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Archiv

Begegnungen

Inhaltsverzeichnis

 

1. Der Nahbare oder: Simon Rattle begegnet Lisa Krause

 

2. Das Leben – ein Traum
Rudolf Steiner als Notarzt/ Steiner als Lehrer

 

3. Eine Begegnung mit dem Schriftsteller Benno Pludra

 

4. Stefanie John und ihre Campanula

 

5. Besuch bei einer alten Dame – die Schriftstellerin Jutta Hecker in Weimar

 

6. Anmut und Würde

 

7. Julla von Landsberg singt

 

8. Im Kaufland (oder: Die Dorade)

 

9. Walter Kempowski

 

10. Spiegel im Spiegel

 

11. Glück und Sinn

 

12. Herzsprünge

 

13. Bote des Glücks

 

14. Augenglocken

 

15. Urzeitvogel

 

16. Auf dem Friedhof

 

17. Des Führers Töchter

 

18. Das Eselein

 

19.  Die Meuterei der schönen Meryem

 

20. Die Butterhexe – eine Begegnung auf der Insel Baltrum

 

21.   Das alte Haus

 

22. Inneres einer Zeitungsmeldung (Anklicken, Lesezeit 10′)

 

23. Heimkehr

 

24. Selbstbegegnung

 

25. Die Gabe

 

26. Chagall, Picasso und Jünger (Anklicken)

 

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Der Nahbare oder: Simon Rattle begegnet Lisa Krause

(Lesezeit 3′)

… Es war im Jahre 2007, als ein grauer Lockenkopf mit einem kleinen Rucksack auf dem Rücken durch den beschaulichen Havelort wanderte, den schon Einstein vor seiner Emigration als seinen glücklichsten Rückzugsort geschätzt hatte. Mit einem Rucksack auf dem Rücken, ganz allein, führte der Weg des  Spaziergängers einmal nicht zum Einsteinhaus, sondern zufällig auch zum gemütlichen Heimathaus nahe des Caputher Schlosses. Zwei rührige, hochbetagte Damen –  hellwach, sehr gesprächig und vorzügliche Bäckerinnen –   baten den unentschlossen vorm Heimathaus Stehenden hinein (wer könnte auch der freundlich-entschlossenen Art der mittlerweile über neunzigjährigen Lisa Krause, der einen der beiden Damen, widerstehen!) Sie bewirteten den fremden, sehr freundlichen, bescheiden-zurückhaltenden Wandersmann im kleinen Hof des Heimathauses ausgiebig mit Kaffee und selbstgebackenem Kuchen, kamen ins Erzählen, und der Besucher nahm nach ungefähr einer Stunde nicht nur sehr genaue Kenntnisse von Capuths Vergangenheit und Tipps für die weitere Fußwanderung mit nach Hause, sondern auch Erinnerungen an märkisches Urgestein:  Frau Krause, ihr markantes, gebräuntes Gesicht, den klaren Klang ihrer Stimme, ihre blitzenden, wachen Augen – die verkörperte Geschichte des alten Schifferortes …

Wenige Tage später aber macht Frau Krause im Fernsehen eine erschreckende Entdeckung. Kaum traut sie ihren Augen. Da erblickt sie doch tatsächlich ihren Gast vom letzten Sonntag, die Berliner Philharmoniker dirigierend. Kann denn das wahr sein… und man hat nichts gewusst, und er hat auch nichts gesagt, na so was! Sie schießt schnell ein Polaroidfoto des Dirigenten, zeigt es tags darauf ihrer weltläufigen Freundin Erika. Kein Zweifel: Der bescheiden-sympathische Gast vom vorherigen Wochenende ist Sir Simon Rattle gewesen, Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, ein Weltstar …

Der Begegnung Simon Rattles mit Lisa Krause folgt ein noch gewisses Happy End, und zwar Monate später, an einem eiskalten, windig-frostigen Berliner Wintertag.

Probenbesuch in der Philharmonie mit den Philharmonikern unter ihrem Chefdirigenten; ein uns tief berührender Schuhmann: „Das Paradies und die Peri“. Nur eine Handvoll Zuhörer wohnt der Probe mit dem Orchester und dem Rundfunkchor bei. Unweit von Frau Krause und mir, direkt hinter uns in Block B, sitzt Kyrill Petrenko, gespannt das Probengeschehen verfolgend, mit einer Partitur auf den Knien, ganz Ohr. (Heute, zehn Jahre später, ist er zum Nachfolger Rattles bestimmt – wer hätte das damals gedacht… ).Und zu welchem der Musiker mag wohl das Baby gehören, das sich jetzt, mitten in einer zarten, ergreifenden Passage von Schuhmanns Werk lautstark aus dem Zuschauerraum bemerkbar macht… .Wie wird der Dirigent reagieren? Simon Rattle dreht sich schmunzelnd um, und viele der Musiker quittieren die Töne des Babys ebenso freundlich und verständnisvoll. Wer weiß, vielleicht spiegeln sich in seinem Lächeln und seiner Bemerkung („Der will wohl schon mitmachen“) seine eigenen Vaterfreuden wieder? Nur einen einzigen genervt-vorwurfsvollen Blick sehe ich aus der Gruppe der Bratscher wie einen abgeschossenen Pfeil in Richtung des kleinen Schreihalses zielen: So was hätte es hier unter X. nie gegeben!  Aber der Pfeil seines einsamen Ärgers trifft nicht, trudelt ins Leere … Gegen Ende des Stücks, in einer Art Apotheose, singt die Sopranistin (Kate Royal) Töne in einer Art, die nicht mehr mit Technik, sondern nur noch mit purer Hingabe möglich scheinen. Kaum ist die Musik verklungen, lässt sie sich auf ihren Stuhl sinken, streckt, fast liegend, alle Viere von sich, seufzt, lacht befreit und erleichtert – was für unglaublich pure, aller Pose und Maske entblößte Momente einer gelungenen Grenzüberschreitung, die einen jeden im Orchester und im Saal tief berührt hat; die Musiker klopfen lebhaften Beifall („die teuren Bögen!“ denke ich) und Sir Simon umarmt die glücklich erschöpfte Kate Royal …

Probenpause. Simon Rattle steht ein paar Meter von uns entfernt im Gang, im Gespräch. „Jetzt, Frau Krause, jetzt oder nie!“, dränge ich die noch respektvoll Zögernde,

die in ihrer Handtasche das Polaroidfoto vom Waldbühnenkonzert und eine vorbereitete Karte für das Gästebuch des Heimathauses griffbereit stecken hat. Ein wenig heißt es noch warten, dann ist Sir Simon frei. „Caputh lässt grüßen …“ beginnt sie.  Im nächsten Augenblick schütteln sich die beiden herzlich die Hände, unverkennbare Wiedersehensfreude blitzt schalkhaft in den Augen des Dirigenten auf; natürlich erinnert er sich an seinen Besuch, an den guten Apfelkuchen, an die beredten Geschichten aus dem Munde von Lisa Krause; es amüsiert ihn, als sie, fast entschuldigend, gesteht, dass sie ihn nicht erkannte,  nicht wußte, wer ihr da gegenübergesessen hatte.  Zum Abschied ergreift Simon mit beiden Händen die Hände Lisas : „Ich habe eine große Freude in mir, Sie wiederzusehen!“

Und Lisa Krause hatte neben der ersten aufregenden Freude einer neuerlichen lebendigen Begegnung nun noch eine Weitere: ein schwungvolles Autogramm vom Nahbaren,  für das Gästebuch ihres Heimathauses … als weiteres Kleinod für die Geschichtenschatzkammer des kleinen, idyllischen Havelortes.

 

Scan 1

 

 

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Rudolf Steiner als Lehrer

Rudolf Steiner sitzt auf dem Sofa im Wohnzimmer meines Elternhauses und unterhält sich mit meinen Eltern. Ab und zu wirft er mir Blicke zu, voller distanzierendem Ernst, voller Mißbilligung, wie mir scheint, so als würde er sagen: „ Du bist weit von mir entfernt. Wenn du s o  bist, kann ich dich noch nicht gebrauchen.“

Dann in einer Schulklasse – draußen ist es noch oder schon wieder(?) dunkel; ein Gewitter scheint aufzuziehen. Ich sitzt in einer der hinteren Bankreihen. Die meisten meiner Mitschüler und Mitschülerinnen sind mir unbekannt. An der Tafel versucht uns Steiner eine mathematische Gleichung versttändlich zu machen. Es handelt sich um ein Verhältnis zweier Zahlen, genauer: zweier Brüche. Dabei spricht er mit größter Eindinglichkeit und Intensität, die sich im Tonfall immer mehr steigert: Verstehen Sie? Das m ü s s e n Sie verstehen! Es hängt alles davon ab, dass Sie das begreifen!“

Ein Mann erhebt sich darauf von seinem Platz, sehr erregt wird er fast handgreiflich gegenüber Steiner, während er – jetzt fast außer sich – ausruft: „Sie wollen doch die freie Marktwirtschaft abschaffen und den Kommunismus einführen!“
Der Angegriffene entbrennt darauf immer leidenschaftlicher, geht auf und ab und durchbohrt mich förmlich mit den eindringlichsten Blicken. Ich fühle, wie er in mich hinein zu schauen versucht, um zu sehen, ob ich das geforderte Verständnis aufbringen kann. Ich g l a u b e, dass ich seine Ausführungen verstanden habe,aber vor solch eindringlichen Blicken fühle ich doch eine starke Verunsicherung.
Steiners Ausführungen erreichen schließlich ihre höchste Steigerung, indem er wiederholend ausruft: „Man muss müssen! Man muss müssen!“ Dabei betont er die scharfen s- Laute sehr übertrieben.

Während er so spricht – ich spüre, dass er gleich verstummen wird- dringt von draußen ein höchst eigenartiges, andauerndes Geräusch herein. Mein erster Gedanke: rollende Panzer, und ich richte mich auf, um zu sehen, was draußen vor sich geht. Entwarnung: es sind ja nur Fahrzeuge mit Anhängern, auf denen Paddelboote transportiert werden. Doch im letzten Augenblick sehe ich tatsächlich einen Panzer mit rotem Stern auf der Frontseite. Er verschwindet im nächsten Augenblick hinter einer Mauer, als wolle er sich dem Erkanntwerden schnell entziehen

Das Klassenzimmer ist in ein höchst eigenartiges , flackerndes, auf und abschwellendes Licht getaucht. Steiner verlässt den Klassenraum mit den Worten, er müsse jetzt fortreisen. Darüber entsteht eine Bestürzung, da keinerlei Klarheit darüber besteht, ob nun eine russische Invasion stattfindet oder nicht. Von draußen dringen weiterhin die Motorengeräusche in den Raum, und auch das Licht verändert sich beständig. Der Mann, der Steiner des Kommunismus beschuldigte, verfolgt Steiner. Die Klassenzimmertür steht noch einen Spalt weit auf. Der Mann bleibt nur für kurze Zeit weg, dann kommt er zurück, und berichtet, er habe Steiner und dessen Frau Marie noch angetroffen. Irgendetwas aber muss ihn bei dieser Begegnung derart berührt haben, dass er nun völlig verwandelt wirkt, wie ein Erleuchteter – keine Spur, keine Äußerung mehr von seiner vorherigen Gegnerschaft.

 

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3

Eine Begegnung mit dem Schriftsteller Benno Pludra (1925 -2014)

„Ja, geht klar, ich freue mich drauf!“ Benno Pludra, einer der meistgelesenen Kinder-und Jugendbuchautoren der damaligen DDR und späteren BRD, bekräftigte zum Abschied noch einmal unsere Verabredung für eine Lesung im HAUS DER KLÄNGE. Ich hatte ihn nach vorausgegangenen brieflichen und telefonischen Kontakten in seinem gemütlichen, erinnerungsträchtig eingerichteten Haus im Norden Potsdams aufgesucht, und mit ihm Einzelheiten zu seiner geplanten Lesung zu besprechen.

Er lebte dort allein, unterstützt von einem freundlichen Pfleger, der drei Mal am Tag aufkreuzte. Doch nicht ganz allein: schon während meiner kurzen Wartezeit an der Haustürklingel ließ sich sein Mitbewohner lautstark und lebhaft vernehmen. Als der betagte Hausherr mir dann die Tür öffnete, zog sich der bellende Leibwächter eiligst trippelnd ins Innere der Wohnung zurück. Im nächsten Augenblick jedoch tauchte seine Schnauze wieder hinterm Türrahmen auf. Aus dunklen Augen fixierte das Hündchen mich misstrauisch. Erneutes, lautstarkes Ankläffen, damit ja klar war, wer hier Herr im Hause ist. Pludra beruhigte seinen aufgeregten Beschützer, und dieser blieb nun im folgenden Verlauf des Gesprächs immer um uns – mal ruhig zu unseren Füßen ausgestreckt, dann wieder unvermittelt aufspringend, um mich ein ums andere Mal zu beschnüffeln.

Wir hatten im Wohnzimmer Platz genommen, wo mein Blick auf einen schmalen Bucheinband fiel: „Bootsmann auf der Scholle“. Es war eine verlagsfrische Neuausgabe dieses Kinderbuchklassikers, daneben lag der Verlagsprospekt des Middelhauve-Verlags, der Pludras Bücher nach der Wende neu aufgelegt hat.

Es war dasselbe Buch, das mir im Sommer auf Hiddensee im Schaufenster der Koralle-Buchhandlung aufgefallen war – Hiddensee, diese immer wieder inspirierende Insel, mit der der Schriftsteller tief verbunden gewesen war (er hatte in Vitte ein Sommerhaus), und deren Spuren und Atmosphäre in vielen seiner Bücher zu spüren ist. Ich erzählte ihm von meiner Erstbegegnung mit seinen Geschichten auf Hiddensee in der „Koralle“, wo auch die Erstausgaben seiner Bücher ausgestellt waren, und wie dort die Idee entstanden war, ihn zu einer Lesung einzuladen. Seine blauen Augen hinter der charakteristisch geformten Brille blitzten auf, als er den Namen „Caputh“ hörte. „Aah! Caputh – da ist es schön!“

Ich blickte mich um. Seine Liebe zum Meer zeigte sich in vielen Bildern, Stichen, maritimen Gegenständen und Schiffsmodellen in dem erinnerungsträchtigen Zimmer. Sein Arbeitszimmer jedoch war das nicht mehr. „Wenn nichts mehr in der Kiste ist, kann ooch ni mehr rauskommen,“ antwortete er lakonisch auf meine Frage, woran er gerade schreibe. Aber – lesen, ja, das könne er noch, wenn auch nicht mehr vor Schulklassen, das sei ihm zu anstrengend. Ich konnte ihn beruhigen. Zu seiner Lesung im HAUS DER KLÄNGE würden wohl sicherlich mehr Erwachsene als Kinder kommen – Erwachsene, die mit seinen in der einstigen DDR und auch nach der Wende weit verbreiteten Büchern und Verfilmungen besondere und schöne Erinnerungen verbänden und daher den zurückgezogen lebenden Autor gerne einmal aus der Nähe erleben würden.

Nun kam der 85-Jährige ins Erzählen – von Hiddensee, seinem Besuch der Seemannsschule in Hamburg als Sechzehnjähriger, von seinem Wunsch, Kapitän zu werden und von den Fahrten auf einem Schiff der Handelsmarine. Auch Lehrer sei er für kurze Zeit gewesen, aber das sei nichts für ihn gewesen. Das Meer, die Küste und ihre Menschen, die Seefahrt, das Inselleben und der Fischfang ergaben die Motive und Gestalten in den Geschichten Pludras. Der ferne Horizont, die Weite und Freiheitsgefühl weckende Landschaft am Meer bildeten dabei einen bedeutsamen Horizont für die Phantasie des Schriftstellers, der im Alter jedoch in einem sehr klein gewordenen Lebenskreis beheimatet war. (Kurz nach meinem Besuch erlitt Benno Pludra einen Schlaganfall, der ihn in Folge zwang, sein Haus als Wohnort aufzugeben und in eine betreute Wohneinrichtung zu ziehen. Dort wohnte er Tür an Tür mit unserer Großmutter).

Die Gemälde mit maritimen Motiven mussten natürlich mit umziehen – sie atmeten noch die Weite, ebenso wie das Schiffsmodell des Viermasters „Padua“, auf dem er als knapp Zwanzigjähriger zur See gefahren war.
„Die Berge sind etwas Zerbröckelndes, Vergehendes,“ sagte er, „aber das Meer ist immer wieder neu. Das wäscht uns später vielleicht sowieso mal weg …“.

Beinahe hätte er genau dies als Neunzehnjähriger erlebt: einfach weggespült zu werden, nachdem die Padua von einem Torpedo getroffen worden war. Pludra hatte das knapp überlebt, aber das fürchterliche Geschehnis hatte die Haare des jungen Mannes innerhalb kürzester Zeit weiß werden lassen … .

(Benno Pludra verstarb vier Jahre später, am 27. August 2014.)

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Himmel

 

Du baust die Brücke in die Stille,

in jene Räume, wo die Träume weben,

dort, wo sich Lauschen, Zeit und Wille

ganz sich wagen hinzugeben,

schweigend, deinem Spiel und Tönen.

Ich gehe Ton um Ton mit Dir

dorthin, wo sich Zeit und Ewigkeit versöhnen.

Und kehr, verwandelt so, zurück ins Hier.

(Für die Cellistin Stefanie John und ihre Campagnula)

 

 

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Besuch bei einer alten Dame

bei der Schriftstellerin Jutta Hecker in Weimar

(Lesezeit ca. 5′)

Vom Ilmpark her war ich den steilen Berg hinaufgestiefelt und stand nun herzklopfend vor meinem Ziel, der so geschichtsträchtigen Altenburg, gegenüber dem mächtigen Bau des Goethe-Schiller Archivs. Lizst hatte in der Altenburg dreizehn Jahre seines Lebens verbracht, und viele Dichter, Musiker und Philosophen waren in dem dreistöckigen Gebäude ein- und ausgegangen – etwa Goethe, Bettina von Arnim, Richard Wagner, Hector Berlioz, Friedrich Hebbel, Hoffmann von Fallersleben, der Geiger Joseph Joachim, der Dirigent Hans von Bülow und nicht zuletzt Rudolf Steiner, dem die derzeitige Bewohnerin der Altenburg ihr neuestes Buch gewidmet hatte. In diesem Moment aber dachte ich an keinen dieser großen Namen, sonst hätte mein Herz wohlmöglich noch mehr geklopft, und ich hätte vielleicht nicht gewagt, noch dazu unangemeldet, in den Hausflur einzutreten und den Klingelknopf zu betätigen. Ich vernahm Schritte, und kurz darauf spähte jemand durch einen schmalen Spalt. War das die Dichterin, die ich besuchen wollte?

Ich entschuldigte meinen unangemeldeten Besuch und trug mein Anliegen vor, indem ich das besagte, von mir kurz zuvor erworbene Buch vorzeigte, das ich mir von ihr signieren lassen wollte – ein guter Vorwand und Anlass, diese Dichterin, die die Goethezeit und den Menschenkreis um Goethe so einzigartig lebendig schildern konnte, auch persönlich kennenzulernen.

„Kommen Sie bitte herein, ich sage meiner Schwester Bescheid.“ Der schmale Türspalt öffnete sich und eine zierliche alte Dame, die jetzt gänzlich sichtbar wurde, bat mich herein, führte mich in ein  Wohn- oder Arbeitszimmer.

Vom brausenden Autolärm der vielbefahrenen Jenaer Straße, an der die Altenburg liegt, drang nichts herein, schien mit einem Schlage ausgelöscht. Ich schaute mich um: eine hohe Bücherwand, ein großer, dunkler Schreibtisch, darauf eine lebendige Unordnung von Papieren, Büchern, Gegenständen. Ich gewahrte das Ticken einer Wanduhr … Die Stille schien mit jeder Minute, die ich auf die Dichterin wartete, noch zu wachsen, ja, diese Stille wuchs sich in ein tiefes Schweigen aus, als mein Blick beim Umherschauen von einer Gipsmaske gebannt wurde.

Wer, was ist das ?… Eine Totenmaske? Jetzt erkenne ich’s: Goethes Antlitz, streng und verschlossen.  Aber es ist nicht das Antlitz des verstorbenen Greises mit der erschreckend eingefallenen Mundpartie, das ich von einer Abbildung her kenne. Dies ist ein anderer Goethe, war ein nie zuvor Gesehener, in lebensgroßer Fülle, konzentriert, gespannt und mit geschlossenen Augen, wie versunken in eine Meditation.

“Ja, nicht wahr, diese Maske ist so ähnlich, dass sie schon fast wieder unähnlich scheint – das meinte jedenfalls Goethe selbst, als er sie gesehen hat. Der Bildhauer Weisser hat den Abguss gemacht, als Goethe sechzig Jahre alt war. Vielleicht kennen Sie meine Erzählung über deren Entstehung …“.

Die alte Dame, die von mir unbemerkt ins Zimmer eingetreten war und mich ansprach, hatte ich vorhin schon gesehen, beim Aufstieg zur Altenburg im Garten, der vom Gehweg aus einsehbar ist. Tags zuvor hatte ich von einer Weimarer Freundin die Anschrift der Schriftstellerin erfahren, der ich nun die Hand reichte und mich ungebetenen Gast sehr freundlich aufnahm. Meine Freundin, die als Restauratorin an der Sanierung des Schillerhauses mitgewirkt hatte, hatte mich schon zuvor auf ihre Bücher aufmerksam gemacht und mir jüngst von diesem äußerlich so unscheinbaren Menschen erzählt. Sie hatte anlässlich der Wiedereröffnung des Schillerhauses eine beindruckende Rede gehalten. In ihren Romanen und Erzählungen, die die längst verstorbenen Gestalten etwa eines Goethe, Schiller, Eckermann oder einer Corona Schröter nicht nur höchst lebendig auferstehen ließen, hatte ich beim Lesen oft das manchmal beglückende, mitunter jedoch auch etwas unheimliche Gefühl, ich sei damals als schweigender Zeuge, als Diener oder Magd etwa, leibhaftig dabeigewesen.

Jutta Hecker war schon als kleines Mädchen mit Goethe sozusagen in direkte Berührung gekommen, nämlich auf dem Schoß ihres Vaters Max Heckers, dem einstigen langjährigen und hochverdienten Mitarbeiter des Goethe- Schiller Archivs, und als junge Frau hatte sie später einige Jahre selber im Archiv mitgewirkt, ganz nahe dran also an den Handschriften, Manuskripten, Briefen und anderen Erdenresten, die dort als kostbare Schätze gehütet werden.

„Dieses Antlitz begleitet mich eigentlich schon mein ganzes Leben, solange ich bewusst denken kann. In meiner Kindheit hing dieser Abguss im Arbeitszimmer meines Vaters.“

Sie machte mit der Hand eine leichte Bewegung zum Fenster hin, wo sich durch die Gardinenschleier die schemenhaften Umrisse des mächtigen Archivgebäudes abzeichneten.

„Und ich erinnere mich noch, als ich meinen Vater fragte, wer das sei, und wie er antwortete, das sei sein geheimer Rat. Das hat mich als Kind tief beeindruckt, und ich stellte mir vor, wie er mit seinem geheimen Ratgeber Geheimnisse besprach … .

Später, und auch heute noch, habe ich oft Zwiesprache mit diesem Antlitz gehalten. Ich fühlte immer: keiner versteht dich so wie dieser Goethe. Von niemandem sonst fühlte ich mich so tief verstanden …“.

Sie wendete das Gespräch auf meinen Beruf, fragte, erzählte von ihrem eigenen Werdegang. Unvermittelt fragte sie dann, indem sie auf mein Buchexemplar wies: „Kennen Sie das, was Rudolf Steiner über die Verbindung zwischen den sogenannten Toten und den Lebenden gesagt hat?  Sehen Sie“, fuhr sie auf mein Nicken hin fort, „ohne die Verstorbenen und deren Inspirationen hätte ich über Goethe und all die anderen Menschen um ihn herum niemals so schreiben können. Vieles kam in Träumen zu mir, morgens, vor dem Aufwachen oder auch in Tagträumen. Und wenn man so wie ich von kleinauf mit persönlichen Dingen und Handschriften Goethes durch die Arbeiten am Nachlass in unmittelbaren Kontakt gekommen ist, dann können einem die Menschen von damals sehr lebendig werden. Ich gehöre einfach zu Goethe, zu seinen Zeitgenossen und zu dieser Stadt.

WIssen Sie, dass Rudolf Steiner hier in diesen Räumen oft zu Gast war? Er hat hier zwar nicht gewohnt, aber als junger Mann und Mitherausgeber von Goethes naturwissenschaftlichen Schriften war er oft zu Gast bei Bernhard Suphan, dem damaligen Direktor des Archivs, der hier mit seinen halbwüchsigen, sehr schwierigen  Söhnen hier lebte. Um diese Söhne hat Steiner sich viel gekümmert, er gehörte zeitweilig geradezu zur Familie.

Einer der Söhne hat mir als Achtzigjähriger noch ganz gerührt von einer unvergesslichen Kindheitsweihnacht mit Steiner erzählt. Der Umgang mit dem Vater aber sei schwierig gewesen. Suphan war anfangs von Steiner begeistert, aber als trockener Positivist in der Nachfolge Scherers konnte er sich in Steiners freiere Anschauungsart nicht hineinfinden. Sein Ende war übrigens furchtbar. Hier in diesem Zimmer hat er seine vielbändige Herderausgabe aufgetürmt, sich mit einer Schlinge um den Hals daraufgestellt und dann  …“.

Eine Weile war nur das Ticken der Uhr zu hören, dann fuhr sie fort. „ In dieses Haus ist viel, viel Schicksal eingeschrieben. Die Altenburg scheint mir immer wieder wie ein Brennpunkt des geistigen Weimars. Wer ist hier nicht alles aus- und eingegangen, und wer und was kam hier nicht zusammen, welche geistigen und künstlerischen Richtungen und Bestrebungen flossen hier zusammen, verbanden sich miteinander, oder setzen sich voneinander ab … schöpferischer, zukunftsweisender Geist, stürmische, zersetzende Kritik, musealer Goethekult und hohl gewordene Aristokratie …“.

Sie begann ihren Füllfederhalter zu suchen. Rührend, wie auch ihre herbeigerufene Schwester umständlich mitsuchte, doch vergeblich. So musste für die Signierung ein gewöhnlicher Kugelschreiber herhalten. Unter einem Stapel von Büchern und Briefen kramte sie eine altertümliche, patinierte Schreibunterlage hervor, oben mit einer Metallklemme versehen. Und während sie in mein Exemplar von „Rudolf Steiner in Weimar“ hineinschrieb – sehr langsam, fast malend und kalligraphisch –  hielt sie mit einem Male inne, strich sich über die Stirn und schaute suchend im Zimmer umher.

Dann fragte sie lächelnd:„ Welches Datum haben wir heute? Sie müssen entschuldigen, aber die Dinge, die zeitlich so naheliegend sind, entfallen mir am ehesten.“

Und ich las:

„Goethe ist scheinbar tot. Und wir, die wir zu leben meinen, leben hoffentlich wirklich.Zur Erinnerung an Ihren Besuch in Weimar und in der Altenburg. Jutta Hecker, 21.5.1991“

 

 

 

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Anmut und Würde

Während ich in der letzten verbliebenen von einst vier Buchhandlungen meiner Heimatstadt einen Tisch mit Neuerscheinungen langsam umrundete, innehaltend, in das eine oder andere Buch hineinlesend, ein Autorenfoto oder einen Klappentext überfliegend, drang durch das offenstehende gläserne Eingangsportal von draußen her ein anschwellendes, immer lauter lärmendes kindliches Stimmengewirr heran. Schon bald sah ich die Ursache: ein eiliger Zug von Schulkindern, je zwei Kinder Hand in Hand, in einem aufgeregt debattierenden, von Lachen und lebhaftem Geschnatter erfüllten Gänsemarsch. Ich musste unwillkürlich schmunzeln. Wie gut kenne ich solche Situationen, wie vertraut war und ist mir diese lärmende Aufgeregtheit, das unstillbare Schwatzen der kleinen Münder, die kleinen Streitigkeiten, Reibereien und Empörungen, die Neugier und pulsierende Erwartung …

Eine ältere weibliche Lehrkraft marschierte vorneweg, blieb jedoch nun abrupt stehen und ihr harsches Kommando durchschnitt den Luftraum über der Einkaufsstraße.  Passanten erstarrten vor Schreck. War etwas Schlimmes geschehen? Die Kinderschlange hatte abrupt gestoppt, und es entstand ein unvermeidlicher, von Geschrei und Gelächter, Gerangel, Püffen und Stolperern begleiteter Aufruhr mit teils unbeabsichtigtem, teils mutwillig-launigem Auflaufen der Hinteren auf die Vorderen der Reihe. Wieder bellte ein drakonisch- bedrohlicher Ordnungsruf des Cerberus durch die Luft, der  jedoch nur für einen kurzen Moment Wirkung zeigte. Gleich schwoll das Gelärme der Stimmen wieder an, ebenfalls wie auf Kommando, jedoch ein unhörbares, unmerkliches. Die Kinder hatten jetzt offensichtlich zu warten, da die Schlange irgendwo gerissen war. Eine Lücke konnte da nicht geduldet werden. Wie wirke denn so etwas auch, welchen Eindruck macht dies in der Öffentlichkeit? Wird nicht ein guter Lehrer immer noch auch daran gemessen, dass er „alles im Griff hat?“

Mir fiel bei wiederholtem Aufschauen nun eine jüngere Frau auf, die sich, versonnen lächelnd, aus dem pulsierenden, schwätzenden Schwarm der Kinder wie ein Leuchtturm   hervorhob – ein Leuchtturm, der das Licht von wohlwollender Geduld und Nachsicht ausstrahlte. In den Gesichtszügen der Frau malte sich ein leises Amüsement über die quirligen, aufgeregten Menschlein, die hier so direkt, leidenschaftlich und lebendig miteinander kommunizierten. Und noch etwas strahlte sie in dieser Haltung aus: Schönheit, nicht die künstlich aufgetragene und demonstrative, sondern eine, die nichts von sich weiß, weil sich ihr Träger in einer Betrachtung oder einem Hinlauschen vergessen hat.

Und ich sah und spürte zugleich die Schönheit des Lehrerberufes in dieser momentanen Verkörperung von Zugewandtheit, von Klarheit, Wärme und Ruhe. Umso mehr hob sich die Erscheinung der jungen Frau ab, als ich zuvor den unleidigen, hart klingenden Cerberus erlebt hatte, diesen Bewacher und Zwinger, den Maßregler und Bestrafer – Vorbild und Muster der Tyrannen dieser Welt;  zwei Möglichkeiten, zwei Pole, zwischen denen sich erzieherisches Handeln ausspannt: rigide Reglementierung im Kommandoton oder Zuhören, An- und Hinblicken und  … Lassen.

 

 

 

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Julla von Landsberg singt Lieder von Franz Xaver Sterkel (1750 – 1817)

Aller Zauber, alle Schönheit
aller diese Liebeslieder
riefen all die Geister wieder
einer längst vergangn’en Zeit.

All die Freuden, all die Schmerzen,
das „Ach“, der Schalk, das seufzend Sehnen
nach dem ewig-einzig Schönen
strömten Dir aus vollem Herzen,

glänzt’ aus Augen, sprach aus Blicken;
wie ein Seelenbild aus Klang
vergang’ner Zeit war Dein Gesang,
will dem Abgrund uns entrücken …

 

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Im Kaufland

Wie ein Pfeil traf mich ihr Blick. Welche Lebendigkeit in diesem Auge und welcher Schimmer aus goldener, unergründlicher Tiefe! Ein Auge, in dem alles noch vorhandene Leben sich gesammelt zu haben schien, wie in einer letzten Aufbäumung gegen das unausweichliche, lebensfeindliche Element. Ein unbedingter Lebenswille war es, der mich aus diesem Auge traf, ja, mehr noch: ein Mitteilungswille, doch zu Ohnmacht, zu Sprachlosigkeit verdammt. Dieses Wesen, das sein Auge unverwandt auf mich gerichtet hielt, voller Trauer darüber, dass es, zur Stummheit verurteilt, hier abgelegt war und sein Leben, sein Puls langsam aber sicher erstorben war, bis nur noch der lebendige Glanz seines einen Auges geblieben war – dieses Wesen, das zuvor einer unendlich weiten ozeanischen Welt durch ein stählernes Netz brutal entrissen worden war, ein Stahlnetz gleich einem unausweichlichem Verhängnis, beliebig jedes und alles, was ihm in den Weg kam, mit sich fortreißend, je länger je mehr zusammenpressend und quetschend, ein panisch zuckendes, riesiges Bündel, in dem jeder gegen jeden um Atemluft und Leben gekämpft hatte … : Nun ruhte es hinter einer gläsernen Kühltheke auf einem Berg kleiner Eisstückchen, abgelegt in einer sterilen Menschenwelt, in der Totes, das betrügerisch „Lebensmittel“ genannt wird, in absurden Massen und in einer bizarren- ausgeklügelten Ordnung aufgestapelt in einem Labyrinth von Gängen und Sackgassen, von Regalen, Schränken und tiefgekühlten durchsichtigen Särgen aufgehäuft dalag. Wie der letzte, lebend gefangene Fisch aller leergefischten Weltmeere schien mir diese Dorade, die mich mit ihrem starrenden Auge festhielt. Ergebenheit, Mitleid, ja Liebe sprachen daraus, wie aus dem Blick einer Holzskulptur des Gekreuzigten aus dem 12. Jahrhundert. Und ein Grauen stieg in mir auf vor dieser meiner plündernden, alles verschlingenden und verzehrenden Menschenwelt …

 

9

Der ehemalige Volksschullehrer

 

… „Immer wieder bin ich verblüfft, wie die Tatsächlichkeiten in der Reflexion ihren fiktiven Charakter freigeben. Erst in der Ausformulierung entstehen die Tatsachen, an denen ich mich orientierte. Ich vervielfache mein Leben durch die täglichen Notate, ja, ich erfülle es.“ (Walter Kempowski in einem Gespräch mit Volker Hage im Oktober 1994

Ich war ihm – diesem noblen Geist, genauen Beobachter und akribischen Schriftsteller – 1988 in seinem Haus „Kreienhoop“ in Nartum bei Zeven begegnet. Damals arbeitete ich zusammen mit seiner Frau Hildegard an einer Schule – eine streitbare Pädagogin, die gegenüber dem burschikosen und manchmal recht willkürlich handelnden damaligen Schulleiter kein Blatt vor den Mund nahm. Ich sehe Kempowski – er war selbst jahrelang als Dorfschullehrer tätig gewesen und damals noch im Status der „Beurlaubung“ –  akkurat mit Anzug und  Krawatte gekleidet in den „Turm“ hereinkommen, uns jovial und kollegial begrüßend.

Seine Anfangsjahre als Volksschullehrer in dem Roman „Heile Welt“: „Pädagogik“ hat mich eigentlich nie interessiert. Ich wollte nur mit Kindern zusammensein. Pädagogik geht überhaupt nicht. Lieb sein und die Interessen der Kinder befriedigen, das ist alles. (Aus „Somnia“ am 26. Juni 1991)

Etwas befangen und sehr neugierig schaute ich mich dort um:  die langgestreckte Bibliothek, der Flügel mit den aufgeschlagenen Noten von Bachs „Wohltemperierten Klavier“ … .

Acht Jahre hatte man Walter Kempowski in jungen Jahren im Gefängnis von Bautzen gestohlen. Rührte vielleicht nicht auch daher sein Impuls, die Stimmen, die schriftlichen Lebenszeichen und Zeugnisse Unzähliger vor dem Vergessen zu bewahren, wie im „Echolot“ verwirklicht? Ihnen ihr im „tausendjährigen Reich“ gestohlenes Leben zurückzugeben?

 

 

 

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Spiegel im Spiegel

 

Die nächtliche Dunkelheit verwandelte die Fensterscheibe neben meinem Sitzplatz in einen Spiegel. Ich fokussierte das Bild, das darin sichtbar war: ein Mitfahrender, auf der gegenüberliegenden Seite des Waggons. Ich kann die Person unbemerkt betrachten, als unbeobachteter Beobachter. In diesem Spiegelbild des spiegelnden Fensters gleitet nun für Momente eine breite Straße vorüber, von der S-Bahn überquert: Ampellichter, Straßenbeleuchtungen, Häuserfassaden mit gläsernen, erleuchteten Bürozellen; der nasse, glänzende Asphalt, in denen sich die roten Bremslichter und Scheinwerfer der fahrenden Autos spiegeln: bewegte Parallelwelten.

Das Spiegelbild meines Gegenübers und das Geschehen auf der Straße sind für einige Augenblicke gleichzeitig sichtbar. Ich wende meinen Kopf, schaue kurz hinüber, wie um mich der Realität zu vergewissern: da sitzt die Person, in ihrer wirklichen Gestalt anstelle der Gespiegelten, Kopfhörerstecker in den Ohren, versunken in ihre eigene Klangwelt.

Ich wende mich ab, wieder meinem Spiegelfenster zu, wiederum das Bild der Person im Blick. Da die S-Bahn nun an einer Station hält, fällt mein Blick nach draußen auf den stehenden Zug auf dem Nebengleis. Dort fällt mir, ganz nahe, ein fremder Mensch am  Waggonfenster auf. Ich erschrecke, da ich gewahr werde, wie dieser mich unverwandt anstarrt. In diesem Augenblick erkenne ich, aufs Neue erschreckend, den Fremden:  ich schaute in mein eigenes Spiegelbild.

„Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin.“(1. Korinther 13)

 

 

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Glück und Sinn

Vor uns in einigem Abstand während eines abendlichen Strandspazierganges eine Familie mit drei Kindern. Zwei der Sprösslinge gingen – Brüderchen und Schwesterchen – Hand in Hand hinten, der kleinere Bruder an der Hand seiner Mutter. Vater und Mutter hielten sich zugleich eng umschlungen – ein Bild verbundenen, ja glücklichen Einvernehmens. Immer wieder suchten unsere Augen diese kleine vor uns gehende Menschengruppe, um sich dann wieder dem Farbenspiel des Abendhimmels und der aufgeregt girrenden und sirrenden Jagd der Küstenseeschwalben über uns oder draußen auf dem Wasser zuzuwenden …

Auf dem Rückweg begegneten wir der Familie wieder. Sie lagerten im Sande, während der Vater, der eben in der noch sehr kalten Ostsee ein heldenhaftes abendliches Bad genommen hatte, sich umständlich seiner Badehose entledigte und sich abtrocknete.

Wir schauten in strahlende Augen, Lächeln begegnete Lächeln, beglückt vom Glück und der Zufriedenheit dieser schwedischen Familie, und wohl waren sie auch beglückt davon, dass sich ihr Glück in unseren Mienen spiegelte: Spiegel im Spiegel, Synenergien, Augenblicke, unzerteilt vom Denken und Bewerten, in denen der Sinn menschlichen Daseins ganz unspektakulär aufleuchtete.

 

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Herzsprünge oder Anika

Schon von weitem, vom anderen Ufer aus hatte ich sie gesehen, doch noch unsicher, ob sie es wirklich sei. Meine Augen schauten gleichsam im Konjunktiv, halb wünschend, halb real. Doch noch war die andere Seite zu weit weg, um zwischen Einbildung und Wirklichkeit unterscheiden zu können. Ich stieg aus, entfloh für die Dauer der kurzen Fährüberfahrt der Enge meines Autos  und lehnte mich an die Reling, der durchbrechenden Sonne, dem Wind, dem endlich wieder aufgerissenen, leuchten-blauen Himmel zugewendet, schloss die Augen, das Licht mit zurückgelegtem Kopf trinkend. Oder sammelte ich mich nicht vielmehr wie für eine bevorstehende Prüfung?

Ein kurzer, wie zufällig hingeworfener Blick zum Anleger aber gab mir jetzt Gewissheit, und zugleich setzte in meiner Brust ein pochender Rhythmus ein, eine Musik, die zuvor im Piano eines spannungsgeladenen Akkordes auf Auflösung wartete, oder als hätte ich vor etwas Lampenfieber in seiner überwältigenden Mischung aus Angst und tiefer Freude … Und auch sie hatte mich entdeckt, vielleicht – auf dem Präsentierteller des Autodecks – schon länger und gewisser als ich ich sie. Doch spielte das jetzt, da ich, die Fähre verlassend, auf sie zufuhr, keine Rolle. Denn da war nun nichts mehr von Konjunktiv, nichts von „Wenn und Aber“, nur die Freude an den geschenkten, gegenseitig geschenkten Augenblicken, dem aufleuchtenden Erkennen und den einander zuwinkenden Händen, während ich an ihr, die auf die Fähre gewartet hatte, vorüberfuhr …

 

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Der Schornsteinfeger zu Besuch

Ich öffnete die Haustür und bat den Erwarteten einzutreten. Einen Moment stand er zögerlich da, schaute mit fragendem Blick schräg an mit vorbei, als erblicke er jemanden im Hintergrund des Hausflures, dann nocheinmal. „Waren Sie schon einmal hier?“ fragte ich ihn. „Nein, in diesem Leben noch nicht“, kam die spontane Antwort. Ich stieg in dieses Gedankenspiel ein. „Aber vielleicht im nächsten  … nein, ich meinte, im letzten Leben schon mal … nein, kann nicht sein –  da stand dieses Haus ja noch nicht.“ Meine Korrektur hatte er aber wohl überhört und er entgegnete ernst und doch im selben leichten Ton wie ich, wo er im nächsten Leben sei, könne er jetzt noch nicht wissen, wahrscheinlich aber ganz woanders auf diesem Planeten.

Nachdem er seine Arbeiten verrichtet hatte, sagte er beim Abschied:“Na dann bis in einem Jahr, bleiben Sie gesund!“ Sprach’s und reichte mir seine rußgeschwärzte Hand, unerwartet und unaufdringlich, und während ich sie nahm und schüttelte, fügte er lächelnd hinzu: „Soll ja Glück bringen!“

Alles, seine Kippa, der angegraute Haaransatz darunter, das gedrillte Stahlseil mit der Kette daran und den schweren eisernen Birnen, die in der Morgensonne glänzten, als er sich sein Werkzeug über die Schulter hängte – alles schien in diesem Augenblick aufgeladen, irgendwie hindeutend auf etwas, was ich in diesem Augenblick aber nicht in Worte zu fassen vermochte und auch jetzt noch nicht. Irgendein verborgener Sinn schien sich zeichenhaft bemerkbar machen zu wollen, gleichsam zwischen den Zeilen des physischen Händedrucks, des Wort- und Blickwechsels, so, als wäre er hinter seiner Erscheinung eigentlich ein ganz Anderer, in der Kostümierung eines Kaminkehrers unterwegs. Vielleicht war es aber einfach nur das Glück, das er durch seine Anwesenheit mit eingelassen hatte, das ihm gefolgt war, und das nun in der Morgensonne bei mir verweilte, während er in sein Auto stieg und, nocheinmal winkend, davonfuhr …

 

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Augenglocken

Berlin – Friedenau, Bundesallee. Ich hatte vollgepackt und eilig die Straße überquert und nun den Gehweg erreicht, der auch von Fahrradfahrern benutzt wird. Die Radfahrerin hatte ich nicht gesehen, und ein Ausweichen wäre zu spät gewesen, aber ihr Kommen hatte ich intuitiv gespürt:  sie hatte sich statt mit der Fahrradklingel mit einem von Innen strahlenden Lächeln wie mit hellen Augenglocken angekündigt. Ich wendete meinen Kopf und begegnete nun auch sehend diesen Augenglocken. Für die Dauer von Augenblicken war die Welt im einenden, lebenszauberischen Fluss, statt in rauher Konfrontation.

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Urzeitvogel

Ein ungeheurer, aus dumpfer Tiefe hinauf gellender Aufschrei, gleich darauf ein einzelnes, dumpf blaffendes Aufstampfen, wieder eines und noch eines, allmählich schneller werdend. Zischender, dichter weißer Dampf, dann ein überhohes, schmerzhaftes Quietschen. Das aus einer unbekannten Tiefe ausgestoßene „Huff Huff“ wurde schwer und schwerer, wieder mischten sich über diesem rhythmischen Bass ineinander verschlungene, metallisch kreischende Töne.

Riesige Gräten kreisten zeitlupenartig oder ruckten vor und zurück, leuchtend rot gegen das Schwarz des mächtigen Rumpfes des Getüms, das nun laut fauchend und scharf zischenden Dampf austoßend zum Stillstand kam. Dieses Rot der Radspeichen und Kolben hatte etwas Überraschendes, so unerwartet wie die freigelegte Unter– oder Innenseite eines ansonsten unscheinbaren Schalentieres …

An „des „Teufels rußigen Bruder“ muss ich denken, wenn ich das Gesicht des Maschinisten wieder vor mir sehe, der meinem Vater gestattet hatte, mit mir – dem damals knapp Dreijährigen auf dem Arm – zu ihm hinauf in den Führerstand der Lokomotive zu klettern.

Die Dampflok – eine DB III der Baureihe 82 – hatte mit einem mit Gleisschotter beladenen Waggon den unbeschrankten Bahnübergang zwischen Poetenweg und Schillerstraße versperrt. Über diesen aber mussten wir hinüber in unseren direkt angrenzenden Garten. Auf mein Drängen hin hatte mein Vater den Lokomotivführer gefragt, ob wir hinaufkommen dürften, und der freundliche, rußgeschwärzte Mann mit der typischen Schirmmütze ergriff mich, hob mich hinauf, woraufhin mein Vater die eiserne Leiter zum Führerstand erklomm.

Der Führerstand, ein rätselhafter Raum mit vielerlei Hebeln, Rädern, Leitungen, Ventilen, Lämpchen und runden Armaturen mit Zeigern und Ziffern war doch ein Ehrfurcht einflößendes Heiligtum eines mächtigen, unbegreiflich- komplizierten Wesens aus Eisen, das mich nicht weniger faszinierte und magisch anzog wie die große Orgel auf der Empore in der Marienkirche.

Der Lokführer öffnete nun das Allerheiligste – die Feuerungsklappe – ich schrak zusammen, presste mich schutzsuchend an meinen Vater –  um mich einen Augenblick später, trotz aller Furcht, wieder den aus der Tiefe lodernden Flammen und dem heiß heranwehenden Feueratem zuzuwenden.  Ein Urzeitfeuer, ein Inferno, doch gebändigt von dem rußigen, routinierten Mann, der offensichtlich amüsiert und auch gerührt war von dem sich angstvoll an seinen Vater anschmiegenden und doch mit weit aufgerissenen Augen staunenden Kinde, hin -und hergerissen zwischen Furcht und Neugier,  Nähe und schützender Distanz.

Er schaufelte Kohlen ins Feuerloch, schlug die Klappe wieder zu, verriegelte sie, legte einen Hebel um. Darauf drehte er am Griff einer kleinen, blankgewetzten Kurbel, und die Lok setzte sich langsam wieder mit ihrem schweren „Huff Huff“  in Bewegung, fuhr vielleicht dreißig, vierzig Meter vorwärts, danach im Schneckentempo wieder zurück …

Mein Vater stieg zuerst wieder hinab, ich wurde von starken, schwarzen, ölig riechenden Armen behutsam wieder hinuntergereicht, und nun ging es in den Garten.

Doch war ich nicht nur erfüllt von dieser Begegnung, sondern sie hatte sich mir förmlich eingebrannt. Alle Erlebnisse mit Lokomotiven in meiner weiteren Kindheit und im Leben trugen und tragen seither den Stempel dieses frühen Erlebnisses: die Holzeisenbahn, Bilderbücher, das Hörspiel von der führerlosen Lok 1414, die Lokomotive Emma mit Lukas dem Lokomotivführer und Jim Knopf, die Dampflok der späteren elektrischen Eisenbahn von uns Geschwistern … : All dies belebt und beseelt sich mir stets von neuem mit der Maschinenmusik von damals – dem Quietschen, Kreischen, Zischen, dem stampfenden Rhythmus und den Gerüchen von Kohle, Metall, Dampf und Öl, dem Gefühl der lodernden Gluthitze der Feuerungkammer unter dem großen Kessel und dem Bild des freundlichen Maschinisten, diesem Beherrscher und Bändiger der mächtigen Urkräfte von Feuer und Wasser.

Und höre ich heute, ein oder zwei Mal im Jahr, die große Lokomotive der Nostalgieeisenbahn, die auf ihrer Sonderfahrt meinen Wohnort durchschnaubt und die eiserne Brücke über die Havel überquert, so beginnt mein Herz zu klopfen, wie damals, am 9. Oktober 1960 am Bahnübergang des Poetenweges. Ich springe auf, lausche, suche etwas von der Lok zu erhaschen. Doch meist bin ich zu spät, der Zug ist längst vorübergeeilt und meinen Blicken entzogen, nur die ungeheuren, dampfenden Atemwolken stehen noch dort, wo die Gleise verlaufen, und lösen sich schnell wieder in Luft auf.

Doch einmal, im Winter vor zwei Jahren, während eines abendliches Spazierganges an der Uferpromenade des schmalen Havelgemündes, hatte ich das Glück einer Begegnung. Ich hörte den Pfiff der Lokomotive aus der Ferne, ein schnelles  rhythmisches Rattern und Fluffen kam näher. Die filigrane Silhouette eines ruhenden Graureihers auf dem höchsten Geländer der Brücke überm Gemünde,  verschmolzen mit deren mächtiger Eisenkonstruktion, strich mit einem unwilligen, heiseren Schrei ab. Er glitt über der Mitte des Gemündes in meine Richtung. Indem der Zug die Brücke erreicht hatte, schwoll das metallische Rauschen über dem Resonanzraum des Gewässers darunter überlaut an. Die schnaufende Lokomotive mit ihren Waggons eilte mit einem langgezogenen Pfiff  dahin – ein kunstvoller, bewegter Scherenschnitt, herausziseliert aus dem symetrischen eisernen Brückenbau und dem dampfenden Ungetüm, die sich scharf gegen das Abendrot, die darüber sich wölbende leuchtende Himmelskuppel und deren Spiegelbild im See abzeichneten.

Der aufgestörte Graureiher aber hatte sich unweit von mir am Ufer niedergelassen, mich scharf fixierend, als frage er: Wer bist Du? … – Er, dieser ferne Nachfahre des  Urzeitvogels Archaeopteryx, gleich einer verkörperten Erinnerung an unwirklich fern zurückliegende Urzeiten der Erde, hatte sich mit seinem Schrei von allem Zeitlichen abgelöst, und mit jedem neuerlichen Schlag seiner Schwingen schien er sich tiefer ins Gegenteil der Zeit hinein zu befreien, dorthin, wo urferne Vergangenheiten und  Gegenwart sich im Augenblick verbinden wie Feuer und Wasser …

 

 

 

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Auf dem Friedhof

Ich stand vor den Grabstellen meiner Mutter, meiner Großeltern, meiner Tante, meines Onkels, deren Grabsteine und Schriftformen in der gleichen Farbe und Form gestaltet sind. Ich las die Geburt- und Sterbedaten und ein kombinatorisches Spiel begann. Die Jahreszahlen, die Monate und Tage erschienen mir wie  Larven, Maskierungen oder Verschlüsselungen eines tieferen Sinns. Aber die Maske der Zahlen saß fest auf dem Antlitz des Schicksals, das sich darunter verbirgt. Es will sich noch nicht zeigen. Erst, wenn ich durch die Zeitmembran hindurch auf die andere Seite des Stroms gelangt bin, wird sich’s mir entschlüsseln.

 

 

 

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Des Führers Töchter

Ich begegnete im Traum Hitlers Töchtern: zwei gepflegte, attraktive Frauen mittleren Alters im Hosenanzug und schickem Kostüm, das die schönen Beine der Letzteren verführerisch zur Geltung bringt. Sie transportieren den Nachlass ihres Vaters auf einem großen Pferdewagen, wie ihn z. B. die 1945 aus Ostpreußen Flüchtenden benutzten …  Hat die Frauenquote die Sphäre des Traums erreicht?

Im Traum: Hitler im Bett liegend.  Nur sein Kopf, seine Augen schauen streng, ja fanatisch unter der Bettdecke hervor. Das Bett aber gehört eigentlich einer geistig behinderten alten, gutmütigen Frau, die geistig auf dem Niveau einer Erstklässlerin erstarrt ist. S i e sollte dort eigentlich liegen. Entschlossen trenne ich mit einem Messer den Kopf vom Körper ab – ein mühsames, blutiges Unterfangen. Zu meinem Entsetzen aber lebt der Kopf auch im abgetrennten Zustand weiter. Die Augen rollen und blinzeln, der Mund, die Lippen formen hitlerische Worte – einfach nicht totzukriegen.

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Das Eselein

Beim Betreten des Supermarktes sah ich vor mir eine Frau mittleren Alters mit ihrem … Partner ? Irgendetwas schien aber nicht zu stimmen. War es ihr erwachsener Sohn?  Oder doch noch ein Kind?  Irritierte mich in den wenigen Sekunden, die ich die Beiden vor mir hatte, seine Kleinwüchsigkeit? Die schon gelichteten Haare seines Hinterkopfes? Der Kleine im Körper eines Erwachsenen aber begann nun auf einmal auf einer Mundharmonika zu spielen, unbekümmert, frei, ein Lied aus dem Anderswo, ohne Worte.  Da wusste ich: er ist dieser Welt, ihren ausgesprochenen und unausgesprochenen Vorschriften, Gesetzen und Erwartungen entrückt, ein Nicht- Behinderter, Glücklicher. Und ich spürte die Liebe seiner Mutter, die ihn neben sich mit seinem Mundharmonikaglück einfach sein ließ.

Wieviel Liebe aber gab er ihr und uns anderen mit  seinem unerwarteten Spiel gleichsam zurück, an einem Ort, der sonst durch vergiftete Konservenmuzak verseucht ist und vieles ansaugt und Raum für vieles gibt, nur nicht für Musik „aus dem Herzen“. Liebe war das Eine, was ich spürte – Sehnsucht aber das Andere: die Sehnsucht des „Eseleins“ aus dem gleichnamigen Grimmschen Märchen.

 

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Die Meuterei der schönen Meryem

An wen bloß erinnerte mich die schöne, türkische Mittdreißigerin mit ihrem ausdrucksvollen Blick, die ein paar Meter entfernt im Eingangsbereich des Boardingshops der Fähre bediente? Sie wirkte in ihrem marineblauen Kostüm umso anziehender, als die vielen Konsumenten, die dort kamen und gingen – Urlauber, muskulöse, abenteuerlich tätowierte Trucker, quirlige polnische Jugendliche, ergraute Lehrerehepaare und vorzeitig gealterte und aufgedunsene Sinti-Romafrauen mit riesigen Hängebusen unter den schlabbrigen, viel zu großen Kleidern, die zu wiederholten Malen den Eingangsbereich mit „Elektronik“, Uhren und Parfüms in ihren Socken und abgetragenen, offenen Schlappen schlurfend in Augenschein nahmen – nur ausnahmsweise einen erfreulichen Anblick boten.

Die Schöne hatte wohl bemerkt, dass ich sie nicht nur einmal flüchtig angeschaut hatte, und sie blickte ab und zu ernst zu mir zurück, als wolle sie sich wegen etwas vergewissern, um sich dann wieder der Kasse, einer Kundin, ihrer blonden, kurvigen Kollegin oder dem Auspacken und Einsortieren von „Nachschub“ zu widmen: ein merkwürdiges Augenspiel, dem die Zeit der Überfahrt auf der Fähre ihre Grenze setzen würde: trotzdem, oder gerade deshalb rollen in solchen Situationen zeitrafferartig Lebensentwürfe –  unlebbare und doch wünschbare und mögliche Lebens- und Liebesituationen – vorm inneren Auge ab, als würde „das Schicksal“  darüber hinscannen …

In dieser parfümduftschwangeren Hochglanzwelt teurer, begehrenswerter Edelmarken und großer, einschüchternder Hochglanzfotos perfekter, in Extase erstarrter Schönheiten verwandelte sich die so seriöse Verkäuferin Meryem aber unvermittelt in ein ausgelassenes Mädchen: plötzlich, ja blitzartig warf sie nämlich einen zerknitterten Kassenzettel einer vorbeigehenden Kundin in den noch leeren Warenkorb. Sie hatte gut gezielt, ihre Augen blitzten mutwillig auf, ihren Treffer befriedigt quittierend. Die Dame mit dem Korb schien nichts gemerkt zu haben. Vielleicht dadurch gereizt zielte Meryem erneut und warf zielsicher einer der schlurfenden Sintimatronen eine Papierkugel an den Nacken. Diese hatte etwas verspürt, wendete sich irritiert um, doch Meryem, das Unschuldslamm, war konzentriert in ihre Arbeit vertieft. Ihre Kollegin aber war amüsierte Zeugin des Anschlags gewesen.

Kaum war das Opfer im weitläufigen hinteren Bereich des Shops verschwunden, blickten sich die beiden verschwörerisch an, und Meryem bog sich vor Lachen zur Erde, machte einen  Luftsprung, bevor sie nun ihre Kollegin mutwillig zu bewerfen begann. Der Mutwille, das Gelächter und der Tanz des Ausweichens der beiden kostümierten mädchenhaften Frauen vor ihren gegenseitigen Papiergeschossen verzauberte diese sterile, erstarrte Konsumwelt wie mit einem Zauberschlag:  herrliche, plötzliche Wandlung einer Larve in einen lebendigen, farbigen Schmetterling voller Lebenslust und Spontanität: ungeahnte Entfaltung von Lebensmöglichkeiten …

 

 

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Die Butterhexe (Eine Begegnung auf der Nordseeinsel Baltrum)

In mir, liebend, dort, wo wir uns treffen, wenn die virtuelle Welt untergeht, bauscht sich das schlohweiße Haar der Witwe Schowe-Nannen im Winde. Ich sitze neben ihr auf der Bank vor ihrem verwitterten, gemütlich in die Dünen geduckten Insulanerhauses, einem der letzten seiner Art, das auf der Insel noch nicht der Sterilisierung durch Normmaße und Sanierungssmaßnahmen zum Opfer gefallen war …. Die Alte hat ihren ganz eigenen, trotzigen Kopf, sehr zum Verdruss der Gemeindevertreter, die das West- und das Ostdorf immer mehr zu Orten touristischer Ausbeutung umzugestalten beabsichtigten, wie sie mir erzählte, und die es auch auf ihre Behausung abgesehen hatten.

“Sie warten doch nur darauf, dass ich sterbe,” sagte sie grimmig, “aber den Gefallen tue ich ihnen nicht so bald.” Stolz hatte sie mir von einem prominenten Politiker erzählt, dem Rechtsanwalt und späterem Innenminister der Republik. Er hatte sich in ihrer Pension mit Frau und Kindern für drei Wochen Sommerfrische einmieten wollen.

“ Seine Koffer standen schon im Flur,” erzählte sie. “Aber es war dem Herrn hier wohl nicht fein genug.  Da hab ich ihm die Koffer eigenhändig wieder vor die Tür gestellt. Konnte sich ja woanders was Besseres suchen. Geld genug haben sie ja , diese Herren. Und genug davon können sie auch nie haben.”

Als Kinder war uns die hagere, weißhaarige Alte nie ganz geheuer gewesen, und ihr selbst schienen die lebhaften Jungen und Mädchen aus der benachbarten Pension ebenfalls nicht besonders lieb zu sein, hatte sie uns doch einige Male mit barschen Rufen aus der Nähe ihres Hauses vertrieben. Wir hatten sie oft heimlich aus unserem Dünenversteck beobachtet, wenn sie etwa draußen ihre Wäsche zum Trocknen aufhing, und riefen ihr manchmal zu – aus sicherem Abstand versteht sich, damit ihre Zauberkräfte uns nichts anheben konnten: “Butterhexe! Butterhexe!” – um sofort durch die Dünentäler und Pfade, davonzujagen, als würde sie uns auf ihrem Reisigbesen durch die Lüfte reitend verfolgen …

Und jetzt saß ich, Jahrzehnte später, vom Zufall und von meiner Neugier hierhergeführt, mit dieser kernigen Alten auf einer Bank in der warmen Mittagssonne eines Pfingstsonntages, und öffnete ihr mein Herz, so wie sie mir das Ihrige öffnete. In ihren Gesichtszügen schienen die vergangenen Jahrzehnte, ja die Zeit  überhaupt angehalten, konserviert.

“Meinen Mann habe ich hier 1926 kennengelernt, auf dem Petroleumlampenabschiedsball. Am nächsten Tag trafen wir uns in den Dünen, beim Brombeerpflücken, da ist es dann passiert, einfach so … . ”
Auf meinen fragenden Bick hin erzählte sie, dass die Insel erst 1926 durch ein Unterwasserkabel mit dem Festland verbunden worden war. Bis dahin hatte es hier keinen elektrischen Strom, kein elektrisches Licht gegeben, nur Petroleumlampen und Kerzen. Der große Zug, der auf dem Festland, in den Städten, schon längst abgefahren war, erreichte die Insulaner erst nach und nach, ebenso wie die abgelegenen Winkel, Wälder, Hinterwäldler und Bergigpfel. Manchmal, so wie hier auf den ostfriesischen Inseln, erst nach Jahrzehnten.

Verträumt lächelnd, vom Sonnenlicht einer fernen Erinnerung liebkost, blickte sie ins Weite, während sie sich das wehende Haar aus den weicher gewordenen Gesichtszügen strich. Ich lauschte dem Winde,  den verklungenen Worten. Petroleumlampenabschluss -ball … an diesem Ort klang es, als wäre es gestern erst gewesen.

 

 

 

 

21

Das alte Haus 

Erinnerungen sind wie das Wasser des Lebens, und  es  kommt mir vor, als würde ich mein ganzes bisheriges Leben immer wieder aus den Erlebnissen meiner Kindheit schöpfen, wie aus einem Brunnen, der nicht versiegt.
Es ist, als würde sich in diesen Erinnerungen etwas in mir selbst lieben – das ist wohl das Echo, der Widerschein der Liebe derer, die mich umgaben, die mich begleiteten, die mit mir gingen – und das sind natürlich an erster Stelle meine Eltern.

Adventszeit. Unser Haus in der Fleischhauerstraße, ein verwinkeltes, jahrhundertealtes westfälisches Ackerbürgerhaus, scheint mir im Rückblick durch und durch beseelt: unten im Erdgeschoss, wo sich die Ausstellungsräume des Bestattungsunternehmens und die Tischlereiwerkstatt, die Kellerräume und die Strickkammer befanden, wohnte ein Hausgeist, der besonders im Dunkeln spürbar war, wenn ich aus der mittleren Etage hinunter zur Toilette gehen musste, oder in den Vorratskeller, um für Vater eine Flasche Feierabendbier zu holen. Lautes Singen, Treppentrampeln oder das Rufen seines Namens „Bullemann“ half gegen die Angst vor diesem gesichtslosen Etwas, war aber auch zugleich Anrufung, die den „Bullemann“ gegenwärtiger sein ließ und daher ein gruseliges Gefühl erzeugte. Einige Jahre später hatte  „Bullemann“ ein Gesicht bekommen, da wir Kinder im Vorabendprogramm, schon im Schlafanzug aneinandergekuschelt auf der Couch im Fernsehen die französische Serie „Belphigor“ sahen und uns gemeinsam wohlig gruselten, wenn das schreckstarre Antlitz des Gespenstes irgendwo im Louvre, wo diese Serie spielte, urplötzlich erschien.

So schnell wie möglich rannte ich mit trommelnden Füßen die steilen Treppenstufen wieder hinauf, durch den Flur zur Küche, deren Tür mit drei Fenstern versehen war. Das milchige Glas war mit filigranen Pflanzenornamenten gemustert, so dass man nur schemenhaft erkennen konnte, wenn sich im Innern jemand bewegte.

Aber dieses Licht, das den dunklen Flur erhellte und die Schemen und Stimmen meiner Mutter, meines Vaters, der Großeltern vielleicht, später auch die Stimmen meiner Geschwister, strahlte eine Geborgenheit aus, die an Glück grenzte: aus dem gruseligen Dunkel des Erdgeschosses, dem Reich von Bullemann und Belphighor in den Kellerräumen, der Werkstatt, dem Schweigen des Sarglagers, der Küche und dem Büro, in dem tagsüber die trauernde „Kundschaft“ empfangen und mit der alles besprochen wurde, was zu einer Bestattung gehört, zurück in das lichte, warme Reich von Küche und  Wohnzimmer. Dort, unter der rot gepolsterten Eckbank, wo die beiden Sitzbänke im rechten Winkel verschraubt waren und wo darunter ein dreieckiger umwandeter Hohlraum war, befand sich meine Höhle, mein geheimer Ort, in den ich, so lange es ging, hineinkroch, ja, später, als ich gewachsen war, mich noch hineinzwängte. Dort fühlte ich mich in Sicherheit, fand gemütliche Geborgenheit, Schutz, hatte ich die Kontrolle. Wenn ich mich durch eine schmale Öffnung dort hineinzwängt hatte und mich lautlos verhielt, sah ich alle, hingegen sah m i c h  niemand. Ich konnte die Tischgespräche belauschen, musterte die Hosenbeine, die Strümpfe, das Schuhwerk  der am Küchentisch Sitzenden, oder sog einfach den Duft der Weihnachtsplätzchen ein, den ich zuvor mit Hilfe meiner Mutter durch einen Wolf gedreht hatte, und genoss die Urgemütlichkeit meines unterirdischen Dachsbaus …

Auch das war ein Glück: Ganz allein und geschützt in meinem Versteck unter der Kückeneckbank zu kauern, und mich doch zugleich mittendrin im familiären Leben zu fühlen, das sich hier im Zentrum des Haushaltes abspielte:

Tante Lore und Onkel Ernst, die beiden Omas und Opa  gingen ein und aus,  mein Bruder Michael, später Eva und Christoph… Sonntag morgens mit schöner Regelmäßigkeit kam Onkel Paul Twillemeier , einer der Honorarkräfte des Bestattungsinstitutes, ließ sich auf der Eckbank nieder, kam mit  seinem eiligen, nervösen Redeschwall vom „Hölzchen aufs Stöckchen“, mehrere Kornschnäpse herunterspülend, welche ihn erst so richtig in Fahrt brachten. Meine Mutter setzte sich höflich zu ihm.  Nach einer Weile erhob sie sich unruhig; ihre Beine hatten schon schon eine Weile unter dem Tisch, für mich sichtbar, hin und hergescharrt. Wenn sie dann aufstand und sich höflich mit den Vorbereitungen für’s Mittagessen entschuldigte, war das für Onkel Paul das endgültige Zeichen zum Aufbruch. Leicht angetüdelt hob er sein schwer gewordenes sonntägliches Sitzfleisch in die Höhe … Ob meine Mutter dann und wann die Augen verdrehte, konnte ich von meinem geheimen Platz aus an ihren Beinen natürlich nicht erkennen …

Was tat Onkel Paul eigentlich hier jeden Sonntag vormittag? Frau Twillemeier, seine korpulente Frau, wirkte so gar nicht anziehend oder wäre für meinen Geschmack schön zu nennen gewesen, genausowenig, wie man unseren sonntäglichen Stammgast mit seinen Pockennarben und seiner etwas näselnden, hektischen Stimme, dem stereotypen „nich wahr, ni ni nich?!“ einen attraktiven Mann hätte nennen können. Sicher fand er meine Mutter sympathisch und hübsch,was sie ja auch tatsächlich war. Von meinem Vater hatte ich einmal eine spitze, naserümpfende Bemerkung über Onkel Pauls regelmäßige Visiten aufgeschnappt; dieser regelmäßige Gast nahm wohl zusammen mit den Schnäpsen immer auch ein stärkendes Augenfrühstück.

Welch ein Glück, wenn solche Erwachsenen, die stundenlang über Nichts reden und eifern konnten und nichts als Langeweile verbreiteten, endlich aufstanden und das Haus verließen. Wenn „Große“ sich nichts zu sagen haben, was nicht für Kinderohren bestimmt ist,  sich nur mit gegenseitigen Äußerlichkeiten die Zeit stehlen, wird das Belauschen schnell quälend.

Ich schwor mir jedenfalls, niemals , wenn ich groß wäre, solche schwarzen, spitzen Schuhe zu tragen wie zum Beispiel auch Onkel Paul. Sie schienen die Verkörperung von Leere und Eingefahrenheit, ja des Unglücks, das es bedeutet, das verödete Leben eines Erwachsenen zu führen – so langweilig, dass es nicht mal mehr etwas zum Gruseln gab, außer natürlich solche schwarzen, spitzen Schuhe.

Übrigens, selbst wenn die Küchentür gegen den in der dunklen Jahreszeit kühlen Flur immer peinlich geschlossen gehalten werden musste – ich höre noch die oft genervten Rufe meiner Mutter „Macht doch die Tüüür zu!“- hatten wir Kinder nie das Gefühl, ausgeschlossen zu sein. Diese Tür war nicht nur licht-, sondern auch seelendurchlässig, und das gab immer ein Gefühl der Anwesenheit irgendeines Erwachsenen und die Gewissheit einer zwanglosen Zugehörigkeit  – es sei denn, ich versteckte mich nach einem Streit oder einer Lüge aus Trotz, Scham oder Angst in einem der vielen Winkel des Hauses, oder gar im Bettkasten in meinem Zimmer, fast unauffindbar … (Aber ich will  hier nicht von der Trostlosigkeit solch verzweifelten Versteckens und versuchten Ausbrüchen aus kindlichen Unglücks- oder Angstzuständen erzählen.)

Die  eigene Mutter schön zu finden ist für ein Kind etwas Selbstverständliches und Unbezweifelbares, wohl bis zum Beginn der Pubertät. Hingegen blickt auch das kleine Kind schon auf das Aussehen und die Wirkung anderer weiblicher Wesen. Schaue ich alte Fotos meiner Mutter an oder, wie vor Jahren, einmal einen wiederhergestellten Super 8-Film von einer Familienfeier aus den fünfziger Jahren, sehe ich eine bestürzend schöne, junge Frau mit einem klaren Antlitz, das einem Marienbild eines der alten Meister hätte zum Vorbild dienen können .

Es wunderte mich nicht, von meinem Vater in einer seiner Erzählungen an einem langen schwedischen Herbstabend zu hören, dass ihm das damals sechszehn- oder siebzehnjährige rotwangige Mädchen mit den schwarzen Haaren, das viel später seine Frau werden sollte, ihm schon bei seinem allerersten Besuch in Lippstadt – er war aus Bottrop mit dem Zug angereist –  aufgefallen war. Sie hatte in einer Gruppe Gleichaltriger gestanden und seinen Blick aus ihren braunen Augen erwidert … Lange Zeit sollte noch vergehen, bis sie die ersten Worte wechselten und sich einander immer mehr annäherten.
Für manch einen der Schulkameraden oder Freundinnen Ilses aber war sehr schnell klar, dass sich hier etwas anbahnen wollte, wahrlich schicksalhaft in der schicksalhaften Zeit des 2. Weltkrieges. So hatte ein Bekannter meine Mutter damals einmal unvermittelt gefragt, ob sie später einmal „Frau Motog“ werden wolle? Diese Frage wurde ihr – wohlgemerkt – zu einem Zeitpunkt gestellt, als noch kaum die ersten Worte zwischen meiner Mutter und meinem Vater gewechselt  worden waren …

Es war eine a n d e r e Art von Schönheit meiner Mutter, die ich ganz früh in meiner Kindheit – ich fand noch ausreichend Platz auf ihrem Schoß  – wahrnahm oder vielmehr, mit allen Fasern in mich aufnahm. Sie sitzt auf der Bettkante in ihrem Schlafzimmer, ich sehe mich auf ihrem Schoß und lausche ihrer Singstimme, als habe jemand die Welt für die Dauer ihres Singens angehalten Weihnachtslieder sind es, die sie singt, Strophe um Strophe von „Vom Himmel hoch, ihr Englein kommt  …“.
Dann  „Was soll das bedeuten …“ . Noch anderes? – Vielleicht … : mein erstes bewusstes, prägendes Musikerlebnis, untrennbar verbunden mit dem Gefühl einer tiefen Verbundenheit, zugleich mein erstes bewusstes und beglückendes Schönheitserlebnis  – ein Klang, eine Tiefe und Erfülltheit der Stimmung und Erwartung in dieser vorweihnachtlichen Zeit, die, sooft ich sie später beim Musikhören oder Musikmachen mit anderen wiedersuchte und  wiederfand, zutiefst beglückend war und ist …

Eine andere  glücksgeladene Prägung ist der Klang von Glocken.

Heiligabend wie im Buch. Dicke Schneeflocken fallen zum Festgeläut der großen Marienkirche vom Himmel herab, das die Stille der verschneiten Stadt erfüllt. Die großen, erleuchteten gotischen Fenster des Chores, die wie feierliche riesige Scherenschnitte das Maßwerk durchleuchten. Während der Christvesper fahre ich mit den Augen diese steinernen, filigranen Linien und Schwünge der Unendlichkeit nach. Die Predigt will und will nicht enden. Ich höre kehlige, befremdlich-gepresste, sehr eindringliche Wortklänge aus dem Munde des Pastors, dem eine Kriegsverletzung im Hals das Sprechen und Singen so bedeutungsschwer macht, umfliege träumerisch hoch oben den im Gewölbe schwebenden Stern, lausche dem seligen Orgelgebraus von „O, du fröhliche“ … . Dann endlich stapfe ich an der Hand meines Vaters durch den Schnee. Er macht mit mir einen Umweg nach Hause, vielleicht hatte meine Mutter noch einige Vorbereitungen, die für Kinderaugen verborgen bleiben sollen, vielleicht wollte er aber einfach nur die Ruhe und die weihnachtliche Stimmung genießen, die die Glocken, der Schnee über der alten Stadt ausbreiten. Das Glück der Erwartung auf die Bescherung, die beglückende Schönheit des Schnees, die unbekannten Welten hinter den erleuchteten Fenstern der Kirche und der Häuser ringsherum und die Verbundenheit zwischen mir und meinem Vater auf diesem Gang nach Hause war nicht weniger intensiv als die auf dem Schoß meiner singenden Mutter …

Ein paar Tage vor Weihnachten war unser Wohnzimmer plötzlich verschlossen – es wurde ernst. Durch das Fensterglas war im Innern nichts deutlich zu unterscheiden, der spähende  Blick durchs Schlüsselloch ließ nichts ahnen – nur die Gewissheit, dass das Christkind dort drin, hinter der verschlossenen Tür, zu manchen Zeiten eifrig tätig war, manchmal auch in einem kometenhaften Lichtschein draußen am Fenster zur schmalen Gasse zwischen unserem und dem Nachbarhaus vorbeifliegend…

Meine Eltern verstanden es, die Adventszeit und auch die anderen Zeiten des Jahres durch kleinere oder größere Rituale zu gestalten und uns nahezubringen: Der Schokoladen-Adventskalender, der auf der Fensterbank über der Eckbank stand, der  Teller auf der Treppe am Abend vorm Nikolaustag, der am nächsten Morgen gut gefüllt dastand und am Nachmittag noch durch einen plötzlich dastehenden Stutenkerl aus der Bäckerei Reineke Gesellschaft bekam; das verschlossene Wohnzimmer, der Heringssalat und das Weißbrot mit guter Butter am Heiligen Abend; das Glöckchen, mit dem zur Bescherung gerufen wurde …Mein Vater schlich sich immer zuvor unbemerkt vom Essentisch davon. Wenig später vernahmen wir aus der Dunkelheit des Treppenhauses ein helles Gebimmel, und dann gab es kein Halten mehr: nach kurzer Zeit  standen wir vor dem wunderbar nur von Kerzen erleuchteten Weihnachtsbaum im Weihnachtszimmer, „Ihr Kinderlein kommet …“ auf den Lippen, mit den Augen schon die Umrisse der weißen Tücher abtastend, mit denen die Geschenke für uns Kinder noch abgedeckt waren … (Es dauerte lange Zeit, bis ich verstand, dass das Glöckchen mit dem Verschwinden meines Vaters zu tun hatte, behauptete er doch stets, er müsse mal eben auf die Toilette …).

Doch zuvor hieß es sich in den Sesseln und auf der Couch niederlassen und der Weihnachtsgeschichte lauschen, die mein älterer Bruder vorlas.  Während er das tat, besah ich träumerisch die kleine holzgeschnitzte Krippe auf dem Tisch, deren fein geschnitzte Figuren ganz lebendig wurden. Dann wurde gesungen, meine Mutter und meine Großmutter voller kindlicher Inbrunst waren die Stimmführererinnen des familiären Chores, wir anderen sangen deutlich schüchterner, nur Onkel Ernst, der Schwager meiner Mutter,  fiel stimmlich heraus, weil er in einer gänzlich anderen, immer zu tiefen Tonlage anstimmte, die so gar nicht zu der unserigen passen wollte. Ihm war’s aber egal, er sang, was das Zeug hielt und scherte sich nicht im geringsten um unsere Blicke, die wir Kinder uns anfänglich belustigt zuwarfen.

 

 

 

 

21.

Inneres einer Zeitungsmeldung (Lesezeit ca.10′)

 

22.

Heimkehr

Stampfend, rollend, ratternd und zitternd am ganzen Körper wendete sich der gewaltige Stahlkoloss mit dem Bug dem Anleger zu, und in dem offenen Fensterausschnitt, einem Bilderrahmen gleich, erstaunte ich über ein Gemälde hoher Transparenz  an  räumlicher und zeitlicher Tiefe, einer Partitur gleich, die allein durchs Schauen lebendig wird und zum Klingen kommt. Polyphon und doch harmonisch, voneinander gesonderte und geführte, zeit-räumlich verfließende Bewegungen, unterschiedlichen Stimmen und Klangfarben gleich – und ich selbst nahm mich als den Spieler war, der dies im Augenblick hervorbrachte, wahrnahm, erlauschte, erschaute, erstaunte –  das tiefe Glück der Zugehörigkeit zu einem Ganzen, im Morgenglanz des Hier und Jetzt.

Am Horizont spannte sich der leuchtende Lichtbogen der Morgenröte, die den seit fernsten zeitlosen Zeiten immer aufs neue aufsteigenden Sonnenball ankündet; das Schiff hatte sein Wendemanöver geendet und nahm nun langsam Fahrt auf, vorbei an den schier endlosen zementierten zyklopischen Kaianlagen, vertäuten Frachtschiffen, Kränen und Türmen, den aufgestapelten Bauteilen von Windrädern, Lagergebäuden und Schuppen, den Werfthallen und Asphaltstraßen, gesäumt von tausend künstlichen Sonnen, deren nüchterner Schein allmählich verblasste, während ein im Winde auf und ab gaukelnder unübersehbarer Schwarm von Möwen dem Fährschiff Geleit gab.

Sonnen- und Erdbewegung, die im Winde vorüberziehenden Vögel, das riesige Schiff, das mit dem Sonnenlauf vorbei an der technischen Sphäre aus Beton, Stahl und Eisen auf den Anleger zuglitt, und ich selbst, ruhend inmitten dieser so unterschiedlichen Bewegungen und Lebensrhythmen, die doch alle einem Thema und einer Harmonie gehorchten …  gleich einem Aquarell, in dem Menschenwerk, Wasserelement, die Jagd der schreienden Seevögel, die aufleuchtenden Wolken, Raum, Zeit und Ich – ein jedes mit seiner Zeit –  miteinander verbunden waren.

Neben mir erschien auf einmal ein Vater mit seinem kleinen Sohn auf dem Arm. Der Vater, von der Morgenstimmung berührt, sprach wenige Worte in einer mir fremden wohlklingenden Sprache zu seinem Jungen, und darin schwang, ebenso wie im Ausdruck seiner Augen, unmissverständlich die Schönheit des Morgenglanzes mit.

Aus dem Lautsprecher erscholl jetzt blechern und kratzend die Aufforderung, sich in die Fahrzeuge zu begeben. Ich war wieder zurück in dieser Welt … (Februar/ März 2020)

 

24

Selbstbegegnung

Mit sich selbst von  Zeit zu Zeit unter vier Augen sprechen.

 

„Wenn man allein ist, geht man prüfend in sich,“ sprach Synnöve.

„Ja,“ erwiderte Thorbjörn,“ja, da zeigt sich’s am besten, wer die größere Macht über uns hat,“ und er schritt ernst neben ihr her.

(Aus: Björnsterne Björnsson, „Synnöve Solbakken“)

 

 

25.

Die Gabe

Ein Obdachloser sitzt auf einer Parkbank, in einer Hand hält er eine Mundharmonika. vor sich liegend seine Kappe mit ein paar Cent drin, und daneben aufgestellt hat er ein handgemaltes Schild, auf dem zu lesen ist:

Ich bin obdachlos, allein und habe Hunger.

Gerade eben hatte er noch gespielt, jetzt ist er müde, oder er hat aufgegeben. Kaum einer der vielen Passanten hat etwas in seine Mütze geworfen.  Viele der Vorübergehenden werfen einen flüchtigen Blick auf den Mann, dem der Kopf auf die Brust gesunken ist – und gehen weiter. Endlich bleibt einer stehen, schaut den offenbar Eingeschlafenden neugierig an, dann beginnt er in seiner Jackentasche zu suchen. Er kramt einen Stift heraus, nimmt das Pappschild und klappt es um, schreibt nach kurzem Besinnen etwas darauf und stellt es dann wieder vorsichtig an seinen Platz. Der Mann auf der Bank – er ist noch gar nicht alt – hat davon nichts mitbekommen. Er blinzelt, aus seinem Dösen wieder erwacht, nimmt sein Instrument an die Lippen, die von Bartstoppeln umrahmt sind, und beginnt nach einer Melodie zu suchen. Bald bleibt eine ältere mit Einkaufstaschen beladene Frau stehen. Sie wirft einen Blick auf das Pappschild, dann stellt sie ihre Taschen ab und hört ihm ein Weilchen zu. Schließlich  wirft sie ihm lächelnd eine Münze in die Kappe. Dann setzt sie ihren Weg fort. Und auch der Nächste der Vorübergehenden, nachdem er im Vorübereilen einen Blick auf den Mann mit dem Pappschild warf, besinnt sich, kehrt um, und gibt etwas von seinem Geld. Der Obdachlose nickt dankend; sein Spiel beginnt jetzt Fahrt aufzunehmen – die Gaben spornen ihn offenbar an. Und abermals bleibt jemand stehen – eine junge Mutter mit ihrer kleinen Tochter an der Hand ist es, und nachdem die beiden ein Weilchen gelauscht haben, drückt die Mutter ihrer Kleinen ein 5o Centstück ins Händchen …

Der Mann beginnt nun doch langsam, sich zu verwundern – die ganze lange Zeit vorher passierte nichts, und nun bleiben auf einmal so viele stehen, werfen ihm Geld in die Kappe … . Was ist da los? Aber er kann sich’s nicht erklären, er spielt ja nicht besser oder schlechter als sonst auch. Als der Verwunderte schließlich aufsteht, seine Mütze aufnimmt, um sein Geld zu zählen, da fällt sein Blick auf das Schild, und er liest mit wohlmöglich noch größerer Verwunderung:  Ich bin obdachlos und allein, und ich teile gerne meine Musik mit dir.

 

 

26. Begegnungen – Chagall, Picasso und Jünger (PDF)

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