Aufsätze zur Musik und Natur

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Musik: Komposition  „Nordlicht“ (von J. Motog) basierend auf einer alten finnischen Melodie, gespielt auf der 38-saitigen finnischen Konzertkantele. Aufnahme September 2001, Brüderkirche in Lippstadt.

1.“Die Vögel sind das Gegenteil der Zeit“ – Beobachtungen und Gedanken zum Gesang der Amsel „Die Vögel sind das Gegenteil der Zeit …“ | Sein.de Brandenburg

 2. DIE MUSIK DER VÖGEL – Vögel in der Musik – ein Vortrag gehalten während Sommerakademie des Bundesamtes für Naturschutz und der Universitäten Kiel und Tübingen auf der Insel Vilm/ Rügen am 12. 7. 2017

3. MUSIK DER VÖGEL – Vögel in der Musik Teil 1

4.MUSIK DER VÖGEL und der Menschen Teil 2

5. KRANICHE  – BOTEN DES GLÜCKS

 

EWIGES WORT, EWIGER SANG –                                                                                Betrachtungen über wahrscheinlich unsterbliche Werke

  1. „Der Mond ist aufgegangen …“

Geht der Mond heutzutage anders auf als vor der ersten menschlichen Mondlandung im Juni 1969 ? Sehen wir ihn mit anderen, ernüchterten Augen an? Wurde die Entzauberung unseres Planeten und der ihn umgebenden Himmelskörper durch des „Sehers Rohr“(Schiller) nicht längst schon vor Jahrhunderten in verketzterter Heimlichkeit von Einzelnen begonnen?

Von der titanenhaften, raketengestützten bemannten und mittlerweile auch beweibten Raumfahrt an einer vorläufigen Grenze vollendet, scheint jedoch die Entromantisierung und Entmythisierung der Welt an einem schlichten Lied wie „Der Mond ist aufgegangen“ sanft abzuprallen. Dem geheimen Zauber dieses seit Generationen besungenen Mondaufganges scheint die Entseelung der Welt durch die funktionalistisch- digitalisierte Weltsicht nichts anhaben zu können.

In den kleinen Tonschritten und mit ihrem gleichmäßig schreitenden Herzschlagmetrum der Vertonung des 1847 geborenen Kirnbergerschülers Johann Abraham Peter Schulz („Ihr Kinderlein kommet“, „Wir pflügen und wir streuen“) – erschienen in der Sammlung „Lieder im Volkston, bey dem Claviere zu singen“ (1790) – scheint alle Zeit der Welt beschlossen und geschenkt zu sein. Ursprünglich hatte der Dichter Matthias Claudius seine Dichtung mit der wunderbaren Melodie des Paul -Gerhardt –Liedes „Nun ruhen alle Wälder“ unterlegt.

Wie urvertraulich tönt es aus diesen klangewordenen Worten und den wortgewordenen Klängen. Das unruhig-ängstliche Kleinkind ebenso wie der reife, auf andere Weise und von vielerlei anderen Mächten beunruhigte Mensch höheren Alters vermögen sich wiederzufinden in diesem schlichten Tongemälde.

Ein Wörtchen aber fehlt in den sechs Strophen gänzlich –das Wort Ich. Und doch ist ein „Ich“ hier präsent und dicht verkörpert. Es macht Dich und mich – Euch und uns – aufmerksam, hindeutend auf eine Welt im Außen und auf die eigene Welt im Innern – doch so sanft abgewogen, so gelassen ausbalanciert, dass das sprechende und tönende Ich des Dichters Matthias Claudius und das des Komponisten Johann Peter Abraham Schulz, gleich weit entfernt scheinen von einer luzid-übersteigerten Innerlichkeit der Seele einerseits und andererseits der blassen Nüchternheit einer veräußerlichten Naturbetrachtung, die mehr und mehr auf Schall und Rauch von bloßen informellen Benennungen und funktionalisierten Definitionen baut.

Wie heilsamer Balsam vermag das Lied in unsere singende und zugleich lauschende Seele einzuströmen. Es singen kann auch bedeuten: jemandem fühlbare Zeit schenken: dem Kinde beim Einschlafen, einem Chor, einer Gruppe von Menschen, sich selber. Gelassenheit, Geborgenheit werden fühlbar, ja, und auch Einsicht, die sich in die Seele einsenkt, wie ein Same ins Erdreich:

„Seht ihr den Mond dort stehen/ er ist nur halb zu sehen…“ . Da wird unser nächster Himmelskörper zum Gleichnis unserer oft so fatalen halben Wahrheiten, der gelebten wie der nicht gelebten Wahrheiten. Wie oft ertragen wir „stolzen Menschenkinder“ die sichtbaren oder unsichtbaren Hälften der Wahrheit, die ganzen Wahrheiten nicht, bestehen vielmehr darauf, dass unsere kleine, halbe Wahrheit die alleinige ganze und gültige sei …

Wie gut tut demgegenüber das „Verschlafen und Vergessen “, in dem viel eher ein „Dürfen“ denn ein „Sollen“ anklingt. Wir dürfen verschlafen und vergessen, was uns tagtäglich als fürchterliche halbe oder auch nur viertel Wahrheiten im Schein der Bilder als wahrscheinlich dargeboten wird … .

Aber was ist eigentlich das „richtige Wollen“, um zu „dem Ziel“, das der zehn Jahre vor Bachs Tod (1750) geborene Matthias Claudius, von Beruf Dichter und Jounalist, noch im Auge hatte, zu kommen? Hat uns nicht die Sicherheit verlassen, dass wir uns auf ein sinnerfülltes Ziel zuzubewegen vermögen, wenn wir nur wollten? Wo könnte diese Sicherheit – wiederum- zu finden sein?

Unsere vielen Künste und Künstler, die großen, sternenhaften Namen – was verheißen, was wissen sie darüber? „Wir stolzen Menschenkinder …, und wissen gar nicht viel…“ .
Vielleicht wäre Claudius, dieser aufgeklärte Dichter und Journalist im Fahrwasser Lessings und Herders, wenn er noch einen Schritt weitergegangen wäre, beim „Faust“ und dessen faustischer Grundhaltung des „Habe nun, ach…“ innerlich angekommen …
Singen jedenfalls, verehrter Matthias Claudius, kannst du nicht gemeint haben mit diesen vielen Künsten, Künstlichkeiten und Abstraktionen, die uns „weiter von dem Ziel“ abbringen. Denn Singen scheint selbst gleichermaßen Weg wie zugleich Ziel für uns Menschen zu sein – ein Ziel, das im Gehen des Weges allein schon seine heilsame Erfüllung findet. (2015)