Spiegelungen im Hier und Jetzt von Tag zu Tag – von Jürgen Motog

 

Siehe auch die vergangenen Einträge im „Archiv der Spiegelungen“

 

 

25. April 2019

Fundstücke

Der gebürtige Bottroper August Everding (1928 – 1998) über seine Heimatstadt:

„Um den Bottroper kennenzulernen, sollte man in die Kirche gehen. Oder aber, man besucht die Vereine. Aber um den Bottroper wirklich kennenzulernen, muss man auf den Markt gehen. … Die Menschen hier sind nicht so verschlossen wie in Hamburg. Hier lebt man gern, feiert man gern. Hier singt man gerne. Auf der anderen Seite ist man jedoch nicht so öffentlich wie die Franzosen. So ist es eine schöne Mischung eines lebendigen, aber nie quaterigen Menschen, der zuviel von sich hergibt. … Viele Menschen sind zwar spießig und bürgerlich, aber es regte sich immer etwas in dieser Stadt. … Nie war es langweilig. Sie finden hier die meisten Männerchöre, wunderbare Kirchenchöre. Aber Sie finden hier auch Kegelclubs und Kunstbegeisterte.“ (August Everding war u.a. Intendant der Hamburger Staatsoper, der Bayrischen Staatsoper und Generalintendant der Bayrischen Staatstheater.)

120 Jahre früher, als Bottrop noch das Bild eines Dorfes abgab und vom Bergbau noch wenig geprägt war, sagte Mutter Spiekenboom über die Zeit um 1860 kurz und bündig:“Do kranken de Welt noch nich an de Krankheit wä so volle Menschen Menschen opfrätt, de sogenannte Kultur!“ (In etwa: Da krankte die Welt noch nicht an der Krankheit, die so viele Menschen auffrisst, die sogeannte Kultur)

 

23. April 2019

Was ist ein Wunderkind? In erster Linie wohl jemand, der in seiner Kindheit das Glück hatte, von anderen Menschen für voll genommen und erkannt zu werden. Die Geigerin Patrizia Kopachinskaja auf die Frage, ob ihre mehrsprachig aufwachsende kleine Tochter ein Wunderkind sei: „Sie ist kein Wunderkind, aber sie ist ein Wunder!“

 

20. April 2019

J. S. Bachs Passionschoräle: Lichtspeicher.

 

 

6. April 2019

Auf dem Werbeplakat einer großen Bank vier junge, strahlende Banker:„Wir finanzieren Ihre Träume.“

Ob die Umkehrung dieses Satzes nicht wahrhaftiger wäre:“Wir träumen von Ihren Finanzen!“…  Und ihre gebleckten Zähne verwandelten sich in die von Haifischen …

 

 

5. April 2019

Fundstück

„Es ist nicht modern was ich mache, aber auch nicht akademisch. Es ist eben sehr ich.“ (Die Malerin Lotte Laserstein (1898 -1993)

 

 

3. April 2019

Religionsbekenntnisse und Konfessionen: ein großer vielstimmiger Chor, Fugen und Kontrapunkte singend, von Gott dirigiert.

 

 

2. April 2019

Humanität und Musik

Musik kann – vor allem da, wo sie perfektionistisch gemacht wird – ohne Humanität auskommen und betrieben werden,  aber der Humanist wird niemals ohne Musik in seinem Leben auskommen.

Fundstücke

Betrachten wir sonach die Kunst als Lebensfaktor von unermeßlicher Bedeutung, als Erzieherin zur freien harmonischen Persönlichkeit, so müssen wir als wichtigste soziale Forderung empfinden, den im Menschen schlummernden Künstler zu erwecken.“

Victor Ullmann (1898 -1944), „Entarteter“ Pianist, Dirigent und Komponist, Jude, Deutscher, Anthroposoph …

 

Die Musik zieht alle Künste groß, kodiert alle Wissenschaften, haucht unter den Sprachen, akkreditiert die Gesellschaften, inspiriert jedes Denken, besser noch: rhythmisiert, umhüllt und verbreitet unsere Beweggründe und die geregelte, aber unerwartete Aufeinanderfolge der Zahlen; unter ihr, hinter ihr, zwischen ihr und diesem weitgefassten Mysterium, das alle Geheimnisse in sich birgt. Wer es entdeckt, spricht virtuell alle Sprachen und vernimmt alle Stimmen der Welt.“

(Michel Serres, französischer Philosoph, geb. 1930 in seinem Buch „Musik“)

 

 

 

 

Wünsche und Erwartungen sind ungebetene Gäste, die den anderen geladenen Gästen bei Tische ungefragt alles wegessen.

 

Es gibt Dinge, für die ist einer angeblich zu jung. Und es gibt dieselben Dinge, für die einer irgendwann – angeblich – zu alt ist. Wer aber ist der Angeber?

 

 

1. April 2019

Ein Feinschmecker mit der Vorliebe für die Haare in der Suppe.

 

Ein schlechter Kritiker ist jemand, der stets zu viel Salz in eine Suppe tut, so dass er sich einer Aufmerksamkeit sicher sein kann, die eigentlich zuerst dem Künstler und seiner Leistung gebührt.

 

Ein noch schlechterer Kritiker: der mit seinen Worten seinem Hören vorauseilt.

 

Wie wohl ein Kirchenchor klänge, der von einem Generalmusikdirektor geleitet würde?

Und umgekehrt: Höchststrafe für einen Generalmusikdirektor, der seine Musiker durch autoriäres Gehabe schikaniert: lebenslänglich einen katholischen Kirchenchor übernehmen müssen …

 

Einer, der einen anderen mit ausgesuchter Höflichkeit ins offene Messer wohlgesetzter Worte rennen lässt.

 

Musik als schwingendes Luftmenu‘ .

 

Nähe zwischen Menschen wächst in dem Raum, den Du freizugeben vermagst zwischen Dir und dem Andern. Nähe wird verhindert durch Wünsche, die sich in Erwartungen verstiegen und verhärtet haben.

 

 

 

 

23. März 2019

In einen Traum eingehüllt sein wie die Raupe in ihren Kokon. Wer bin ich dann beim Erwachen? Und wer ist der Andere?

 

 

21. März 2019

Kurzinterview

Die Frau mit dem Mikrophon in der Hand bewegte sich zielstrebig auf mich zu, gefolgt von einem großen, schwarzen Kameraauge auf zwei Beinen. Da gab es kein Entrinnen.  Mit einem geschult strahlenden Lächeln begann sie: „Heute ist der Welttag des Glücks. Was bedeutet für Sie Glück?“

Da brauchte ich nicht lange nach einer Antwort suchen:„Begegnung!“ Sprach’s und ging meiner Wege. Ich sehe noch ihren Gesichtsausdruck, der im Versuch zu verstehen für eine halbe Sekunde erstarrte. Wie hätte ich mich ihr denn verständlich machen können? Indem ich ihr meine Begebenheit an der Fähre (s.18.3.2019) geschildert hätte …?

 

 

18. März 2019

Zwei Begegnungen

Ich öffnete die Haustür und bat den Erwarteten einzutreten. Einen Moment stand er zögerlich da, schaute mit fragendem Blick schräg an mit vorbei, als erblicke er jemanden im Hintergrund des Hausflures, dann nocheinmal. „Waren Sie schon einmal hier?“ fragte ich ihn. „Nein, in diesem Leben noch nicht“, kam die spontane Antwort. Ich stieg in dieses Gedankenspiel ein. „Aber vielleicht im nächsten  … nein, ich meinte, im letzten Leben schon mal … nein, kann nicht sein –  da stand dieses Haus ja noch nicht.“ Meine Korrektur hatte er aber wohl überhört und er entgegnete ernst und doch im selben leichten Ton wie ich, wo er im nächsten Leben sei, könne er jetzt noch nicht wissen, wahrscheinlich aber ganz woanders auf diesem Planeten.

Nachdem er seine Arbeiten verrichtet hatte, sagte er beim Abschied:“Na dann bis in einem Jahr, bleiben Sie gesund!“ Sprach’s und reichte mir seine rußgeschwärzte Hand, unerwartet und unaufdringlich, und während ich sie nahm und schüttelte, fügte er lächelnd hinzu: „Soll ja Glück bringen!“

Alles, seine Kippa, der angegraute Haaransatz darunter, das gedrillte Stahlseil mit der Kette daran und den schweren eisernen Birnen, die in der Morgensonne glänzten, als er sich sein Werkzeug über die Schulter hängte – alles schien in diesem Augenblick aufgeladen, irgendwie hindeutend auf etwas, was ich in diesem Augenblick aber nicht in Worte zu fassen vermochte und auch jetzt noch nicht. Irgendein verborgener Sinn schien sich zeichenhaft bemerkbar machen zu wollen, gleichsam zwischen den Zeilen des physischen Händedrucks, des Wort- und Blickwechsels, so, als wäre er hinter seiner Erscheinung eigentlich ein ganz Anderer, in der Kostümierung eines Kaminkehrers unterwegs. Vielleicht war es aber einfach nur das Glück, das er durch seine Anwesenheit mit eingelassen hatte, das ihm gefolgt war, und das nun in der Morgensonne bei mir verweilte, während er in sein Auto stieg und, nocheinmal winkend, davonfuhr …

 

Herzsprünge

Schon von weitem, vom anderen Ufer aus hatte ich sie gesehen, doch noch unsicher, ob s i e  es wirklich sei. Meine Augen schauten gleichsam im Konjunktiv, halb wünschend, halb real. Doch noch war die andere Seite zu weit weg, um zwischen Einbildung und Wirklichkeit unterscheiden zu können. Ich stieg aus, entfloh für die Dauer der kurzen Fährüberfahrt der Enge meines Autos  und lehnte mich an die Reling, der durchbrechenden Sonne, dem Wind, dem endlich wieder aufgerissenen, leuchten-blauen Himmel zugewendet, schloss die Augen, das Licht mit zurückgelegtem Kopf trinkend. Oder sammelte ich mich nicht vielmehr wie für eine bevorstehende Prüfung?

Ein kurzer, wie zufällig hingeworfener Blick zum Anleger aber gab mir jetzt Gewissheit, und zugleich setzte in meiner Brust ein pochender Rhythmus ein, eine Musik, die zuvor im Piano eines spannungsgeladenen Akkordes auf Auflösung wartete, oder als hätte ich vor etwas Lampenfieber in seiner überwältigenden Mischung aus Angst und tiefer Freude … Und auch sie hatte mich entdeckt, vielleicht – auf dem Präsentierteller des Autodecks – schon länger und gewisser als ich ich sie. Doch spielte das jetzt, da ich, die Fähre verlassend, auf sie zufuhr, keine Rolle. Denn da war nun nichts mehr von Konjunktiv, nichts von „Wenn und Aber“, nur die Freude an den geschenkten, gegenseitig geschenkten Augenblicken, dem aufleuchtenden Erkennen und den einander zuwinkenden Händen, während ich an ihr, die auf die Fähre gewartet hatte, vorüberfuhr …

 

Samenkorn eines Gedichtes

Das Auge, das dich sah. Herz und Seele, die dich fühlten, mit dir schwangen. Und die Hand, die dies wiedergab.

 

 

Meine Augen sind das Flügelpaar eines Vogels mit Namen Ich. Die Augen, denen ich begegne, sind die Flügel des Vogels Du.

 

 

 

 

17. März 2019

 

„Ich will geliebt sein oder ich will verstanden sein. Das ist eins.“ Bettina von Arnim (geb. Brentano, 1788 -1859)

 

Am Grab dieser außergewöhnlichen Frau im Schlosspark zu Wiepersdorf

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Inschrift: „Die Flügel schenk dem abschiedsschweren Geist, dass er sich leicht der schönen Welt entreisst.“ (Achim von Arnim in „Die Kronenwächter“).

 

 

An Bettina  von Arnim

 

Wie oft geliebt? Wie oft verstanden?

Wie oft gehofft, gewartet und gesehnt?

Wie oft gewagt? Wie oft geflohn?

Wie oft begehrend ? Wie oft verirrt?

Wie oft so sicher? Wie oft getäuscht?

Wie oft gewusst? Wie oft vergessen?

Wie oft gebrannt? Wie oft verbrannt?

Wie oft verstehend? Wie oft verstanden?

Wie oft begehrt, wie oft erfüllt?

Wie oft gestillt –

geliebt und liebend?

 

 

 

16. März 2019

Die Geigerin Patricia Kopachinskaja über Schönberg und die heutige Musikarchäologie:

Patricia Kopachinskaja im Interview:

 

 

 

Fundstücke

Der Dekan der Universität Straßburg Stöber im Juni 1772 über einen seiner Studenten:

“ …. dieser hat eine Rolle hier gespielt, die ihn als einen überwitzigen Halbgelehrten und als einen wahnsinnigen Religionsverächter nicht eben nur verdächtig, sondern ziemlich bekannt gemacht. Er muss, wie man fast durchgängig von ihm glaubt, in seinem Obergebäude einen Sparren zuviel oder zuwenig haben. Um davon augenscheinlich überzeugt zu werden, darf man nur seine vorgehabte Inauguraldissertation „De Legislatoribus“ lesen, welche selbst die juristische Fakultät …. unterdrückt hat; weil sie hier nicht hätte können abgedruckt werden anders, als dass die Professoren sich hätten gefallen lassen, mit Urteil und Recht abgesetzt zu werden.“

Dieser „Halbgelehrte und aberwitzige Religionsverächter brauchte wohl  diesen „einen Sparren zuviel oder zuwenig in seinem Oberstübchen“,  um in dieser Zeit nicht nur seine Dissertation zu verfassen, sondern auch den „Götz von Berlichingen“ und zwei Jahre später den „Werther“ zu dichten, um mit diesen Dichtungen zwar kein Jurist, aber zum europaweit gefeierten, anerkannten Autor namens Johann Wolfgang Goethe zu werden … . Wer kennt heute noch den damals mächtigen Dekan Stöber?

 

Ungefähr zur selben Zeit erkennt Wilhelm Heinse denselben jungen Mann so:

 “ ...ein schöner Junge von fünfundzwanzig Jahren, der vom Wirbel bis zu Zehe Genie und Kraft und Stärke ist; ein Herz voll Gefühl, ein Geist voll Feuer mit Adlersflügeln, der in der unerschöpflichen Fülle des Ausdrucks stürmt.“

 

 

13. März 2019

Generalprobe zu Bach’s  Johannespassion in der rituellen Inszenierung von Peter Sellars in der Berliner Philharmonie, eine Voraufführung vor einigen hundert Menschen. Der Evangelist Mark Padmore leistet dabei Phänomenales. Er singt die Evangelistenpartie  vollständig auswendig, bewegt sich zudem im Raum, begleitet, kommentiert stumm, trägt und impulsiert das ganze Riesenwerk mit seinen Einsätzen, den abgründig gesetzten Pausen … . Nein, er singt nicht auswendig. Er lebt diese Musik inwendig und, ja, er erschafft geradezu visonäre Bilder: so muss es gewesen sein.

Probeneindrücke (zum Lesen anklicken):

BACHS JOHANNESPASSION in einer rituellen Inszenierung durch Peter Sellars, die Berliner Philharmoniker unter SimonRattle und den Rundfunkchor Berlin unter Simon Halsey (2014)

 

 

12. März 2019

Dialog

Wie gerne besäße ich den Schlüssel zu Deinen Ängsten. Ich würde unverzüglich die Käfigtüren öffnen und sie freilassen.“

„… .“

„Ja, ich weiß. Einige verlassen sogar den Käfig erst gar nicht, auch wenn die Türen Tag und Nacht sperrangelweit offenstehen. Und andere kehren alsbald zurück.“

 

 

 

 

Wie gehen doch Fähigkeiten, die Du nicht übst und frisch erhältst, nach und nach verloren. Sie verlassen  dich: Fingersätze, motorische Abläufe, die du traumwandlerisch beherrscht  hattest … Bruchstücke sind noch übrig. Immerhin ein Trost, dass Du alles  auch nach Jahrzehnten wieder heraufholen kannst, wenn auch mühsam. Oder nicht vielmehr: müh s e l i g? Schönes Wort, das Mühe und Seligkeit vereint.

 

Mühsal: darin steckt die Würze des Lebens, sein starker Geschmack: Sal= Salz.

Sal“ aber ist auch mit „Sol„= Sonne wortverwandt.

 

 

 

 

6. März 2019

Handschrift des Schicksals

Die Handschrift des Schicksals in den Physiognomien der Menschen. So gleichen die Eindrücke der vielen, unbekannten vorübergleitenden menschlichen Antlitze – etwa im Foyer eines Konzertsaales oder auf einem Bahnhof –   einem unbekannten Buch, nicht selten in einer gänzlich unbekannten Sprache geschrieben … . Doch in einigen wenigen Büchern beginnst du sofort neugierig-gespannt zu lesen. Ein – zugegeben seltener – Blick nur schlägt sie auf.

 

5. März 2019

Welch ein Musiker und Dirigent! Einer, der sich völlig in der Musik vergisst. Einer, der zum Kind wird, springt, lacht, der vor der Musik Carl Philipp Emanuel Bachs, Mozarts oder Haydns zutiefst aufschreckt und andere erschreckt. Einer, der seine Aufregung nicht „cool“ überspielt. Dem das distanzierte Gehabe des teils sehr verwöhnten Berliner Auditoriums  ganz egal ist: Die Vielen, die ihn überheblich belächeln in seiner kindlich anmutenden, heftig ausbrechenden Freude, seinem Humor, seiner Lebhaftigkeit, seiner buchstäblichen Springlebendigkeit, seinem von der Musik übervollen Herzen: ein Siebzigjähriger mit der Ausstrahlung eines Siebenjährigen, wenn er sich in die Brandung und das Meer der Musik wirft … „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder …

Und: „Der Mensch ist da ganz Mensch, wo er spielt.“ (Und wie kann dieser Mensch namens Ton Koopmann Orgel und Cembalo spielen!)

 

4. März 2019

Hand, Mund und Herz

Welch eine Virtuosin auf der Harfe! Ihre schlanken Hände – gleich einer besonderen Art von vielfüßigen Tieren, flink und ungeheur zielsicher – eilten, strichen, rührten, griffen  in die Saiten ihres vergoldeten Instrumentes – eine erstaunliche Harfenistin ging hier zu Werke, schön und schlank im langen blauen Kleid mit seinem Faltenwurf, wie bei einer der klassischen Mädchenskulpturen Schadows. Ihr Partner – ebenfalls französischer Herkunft wie sie – umwarb sie mit seiner vergoldeten Querflöte. Ein Liebesspiel ist dieses Konzert für Harfe, Flöte und Orchester C-Dur von Mozart, ein beständiges Werben, Verfolgen, Flirten, ein Sich-Vereinigen und wieder Lösen, lebhaft, temperamentvoll, leidenschaftlich, jubelnd und überschäumend, im langsamen Mittelsatz auch voller ernster, sehnsuchtsvoller Nachdenklichkeit und tiefer, träumerischer Ruhe. Von manchen Kritikern wird dieses Stück als oberflächlich und vergleichsweise unbedeutend abgetan. (Sagt das möglicherweise nicht auch etwas über diese Kritiker aus?)

Am Ende, unter der warmen Dusche des Beifalls in der Berliner Philharmonie, nahm der Flötist – ein ebenfalls gutaussehender, temperamentvoller Virtuose – spontan die rechte Goldhand der Harfenistin und drückte sie an seine Lippen – heutzutage eine ungewöhnliche, ja fast ausgestorbene Geste, erst recht auf einem Konzertpodium. Das Publikum quittierte diese Galanterie mit deutlich anschwellendem Beifall und Geraune.

Und die schöne Harfenistin? Was tat sie, schlagfertig, nein, kussfertig wie sie war? Sie drückte dem Flötisten zu dessen freudigem Erstaunen einen Kuss auf seinen Goldmund … die verdiente, einzig wahre Antwort und der einzig wahre Schluss dieser berauschenden Musik Mozarts …

 

 

(So  h ä t t e  es eigentlich enden müssen … doch  i h r  Kuss  auf den Mund des Flötisten – blieb nur ein flüchtiges Bild zwischen Tag und Traum, das zur Wirklichkeit werden w o l l t e, aber es nicht schaffte. Der Riese Tutmannicht war stärker …).

 

 

 

1.März 2019

Ein Muskel, den Du nicht benutzt, verkümmert. Und so ist der  Film zwar nicht der Tod des Traums, aber er ist der Tod des Träumens.

 

 

 

 

26. Februar 2019

Gibt es einen anderen Monat, in dem die Lichtfülle der länger werdenden Tage so überwältigend wirken kann wie im Februar? Noch dazu bei einer Wanderung in der ausgedehnten  Havelaue, die an die Marschen Niedersachsens oder Frieslands erinnert? Der Strom, den Fontane so oft beschrieben hat, ist gesäumt von breiten Schilf und Bruchwaldgürteln. Ein Deich folgt seinem unbegradigten Verlauf. Dahinter: monotones, monochromes Grasland, von mit dem Lineal gezogenen Entwässerungsgräben und Kanälen durchschnitten. Hier waren keine Künstler, Landschaftsgestalter am Werk vom Range eines J.P. Lenne‘ sondern kühle, berechnende Landschaftstechniker, Funktionalisten. Aber dem leuchtenden Himmel, der über diese Landschaft herrscht, können sie nicht beikommen. Immer wieder feierten diesen Himmel Kolkraben, der Busshard; die ersten Formationen von Zugvögeln waren zu sehen. Deren Zeichnungen am Himmel gleichen rätselhaften Handschriften, während die Kondensstreifen der zahlreichen Flugzeuge einer Druckschrift gleichen.

 

 

24. Februar 2019

 

Winterfrühlingstag

 

So hoch der Tag,

so überweltlich licht

der blaue Dom.

Reglos der Wald.

In kahlen Wipfeln

pocht ein Specht.

Spiegelklare schweigt der See,

der fernen Ufer dunkle Säumung

von dort, wo sich der Abend naht,

und vor mir Silberschilf, Geäst und Stämme,

die dann und wann vom Sturme fielen,

gleich Riesen, die nun stumm vergehen;

Reifend in solchem Glanz

zu Wandel und zu Neubeginn

fühl ich die Welt.

Sie lauscht, sie sehnt, sie leuchtet sich 

dem Licht entgegen,

und meint auch mich.

 

 

18. Februar 2019

Traumbegegnung auf der Zeitmembrane mit Nikolaus Harnoncourt. Nach einem anregenden Gespräch verabschiedeten wir uns mit einem verbindlich-herzlichen  „Auf Wiedersehen am nächsten Sonntag beim Konzert“.  Dabei ergriff mich zugleich mit der Freude Traurigkeit: wir hatten ein Wiedersehen verabredet, das es nach meinem Erwachen nicht geben konnte und geben würde …

 

 

IMG_20190209_1539589. Februar 2019

„Götter des Olymp“ im Museum Barberini in Potsdam: statuierte Exempel überhöhten Menschentums.

 

 

 

Winterstern

4. Februar 2019

Schneeflocken: in Wasser konserviertes, kristallisiertes Licht.

 

 

1. Februar 2019

Die Schwerkraft als Teil der Weltordnung. In der Weltordnung ist aber auch eine „Leichtkraft“ (vielleicht nicht zufällig wortverwandt der Lichtkraft). Sichtbar wirkt die Leichtkraft z.B. in den Bäumen, die das immer wieder unbegreifliche Wunder ihrer Statik bewirkt.

Wenn du Dinge, Angelegenheiten, dich selbst wieder ins Lot bringst – etwas, was aus dem Lot geraten war –  so ordnest du sie in die Ordnung, in die Harmonie deiner Welt oder der Welt in größerem Maßstab wieder ein. Das schafft eine erneuerte, innere Statik.

Eine ebenso einfache wie tiefsinnige Imagination ist es,  die „1“ – als Ausdruck der Einheit – als Senkrechte darzustellen, in ihrem Streben nach „Oben“ noch verstärkt durch die links angesetzte Hälfte einer Pfeilspitze. Als räumliche Geste ist die „1“ viel mehr als nur Ausdruck, Zeichen für ein Quantum. Sie ist Symbol des Ausgleichs, der Verbindung und Harmonie zwischen „Oben“ und „Unten“ innerhalb einer möglichen oder tatsächlichen Weltordnung, die sich – von der „Eins“, der Einheit, in die Vielheit auffächert und ausdifferenziert.

 

31. Januar 2019

Die Resistenz Rechtgläubiger. Sie zementieren ihre Standpunkte dadurch – das Wortpaar Lüge – Wahrheit benutzen diese Leute dabei auffallend häufig – , dass sie u.a. Verschwörungen aufzudecken vorgeben,  heimliche, verheimlichte, letzte Ziele und Methoden unbekannter Mächte oder Fädenzieher: häufig Projektionen und Wunschvorstellungen, geboren aus Demütigung, Ohnmacht und Machtgier, und die ihre bedeutungssteigernde, reißerische, emotionsgeladene Wirkung nicht verfehlen. Da heißt es kühlen Kopf bewahren.

Beschwören „sie“ nicht z.B. immer wieder die „Lügenpresse“? Da berichtet nun kürzlich dieselbe aufgewühlte Presse über einen Anschlag auf einen rechtsstehenden Politiker, der einem nächtlichen, heimtückischen Angriff zum Opfer fiel. Da er mit einem schweren Kantholz von hinten niedergeschlagen worden sei, wird die Tat als heimtückischer, politisch motivierter Mordversuch gewertet. Nach einigen Tagen aber kommt zweifelsfrei heraus – wiederum durch Teile der „Lügenpresse“ verbreitet – dass der Politiker den „mörderischen Schlag mit dem Kantholz“  erfunden und den zweifellos stattgefundenen brutalen Angriff also erheblich dramatisiert hatte, u.a. auch dadurch, dass er ein Foto seiner Platzwunde veröffentlichen ließ. Warum wohl?

Berichtete nun der rechte Blätterwald über diese neuerliche Wendung des Falles? Nein, der angebliche Mordversuch mit dem Kantholz, der mit begieriger Empörung aufgegriffen worden war,  wird als nützliches Faktum weiter aufrechterhalten, und ihr Urheber als Märtyrer weiter benutzt. Aber:  „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“ – heißt es nicht so?

 

 

19. Januar 2019

 

Fundstück 

… „Die Führer und Handbücher teilen zungenfertig mit, dass die Große Pyramide von einem Pharao der IV. Dynastie, Khufu, von den Griechen später Cheops genannt, erbaut wurde, weil er ein erstklassiges und wirklich einzigartiges Grab, das eines Königs würdig sei, haben wollte, und dass nichts weiter dahinter ist. Und für eine bequeme, konventionelle Theorie ist die Erklärung, dass es sich nur um ein großartiges Grabmonument handle, zweifellos die beste. Sie wird unterstützt von allen bedeutenden Gelehrten der Ägyptologie, der Archäologie und der alten Geschichte; also beugen wir das Haupt vor den orthodoxen Autoritäten, und nehmen wir, was sie sagen, respektvoll hin.

Es gibt allerdings auch unorthodoxe Theorien. Die Meinungen, die um dieses alte Bauwerk aufgebaut wurden – und es sind ihrer viele – reichen vom völlig Unwahrscheinlichen bis zum wissenschaftlich Möglichen, weil die Pyramiden groß und wichtig genug sind, um als erfolgreicher Jagdgrund für Sonderlinge zu dienen …“ . (Paul Brunton in: „A Search In Secrets Egypt“. New York 1935, zitiert nach der Übersetzung von Gräfin Hilde von Schlippenbach, Zürich 1951)

 

Fundstück

„Deshalb dürfen wir aber nicht annehmen, wie einzelne „Forscher“ immer wieder behaupten, dass diese Pyramide Jahrtausende vor dem Alten Reich von Göttern oder Raumfahrern erbaut wäre und dass sie allerhöchstes Geheimwissen enthielte.“ (Dieter Kürth, em. Professor für Ägyptologie in Hamburg, Autor u.a. des Jugendbuches „Das alte Ägypten“. Erscheinungsjahr 1981, seither weitere Neuauflagen).

 

 

An der „großen Pyramide“ scheiden sich also – heute mehr denn je – die Geister, wenn es um die Frage geht: „Was ist Wahrheit?“ Als Ganzes ist sie mehr als die Summe ihrer Teile; Materie, wie sie gewaltiger, mächtiger, schwerer nie wieder künstlich errichtet worden ist, und zugleich durchdrungen von Ordnungen und geistig-ideellen Verbindungen in Räumen und Zeiten, die das menschliche Bewusstsein seit Menschengedenken zu verstehen, zu enträtseln suchte und sucht.

Selbst dann, wenn Forscher in die geheimen, unentdeckten Kammern vordringen mittels modernster Technik – mit Strahlen, Bohrern, Robotern und Endoskopkameras:  finden sie nicht dort nur ihr eigenes Nichts, ihre Gier, ihren Ehrgeiz? Monstren, Ungeheuer, erschreckende doppelgängerhafte Wesen vielleicht. Auch die sogenannten Aliens der Science Fiction im entseelten und entgeisterten Weltraum mit seinen unbekannten Himmelskörpern stellen Projektionen von Kräften dar, die in ihren Erfindern selber schlummern. Novalis‘  Jüngling zu Sais ist der Prototyp solcher Sucher und solchen Suchens und Entdeckens.

 

 

14. Januar 2019

Das Eigentliche

Der berühmte Archäologe und sein Team waren sich ganz sicher, dass sie vor einer großen, epochalen Entdeckung standen, vergleichbar wohl der des großen Schlieman. Nie zuvor in 3000 Jahren hatte jemand die unlängst mit modernster Technik aufgespürte geheime Kammer vor ihnen geöffnet, kein Grabräuber sie geschändet oder geplündert. Alles war unversehrt, und er war nun der Erste, der seinen Blick hineinwerfen und seinen Fuß hineinsetzen durfte. Und als nun, endlich, die Öffnung groß genug war und er im Innern der bislang geheimen Kammer stand, klopfenden Herzens, und er um sich blickte im Schein seiner Lampe, da realisierte er, dass der Raum vollständig leer war. Für einen Moment wurde ihm schwindlig und es schien ihm in seiner jäh aufwallenden Enttäuschung und Erbitterung, als seien Jahre des Forschens und mühseliger Kleinarbeit sinnlos, und der im Stillen erhoffte Ruhm nur eine verlöschende Fata Morgana.

Jedoch im Licht seiner Lampe und ihrem Schattenwurf begriff er plötzlich, dass die Kammer keineswegs leer war. Wie ein Blitz traf ihn, was er gewahrte –  SICH SELBST. Im selben Augenblick aber, da ihm dies geschah, entwich der Geist, den die Erbauer der Geheimkammer vor Jahrtausenden in diesen Raum gebannt hatten wie in eine Flasche, mit einem jäh aufseufzenden Luftzug durch die aufgebrochene Wand ins Freie.

 

 

 

 

9. Januar 2019

Musik hören und erleben als ein Entwicklungsgeschehen, das sich zunächst noch horizontal zielgerichtet und in einem Nacheinander bewegt. Dann verdichtet und beschleunigt sich das Geschehen so, dass die Bewegung eine Skulptur aus Klängen bildet, die im Raum steht. Dieser Raum aber hat sich zugleich verwandelt in einen Raum, der aus Zeit besteht.

 

Vergänglichkeit und Unvergänglichkeit I

 

Fundstück aus Richard Powers „Der Klang der Zeit“ (Fischer Verlag, Frankfurt 2014):

Weißt Du was Zeit ist? … Zeit ist das Mittel, mit dem wir verhindern, dass alles zugleich passiert.

Ich antworte, wie er es mich vor langer Zeit gelehrt hat, im Jahr meines Stimmbruchs: Weißt du, was Zeit ist? Zeit heißt einfach nur, dass eine bescheuerte Sache nach der anderen passiert.

Die Zeit muss man sich wie eine Vielzahl von Akkorden vorstellen. Kein Nacheinander von Akkorden. Ein gewaltiges polytonales Knäuel, in dem sich die gesamte horizontale Musik zusammenballt.“

 

 

8. Januar 2019

 

Vergänglichkeit und Unvergänglichkeit I

 

„Alles hat seine Zeit…“. 

Zumeist las ich diese Stelle aus Prediger 3, 1-15 mit der Betonung auf  „Zeit“. Das Rätsel „Zeit“, das uns Menschen umtreibt, wird jedoch, wenn ich die Betonung auf „seine“ lege,  ein wenig verschoben.  Ist aber „seine Zeit“ als  „Gottes Zeit“ gemeint? Oder ist damit die individuelle Daseinsspanne irgendeines Menschen, Wesens, Tuns oder Dinges gemeint?

 

Adalbert Stifter fragt 1866 in seinen noch sehr aktuellen Betrachtungen zu Raum und Zeit in „Der Silvesterabend“ wie es wäre, wenn vielleicht die Zeit und der Raum gar nichts Wirkliches wäre? Wenn Zeit und Raum  nur die Einrahmungen wären, in denen unsere Vorstellungen haften müssen, das Gesetz für unsere Vorstellungen, aus dem wir nicht herauskönnen?

Demnach wären Gott und andere Geister in der Zeitlosigkeit oder eigentlich Ewigkeit. Dann ist keine Zukunft, also auch kein Wissen in die Zukunft, sondern ein Wissen überhaupt, und der Zwiespalt zwischen der Voraussicht Gottes und der Freiheit unserer menschlichen Handlungen ist nicht mehr da. 

Stifter lässt diese Frage offen.

 

Der Prediger erkannte: Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch die Ewigkeit hat er in ihr Herz gelegt, da sonst der Mensch das Werk, welches Gott getan hat, nicht von Anfang bis zu Ende herausfinden könnte....

(In einer anderen Übertragung heißt es dagegen: … nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende.)

Ich merkte, dass alles, was Gott tut, das besteht für ewig; man kann nichts dazutun noch wegtun … Was geschieht, das ist schon längst gewesen, und was sein wird, ist auch schon längst gewesen; und Gott holt wieder hervor, was vergangen ist.

Entgegen allem Vergänglichkeits-Trübsinn, der eben auch seine Zeit hat, folgert der Prediger,  dass es nichts Besseres dabei gibt, als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben. Denn ein Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes.

Aber, wohlgemerkt: dies folgert er  n a c h, nicht vor seinen Mediationen.

Und Bach – früh verwaist und Vater von zwanzig Kindern, von denen neun überlebten – überzeugt  mit einer ähnlicher Haltung – mit einem heiteren, lebenszugewandten musikalischen Gestus im lichtdurchfluteten Eingangschor seiner berühmten Kantate      „G o t t e s  Zeit ist die allerbeste Zeit.

Seine Musik gleicht den alten Kirchenfenstern, die du von Außen anschaust, die aber von Innen her durchleuchtet sind, oder umgekehrt, wenn die Sonne von Außen ihr Licht durch die farbigen Fenster bricht und dabei das Maßwerk, die silhouettenhaften Muster der einrahmenden Steine dunkel, ja schwarz erscheinen. Sie gleichen dem Verlustschmerz, der Trauer, die Bach sein Leben lang begleiteten. Der Engel des Todes, der Bach umarmt hielt.

 

 

1.Januar 2019

 

Fundstück

 

„Leis auf zarten Füßen naht es,

vor dem Schlafen wie ein Fächeln:

Horch, o Seele, meines Rates,

laß dir Glück und Tröstung lächeln –:

 

Die in Liebe dir verbunden,

werden immer um dich bleiben,

werden klein und große Runden

treugesellt mit dir beschreiben.

 

Und sie werden an dir bauen,

unverwandt, wie du an ihnen, –

und, erwacht zu Einem Schauen,

werdet ihr wetteifernd dienen!“

(Christian Morgenstern, 1871 – 1914)

 

 

31.12 2018

Gegen 20 Uhr im TV Bilder, die den Jahreswechsel auf der anderen Seite unseres Globus zeigten, ein gigantisches Feuerwerk „nie gewesenen Ausmaßes“ vor der Skyline Sidneys. So schaute ich in einen schon vollzogenen Jahreswechsel, einer Vergangenheit in einem Moment der Gegenwart, der mir zugleich etwas Zukünftiges zeigte, auf das wir uns zubewegten und das in wenigen Stunden auch in unseren Breiten vollzogen werden würde. Der Globus rollte dem entgegen – so auch im Frühjahr und Sommer beim Erwachen der Vögel und ihrer Symphonie, ihrem Sonnengesang, der sich über die Erde wie eine an- und wieder abschwellende Welle tönend hinbewegt.

 

 

29. Dezember 2018

Unser Kater, der sich so oft unvermittelt und hingebungsvoll zu putzen beginnt. Immer wieder hält er dabei urplötzlich inne, schaut, fixiert etwas für meine Menschenaugen Unsichtbares. Aber endlich verstand ich heute seine Körpersprache. Sie lautet: Ich will mit mir im Reinen sein.

 

25. Dezember 2018

 

Vergangenes im Gegenwärtigen

Abendlicher Gang, Hand in Hand, durch die Altstadt, die sich rings um Sankt Marien hinduckt. Der schon recht hoch liegende, lautlos herabschwebende Schnee dämpft die Geräusche der Stadt; unsere Schritte knirschen im funkelnden Pulverschnee. Die Kirche mit ihrem hohen gotischen Chorfenstern, die von innen goldfarben strahlen und die Musik, die von dort gedämpft zu uns dringt – sie wirkt wie ein riesiger geheimnisvoller Kristall, nein, ein eigener Kosmos gar, mit einem eigenen Himmel aus hohen Gewölben, von mächtigen Säulen getragen.

Lange hatte ich zuvor dort im Innern den überlebensgroßen geschnitzten Engel angeschaut, mit dem gewundenen Schriftband in der Hand: „Gloria in Excelsis Deo…“. Der Engel blickt unergründlich ernst, der frohen Botschaft zum Trotz und doch auch angemessen; die Bibel erzählt vielfach von Engelerscheinungen, die zunächst einmal Angst und Schrecken beim Unvorbereiteten auslösen. Ein namenloser Bildhauer hatte ihn während des zweiten großen Krieges geschaffen, dem bedrohten Leben, dem Sterben, dem allgegenwärtigen Tod abgetrotzt, und dies wohl ergab die intensive Präsenz des Standbildes hoch über unseren Köpfen, die weit über die künstlerisch- handwerkliche Meisterschaft hinausreichte.

Nun soll es nach Hause gehen, doch der kleine, ziellose Umweg verschafft uns ein  staunendes Eintauchen in die Atmosphäre der verzauberten Stadt und des leuchtenden und klingenden Kirchenbaus. Zuhause locken das Weihnachtszimmer, das schon seit einer ganzen Woche verschlossen ist. Dort bemerken wir ab und zu geheimnisvolle Aktivitäten. Jemand Unsichtbares macht sich immer wieder zu schaffen, rätselhaft, wie dieser in das abgesperrte „gute Wohnzimmer“ hereinkommt. Doch auch, wenn mein gewagter neugieriger Blick durchs Schlüsselloch zu keiner Erkenntnis führt, ahne ich, ahnen wir, wer dort am Werke ist.

Und nachher, wenn wir zuhause ankommen, wird die Tür des Zimmers endlich geöffnet werden, auch für mich. Im nun einsetzenden, übermächtigen Festgeläute, das vom Turm der Marienkirche in mächtigen, tiefen, ernst-feierlichen Tonwellen heranschlägt, fasse ich die Hand, die mich hält, fester. Sie gibt mir Sicherheit vor diesem Größeren, das mich beim Anblick der von Innen leuchtenden Kirchenfenster, dem fernen Orgelbrausen und nun dem Tonmeer der Glocken ergriff und zu überwältigen droht …

(Der, dessen Hand ich hielt, war mein Vater, Heiligabend 1962 auf dem Heimweg von der Christvesper).

 

 

 

 

 

Heilig Abend 2018

 

Botschaft der Engel

 

Krippe und Stall,

Ochs und Esel,

Hirte und König,

Vater und Mutter,

Kind und Stern –

All dies bin ich,

Alles zu seiner Zeit

ist in mir, in Dir.

Woanders nicht.

 

 

17. Dezember 2018

Fundstück

„Dummheit ist durch Affekt gesperrter Intellekt. So entsteht das Phänomen der Dummklugheit, das kluge Menschen oft so töricht reden und handeln lässt. Ärger verdummt, – Dummheit kann tödlich werden.“ (Karl Förster in “ Warnung und Ermutigung – Mehltaubefall der Seele“).

 

 

6. Dezember 2018

Kindermund

Sehr ernsthaft und gekonnt trug ein neunjähriger Junge den Liedtext  „O Tannenbaum“ vor. Die erste und zweite Strophe fehlerlos, in der dritten Strophe jedoch hatte er unbeabsichtigt eine kleine Umdichtung vorgenommen, die sehr gut zu dem kräftigen Bürschlein passte:

„O Tannenbaum, o Tannenbaum, dein Kleid will mich was lehren. Die Hoffnung und Beständigkeit/ gibt Trotz und Kraft / zu jeder Zeit , O Tannenbaum, o Tannenbaum…“.

Von Herz zu Herz

Der Flötenspieler von Sanssoussi – ein hochgewachsener, beherzter Lette, der seit Jahren an der historischen Mühle neben Schloss Sanssoussi in einem historischen Kostüm als „Friedrich der Große“ für die zahlreichen und zahlenden Touristen auf der Querflöte spielt – war zu Gast auf einem dörflichen  Nikolausmarkt in der Nähe. Er und ich hatten das  Vergnügen, gemeinsam zu musizieren. Die lebendigen Flöten- und Akkordeonklänge waren offensichtlich Ohrenöffner für viele Besucher, vor allem für einige der Kinder, die von der prächtig kostümierten und virtuos aufspielenden Gestalt des legendären Preußenkönigs magnetisch angezogen wurden. In einer Pause steht plötzlich die kleine J. vor mir, nestelt an ihrem Geldbeutelchen herum und hält mir schließlich ein Geldstück hin:“Das ist für Dich, weil Du so schön mit dem Flötenspieler Musik gemacht hast.“

(Nach kurzem Zögern nahm ich ihre Gabe freudig an. Ist denn eine wertvollere Gage vorstellbar?)

Dieselbe

Die kleine  J., bei der ein Hirntumor diagnostiziert wurde. Die Anstrengungen der Chemotherapie sind ihr ins Gesicht geschrieben. Sie erzählt mir von  ihrem Bruder, der Schillers „Ode an die Freude“  im Musikunterricht gelernt habe. „Ich kann es auch schon!“, verkündet sie mir ernsthaft und stolz. „Soll ich es dir mal vorsingen?“ Und da steht sie vor mir, schaut mich unverwandt an, während sie die erste Strophe „Freude, schöner Götterfunken“ ohne zu stocken singt, mit all ihrem berührenden Ernst und kindlicher Direktheit, während sich meine Augen langsam mit Tränen füllen. Es ist mir in diesem Moment, als sähe ich sie unter dem Schatten Seiner sanften Flügel – den Flügeln des Todesengels, der zugleich der Engel des Lebens ist – geborgen auch in der hochgestimmten, heilenden Zuversicht von Schillers Worten. Als sie geendet, sagt ihr Blick : „Ich werde leben“.

 

 

2. Dezember 2018  (1. Advent)

Fundstück am 1. Advent

Ich hörte heute die Paulus-Worte aus dem Römerbrief: „Seid niemandem etwas anderes schuldig, als dass ihr euch untereinander liebt, denn wer den andern liebt, hat das Gesetz erfüllt … die Liebe ist die Erfüllung der Gebote. Und weil wir dies wissen, ist es Zeit aufzuwachen. Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der  Finsternis und anlegen die Waffen des Lichtes.“

Was könnte – wortwörtlich – der Geist des Judentums mit seinen strengen Gesetzen sein?

Den „Körper des Christentums“ – Jesus – hat beispielsweise der Religionswissenschaftler Pinchas Lapide schon vor Jahren tiefgreifend aus seiner tiefen Verwurzelung im Judentum heraus bestechend klar beschrieben und gedeutet. Für den Geist aber, der diesen Körper bewohnte, hatte Lapide offensichtlich keinen Sinn. Glich er darin nicht dem russischen Astronauten, der nach seinem Weltraumausflug – ganz systemgetreu – sagte, er habe nirgendwo einen Gott gesehen?

(Dagegen: „Wie ein Säugling im Schoß der Mutter. In meinem Raumschiff bleibe ich immer das Kind der Mutter Erde.“ So der polnische Astronaut Miroslav Hermaszewski.)

 

 

1. Dezember 2018

Staatskonformes Kabarett

An jenen Kabarettisten im TV, die nicht mehr die Gegner der herrschenden Ideologien und ihrer Köpfe sind, sondern die mehr und mehr zu deren Handlangern mutieren, ist „Hopfen und Malz verloren“. Es gibt Kabarettisten, die wie Alibibeschaffer agieren, und die mittlerweile im Deutschen Bundestag ein und ausgehen: Totengräber echter politischer Satire; ein Hofnarr ist wohl nur dann echt, wenn er zwar geduldet, aber verhasst ist, und stets muss er um Leib und Leben fürchten.

Parteipolitik jeglicher Couleur kommt mir mittlerweile vor wie gemeine Fallenstellerei: Gruben, abgedeckt mit Absichtserklärungen, Versprechungen, falschem Lächeln, moralischer Überheblichkeit und Rechthaberei: am Ende fallen  a l l e  herein.

Die Sanduhr (oder“langsam ist schneller“)

Es mag in jedem menschlichen Leben einen Zeitpunkt geben, wo einer oder eine mit Erschrecken wahrnimmt, dass die Zeit läuft. Dann sind wir sehr versucht mitzulaufen oder gar schneller zu sein. Richtiger wäre: innehalten.

 

 

29. November 2018

Im Roman „Fischkonzert“ von Halldor Laxness beschreibt der Ich-Erzähler eine Erinnerung an seinen Großvater. Der kleine Junge nimmt wahr, dass der alte Mann die Tür zu seinem Zimmer immer angelehnt lässt. Das allein gibt dem Jungen das Gefühl, dass der Großvater für ihn da ist, anwesend ist, auch wenn er mit anderen, eigenen Dingen beschäftigt und nicht zu sehen ist.

Viele kluge Elternratgeber wären wohl überflüssig, wenn Eltern für ihre Kinder einfach da wären – im Bilde: wenn sie ihre Türen angelehnt ließen.

 

 

25. November 2018

Timing

Der wache Augenblick – nicht von ungefähr wird dieses visuelle Auf-den-Punkt-kommen mit einem präzisen Zeitpunkt assoziiert. Wenn du nicht hinsiehst ist’s vorbei, eh Du dich versiehst.

(Oder, für Musiker: Wenn Du nicht  h i n hörst,  ist’s vorbei , eh Du es vernommen.)

 

 

21. November 2018

Ich entsinne mich lebhafter Diskussionen während eines Ferienlagers in den Kitzbühler Alpen zwischen uns  damals vierzehnjährigen Gymnasiasten, vor allem mit N., einem frühreifen und höchst intelligenten Mitschüler, der später im Leben nach Amerika gegangen ist, um dort als Physiker zu arbeiten. Er nahm nichts als einfach gegeben hin: Wie, wenn alles, was wir sehen, greifen etc. nur in unserer Einbildung existieren würde? Die sogenannte Realität nur ein Produkt meiner Vorstellung, welche ihrerseits nur ein Produkt von Vorstellungen …: „die Welt, zu Flugsand zerdacht“ (Chr. Morgenstern), Seifenblasen.

Es gab Nächte, in denen wir hellwach im dunklen Gemeinschaftszimmer in unseren Betten lagen, hörten unseren gedämpften Stimmen wie den Stimmen von Unbekannten zu und genossen die Freiheit und den entgrenzenden Reiz solcher und anderer Gedankenspiele. Tagsüber aber suchten unsere Augen die Augen zweier wunderschöner Mädchen, die zu einer Gruppe von Jugendlichen in einem Nachbarhaus gehörten. Auch dies: eine erste Wahrheitssuche auf der Welle der Verliebtheit.

Ist nicht Beziehung, Verbindung zu einem Menschen alles andere als Einbildung, Seifenblase? Wenn ich mich in Verbindung fühle, weiß ich um den Referenzpunkt meines Ich: da ist das DU, mein Gegenüber, nicht selten auch mein Gegner oder meine Gegnerin. Dem widerspricht nicht Trennung oder Abbruch einer Beziehung, z.B. durch den Tod. Im Gegenteil: Der Schmerz bewirkt die Konfirmation einer Beziehung in der Wirklichkeit.

 

Psalm

Wir suchen Seine Nähe nicht.

Wir suchten zu entfliehn

Verbargen uns vor Ihm in unseren Höhlen,

bedeckten uns mit Feigenblättern,

kletterten hoch auf dichtbelaubte Bäume

oder kauerten im Schatten ihrer Stämme,

unter Dächern und Decken;

machten Es unsichtbar mit Scheuklappen,

hielten unter Wasser den Atem an

fast zum Ersticken –

immer in der Hoffnung,

Es gehe vorüber,

ohne unserer gewahr zu werden.

Doch untrüglich und sicher

fand Es mich, dich, und jeden noch.

Komm, fass meine Hand,

ich geb Dir meine!

Und auch, wenn Du es lässt …

so oder so sind wir verbunden:

in Ihm, dem Leid,

dieser Liebe der Erde

zu uns flügellosen Engeln,

voller Sehnsucht

nach dem Himmel auf Erden.

 

 

15. November 2018

Ihr Klavierbegleiter spielte, als hätte er auf sein Spiel eine Lebensversicherung abgeschlossen. Und sie? Sie spielte wie eine Akrobatin am Hochtrapez – doch ohne Netz.

Genies wie die Ausnahmegeigerin Patricia Kopachinskaja zahlen für ihre Gaben mit der denkbar wertvollsten Währung: mit ihrer Z e i t, die sich zugleich auf wundersame Weise vermehrt …

 

 

14. November 2018

Wir wissen sehr wohl beim Erwachen, dass wir „nur“ geträumt haben. Aber wenn wir träumen, wissen wir in aller Regel keinesfalls, dass wir „nur “ träumen. D o r t  ist alles möglich und sehr real: bedrohlich, bedrückend, erotisch, voller Musik und leuchtender Farben, Landschaften, unbekannte uralte Orte, Städte, Bäume usw.

Das Aufwachen gleicht dann manchmal einer Art von Schiffbruch, und ich greife nach Traumbruchstücken, die mich tragen und an denen ich mich festhalte, während ich am Ufer des Erwachens und dem „Land des Tages“ zu mir komme.

Am Ende eines höchst bedrohlichen Traumgeschehens, jedoch wieder in Sicherheit, überraschte mich der Anblick eines lebhaft sich gebärdenden Esels in einem großen Vorgarten. Zwei weitere, physiognomisch sehr individuell geformte Esel erblickte ich in unmittelbarer Nähe vor meinen Augen: auch diese beiden sprangen umher und bäumten sich nach der Art von Wildpferden. Ganz nahe schon am Erwachen zückte ich schnellstens mein Handy, um von diesen so realen Traumtieren noch ein Bild festzuhalten. Dabei war ich mir ganz sicher, dass ich das Bild nach dem Erwachen aus dem Traum auf meinem Handy vorfinden würde. ‚R. wird staunen, wenn ich ihr diese Traumbilder zeige,‘ dachte ich, in Erinnerung an ein Gespräch über sogenannte „Krafttiere“ und „Kraftorte“.

Ich will derartige Träume, in denen etwas die Zeitmebran zu durchdringen sucht, sammeln und ihnen nachgehen. Aber wie nachgehen? Und: wohin würde einen das führen? Jedenfalls bestimmt n i c h t  in die Funktionalität.

 

 

13. November 2018

Von Einem oder Einer, die auszogen, um im Fluss der Zeit nach dem Gold des Ewigen im Augenblick – dem Erlebnis des „Vergänglichen als Gleichnis“ – zu schürfen.

Das Dämonische in den wirkenden Mächten und Gegenmächten einer Epoche – so auch gegenwärtig –  definiert nicht die Wirklichkeit (wie etwa der Glaube an den Teufel es einst tat), sondern „die“ Wirklichkeit definiert sich selbst als Dämonisches.

Im Einzelnen, in einer einzelnen Persönlichkeit wird das nur selten sichtbar, geht unter in der Fülle der scharf und schnell wechselnden Bilder und Schnitte (Max Picard beschreibt dieses Phänomen in seinem Buch „Hitler in uns selbst“, erschienen kurz nach 1945), jedoch in der Wirkung von Ideen, Ideologien, Gedanken und Handlungen, die sich wellenartig ausbreiten, manifestiert sich etwas Unpersönlich-Dämonisches sehr stark.

Genau dies ist ein Charakteristikum des Dämonischen: dass es etwas aus dem einzelnen Menschen abspaltet und einem Fremden, einem großen Ganzen, einfügt, einverleibt, dessen Zwängen sich das Individuum unterworfen, ja ausgeliefert fühlt, an das es gebunden ist und von dem es mehr oder weniger stark angesogen und absorbiert wird. Da verkörpert sich e i n  Pol des Dämonischen:  in einer Rationalität, in der sehr niedrige Temperaturen herrschen: das kalte, lebensfeindliche Feuer der „Schneekönigin“ (Andersen) mit ihrem „Eisspiel des Verstandes“.

 

 

12. November 2018

Ich hörte eines der unzähligen, unbegreiflichen Wunderwerke Bachs aus seinen Kantaten. Währenddessen saß Nicki mir gegenüber und widmete sich  hingebungsvoll der Pflege seines Körpers. Unvermittelt hielt er inne, starrte mit weit geöffneten Augen und aufgestellten Öhrchen in einen unbekannten, fernen Raum. Ob es – wie bei mir – jener Raum war, den die Musik Bachs geöffnet hatte?

Jedenfalls: des Katers Blick ergriff mich, wie mich Bachs Musik ergriffen hatte.

 

 

10. November 2018

Die unergründlichen Wege zur Musik: Für wie viele Musiker wohl mag der Weg zur Musik und und zum Musikersein sich durch den Schlüssel der Musik Bachs eröffnet haben?

Sage niemand, Bachs Musik sei zu schwer, um ein Kinderherz in dessen Tiefe berühren zu können. Historische oder unhistorische Praxis der Aufführung und deren jeweilige dogmatische Grundhaltungen halte ich demgegenüber für unwesentlich. Was letztlich zählt, ist das Schlüsselerlebnis, die existenzielle Berührung, die nicht nur den Tränenfluss, sondern auch den Wunsch weckte, sich in diese unergründlichen Chorgesänge, diese instrumentalen Jubel und in das heiter-ernste oder mystische Spiel der Themen und Kontrapunkte miteinzuschwingen, teilzuhaben daran, nicht nur hörend, sondern auch selbst spielend, singend …

 

 

7. November 2018

Mich interessiert nicht so sehr Deine Wahrheit, sondern mich interessiert vielmehr, warum Du und wie Du zu dieser Deiner Wahrheit gekommen bist.

Sie kam ihm nahe wie eine Liebende, und schaute durch ihn hindurch wie eine Fremde: ein unlösbares, abgründiges Rätsel.

 

 

6. November 2018

Die Erfindung einer neuen Wortart

Eine Lehrerin fragte die Kinder nach der Wortart „Adjektiv“ und nannte einige Beispiele, w i e  Kinder sind: artig, fleißig, freundlich, ruhig

Auf ihre suggestive Frage, was das also alles für eine Art von Wörtern seien, lautete die prompte Antwort eines kleinen Rabauken:“Liebewörter“.

Dies ist einerseits amüsant, andererseits aber ein Beispiel für verborgene Falschheit pädagogischer Moral.

 

3. November 2018

Führende Politiker kommen mir immer öfter vor wie Dirigenten, die zur Schallplatte/ CD dirigieren.

 

2. November 2018

Staatliche Lehrpläne mit ihrer „Bildung als Anpassung“: künstlich gezeugt und tot geboren.

 

1. November 2018

Worauf gründet Freundschaft? Auf Zeit Haben und Teilen. Worauf gründet Liebe? Da, wo eigentlich keine Zeit ist,  Zeit  zu  e r s c h a f f e n.

 

31. Oktober 2018

In meinem sogenannten Alltag herrscht oft genug der ermüdende Funktionsmodus des vernünftigen Erwachsenen. Im Intuitionsmodus dagegen bewege ich mich zwar noch unbeholfen wie ein Kind, das gerade das Fahrradfahren lernt –  jedoch unermüdlich.

 

30. Oktober 2018

Ich bestieg gemeinsam mit meinem Vater die Gondel des Riesenrades – eine gigantische fünfzig Meter in die Höhe aufragende Stahlkonstruktion, die den halben Rathausplatz einnahm, unmittelbar benachbart der mächtigen Kirche St. Marien. Deren Turm ragt noch einmal 14 m höher. Sich wiederholt in einer bequemen Gondel in diese Höhe heben zu lassen und wieder sanft hinabzuschweben, hoch über den Dächern der Stadt, über die fernen Höhenzüge der Haar, des Sauerlandes, des Eggegebirges, des Teutoburger Waldes im Süden und Osten, im Westen aber bis Hamm und Dortmund den Blick schweifen lassen zu können wie ein Albatros, der stundenlang ohne selbst einen Flügelschlag zu tun zu fliegen vermag – welch ein Ach! Und wie freute es mich, diese beglückende Grenzerfahrung gemeinsam mit meinen 92-jährigen Vater zu machen, den ich zu der Fahrt überredet hatte. Denn wo steht geschrieben, dass 92-Jährige nicht mehr Riesenrad fahren dürfen?

So hatte sich’s umgekehrt. Denn als ich ein vier-, fünfjähriger Junge gewesen war, hatte  mein Vater  m i c h mit ins Riesenrad genommen, und ich machte damals an seiner sicheren Seite meine ersten Erfahrungen mit dem schnellen Wechsel von Höhe und Tiefe – stets mit einem mulmigen Bauchgefühl.

Jenes Riesenrad aber,  damals – dampfbetrieben, mit einer großen, mechanischen Orgel und einem hölzernen, mozartisch-uniformierten Dirigenten, vor dem ich stets ehrfurchtsvoll verharrte und ihm dabei zusah, wie er das Ensemble der anderen geschnitzten Figuren, die trommelnden Putten und dem Pfeifenwerk mit einem Stab in der Hand starr und zackig dirigierte – dieses teils noch hölzerne, barock anmutende Riesenrad mag ein Viertel der Größe des modernen Stahlkolosses gehabt haben. Für mich damals, den kleinen Jungen, aber war es gigantisch groß, und die ersten Fahrten bedeuteten hohe Mutproben und zugleich Grenzerfahrungen …

Aber: Was war, was ist das alles gegen das eigentliche Riesenrad und seine Fahrt: das Leben selbst?!

 

29. Oktober 2018

Wie verletzlich war von weitem –  im Auto sitzend die „Breite Straße“ im Spätnachmittagsverkehr passierend – der Anblick der Menschlein hoch oben in einem Karussell, welches die Attraktion der Herbstkirmes ist. Kein gewöhnliches Kettenkarussell, sondern eines, das sich langsam um einen beleuchteten Mast herum in eine Höhe von ca. vierzig Meter hochschraubt, während die Menschen in den offenen Sesseln des Karussell in Schräglage am Himmel rotieren. Im Auto vernahm ich nicht die spitzen Schreie, die Ausrufe der Wagemutigen, sah nur die gegen die tiefstehende goldene Oktobersonne die Silhouetten und die hervorstehenden zappelnden Beinchen der zahlreichen Karusselfahrer.

In früheren Jahren stand an derselben Stelle immer ein gigantisches Riesenrad, dieses profanisierte Abbild des mittelalterlichen Schicksalsrades der Göttin Fortuna.

O Fortuna,
rasch wie Luna wechselhaft und wandelbar, ewig steigend
und sich neigend:
Fluch der Unrast immerdar ! Eitle Spiele,
keine Ziele,
also trügts den klaren Sinn; Not, Entbehren,
Macht und Ehren schwinden wie der Schnee dahin.

(Carmina Burana Nr.17, 13. Jh.)

Das Glücksrad reißt in raschem Lauf Fallende ins Dunkel,
einen trägts hinauf:
hell im Lichtgefunkel
thront der König in der Höh…

(Carmina Burana Nr. 16, 13. Jh.)

Nun also ein neuer Kitzel : das Erlebnis nicht nur des Höhenfluges, sondern auch der Fliehkraft. Die Menschen, die sich darauf einlassen – wohl gesichert durch metallene Bügel, die sie vor dem Herausfallen aus den an lediglich zwei dünnen Ketten angehängten Sitzen bewahren – finde ich wahrlich mutig. Liefern sie sich nicht der Technik und ihren  Bedienern und Handlangern des Fahrgeschäftes aus, vertrauen der Festigkeit der Materialien, dem TÜV, der sein „Ja“ gab, der Aufmerksamkeit der Bediener dieser Vergnügungsmaschinerie?

Der Reiz – auch des Riesenradfahrens –  liegt in der Verwandtschaft zum Fliegen und zu Blicken und Ausblicken, die sonst nur den Vögeln vergönnt sind. Auch die starr synchrone Bewegung der Sessel hat entfernte Verwandtschaft zum synchronen Flug eines Vogelschwarms, etwa von Tauben …

In hoher Geschwindigkeit drehten sich die Sessel und ihre Insassen um das Zentrum, die bunt blinkende Säule, und diese wurde mir für Momente ein Abbild der Weitenachse und unserer Sonne, um die ihre Planeten in musikalisch-proportionierten Abständen kreisen; unsichtbar jedoch die Ketten, die haltenden Kräfte, die unsere Erde, den Mond, die Venus usw. in ihren Umlaufbahnen und Abständen zueinander halten.

Und auch hier das Verletzliche, vom Weltall aus gesehen und oft beschrieben: unser blauer Planet, zart und sehr zerbrechlich, mit den Kontinenten, die gleich Embryonen in den Weltmeeren wie in Fruchtwasser schwimmen.

27. Oktober 2018

Eine halbe Wahrheit, die als g a n z e  Wahrheit ihre schlechtere andere Hälfte – die Lüge – maskiert, wirkt wie die Metastasenbildung beim Krebs. So wurde nach  1945 „entnazifiziert“, aber viele ranghohe Nazis erhielten in der BRD wiederum leitende Posten, nach dem Motto: „Es sind zwar Schweinehunde, aber u n s e r e Schweinehunde.“ (Roosevelt sagte das einmal in anderem Zusammenhang). Die Metastasenbildung reicht bis zu den vertuschten Morden  des „NSU“ …

Wenn jemand einen Meineid ablegt, so bestätigt er damit letztlich die Wahrheit. Wenn einer aber einen Eid auf die Lüge ablegt, so bestätigt er damit die Lüge als Wahrheit: ein geistig-moralisches Gefängnis und gängiges Mittel in Diktaturen.

Erinnerungen von Imre Kertész an „Buchenwald“Kaum vorstellbar ist eine größere Wucht am Ende seiner Erinnerungen an seine KZ- Erlebnisse, als  er auf die Frage eines Journalisten, der, eine große Story witternd, den Jüngling fragt, was er empfände. Lapidare Antwort: „Hass.“ Der Journalist hakt nach: „Hass auf wen, auf was?“             „Hass auf a l l e s!“

26. Oktober 2018

„Nicht die Schönheit entscheidet, wen du liebst, sondern die Liebe in Dir entscheidet, wen Du schön findest.“  (Von unbekannter Hand auf eine Schreibtischunterlage gekritzelt).

24. Oktober 2018

Beim Gang über die Herbstkirmes musste ich über ein humoriges Wortspiel, ein Vexierspiel zwischen dem Klang zweier Sprachen, schmunzeln. In großen „chinesischen“ Schriftzeichen las ich: LANG ZU – der Name einer chinesischen Imbissbude.

23. Oktober 2018

Fundstücke III

„Und sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben …“

„Diese Jugend, die lernt ja nichts anderes als deutsch denken, deutsch handeln, und wenn diese Knaben mit zehn Jahren in unsere Organisation hineinkommen und dort oft zum ersten Mal überhaupt eine frische Luft bekommen und fühlen, dann kommen sie vier Jahre später vom Jungvolk in die Hitlerjugend, und dort behalten wir sie wieder vier Jahre. Und dann geben wir sie erst recht nicht zurück in die Hände unsrer alten Klassen- und Standeserzeuger, sondern dann nehmen wir sie sofort in die Partei, in die Arbeitsfront, in die SA oder in die SS, in das NSKK (Nationalsozialistischer Kraftfahrerkorps) und so weiter. Und wenn sie dort zwei Jahre oder anderthalb Jahre sind und noch nicht ganze Nationalsozialisten geworden sein sollten, dann kommen sie in den Arbeitsdienst und werden dort wieder sechs Monate geschliffen. ( … ) Und was dann nach sechs oder sieben Monaten noch an Klassen- und Standesdünkel da und dort noch vorhanden sein sollte, das übernimmt die Wehrmacht zur weiteren Behandlung auf zwei Jahre. Und wenn sie nach zwei, drei oder vier Jahren zurückkehren, dann nehmen wir sie, damit sie auf keinen Fall rückfällig werden, sofort wieder in die SA, SS und so weiter, und sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben. „

(Keine Verführung, kein doppelter Boden, keine falschen Versprechungen: Hitler redet hier Klartext in einer Rede an die deutsche Jugend in Reichenberg 1938)

Robin Hood und Tyll Eulenspiegel als Typus des Anarchen. Sie wissen, was sie wollen, im Gegensatz zum Typus, der sich auf nichts mehr zu beziehen vermag als auf die  Verneinung, das Nichts, nach dem Motto: Es lebe der Tod! Humor aber ist immer ein gutes Zeichen: Mitten im tausendjährigen Reich, als der Hitlergruß in den Schulen unabwendbare Begrüßungsgeste war, donnerte der Deutschlehrer meines Vaters beim morgendlichen Betreten des Klassenzimmers seine Schüler mit einem strammen „HEITER!“ an, anstelle des pflichtigen „Heil Hitler!“, und die Klasse echote dasselbe in stiller Belustigung zurück. Die zum „deutschen Gruß“ aufzuckende flüchtige Geste des Lehrers glich dabei eher einem abfälligen Abwinken als der sattsam bekannten Cäsarengeste …

22. Oktober 2018

Der Urzeitvogel

Ein ungeheurer, aus dumpfer Tiefe hinauf gellender Aufschrei, gleich darauf ein einzelnes, dumpf blaffendes Aufstampfen, wieder eines und noch eines, allmählich schneller werdend. Zischender, dichter weißer Dampf, dann ein überhohes, schmerzhaftes Quietschen. Das aus einer unbekannten Tiefe ausgestoßene „Huff Huff“ wurde schwer und schwerer, wieder mischten sich über diesem rhythmischen Bass ineinander verschlungene, metallisch kreischende Töne.

Riesige Gräten kreisten zeitlupenartig oder ruckten vor und zurück, leuchtend rot gegen das Schwarz des mächtigen Rumpfes des Getüms, das nun laut fauchend und scharf zischenden Dampf austoßend zum Stillstand kam. Dieses Rot der Radspeichen und Kolben hatte etwas Überraschendes, so unerwartet wie die freigelegte Unter– oder Innenseite eines ansonsten unscheinbaren Schalentieres …

An „des „Teufels rußigen Bruder“ muss ich denken, wenn ich das Gesicht des Maschinisten wieder vor mir sehe, der meinem Vater gestattet hatte, mit mir – dem damals knapp Dreijährigen auf dem Arm – zu ihm hinauf in den Führerstand der Lokomotive zu klettern.

Die Dampflok – eine DB III der Baureihe 82 – hatte mit einem mit Gleisschotter beladenen Waggon den unbeschrankten Bahnübergang zwischen Poetenweg und Schillerstraße versperrt. Über diesen aber mussten wir hinüber in unseren direkt angrenzenden Garten. Auf mein Drängen hin hatte mein Vater den Lokomotivführer gefragt, ob wir hinaufkommen dürften, und der freundliche, rußgeschwärzte Mann mit der typischen Schirmmütze ergriff mich, hob mich hinauf, woraufhin mein Vater die eiserne Leiter zum Führerstand erklomm.

Der Führerstand, ein rätselhafter Raum mit vielerlei Hebeln, Rädern, Leitungen, Ventilen, Lämpchen und runden Armaturen mit Zeigern und Ziffern war doch ein Ehrfurcht einflößendes Heiligtum eines mächtigen, unbegreiflich- komplizierten Wesens aus Eisen, das mich nicht weniger faszinierte und magisch anzog wie die große Orgel auf der Empore in der Marienkirche.

Der Lokführer öffnete nun das Allerheiligste – die Feuerungsklappe – ich schrak zusammen, presste mich schutzsuchend an meinen Vater –  um mich einen Augenblick später, trotz aller Furcht, wieder den aus der Tiefe lodernden Flammen und dem heiß heranwehenden Feueratem zuzuwenden.  Ein Urzeitfeuer, ein Inferno, doch gebändigt von dem rußigen, routinierten Mann, der offensichtlich amüsiert und auch gerührt war von dem sich angstvoll an seinen Vater anschmiegenden und doch mit weit aufgerissenen Augen staunenden Kinde, hin -und hergerissen zwischen Furcht und Neugier,  Nähe und schützender Distanz.

Er schaufelte Kohlen ins Feuerloch, schlug die Klappe wieder zu, verriegelte sie, legte einen Hebel um. Darauf drehte er am Griff einer kleinen, blankgewetzten Kurbel, und die Lok setzte sich langsam wieder mit ihrem schweren „Huff Huff“  in Bewegung, fuhr vielleicht dreißig, vierzig Meter vorwärts, danach im Schneckentempo wieder zurück …

Mein Vater stieg zuerst wieder hinab, ich wurde von starken, schwarzen, ölig riechenden Armen behutsam wieder hinuntergereicht, und nun ging es in den Garten.

Doch war ich nicht nur erfüllt von dieser Begegnung, sondern sie hatte sich mir förmlich eingebrannt. Alle Erlebnisse mit Lokomotiven in meiner weiteren Kindheit und im Leben trugen und tragen seither den Stempel dieses frühen Erlebnisses: die Holzeisenbahn, Bilderbücher, das Hörspiel von der führerlosen Lok 1414, die Lokomotive Emma mit Lukas dem Lokomotivführer und Jim Knopf, die Dampflok der späteren elektrischen Eisenbahn von uns Geschwistern … : All dies belebt und beseelt sich mir stets von neuem mit der Maschinenmusik von damals – dem Quietschen, Kreischen, Zischen, dem stampfenden Rhythmus und den Gerüchen von Kohle, Metall, Dampf und Öl, dem Gefühl der lodernden Gluthitze der Feuerungkammer unter dem großen Kessel und dem Bild des freundlichen Maschinisten, diesem Beherrscher und Bändiger der mächtigen Urkräfte von Feuer und Wasser.

Und höre ich heute, ein oder zwei Mal im Jahr, die große Lokomotive der Nostalgieeisenbahn, die auf ihrer Sonderfahrt meinen Wohnort durchschnaubt und die eiserne Brücke über die Havel überquert, so beginnt mein Herz zu klopfen, wie damals, am 9. Oktober 1960 am Bahnübergang des Poetenweges. Ich springe auf, lausche, suche etwas von der Lok zu erhaschen. Doch meist bin ich zu spät, der Zug ist längst vorübergeeilt und meinen Blicken entzogen, nur die ungeheuren, dampfenden Atemwolken stehen noch dort, wo die Gleise verlaufen, und lösen sich schnell wieder in Luft auf.

Doch einmal, im Winter vor zwei Jahren, während eines abendliches Spazierganges an der Uferpromenade des schmalen Havelgemündes, hatte ich das Glück einer Begegnung. Ich hörte den Pfiff der Lokomotive aus der Ferne, ein schnelles  rhythmisches Rattern und Fluffen kam näher. Die filigrane Silhouette eines ruhenden Graureihers auf dem höchsten Geländer der Brücke überm Gemünde,  verschmolzen mit deren mächtiger Eisenkonstruktion, strich mit einem unwilligen, heiseren Schrei ab. Er glitt über der Mitte des Gemündes in meine Richtung. Indem der Zug die Brücke erreicht hatte, schwoll das metallische Rauschen über dem Resonanzraum des Gewässers darunter überlaut an. Die schnaufende Lokomotive mit ihren Waggons eilte mit einem langgezogenen Pfiff  dahin – ein kunstvoller, bewegter Scherenschnitt, herausziseliert aus dem symetrischen eisernen Brückenbau und dem dampfenden Ungetüm, die sich scharf gegen das Abendrot, die darüber sich wölbende leuchtende Himmelskuppel und deren Spiegelbild im See abzeichneten.

Der aufgestörte Graureiher aber hatte sich unweit von mir am Ufer niedergelassen, mich scharf fixierend, als frage er: Wer bist Du? … – Er, dieser ferne Nachfahre des  Urzeitvogels Archaeopteryx, gleich einer verkörperten Erinnerung an unwirklich fern zurückliegende Urzeiten der Erde, hatte sich mit seinem Schrei von allem Zeitlichen abgelöst, und mit jedem neuerlichen Schlag seiner Schwingen schien er sich tiefer ins Gegenteil der Zeit hinein zu befreien, dorthin, wo urferne Vergangenheiten und  Gegenwart sich im Augenblick verbinden wie Feuer und Wasser …

21.Oktober 2018

Fundstücke II

„Der ungesicherte Hintergrund der ganzen Kulturdebatte ist das Fehlen eines einheitlichen und verbindlichen Bildungsideals; das ist in allen Lagen und in allen Ebenen des öffentlichen Unterrichtswesens völlig zersetzt … Deutschland, das Land der großen Binnenwanderungen, darf nicht die Masse von verschiedenen Schularten, die nicht aufeinander eingestimmt sind, nebeneinander haben. Die Gelenke müssen passen, wenn einer von Preußen nach Bayern und von Schwaben nach Sachsen kommt.“

(Der damalige Reichstagsabgeordnete der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei Theodor Heuss am 18.März 1927).

Wieviel weiter sind wir heute, knapp hundert Jahre später?

Fundstücke I

„Die Türkei kommt dem Abendland näher. Die türkische Nationalversammlung in Ankara nimmt die neue, nach schweizerischem Vorbild gestaltete Zivilprozessordnung an. Damit ist ein weiterer Schritt getan in der Politik zur Annäherung an das Abendland, die der türkische Staatspräsident Kemal Pascha (Kemal Atatürk) forciert, vollzogen. Kemal Pascha hat seit der Ausrufung der türkischen Republik die Herauslösung der neugeschaffenen türkischen Nation aus der islamischen Welt, eine Säkularisierung und Europäisierung des Landes propagiert. …(Aufhebung der geistlichen Koranschulen und der islamischen Gerichte, der Kampf für die Einführung europäischer Kleidung und Kopfbedeckung, die Einführung der christlichen Zeitrechnung …). Nun wird auch die Prozessordnung dem neuen Zivilrecht angepasst.“

Zu lesen in der „Berliner Illustrierten Zeitung“, Ausgabe vom 19. Juni 1927.

Dazu Goethes Stimme aus dem „Off“ : „Wer nicht vorwärts geht, geht rückwärts.“

14. Oktober 2018

„Tag des Cellos“ in der Berliner Philharmonie:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Campanula in Violamensur                                               Campanula

„Himmel“

(gespielt von Stefanie John auf einer Campanula, einem dem Cello  verwandten Instrument mit Resonanzsaiten)

Du baust die Brücke in die Stille,

in jene Räume, wo die Träume weben,

dort, wo sich Lauschen, Zeit und Wille

ganz sich wagen hinzugeben,

schweigend, deinem Spiel und Tönen.

Ich gehe Ton um Ton mit Dir

dorthin, wo sich Zeit und Ewigkeit versöhnen.

Und kehr, verwandelt so, zurück ins Hier.

12. Oktober 2018

Der wohl am häufigsten geäußerte Satz nach “ der Wende“, da sich die Möglichkeit auftat, seine Stasi-Akte einzusehen: „Unmöglich … Das hätte ich von X. nie gedacht.“  So vielleicht sinngemäß.

Zersetzung eines Menschen und seiner auf Vertrauen ruhenden Beziehungen zu sich selbst und anderen, wie es z.B. in der Serie „Weissensee“ nachgestellt ist.

Kein schlimmerer Zusammenbruch als der Einsturz des Vertrauens.

11. Oktober 2018

Orion, das markante Wintersternbild vor Sonnenaufgang im Osten: die Reinheit der Unendlichkeit „wehte“ mich an. Wären wir Menschen sinnesbegabt für elektromagnetische Strahlen und Wellen, so würden uns die Sterne und ihre Bilder wohl verborgen bleiben, so dicht eingesponnen scheint mir die Erde in diese Strahlungen unserer elektrischen und magnetischen Netzwerke.

Wie aber wird der Falter – unsere Erde – dann aussehen, der aus dieser elektromagnetischen Verpuppung, diesem künstlichen Kokon dereinst ausbricht und daraus ausschlüpfen wird? Und: Wie wird das sein? Welche Kämpfe und Stürme werden damit einhergehen wenn die virtuelle Welt untergehen wird?

8. Oktober 2018

Im Alltagsstau

Sollen, Müssen, Termine, Abwasch, Müll und Kompost entsorgen, Anrufe, anrufen, Banküberweisungen, Post lesen und beantworten, Handwerker bestellen, Benzin tanken, Einkaufen, Auspacken, Kochen, Spülmaschine ausräumen und befüllen: der Alltagsstau, in dem ich auf meinen Weg gegangen werde. Innerer Stillstand.

So verließ ich diesen Stau, ließ alles liegen und ging durch den Wald am Seeufer entlang, wo die untergehende Sonne sich spiegelte und am Himmel ein stilles aber gewaltiges Feuerwerk erschien.

Goethe: Wer nicht vorwärts geht, geht rückwärts finde ich trotzdem (trotz wem? ) zu apodiktisch. Wie oft floh gerade er aus Weimar: nach Italien, nach Jena, nach Dornburg,  entfloh dem familiären Treiben in seinem Haus, entfloh seiner Frau, dem Hof, entfloh in seine vielen Verliebtheiten, Leidenschaften (auch die des Sammelns), um sich in der Fähigkeit zu lieben erneut und erneuert zu finden …

Welcher deutschsprachige Schriftsteller aber hat wohl im Geiste Goethes das Hohelied der Liebe als Wachstums- und Erneuerungskraft reiner, abgeklärter und zeitloser gesungen als Adalbert Stifter in seinem „Nachsommer“?

5., 6. und 7. Oktober 2018

Was hat der seit Urzeiten bis heute wirkende und wirksame Schamanismus mit moderner Technik zu tun? Die Verbindung sind Krafttiere bzw. deren Symbole, z.B.: Kranich (Lufthansa), Pferd (PS), Esel (Fahrrad), Maus (Computer), Adler (Schreibmaschine), Schwalbe und Vespa (Motorrad), Ente und Käfer (Kultautos der 60er und 70er Jahre), Falck (Rettungsdienst in Schweden), Tümmler (so hieß das Segelboot Albert Einsteins, mit dem er die Seen rund um sein Sommerhaus in Caputh befuhr) …

3. Oktober 2018

VOM WESTEN NACH OSTEN – eine „Begegnung“ mit Goethe

29./30. September 2018

Das hörende und sehende Herz

Magdalena Kožená, der Dirigent Václav Luks und das „Collegium 1704“ in Potsdam

(Lesezeit 5′)

Ich tappte im Dunkeln, tastete mit vorgestreckten Armen und Fingern wie mit Fühlern, tastete vorsichtig Schritt für Schritt, mit meinen Füßen den Boden ab, lauschte angestrengt, um irgendetwas von dem Unbekannten, was da in der Dunkelheit an mich herankam, zu begreifen, zu verstehen … und saß doch zugleich wie festgebannt in meinem Sitz. Mein Verstand begann heftig zu arbeiten, er schnitt meinen Kopf förmlich vom Rest meines Körpers ab, der mehr und mehr zum Anhängsel zu verkümmern schien. Verstand denn irgendjemand von den vielen anderen Menschen im Saal etwas von dem, was die Sängerin auf der Bühne sang? Die Glücklichen, die ihr Programmheft mit Texten und Übersetzungen vor Augen hatten! Denn sie konnten verstehen, was die berühmte Primadonna da, teils händeringend und mit tragischer Miene, teils schelmisch lächelnd oder durch Koloraturen rasend und bebend, zum Ausdruck brachte … .

Ein Kitzeln im Hals war das erste Zeichen, das mein Körper mit seinen Etagen unterhalb meines Hirns setzte. Einzelne Worte,  Seufzer und melodische Aufschreie – „Se la morte“, „Ombre, cure, suspetti!“ oder „Cosi, cosi mi tratti?“ verstand ich erleichtert. Aber wie ein ganzes Programm durchstehen, wenn man, wenn überhaupt, nur einzelne Worte vernimmt aber nichts versteht und erkennt aus der Flut von Worten und Tönen? Ich begann mich mehr und mehr wie ein Statist zu fühlen. Dort die Musiker, die Sängerin, hier ich – getrennt von mir selbst, als würde ich angestrengt in ein Schaufenster starren, in dem ich  immer nur mein eigenes Spiegelbild sähe.

Beginnt nicht unser Körper sich zu wehren, wo der Verstand, die Verengung und Erstarrung der eigenen Wahrnehmung, die damit aufhört, Wahrnehmung zu sein, derartig übermächtig wird?

In diesem Moment begann er,  sich  eines Hustenteufelchens als Helfer zu bedienen, welches in meinem Hals und in meinen Bronchien – ein, zwei Etagen tiefer also als mein Hirn – mit einem spitzen Gegenstand meinen Schlund reizte, kitzelte und piekste. Jeder tiefere Atemzug drohte zu einem katastrophalen Ausbruch zu führen. Es hieß tapfer sein, Luft anhalten oder zumindest sehr flach zu atmen, was den Hustenteufel aber nicht beeindruckte. Er traktierte mich derart, dass mir das krampfhafte Festhalten des Atems die Tränen in die Augen trieb. Merkten die neben und hinter mir Sitzenden etwas von meinem bevorstehenden Erstickungstod, dem ich nur noch durch eine beherzte Flucht würde entgehen können? Aber warum stand ich nicht einfach auf, ließ mich gehen und flüchtete? Der Ausgang war nicht weit entfernt, ein Notausgang im wörtlichen Sinne, der Gang dorthin war frei, aber doch den Blicken einer Hundertschaft von Menschen ausgesetzt. Wollte ich mich den vermeintlich verächtlichen Blicken und Gedanken über diesen hustenden Banausen, als den ich mich nun mit einem inneren „Jetzt reiß dich doch mal zusammen!“ fühlte und der sich nicht in den Griff bekam, nicht aussetzen?

Noch spielte ich den Helden, aber in Wahrheit sehnte ich nichts mehr herbei als das rettende Ufer, den Schlussakkord, dort, wo Applaus und Jubel aufbranden und meinen Hustenanfall übertönt würde. Jedoch:  das konnte dauern, Land war keineswegs in Sicht. Wann endlich würde sie fertig sein, diese schluchzende, furiose Sängerin und der elektrisiert und unter Hochspannung insistierend fuchtelnde Dirigent …

Mittlerweile waren auch die unteren Stockwerke meiner Körperfestung von mehreren Hustenteufeln okkupiert, ich ruckte hin und her, legte eine Hand auf  meine gepresste Brust. Ruhe bewahren, gaaaanz ruhig bleiben …Dort irgendwo musste sich doch mein Herz befinden, das ich aber nicht fühlte, denn es war furchtsam zusammengeschnurzelt wie ein Luftballon, aus dem die Luft entwichen ist. Das Bild hinkt jedoch gewaltig, denn: hier konnte ja eben nichts entweichen …

Hätte ich nur ein Programmheft in der Hand gehabt, etwas für meine Augen zum Lesen, zum Begreifen und etwas zum Festhalten für meinen Verstand. Aber ich tappe im Dunkeln –„Cosi, cosi mi tratti …?  – fühle  Erbitterung – oder vielmehr: ich huste den Veranstaltern etwas, die nicht in der Lage sind, Programmhefte für einen Abend mit „Stars international“ in ausreichender Anzahl zu drucken. Sie und niemand sonst sind Schuld an meinem Hustenanfall und daran, dass diese Musik zu meinem Gegner geworden ist. 

Ich blicke gequält auf die Streicher. Für Momente erkenne ich mit einem Anflug von Erstaunen, was sich im Innern des Schaufensters abspielt, in dem ich mich bis dahin nur selbst gespiegelt gesehen hatte. Was die Finger und Arme der Musiker an Bogenstrichen und Griffen da vollführen – synchron wie ein Schwarm Stare am Abendhimmel – ergibt Klanggesten  – Wirbel, Saltos, Sprünge, Kaskaden und Lachsalven, Tränenflüsse oder wehe Seufzer –   erschafft eine seidig-glänzende Hülle aus unfassbar reinen Harmonien und leuchtenden Farben, denen Logik und tanzende Verbindung, genauso aber auch Brüche und Überraschungen innewohnen – ein wild entschlossenes, akrobatisches Drängen, das um die Gestalt der Sängerin herumwirbelt, dann wieder sich an ihre schlanke, in ein blaues Gewand gehüllte Gestalt anschmiegt, sie streichelt, ihr liebkosend durch die blonden Haare streicht, sie beschirmt oder den Himmel über ihr öffnet, zu dem sie ihre Augen aufschlägt …

Immer noch verstehe ich kein Wort von dem, was sie singt, aber jetzt – als hätte der Dirigent Magnesium und Phosphor in die Glut geworfen – sprüht eine feurige Lohe auf, fällt wieder zusammen, eine Flamme züngelt, wird wiederum knisternd größer, schlägt hoch hinauf mit lodernder Helle und Gluthitze …

Doch so jäh, wie die Flamme aufschoss, so plötzlich ist auch wieder geschrumpft – nur noch ein in sich zusammengefallenes Flämmchen jetzt, ängstlich flackern, bebend, aufzuckend, nahe am Verlöschen, flüsternd … „Che dolce foco in petto oltre  I‘ usato io sento …“

Ich höre ein lautes Klopfen, ein schlagendes Herz …Tod der Liebe, Liebe des Todes, des Sterbens; eine Geliebte, die ich zu meinem größten Erstaunen plötzlich hoch oben an der Decke des Saales schweben sehe wie in einem Gemälde Chagalls. Sie schaut entrückt auf die rasenden Leidenschaften, das tiefe, in sich versunkene Trauern und Lacrimosa, das Lebenstableau ihres eigenen Liebens, Hassens, eifersüchtigen Verlangens, Sehnens und Verlierens, das durch ihren Körper und ihre Stimme hindurch weht wie ein Sturm ..

Arianna, Maria dolorosa, Angelica, Dido, Ero … , all diese leidenschaftlichen, legendären  Frauengestalten mit ihren Kostümen, Masken, Staffagen, Marmorbildern und Gemälden stoßen diese Sängerin, der Dirigent und sein Orchester um, zerbrechen, zerwühlen, zerreißen sie, um sie auf Neue in Fleisch und Blut wieder zu gebären: von Augenblick zu Augenblick, von Ton zu Ton, von Akkord zu Akkord, von Rezitativ zu Arie und von Arie zu Rezitativ – in einer Musik, in der Leben und Tod, Licht und Schatten,  Frühlingssehnsucht, Sommergluten, Herbststürmen und Winterstarre um die Menschenseele ringen und kämpfen …

Meine Ohren beginnen, den Raum weiter und weiter zu öffnen, den die Klänge und Farben der Musik geben und nehmen –  ihre Zäsuren, die Abgründe der Stille zwischen dem Windzügen des Atmens, den gezackten Schlägen, Stichen und den zuschnappenden Atemgeräuschen des Dirigenten, auf die die Streicher mit scharfen Attacken antworten … Anläufe und Bremsungen, Anläufe, Absprünge, ein wirbelnder Flug oder ein selig reigendes Schweben, das aus den vereinten Bogenbewegungen und dem eilenden, unfassbar leichten Tanz der Fingerkuppen auf den magischen Punkten der schwarzen Griffbretter der Violinen entspringt …

Spätestens hier war es, dass ich des synchronen Übersetzers oder Souffleurs in mir gewahr wurde. Schwerlich aber hätte ich ihn bemerkt, wenn ich auf die gedruckten Texte fixiert gewesen wäre, denn der Blinde – der, dem die Augen verbunden sind, ist gezwungen, lauschen zu lernen und mit noch einem anderen Organ als dem Ohr hinzuhören, denn wer anderes wohl als mein Herz hätte dieser Übersetzer und Souffleur sein können, der mir Verstandesblinden zur Hilfe gekommen war … Ich hatte ein anderes Augenlicht bekommen: aus dem „Écoute avec le coeur“ war nach und nach das „Voir avec le coeur“ geworden.