein Weh
auf im weiten Raum.

Wenn an diesem Wintertage
Wolkengrau dich flieht,
singst du alle trübe Klage,
was mir schwere wiegt …

Alles Halbe, und was klein,
machst du ganz und gar,
und ich werde, so all-ein,
meiner selbst gewahr.

Alles Klagen, banges Fragen
wehst Du fort von mir.
Alles Lieben, alles Wagen
nehm ich an von Dir.

Steig ins Boot nun, setz die Segel,
gälte es mein Leben,
Ich verlasse sichre Regel,
Dir ganz hingegeben:

Dir, der Wellenberge baut!
Selig, sich hinaus zu wagen!
Selig, wer den Winden traut,
und den Wellen, die ihn tragen.

(Goethe lässt grüßen)

 

26. Januar 2020

Winterfrühling

So hoch der Tag,

so überweltlich licht

der blaue Dom.

Reglos der Wald.

In kahlen Wipfeln

pocht ein Specht.

Spiegelklare schweigt der See,

der fernen Ufer dunkle Säumung

von dort, wo sich der Abend naht,

und vor mir Silberschilf, Geäst und Stämme,

die dann und wann vom Sturme fielen,

gleich Riesen, die nun stumm vergehen;

Reifend in solchem Glanz

zu Wandel und zu Neubeginn

fühl ich die Welt.

Sie lauscht, sie sehnt, sie leuchtet sich

dem Licht entgegen,

und meint auch mich.

 

 

 

19. Januar 2020

Eine Begegnung mit Benno Pludra (1925 -2014)

(Lesezeit ca. 4′)

„Ja, geht klar, ich freue mich drauf!“ Benno Pludra, einer der meistgelesenen Kinder-und Jugendbuchautoren der damaligen DDR und späteren BRD, bekräftigte zum Abschied noch einmal unsere Verabredung für eine Lesung im HAUS DER KLÄNGE. Ich hatte ihn nach vorausgegangenen brieflichen und telefonischen Kontakten in seinem gemütlichen, erinnerungsträchtig eingerichteten Haus im Norden Potsdams aufgesucht, und mit ihm Einzelheiten zu seiner geplanten Lesung zu besprechen.

Er lebte dort allein, unterstützt von einem freundlichen Pfleger, der drei Mal am Tag aufkreuzte. Doch nicht ganz allein: schon während meiner kurzen Wartezeit an der Haustürklingel ließ sich sein Mitbewohner lautstark und lebhaft vernehmen. Als der betagte Hausherr mir dann die Tür öffnete, zog sich der bellende Leibwächter eiligst trippelnd ins Innere der Wohnung zurück. Im nächsten Augenblick jedoch tauchte seine Schnauze wieder hinterm Türrahmen auf. Aus dunklen Augen fixierte das Hündchen mich misstrauisch. Erneutes, lautstarkes Ankläffen, damit ja klar war, wer hier Herr im Hause ist. Pludra beruhigte seinen aufgeregten Beschützer, und dieser blieb nun im folgenden Verlauf des Gesprächs immer um uns – mal ruhig zu unseren Füßen ausgestreckt, dann wieder unvermittelt aufspringend, um mich ein ums andere Mal zu beschnüffeln.

Wir hatten im Wohnzimmer Platz genommen, wo mein Blick auf einen schmalen Bucheinband fiel: „Bootsmann auf der Scholle“. Es war eine verlagsfrische Neuausgabe dieses Kinderbuchklassikers, daneben lag der Verlagsprospekt des Middelhauve-Verlags, der Pludras Bücher nach der Wende neu aufgelegt hat.

Es war dasselbe Buch, das mir im Sommer auf Hiddensee im Schaufenster der Koralle-Buchhandlung aufgefallen war – Hiddensee, diese immer wieder inspirierende Insel, mit der der Schriftsteller tief verbunden gewesen war (er hatte in Vitte ein Sommerhaus), und deren Spuren und Atmosphäre in vielen seiner Bücher zu spüren ist. Ich erzählte ihm von meiner Erstbegegnung mit seinen Geschichten auf Hiddensee in der „Koralle“, wo auch die Erstausgaben seiner Bücher ausgestellt waren, und wie dort die Idee entstanden war, ihn zu einer Lesung einzuladen. Seine blauen Augen hinter der charakteristisch geformten Brille blitzten auf, als er den Namen „Caputh“ hörte. „Aah! Caputh – da ist es schön!“

Ich blickte mich um. Seine Liebe zum Meer zeigte sich in vielen Bildern, Stichen, maritimen Gegenständen und Schiffsmodellen in dem erinnerungsträchtigen Zimmer. Sein Arbeitszimmer jedoch war das nicht mehr. „Wenn nichts mehr in der Kiste ist, kann ooch nüscht mehr rauskommen,“ antwortete er lakonisch auf meine Frage, woran er gerade schreibe. Aber – lesen, ja, das könne er noch, wenn auch nicht mehr vor Schulklassen, das sei ihm zu anstrengend. Ich konnte ihn beruhigen. Zu seiner Lesung im HAUS DER KLÄNGE würden wohl sicherlich mehr Erwachsene als Kinder kommen – Erwachsene, die mit seinen in der einstigen DDR und auch nach der Wende weit verbreiteten Büchern und Verfilmungen besondere und schöne Erinnerungen verbänden und daher den zurückgezogen lebenden Autor gerne einmal persönlich erleben würden.

Nun kam der 85-Jährige ins Erzählen – von Hiddensee, seinem Besuch der Seemannsschule in Hamburg als Sechzehnjähriger, von seinem Wunsch, Kapitän zu werden und von den Fahrten auf einem Schiff der Handelsmarine. Auch Lehrer sei er für kurze Zeit gewesen, aber das sei nichts für ihn gewesen. Das Meer, die Küste und ihre Menschen, die Seefahrt, das Inselleben und der Fischfang ergaben die Motive und Gestalten in den Geschichten Pludras. Der ferne Horizont, die Weite und Freiheitsgefühl weckende Landschaft am Meer bildeten dabei einen bedeutsamen Horizont für die Phantasie des Schriftstellers, der im Alter jedoch in einem sehr klein gewordenen Lebenskreis beheimatet war. (Kurz nach meinem Besuch erlitt Benno Pludra einen Schlaganfall, der ihn in Folge zwang, sein Haus als Wohnort aufzugeben und in eine betreute Wohneinrichtung zu ziehen. Dort wohnte er Tür an Tür mit unserer Großmutter).

Die Gemälde mit maritimen Motiven mussten natürlich mit umziehen – sie atmeten noch die Weite, ebenso wie das Schiffsmodell des Viermasters „Padua“, auf dem er als knapp Zwanzigjähriger zur See gefahren war.
„Die Berge sind etwas Zerbröckelndes, Vergehendes,“ sagte er, „aber das Meer ist immer wieder neu. Das wäscht uns später vielleicht sowieso mal weg …“.

Beinahe hätte er genau dies als Neunzehnjähriger erlebt: einfach weggespült zu werden, nachdem die Padua von einem Torpedo getroffen worden war. Pludra hatte das knapp überlebt, aber das fürchterliche Geschehnis hatte die Haare des jungen Mannes innerhalb kürzester Zeit weiß werden lassen … .

(Benno Pludra verstarb vier Jahre später, am 27. August 2014.)

 

 

 

11. Januar 2020

Winterfrühling

Draußen herrschen bei Sonnenschein Temperaturen um 12 Grad. Helles, unbekümmertes Getriller und Schlagen der Meisen klingrn in der Luft. Aus dem Geäst einer hohen  Douglasie sind andere, nie gehörte und leisere Töne zu vernehmen. Sollten etwa Stare schon wieder da sein? Nach einiger Zeit entdecke ich den unbekannten Sänger – ein alter Bekannter ist es, der sich meist an goldenen Oktobertagen einfindet – ein Emigrant aus den Wäldern, der die Gärten mit ihren alten Walnussbäumen aufsucht und sich an den abgeworfenen Nüssen gütlich tut. Im Wald kennt man ihn als lautstarken Schreck und Schreihals, dessen scharfen Augen nichts verborgen bleibt. Jetzt aber dringen Laute aus seiner Kehle, die ich bei ihm  kaum für möglich gehalten habe: zärtlich-kosend, melodisch-flötend, gurrend und lyrisch-parlierend… Wo verbirgt sich die Angebetete, der diese Poesie eines Winterfrühlingstages gilt?

Doch Irrtum – hier genügte sich der Eichelhäher selbst. Ein Gespräch, ein Gesang mit und für sich selbst, geboren aus dem Wohlbehagen unter einem blauen, klaren Himmel nach Tagen von nassem Grau in Grau … .

 

 

 

 

6. Januar 2020

Was die Sonne singt

Was ist Wahrheit? Diese Frage, die nach den Sternen, ja dem ganzen Weltall ausgreift – sie beginnt schon im kleinsten Alltäglichen, oder auch im Innern der Zellen und Moleküle. Und in deiner, in meiner, in unser aller Einstellungen zueinander und gegeneinander beginnt sie gleichfalls, nimmt von dort ihren Ausgang, ihr Wachstum, ihre Fortpflanzung. Die Sonne singt dazu: Ich bin die Wahrheit und das Leben.

 

 

 

Ein Stein, vom Herzen fallend: ein kleines Ostern.

 

 

5. Januar 2020

Das Geheimnis der „eigenen Bestimmung“ liegt in unseren Begegnungen, im Erlebnis vom Du und Ich (Zenta Maurina). Jede Begegnung ist mehr oder weniger Reflektion, Brechung der Urbegegnungen am Anfang jeder menschlichen Biographie.

Mutter und Vater als Themen einer Doppelfuge, die ich dann durchs Leben hindurch entwickle und durchführe.

 

Der „stereoskopische Blick“ (Ernst Jünger)

Der Blick ins Räumliche der Zeit und ins Zeitliche des Raumes; das Farbliche des Klangs und der Klang der Farben; das Sehen des Gehörten und das Hören des Gesehenen, das Berührende der Töne und der Ton der Berührung; das Schmecken eines Erlebnisses und das Erlebnis eines Geschmacks … usw.

 

 

4. Januar 2020

Geistige Kurzschlüsse

deutsch – national – rechts – rechtsradikal – nationalististisch – Nazi – …

 

 

 

3. Januar 2020

Entleerung und Beliebigkeit

„Wir sind mitten in einer industriellen Revolution. Das ist aber nicht die erste, die wir hatten.“ … So der Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer. Sein Kollege, der Industriepräsident Dieter Kempf:“Die digitale Bildung in den Schulen muss vorangebracht werden. Es ist aus meiner Sicht völlig unzureichend, dass es heute keine ausreichende digitale Bildung in den Sekundarstufen gibt. Das heißt nicht, dass alle programmieren können. Aber wir müssen die jungen Menschen zur digitalen Souveränität erziehen.“

Gutes Beispiel für die Beliebigkeit der Benutzung und Kombination sinnentleerter Begriffe, mit den man suggestive Schlagwortwirkungen zu erzielen sucht. Erinnert an eine Phrasendreschmaschine.

 

 

 

 

1. Januar 2020

 

Fundstück

Aus dem Nachlass des Grafen C. W.

 

Wunderliches Wort: die Zeit vertreiben!

Sie zu halten, wäre das Problem.

Denn, wen ängstigts nicht: wo ist ein Bleiben,

wo ein endlich Sein in alledem?

 

Sieh, der Tag verlangsamt sich, entgegen

jenem Raum, der ihn nach Abend nimmt:

Aufstehn wurde Stehn, und Stehn wird Legen,

und das willig Liegende verschwimmt –

 

Berge ruhn, von Sternen überprächtigt; –

aber auch in ihnen flimmert Zeit.

Ach, in meinem wilden Herzen nächtigt

obdachlos die Unvergänglichkeit.

(R. M. Rilke)

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