Begegnungen

Bernhard Haitink probt Gustav Mahlers „Neunte“

Gestern Tag der offenen Tür in der Berliner Philharmonie. Sechs Jahre ist es her, dass wir  – 100 Musikerinnen und Musiker aus Wer-weiß-wie-viel Ländern – zum damaligen Tag der offenen Tür unter Simon Rattle spielten, mit unvergesslicher Intensität. Gestern nun war der Besucherandrang so groß, dass sich an allen Eingängen lange Schlangen gebildet hatten. An einen Einlass ohne erhebliche Warterei war nicht zu denken, also verfolgte ich das diesmalige Konzert des BE-Phil-Orchesters – 100 Musikerinnen und Musiker aus 32 Ländern – von einer Wiese aus auf einem riesigen Bildschirm vor der Philharmonie, zeitgleich also zum real concert im großen Saal.

Die Wiese, auf der ich halb sitzend, halb liegend neben und mit vielen anderen Menschen lausche, bietet ein buntes Bild: spielende Kleinkinder, tratschende „Zehlendorfer Witwen“, die doch auch endlich vor Brahms Feuer seiner 1. Sinfonie verstummen müssen, eine junge Farbige, die in Noam Chomskys Buch „Profit over people“  vertieft ist, während sich „Brahms over people“ entlädt und viele Menschen, deren Haltung konzentriertes Zuhören und Hinsehen verrät; für mich eine merkwürdige Sicht von Außen auf etwas, was ich doch ganz von Innen kenne mit dem Erlebnis von 2012: die Anspannung, das Gefühl, an etwas Einmaligem teilzuhaben und in der kontrollierter Extase, die durch gemeinsames Musikmachen möglich wird, „abzuheben“; die Landung am Ende im euphorischen Jubel des Publikums, getragen von der Erfahrung, dass der Probenweg dorthin, geführt von Simon Rattle und Stanley Dodds, eine höchste Herausforderung an Anspruch und Vertrauen bedeutete …

Eine andere Innenansicht sind die Probenbesuche … beim Warten auf den Beginn der Probe zu Mahlers „Neunter“ in der Kantine geht, nein, schreitet Bernhard Haitink mit seiner viel jüngeren Frau untergehakt zum Dirigentenzimmer. Er wird gleich die Probe leiten, wohl eine Art reduzierter Generalprobe, denn ein solches Werk könne man nicht zwei Mal am Tag durchspielen, wie mit einer der Musiker verrät. Große Kakophonie auf dem Podium; immer noch eilen einzelne Philharmoniker zu ihren Plätzen … Läufe, Triller, Fanfarenstöße der Blechbläser, das Durcheinanderbrummen der Kontrabässe und näselnde Cellopartien über einem gleißenden, wogenden Streichermeer …

Schlag 16:15 Uhr betritt Haitink das Podium. Alles verstummt in wenigen Augenblicken,  die Musik setzt wie aus dem Nichts ein. Das Dirigat des Hochbetagten ist sachlich, ohne jede Pose. Er dirigiert stehend. Nur während des letzten Satzes benützt er den hochbeinigen Hocker, halb stehend, halb sitzend. Ein Werk von rund 90 Minuten Dauer fordert seinen Tribut. Das Orchester ist sehr groß besetzt, allein fünf Schlagzeuger sind am Werk. Die Blechbläser, in prächtiger, strahlend-homogener Form, sind beständig gefordert.

Haitink hält diesen riesigen Orchesterapparrat mit vergleichsweise sehr ruhiger, bedächtiger Zeichengebung scheinbar mühelos zusammen, selbst bei den komplexesten und mächtigsten Partien. Wie er wohl seine Blicke, sein Augenspiel einsetzt? Wo andere Dirigenten toben, rudern, springen und dirigierartistisch agieren würden, wirkt Haitink offensichtlich durch eine andere Kraft: nämlich durch die Kräfte der Idee, der Klang- und Entwicklungsvorstellungen sind es, mit denen er den „Apparat“ zusammenhält, lenkt, fordert, impulsiert. Nur seine linke Hand, deren Gestus mich manchmal an Furtwängler erinnert, verrät die innere, gesteigerte, vibrierende Erregung. Sicherlich weiß der große, alte Mann dort am Pult um die Grenzen, die ihm sein Alter setzt und die ihn mit seinen physische Kräften haushalten lassen.

Mahlers Musik wirkt auf mich wie die Erzählung einer große Lebensreise, die schließlich ins Astrale übergeht, ins Überirdische, in eine glühende Streicherintensität im Finalsatz, sich aufschwingend in Steigerungen, harmonische Verdichtungen und ungeheuerliche Potenzierungen, die nur im Gleichnis erahnbar.

Später, wieder im Auto, durch den Abendverkehr. Nässe, hektisch Lichter, Hupen, eine Ordnung, mühsam gehalten durch Hindernisse, Baustellen, Beschilderungen, sich stauende Fahrzeugschlangen, in denen sich die egozentrisch treibende und nach Vorsprung gierende Energie der vielen einzelnen Fahrzeuglenker und ihrer Maschinen zwangsweise zu e i n e m  Wesen zusammenschließt, und von Ampel zu Ampel, von Kreuzung zu Kreuzung sich vorwärts presst, vorwärtsschnellt, ein lauter, brausender, stinkender Schwarm … Auch dies scheint in Mahlers Musik schon „gesehen“, benannt, bebildert; die Fahrt im großstädtischen Feierabendverkehr verbindet sich mit der Musik zu einer Fortsetzung dessen, was in der Sinfonie ablief, voller Entsetzen und Entzücken, erschreckend oder erhebend oder beides zugleich, am Ende sich auflösend, allen Zwang, alles Grelle, Rasende, Gierige ruhelos Treibende und Ziellose hinter sich lassend …

 

 

 

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Aus dem Innenleben einer Zeitungsmeldung

 

AN DER SCHWELLE  – Der Tod im Lichte der Natur und der Seele (Erstveröffentlichung im November 2015)

 

DER VERWANDELNDE BLICK – Christian Morgenstern zum 100. Todestag (Erstveröffentlichung im März 2014)

 

BACHS JOHANNESPASSION in einer rituellen Inszenierung durch Peter Sellars, die Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle und den Rundfunkchor Berlin unter Simon Halsey (Erstveröffentlichung im März 2014)

 

WIE EIN JA ZUM LEBEN SELBST – Beethoven, die Kammerakademie Potsdam und ihr Dirigent Antonello Manacorda

 

 

 

Das alte Haus 

Erinnerungen sind wie das Wasser des Lebens, und  es  kommt mir vor, als würde ich mein ganzes bisheriges Leben immer wieder aus den Erlebnissen meiner Kindheit schöpfen, wie aus einem Brunnen, der nicht versiegt.
Es ist, als würde sich in diesen Erinnerungen etwas in mir selbst lieben – das ist wohl das Echo, der Widerschein der Liebe derer, die mich umgaben, die mich begleiteten, die mit mir gingen – und das sind natürlich an erster Stelle meine Eltern.

Adventszeit. Unser Haus in der Fleischhauerstraße, ein verwinkeltes, jahrhundertealtes westfälisches Ackerbürgerhaus, scheint mir im Rückblick durch und durch beseelt: unten im Erdgeschoss, wo sich die Ausstellungsräume des Bestattungsunternehmens und die Tischlereiwerkstatt, die Kellerräume und die Strickkammer befanden, wohnte ein Hausgeist, der besonders im Dunkeln spürbar war, wenn ich aus der mittleren Etage hinunter zur Toilette gehen musste, oder in den Vorratskeller, um für Vater eine Flasche Feierabendbier zu holen. Lautes Singen, Treppentrampeln oder das Rufen seines Namens „Bullemann“ half gegen die Angst vor diesem gesichtslosen Etwas, war aber auch zugleich Anrufung, die den „Bullemann“ gegenwärtiger sein ließ und daher ein gruseliges Gefühl erzeugte. Einige Jahre später hatte  „Bullemann“ ein Gesicht bekommen, da wir Kinder im Vorabendprogramm, schon im Schlafanzug aneinandergekuschelt auf der Couch im Fernsehen die französische Serie „Belphigor“ sahen und uns gemeinsam wohlig gruselten, wenn das schreckstarre Antlitz des Gespenstes irgendwo im Louvre, wo diese Serie spielte, urplötzlich erschien.

So schnell wie möglich rannte ich mit trommelnden Füßen die steilen Treppenstufen wieder hinauf, durch den Flur zur Küche, deren Tür mit drei Fenstern versehen war. Das milchige Glas war mit filigranen Pflanzenornamenten gemustert, so dass man nur schemenhaft erkennen konnte, wenn sich im Innern jemand bewegte.

Aber dieses Licht, das den dunklen Flur erhellte und die Schemen und Stimmen meiner Mutter, meines Vaters, der Großeltern vielleicht, später auch die Stimmen meiner Geschwister, strahlte eine Geborgenheit aus, die an Glück grenzte: aus dem gruseligen Dunkel des Erdgeschosses, dem Reich von Bullemann und Belphighor in den Kellerräumen, der Werkstatt, dem Schweigen des Sarglagers, der Küche und dem Büro, in dem tagsüber die trauernde „Kundschaft“ empfangen und mit der alles besprochen wurde, was zu einer Bestattung gehört, zurück in das lichte, warme Reich von Küche und  Wohnzimmer. Dort, unter der rot gepolsterten Eckbank, wo die beiden Sitzbänke im rechten Winkel verschraubt waren und wo darunter ein dreieckiger umwandeter Hohlraum war, befand sich meine Höhle, mein geheimer Ort, in den ich, so lange es ging, hineinkroch, ja, später, als ich gewachsen war, mich noch hineinzwängte. Dort fühlte ich mich in Sicherheit, fand gemütliche Geborgenheit, Schutz, hatte ich die Kontrolle. Wenn ich mich durch eine schmale Öffnung dort hineinzwängt hatte und mich lautlos verhielt, sah ich alle, hingegen sah m i c h  niemand. Ich konnte die Tischgespräche belauschen, musterte die Hosenbeine, die Strümpfe, das Schuhwerk  der am Küchentisch Sitzenden, oder sog einfach den Duft der Weihnachtsplätzchen ein, den ich zuvor mit Hilfe meiner Mutter durch einen Wolf gedreht hatte, und genoss die Urgemütlichkeit meines unterirdischen Dachsbaus …

Auch das war ein Glück: Ganz allein und geschützt in meinem Versteck unter der Kückeneckbank zu kauern, und mich doch zugleich mittendrin im familiären Leben zu fühlen, das sich hier im Zentrum des Haushaltes abspielte:

Tante Lore und Onkel Ernst, die beiden Omas und Opa  gingen ein und aus,  mein Bruder Michael, später Eva und Christoph… Sonntag morgens mit schöner Regelmäßigkeit kam Onkel Paul Twillemeier , einer der Honorarkräfte des Bestattungsinstitutes, ließ sich auf der Eckbank nieder, kam mit  seinem eiligen, nervösen Redeschwall vom „Hölzchen aufs Stöckchen“, mehrere Kornschnäpse herunterspülend, welche ihn erst so richtig in Fahrt brachten. Meine Mutter setzte sich höflich zu ihm.  Nach einer Weile erhob sie sich unruhig; ihre Beine hatten schon schon eine Weile unter dem Tisch, für mich sichtbar, hin und hergescharrt. Wenn sie dann aufstand und sich höflich mit den Vorbereitungen für’s Mittagessen entschuldigte, war das für Onkel Paul das endgültige Zeichen zum Aufbruch. Leicht angetüdelt hob er sein schwer gewordenes sonntägliches Sitzfleisch in die Höhe … Ob meine Mutter dann und wann die Augen verdrehte, konnte ich von meinem geheimen Platz aus an ihren Beinen natürlich nicht erkennen …

Was tat Onkel Paul eigentlich hier jeden Sonntag vormittag? Frau Twillemeier, seine korpulente Frau, wirkte so gar nicht anziehend oder wäre für meinen Geschmack schön zu nennen gewesen, genausowenig, wie man unseren sonntäglichen Stammgast mit seinen Pockennarben und seiner etwas näselnden, hektischen Stimme, dem stereotypen „nich wahr, ni ni nich?!“ einen attraktiven Mann hätte nennen können. Sicher fand er meine Mutter sympathisch und hübsch,was sie ja auch tatsächlich war. Von meinem Vater hatte ich einmal eine spitze, naserümpfende Bemerkung über Onkel Pauls regelmäßige Visiten aufgeschnappt; dieser regelmäßige Gast nahm wohl zusammen mit den Schnäpsen immer auch ein stärkendes Augenfrühstück.

Welch ein Glück, wenn solche Erwachsenen, die stundenlang über Nichts reden und eifern konnten und nichts als Langeweile verbreiteten, endlich aufstanden und das Haus verließen. Wenn „Große“ sich nichts zu sagen haben, was nicht für Kinderohren bestimmt ist,  sich nur mit gegenseitigen Äußerlichkeiten die Zeit stehlen, wird das Belauschen schnell quälend.

Ich schwor mir jedenfalls, niemals , wenn ich groß wäre, solche schwarzen, spitzen Schuhe zu tragen wie zum Beispiel auch Onkel Paul. Sie schienen die Verkörperung von Leere und Eingefahrenheit, ja des Unglücks, das es bedeutet, das verödete Leben eines Erwachsenen zu führen – so langweilig, dass es nicht mal mehr etwas zum Gruseln gab, außer natürlich solche schwarzen, spitzen Schuhe.

Übrigens, selbst wenn die Küchentür gegen den in der dunklen Jahreszeit kühlen Flur immer peinlich geschlossen gehalten werden musste – ich höre noch die oft genervten Rufe meiner Mutter „Macht doch die Tüüür zu!“- hatten wir Kinder nie das Gefühl, ausgeschlossen zu sein. Diese Tür war nicht nur licht-, sondern auch seelendurchlässig, und das gab immer ein Gefühl der Anwesenheit irgendeines Erwachsenen und die Gewissheit einer zwanglosen Zugehörigkeit  – es sei denn, ich versteckte mich nach einem Streit oder einer Lüge aus Trotz, Scham oder Angst in einem der vielen Winkel des Hauses, oder gar im Bettkasten in meinem Zimmer, fast unauffindbar … (Aber ich will  hier nicht von der Trostlosigkeit solch verzweifelten Versteckens und versuchten Ausbrüchen aus kindlichen Unglücks- oder Angstzuständen erzählen.)

Die  eigene Mutter schön zu finden ist für ein Kind etwas Selbstverständliches und Unbezweifelbares, wohl bis zum Beginn der Pubertät. Hingegen blickt auch das kleine Kind schon auf das Aussehen und die Wirkung anderer weiblicher Wesen. Schaue ich alte Fotos meiner Mutter an oder, wie vor Jahren, einmal einen wiederhergestellten Super 8-Film von einer Familienfeier aus den fünfziger Jahren, sehe ich eine bestürzend schöne, junge Frau mit einem klaren Antlitz, das einem Marienbild eines der alten Meister hätte zum Vorbild dienen können .

Es wunderte mich nicht, von meinem Vater in einer seiner Erzählungen an einem langen schwedischen Herbstabend zu hören, dass ihm das damals sechszehn- oder siebzehnjährige rotwangige Mädchen mit den schwarzen Haaren, das viel später seine Frau werden sollte, ihm schon bei seinem allerersten Besuch in Lippstadt – er war aus Bottrop mit dem Zug angereist –  aufgefallen war. Sie hatte in einer Gruppe Gleichaltriger gestanden und seinen Blick aus ihren braunen Augen erwidert … Lange Zeit sollte noch vergehen, bis sie die ersten Worte wechselten und sich einander immer mehr annäherten.
Für manch einen der Schulkameraden oder Freundinnen Ilses aber war sehr schnell klar, dass sich hier etwas anbahnen wollte, wahrlich schicksalhaft in der schicksalhaften Zeit des 2. Weltkrieges. So hatte ein Bekannter meine Mutter damals einmal unvermittelt gefragt, ob sie später einmal „Frau Motog“ werden wolle? Diese Frage wurde ihr – wohlgemerkt – zu einem Zeitpunkt gestellt, als noch kaum die ersten Worte zwischen meiner Mutter und meinem Vater gewechselt  worden waren …

Es war eine a n d e r e Art von Schönheit meiner Mutter, die ich ganz früh in meiner Kindheit – ich fand noch ausreichend Platz auf ihrem Schoß  – wahrnahm oder vielmehr, mit allen Fasern in mich aufnahm. Sie sitzt auf der Bettkante in ihrem Schlafzimmer, ich sehe mich auf ihrem Schoß und lausche ihrer Singstimme, als habe jemand die Welt für die Dauer ihres Singens angehalten Weihnachtslieder sind es, die sie singt, Strophe um Strophe von „Vom Himmel hoch, ihr Englein kommt  …“.
Dann  „Was soll das bedeuten …“ . Noch anderes? – Vielleicht … : mein erstes bewusstes, prägendes Musikerlebnis, untrennbar verbunden mit dem Gefühl einer tiefen Verbundenheit, zugleich mein erstes bewusstes und beglückendes Schönheitserlebnis  – ein Klang, eine Tiefe und Erfülltheit der Stimmung und Erwartung in dieser vorweihnachtlichen Zeit, die, sooft ich sie später beim Musikhören oder Musikmachen mit anderen wiedersuchte und  wiederfand, zutiefst beglückend war und ist …

Eine andere  glücksgeladene Prägung ist der Klang von Glocken.

Heiligabend wie im Buch. Dicke Schneeflocken fallen zum Festgeläut der großen Marienkirche vom Himmel herab, das die Stille der verschneiten Stadt erfüllt. Die großen, erleuchteten gotischen Fenster des Chores, die wie feierliche riesige Scherenschnitte das Maßwerk durchleuchten. Während der Christvesper fahre ich mit den Augen diese steinernen, filigranen Linien und Schwünge der Unendlichkeit nach. Die Predigt will und will nicht enden. Ich höre kehlige, befremdlich-gepresste, sehr eindringliche Wortklänge aus dem Munde des Pastors, dem eine Kriegsverletzung im Hals das Sprechen und Singen so bedeutungsschwer macht, umfliege träumerisch hoch oben den im Gewölbe schwebenden Stern, lausche dem seligen Orgelgebraus von „O, du fröhliche“ … . Dann endlich stapfe ich an der Hand meines Vaters durch den Schnee. Er macht mit mir einen Umweg nach Hause, vielleicht hatte meine Mutter noch einige Vorbereitungen, die für Kinderaugen verborgen bleiben sollen, vielleicht wollte er aber einfach nur die Ruhe und die weihnachtliche Stimmung genießen, die die Glocken, der Schnee über der alten Stadt ausbreiten. Das Glück der Erwartung auf die Bescherung, die beglückende Schönheit des Schnees, die unbekannten Welten hinter den erleuchteten Fenstern der Kirche und der Häuser ringsherum und die Verbundenheit zwischen mir und meinem Vater auf diesem Gang nach Hause war nicht weniger intensiv als die auf dem Schoß meiner singenden Mutter …

Ein paar Tage vor Weihnachten war unser Wohnzimmer plötzlich verschlossen – es wurde ernst. Durch das Fensterglas war im Innern nichts deutlich zu unterscheiden, der spähende  Blick durchs Schlüsselloch ließ nichts ahnen – nur die Gewissheit, dass das Christkind dort drin, hinter der verschlossenen Tür, zu manchen Zeiten eifrig tätig war, manchmal auch in einem kometenhaften Lichtschein draußen am Fenster zur schmalen Gasse zwischen unserem und dem Nachbarhaus vorbeifliegend…

Meine Eltern verstanden es, die Adventszeit und auch die anderen Zeiten des Jahres durch kleinere oder größere Rituale zu gestalten und uns nahezubringen: Der Schokoladen-Adventskalender, der auf der Fensterbank über der Eckbank stand, der  Teller auf der Treppe am Abend vorm Nikolaustag, der am nächsten Morgen gut gefüllt dastand und am Nachmittag noch durch einen plötzlich dastehenden Stutenkerl aus der Bäckerei Reineke Gesellschaft bekam; das verschlossene Wohnzimmer, der Heringssalat und das Weißbrot mit guter Butter am Heiligen Abend; das Glöckchen, mit dem zur Bescherung gerufen wurde …Mein Vater schlich sich immer zuvor unbemerkt vom Essentisch davon. Wenig später vernahmen wir aus der Dunkelheit des Treppenhauses ein helles Gebimmel, und dann gab es kein Halten mehr: nach kurzer Zeit  standen wir vor dem wunderbar nur von Kerzen erleuchteten Weihnachtsbaum im Weihnachtszimmer, „Ihr Kinderlein kommet …“ auf den Lippen, mit den Augen schon die Umrisse der weißen Tücher abtastend, mit denen die Geschenke für uns Kinder noch abgedeckt waren … (Es dauerte lange Zeit, bis ich verstand, dass das Glöckchen mit dem Verschwinden meines Vaters zu tun hatte, behauptete er doch stets, er müsse mal eben auf die Toilette …).

Doch zuvor hieß es sich in den Sesseln und auf der Couch niederlassen und der Weihnachtsgeschichte lauschen, die mein älterer Bruder vorlas.  Während er das tat, besah ich träumerisch die kleine holzgeschnitzte Krippe auf dem Tisch, deren fein geschnitzte Figuren ganz lebendig wurden. Dann wurde gesungen, meine Mutter und meine Großmutter voller kindlicher Inbrunst waren die Stimmführererinnen des familiären Chores, wir anderen sangen deutlich schüchterner, nur Onkel Ernst, der Schwager meiner Mutter,  fiel stimmlich heraus, weil er in einer gänzlich anderen, immer zu tiefen Tonlage anstimmte, die so gar nicht zu der unserigen passen wollte. Ihm war’s aber egal, er sang, was das Zeug hielt und scherte sich nicht im geringsten um unsere Blicke, die wir Kinder uns anfänglich belustigt zuwarfen.