EIN VORSPIEL

 

 

 Präludium

von Jürgen Motog

Soweit ich mich zurückerinnern kann, haben sie mich erstaunt, aufhorchen lassen, berührt, immer wieder auch gepackt oder abgestoßen: Klänge, Klangfarben und das Wort – das, was einem Klang Ordnung, Rhythmus, Sinn und Schönheit verleiht und diesen dadurch vom zufälligen Geräusch unterscheidet.

Und bei unseren frühesten akustischen Erfahrungen im Leben – im Ozean des Mutterleibes – sind die für uns wichtigsten Klänge, an denen wir uns orientieren und Urvertrauen entwickeln, Klänge, die vom gesprochenen oder gesungenen Wort herrühren: Die mütterliche (und – nicht gleichermaßen direkt – auch die väterliche) Stimme, die wir schon in einem sehr, sehr frühen Stadium der vorgeburtlichen Entwicklung über dem Beat des Herzschlages und dem Atemrhythmus wahrnehmen, ja, hören w o l  l e n.

Klang, Rhythmus,Schönheit und Sinnfülle verbinden uns mit der Welt, öffnen uns,  bauen Brücken zwischen ICH und DU, schaffen und tragen – wie z.B. beim gemeinsamen Singen oder beim Tanz – ohne Zwang ein WIR, an dessen Welle jedes ICH mitbaut, aber zugleich von derselben Welle getragen wird.

Klang und Rhythmus mischen uns in den Strom der Zeit, ins Leben hinein … ob, wie und was wir überhaupt außerhalb des Stromes der Zeit zu hören vermögen, (also v o r unserer Geburt und na c h unserem Loslassenmüssen vom Körper im Tode), darüber gibt es  eine unabsehbare Menge von Beweisführungen, Abstreitungen, Behauptungen, Erfahrungen, Zweifeln, Skepsis, Glaubens- und Unglaubenssätze.

Ich glaube, dass allem, was sich darüber in der „Welt unserer fünf Sinne“ sagen, erzählen und ausdrücken lässt, Bedingtheiten und damit Grenzen gesetzt sind, aber sind wir nicht alle als Menschen mit einer wunderbaren Gabe ausgestattet: mit der Neugier und dem  Mut eines abenteuerlichen Herzens ?

„Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt“ – dieser Gedanke von Ludwig Wittgenstein war einer meiner Schlüsselerlebnisse im ansonsten eher langweiligen Philosophieunterricht des Gymnasiums …, denn: gilt dann nicht auch die Umkehrung dieses Satzes: Erweitere deine Sprache, dann erweiterst Du auch deine Grenzen, deinen Horizont …

Und: Die Grenzen meiner Klangwelt – dessen also, was ich hören kann und vernehmen will – sind die Grenzen meiner Welt. (Das wussten und wissen z.B. nicht nur die afrikanischen oder indianischen Heiler, Schamanen und Musiktherapeuten, sondern auch die Doktrinierer und Verführer in Politik und Werbung wohl zu allen Zeiten: mit Klängen können sie tief und zweckbestimmt in die Physis und die Psyche einwirken, und  Menschen damit manipulieren und zugleich begrenzen – und diese also ihrer Freiheit, ihres Bewusstseins berauben.)

Es gehört zu uns Menschen, dass wir uns mit Vorliebe in Sicherheit schenkenden Grenzen bergen, uns darin beschränken und uns daher – oft schleichend – nicht mehr wirklich auszudrücken und zu zeigen vermögen … Und doch: wir können gerade darum auch auf der Suche sein und irren, wie z.B. ein Herbert Grönemeyer in seinem Lied „Mensch“ oder ein Goethe das im „Faust“ besungen haben.

Dagegen: Fanatisches oder ängstliches Beharren, erstarrte Vorurteile, Absolutheitsansprüche, mentale Freiheitsberaubung –  in welcher Form von Konfession, Ideologie oder Spiritualität auch immer – haben Menschen zu allen Zeiten bis heute massenhaft und schier maßlos ins eigene und fremde leidvolle Unglück getrieben …

Alles, womit Sie, womit D u  auf diesen Seiten mit seinen verschiedenen Themen fündig  werden kannst, beruht auf diesen zwei „Keimblättern“ von WORT und KLANG, gründet sich auf meine Suche nach dem Sinn von WORT und KLANG, ihren Kräften, ihrer Wirkung, ihrer Schönheit, ihrem mehr oder weniger künstlerischen Ausdruck; umkreist, umspielt, variiert und sucht sie womöglich zu vertiefen und will dazu einladen, damit in Resonanz zu gehen und des eigenen „Klanges des Lebens“(Alfred Tomatis) gewahr und vielleicht bewusster zu werden …                                                                            

                                                                                                 Jürgen Motog, im Januar 2018

„Mcfarleys Reel“, irish trad., arr. für Fiddle/Orgel, Antje Jansen – Fiddle, Jürgen Motog – Orgel

 

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