Begegnungen

 

 

Der Nahbare oder: Simon Rattle begegnet Lisa Krause

… Es war im Jahre 2007, als ein grauer Lockenkopf mit einem kleinen Rucksack auf dem Rücken durch den beschaulichen Havelort wanderte, den schon Einstein vor seiner Emigration als seinen glücklichsten Rückzugsort geschätzt hatte. Mit einem Rucksack auf dem Rücken, ganz allein, führte der Weg des  Spaziergängers einmal nicht zum Einsteinhaus, sondern zufällig auch zum gemütlichen Heimathaus nahe des Caputher Schlosses. Zwei rührige, hochbetagte Damen –  hellwach, sehr gesprächig und vorzügliche Bäckerinnen –   baten den unentschlossen vorm Heimathaus Stehenden hinein (wer könnte auch der freundlich-entschlossenen Art der mittlerweile über neunzigjährigen Lisa Krause, der einen der beiden Damen, widerstehen!) Sie bewirteten den fremden, sehr freundlichen, bescheiden-zurückhaltenden Wandersmann im kleinen Hof des Heimathauses ausgiebig mit Kaffee und selbstgebackenem Kuchen, kamen ins Erzählen, und der Besucher nahm nach ungefähr einer Stunde nicht nur sehr genaue Kenntnisse von Capuths Vergangenheit und Tipps für die weitere Fußwanderung mit nach Hause, sondern auch Erinnerungen an märkisches Urgestein:  Frau Krause, ihr markantes, gebräuntes Gesicht, den klaren Klang ihrer Stimme, ihre blitzenden, wachen Augen – die verkörperte Geschichte des alten Schifferortes …

Wenige Tage später aber macht Frau Krause im Fernsehen eine erschreckende Entdeckung. Kaum traut sie ihren Augen. Da erblickt sie doch tatsächlich ihren Gast vom letzten Sonntag, die Berliner Philharmoniker dirigierend. Kann denn das wahr sein… und man hat nichts gewusst, und er hat auch nichts gesagt, na so was! Sie schießt schnell ein Polaroidfoto des Dirigenten, zeigt es tags darauf ihrer weltläufigen Freundin Erika. Kein Zweifel: Der bescheiden-sympathische Gast vom vorherigen Wochenende ist Sir Simon Rattle gewesen, Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, ein Weltstar …

Der Begegnung Simon Rattles mit Lisa Krause folgt ein noch gewisses Happy End, und zwar Monate später, an einem eiskalten, windig-frostigen Berliner Wintertag.

Probenbesuch in der Philharmonie mit den Philharmonikern unter ihrem Chefdirigenten; ein uns tief berührender Schuhmann: „Das Paradies und die Peri“. Nur eine Handvoll Zuhörer wohnt der Probe mit dem Orchester und dem Rundfunkchor bei. Unweit von Frau Krause und mir, direkt hinter uns in Block B, sitzt Kyrill Petrenko, gespannt das Probengeschehen verfolgend, mit einer Partitur auf den Knien, ganz Ohr. (Heute, zehn Jahre später, ist er zum Nachfolger Rattles bestimmt – wer hätte das damals gedacht… ).Und zu welchem der Musiker mag wohl das Baby gehören, das sich jetzt, mitten in einer zarten, ergreifenden Passage von Schuhmanns Werk lautstark aus dem Zuschauerraum bemerkbar macht… .Wie wird der Dirigent reagieren? Simon Rattle dreht sich schmunzelnd um, und viele der Musiker quittieren die Töne des Babys ebenso freundlich und verständnisvoll. Wer weiß, vielleicht spiegeln sich in seinem Lächeln und seiner Bemerkung („Der will wohl schon mitmachen“) seine eigenen Vaterfreuden wieder? Nur einen einzigen genervt-vorwurfsvollen Blick sehe ich aus der Gruppe der Bratscher wie einen abgeschossenen Pfeil in Richtung des kleinen Schreihalses zielen: So was hätte es hier unter X. nie gegeben!  Aber der Pfeil seines einsamen Ärgers trifft nicht, trudelt ins Leere … Gegen Ende des Stücks, in einer Art Apotheose, singt die Sopranistin (Kate Royal) Töne in einer Art, die nicht mehr mit Technik, sondern nur noch mit purer Hingabe möglich scheinen. Kaum ist die Musik verklungen, lässt sie sich auf ihren Stuhl sinken, streckt, fast liegend, alle Viere von sich, seufzt, lacht befreit und erleichtert – was für unglaublich pure, aller Pose und Maske entblößte Momente einer gelungenen Grenzüberschreitung, die einen jeden im Orchester und im Saal tief berührt hat; die Musiker klopfen lebhaften Beifall („die teuren Bögen!“ denke ich) und Sir Simon umarmt die glücklich erschöpfte Kate Royal …

Probenpause. Simon Rattle steht ein paar Meter von uns entfernt im Gang, im Gespräch. „Jetzt, Frau Krause, jetzt oder nie!“, dränge ich die noch respektvoll Zögernde,

die in ihrer Handtasche das Polaroidfoto vom Waldbühnenkonzert und eine vorbereitete Karte für das Gästebuch des Heimathauses griffbereit stecken hat. Ein wenig heißt es noch warten, dann ist Sir Simon frei. „Caputh lässt grüßen …“ beginnt sie.  Im nächsten Augenblick schütteln sich die beiden herzlich die Hände, unverkennbare Wiedersehensfreude blitzt schalkhaft in den Augen des Dirigenten auf; natürlich erinnert er sich an seinen Besuch, an den guten Apfelkuchen, an die beredten Geschichten aus dem Munde von Lisa Krause; es amüsiert ihn, als sie, fast entschuldigend, gesteht, dass sie ihn nicht erkannte,  nicht wußte, wer ihr da gegenübergesessen hatte.  Zum Abschied ergreift Simon mit beiden Händen die Hände Lisas : „Ich habe eine große Freude in mir, Sie wiederzusehen!“

Und Lisa Krause hatte neben der ersten aufregenden Freude einer neuerlichen lebendigen Begegnung nun noch eine Weitere: ein schwungvolles Autogramm vom Nahbaren,  für das Gästebuch ihres Heimathauses … als weiteres Kleinod für die Geschichtenschatzkammer des kleinen, idyllischen Havelortes.

 

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Aus dem Innenleben einer Zeitungsmeldung

 

VOM WESTEN NACH OSTEN – eine „Begegnung“ mit Goethe

 

Zu Goethes Todestag am 22. März 1832

Goethe und die Idee der Wiederverkörperung

 

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Wer sich mit Goethe beschäftigt, wer ihn liest, auf seinen Spuren unterwegs ist, der gleicht oft genug einem Kinde, das seine Füße in die großen Fußabdrücke eines vorausgehenden Erwachsenen setzt. Und Goethes Lebensspuren und Lebensäußerungen betrachten und bestaunen bewirkt oft genug auch, dass wir unsere eigenen Spuren daneben sehen und vergleichen.
Goethes Leben, Wirken, Denken und Lieben hinterließen vielfältige Abdrücke, wie sie z.B. in Weimar oder in Dornburg, einem seiner wichtigen Rückzugsorte, konserviert sind. Durch all das Gedruckte, museal Konservierte und Aufbereitete aus seinem irdischen Lebenskreis – wirkt da nicht e i n e große, alles tragende, vorwärtstreibende und beispielgebende Kraft, die dieses Leben immer wieder so faszinierend erscheinen lässt?

Was ist das für eine erstaunliche Kraft, die in Goethe, in seiner Seele wirkt?
Begeben wir uns auf eine Spurensuche, die hier nur andeuten und anreißen will:

Goethes Todestag jährt sich heute, am 22. März, zum 186. Male. Was bedeutete der Tod für Goethe?
Mit abstrakten, philosophischen oder theologischen Spekulationen über ein Leben nach dem Tode hielt sich Goethe zurück, ja er tat dies spöttisch ab:
„ Die Beschäftigung mit Unsterblichkeitsideen ist für vornehme Stände und besonders für Frauenzimmer, die nichts zu tun haben. Ein tüchtiger Mensch aber, der schon hier etwas Ordentliches zu sein gedenkt, und der daher täglich zu streben, zu kämpfen und zu wirken hat, lässt die künftige Welt auf sich beruhen und ist tätig und nützlich in dieser. Ferner sind Unsterblichkeitsgedanken für solche, die in Hinsicht auf Glück hier nicht zum besten weggekommen sind …“. (Zu Eckermann am 25. 2. 1824)

Aber im völligen Gegensatz dazu stehen viele andere Äußerungen in Gesprächen oder Briefen. Zum Beispiel schreibt Goethe noch kurz vor seinem Tode an seinen Altersfreund, den Musiker Karl Friedrich Zelter: „Und dann darf ich Dir wohl ins Ohr sagen: ich erfahre das Glück, dass mir in meinem hohen Alter Gedanken aufgehen, welche zu verfolgen und in Ausübung zu bringen wohl eine Wiederholung des Lebens gar wohl wert wäre …“.

Goethe, der rastlos Tätige, Forschende, Sammelnde, Betrachtende, Rezipierende, Reisende, der Minister, Jurist, Theaterdirektor, Vorsitzender unzähliger Kommissionen des Weimarer Herzogtums, ein großer Kommunikator in Gesprächen und Briefen, der Dichter, der Freund und Liebende … unglaublich und erstaunlich vielfältig, aber auch höchst widersprüchlich sind die Facetten der goetheschen Geistseele, deren unaufhörliches Tätigsein für Goethe die Quelle seines Glaubens an sein unsterbliches Wesen ist:

„Lange leben“, so schreibt er an Zelter, „ heißt viele überleben, so klingt das leidige Rironell unseres vaudevilleartig hinschludernden Lebensganges … wirken wir fort, bis wir, vor- oder nacheinander, vom Weltgeist berufen, in den Äther zurückkehren! Möge dann der ewig Lebendige uns neue Tätigkeiten, denen analog, in welchen wir uns schon erprobt, nicht versagen! Fügt er sodann Erinnerung und Nachgefühl des rechten und Guten, was wir hier schon gewollt und geleistet, väterlich hinzu, so würden wir gewiss nur desto rascher in die Kämme des Weltgetriebes eingreifen. Die entelechische Monade muss sich nur in rastloser Tätigkeit erhalten; wird ihr diese zur andern Natur, so kann es ihr in Ewigkeit nicht an Beschäftigung fehlen.“

In seinem letzten Brief, geschrieben an Goethes Todestag, dem 22. März 1832, (dieser Brief erreichte Goethe nicht mehr) erwidert Zelter: „Es wäre recht artig, wenn man von Jahrhundert zu Jahrhundert an die Oberwelt zurückkehren könnte, welches Korn aufgegangen und fortgegangen ist?“

In den „Wahlverwandtschaften“ aber ließ Goethe Ottilie im Nachsinnen über Gespräche über den Sinn von Friedhöfen und Grabsteinen sagen: „Ist denn alles, was wir tun, für die Ewigkeit getan? Ziehen wir uns nicht morgens an, um uns abends wieder auszuziehen? Und warum sollten wir nicht wünschen, neben den Unsrigen zu ruhen, und wenn es auch nur für ein Jahrhundert wäre. Wenn man die vielen versunkenen … abgetretenen Grabsteine … erblickt, so kann einem das Leben nach dem Tode doch immer wie ein zweites Leben vorkommen, in das man nun im Bilde, in der Überschrift eintritt und länger darin verweilt als in dem eigentlichen lebendigen Leben. Aber auch dieses Bild, dieses zweite Dasein verlischt früher oder später.“ …
Aber am Ende der „Wahlverwandtschaften“ bricht doch wieder Goethes schon sehr früher Glaube durch: „So ruhen die Liebenden nebeneinander. Friede schwebt über ihrer Stätte …,und welch ein freundlicher Augenblick wird es sein, wenn sie dereinst wieder zusammen erwachen.“

Hier klingt – wie in vielen anderen Äußerungen Goethes – seine Überzeugung an, dass sich die Geistseele immer wieder verkörpert, wie er es beispielsweise im Folgenden sprichwörtlich ausdrückte:

„Heute geh ich. Komm ich wieder,
singen wir ganz andere Lieder.
Wo so viel schon hoffen lässt,
ist der Abschied ja ein Fest.“
(Gedichte, Ausgabe letzter Hand 1827, Sprichwörtlich)

Schon der junge Goethe, in den Zeiten seiner leidenschaftlichen Liebe zu Charlotte Buff, trug den Gedanken an die Wiederverkörperung in sich, der im letzten Gespräch vor seiner Trennung zwischen ihm Charlotte und deren Verlobten Kästner aufbrach.
In der Begegnung mit Charlotte von Stein aber wird ihm die Wiederverkörperung nun untrügliche Gewissheit:

„… Sag, was will das Schicksal uns bereiten?
Sag, wie band es uns so rein genau?
Ach, du warst in abgelebten Zeiten
meine Schwester, meine Frau …“.

Später wird Goethe an Frau von Stein prosaisch schreiben:“ … Wenn ich wieder auf die Erde komme, will ich die Götter bitten, dass ich nur einmal liebe, und wenn Sie nicht so feind dieser Welt wären, wollt ich um Sie bitten zu dieser lieben Gefährtin.“ (Brief vom 2.3.1779 an Ch. v. Stein)
Und zwei Jahre später heißt es an die Geliebte: „Wie gut ist’s , dass ein Mensch sterbe, um nur die Eindrücke auszulöschen und gebadet wiederzukommen.“

An den leidenschaftlichen Liebesbegegnungen und Beziehungen zu Charlotte Buff und Charlotte von Stein entzünden und formen sich Goethes Unsterblichkeitgedanken, die zugleich die Überzeugung in sich tragen, dass die Geistseele oder „entelechische Monade“, wie Goethe sie später wiederholt bezeichnete, sich immer wieder verkörpert.

„Des Menschen Seele
Gleicht dem Wasser.
Vom Himmel kommt es,
Zum Himmel muss es,
Und wieder nieder
Zur Erde muss es,
Ewig wechselnd …“ .

Kommen wir zurück auf die Frage vom Anfang: Was war, was ist das für eine erstaunliche Kraft, die in und durch Goethes Seele wirkte?

Im obigen Gleichnis des „Gesangs der Geister über den Wassern“ ist es – unausgesprochen – die Sonne, die den Kreislauf des Wassers impulsiert. In Goethes Leben ist diese Kraft, die ihn durch und durch bestimmt, die sein Wesen ausmacht, die Liebe – Liebe in all ihren Ausprägungen und menschlich-vielfältigen Formen – von der Leidenschaft des „Werther“, der innigen Frauenverehrung gegenüber Charlotte von Stein oder der Fürstinnenmutter Anna Amalia, der sinnlichen Liebe zu Christiane, der tätigen, dichtenden, forschenden und sammelnden Liebe zu Mensch und Natur wie sie Goethe gegen Ende seines Lebens in der „Marienbader Elegie“ zum Ausdruck bringt:

„In unsers Busens Reine wogt ein Streben
Sich einem Höhern, Reinern, Unbekannten
Aus Dankbarkeit freiwillig hinzugeben …“

Für Goethe war dieses Streben mit dem Ablegen des Körpers im Tode nicht zuende.
Für ihn war gewiss, dass er … „schon tausendmal dagewesen und hoffte, wohl noch tausendmal wiederzukommen.“
Mag Goethe für viele auch scheinbar tot sein – wir aber leben hoffentlich wirklich.

 

 

 

 

 

 

 

Das alte Haus 

Erinnerungen sind wie das Wasser des Lebens, und  es  kommt mir vor, als würde ich mein ganzes bisheriges Leben immer wieder aus den Erlebnissen meiner Kindheit schöpfen, wie aus einem Brunnen, der nicht versiegt.
Es ist, als würde sich in diesen Erinnerungen etwas in mir selbst lieben – das ist wohl das Echo, der Widerschein der Liebe derer, die mich umgaben, die mich begleiteten, die mit mir gingen – und das sind natürlich an erster Stelle meine Eltern.

Adventszeit. Unser Haus in der Fleischhauerstraße, ein verwinkeltes, jahrhundertealtes westfälisches Ackerbürgerhaus, scheint mir im Rückblick durch und durch beseelt: unten im Erdgeschoss, wo sich die Ausstellungsräume des Bestattungsunternehmens und die Tischlereiwerkstatt, die Kellerräume und die Strickkammer befanden, wohnte ein Hausgeist, der besonders im Dunkeln spürbar war, wenn ich aus der mittleren Etage hinunter zur Toilette gehen musste, oder in den Vorratskeller, um für Vater eine Flasche Feierabendbier zu holen. Lautes Singen, Treppentrampeln oder das Rufen seines Namens „Bullemann“ half gegen die Angst vor diesem gesichtslosen Etwas, war aber auch zugleich Anrufung, die den „Bullemann“ gegenwärtiger sein ließ und daher ein gruseliges Gefühl erzeugte. Einige Jahre später hatte  „Bullemann“ ein Gesicht bekommen, da wir Kinder im Vorabendprogramm, schon im Schlafanzug aneinandergekuschelt auf der Couch im Fernsehen die französische Serie „Belphigor“ sahen und uns gemeinsam wohlig gruselten, wenn das schreckstarre Antlitz des Gespenstes irgendwo im Louvre, wo diese Serie spielte, urplötzlich erschien.

So schnell wie möglich rannte ich mit trommelnden Füßen die steilen Treppenstufen wieder hinauf, durch den Flur zur Küche, deren Tür mit drei Fenstern versehen war. Das milchige Glas war mit filigranen Pflanzenornamenten gemustert, so dass man nur schemenhaft erkennen konnte, wenn sich im Innern jemand bewegte.

Aber dieses Licht, das den dunklen Flur erhellte und die Schemen und Stimmen meiner Mutter, meines Vaters, der Großeltern vielleicht, später auch die Stimmen meiner Geschwister, strahlte eine Geborgenheit aus, die an Glück grenzte: aus dem gruseligen Dunkel des Erdgeschosses, dem Reich von Bullemann und Belphighor in den Kellerräumen, der Werkstatt, dem Schweigen des Sarglagers, der Küche und dem Büro, in dem tagsüber die trauernde „Kundschaft“ empfangen und mit der alles besprochen wurde, was zu einer Bestattung gehört, zurück in das lichte, warme Reich von Küche und  Wohnzimmer. Dort, unter der rot gepolsterten Eckbank, wo die beiden Sitzbänke im rechten Winkel verschraubt waren und wo darunter ein dreieckiger umwandeter Hohlraum war, befand sich meine Höhle, mein geheimer Ort, in den ich, so lange es ging, hineinkroch, ja, später, als ich gewachsen war, mich noch hineinzwängte. Dort fühlte ich mich in Sicherheit, fand gemütliche Geborgenheit, Schutz, hatte ich die Kontrolle. Wenn ich mich durch eine schmale Öffnung dort hineinzwängt hatte und mich lautlos verhielt, sah ich alle, hingegen sah m i c h  niemand. Ich konnte die Tischgespräche belauschen, musterte die Hosenbeine, die Strümpfe, das Schuhwerk  der am Küchentisch Sitzenden, oder sog einfach den Duft der Weihnachtsplätzchen ein, den ich zuvor mit Hilfe meiner Mutter durch einen Wolf gedreht hatte, und genoss die Urgemütlichkeit meines unterirdischen Dachsbaus …

Auch das war ein Glück: Ganz allein und geschützt in meinem Versteck unter der Kückeneckbank zu kauern, und mich doch zugleich mittendrin im familiären Leben zu fühlen, das sich hier im Zentrum des Haushaltes abspielte:

Tante Lore und Onkel Ernst, die beiden Omas und Opa  gingen ein und aus,  mein Bruder Michael, später Eva und Christoph… Sonntag morgens mit schöner Regelmäßigkeit kam Onkel Paul Twillemeier , einer der Honorarkräfte des Bestattungsinstitutes, ließ sich auf der Eckbank nieder, kam mit  seinem eiligen, nervösen Redeschwall vom „Hölzchen aufs Stöckchen“, mehrere Kornschnäpse herunterspülend, welche ihn erst so richtig in Fahrt brachten. Meine Mutter setzte sich höflich zu ihm.  Nach einer Weile erhob sie sich unruhig; ihre Beine hatten schon schon eine Weile unter dem Tisch, für mich sichtbar, hin und hergescharrt. Wenn sie dann aufstand und sich höflich mit den Vorbereitungen für’s Mittagessen entschuldigte, war das für Onkel Paul das endgültige Zeichen zum Aufbruch. Leicht angetüdelt hob er sein schwer gewordenes sonntägliches Sitzfleisch in die Höhe … Ob meine Mutter dann und wann die Augen verdrehte, konnte ich von meinem geheimen Platz aus an ihren Beinen natürlich nicht erkennen …

Was tat Onkel Paul eigentlich hier jeden Sonntag vormittag? Frau Twillemeier, seine korpulente Frau, wirkte so gar nicht anziehend oder wäre für meinen Geschmack schön zu nennen gewesen, genausowenig, wie man unseren sonntäglichen Stammgast mit seinen Pockennarben und seiner etwas näselnden, hektischen Stimme, dem stereotypen „nich wahr, ni ni nich?!“ einen attraktiven Mann hätte nennen können. Sicher fand er meine Mutter sympathisch und hübsch,was sie ja auch tatsächlich war. Von meinem Vater hatte ich einmal eine spitze, naserümpfende Bemerkung über Onkel Pauls regelmäßige Visiten aufgeschnappt; dieser regelmäßige Gast nahm wohl zusammen mit den Schnäpsen immer auch ein stärkendes Augenfrühstück.

Welch ein Glück, wenn solche Erwachsenen, die stundenlang über Nichts reden und eifern konnten und nichts als Langeweile verbreiteten, endlich aufstanden und das Haus verließen. Wenn „Große“ sich nichts zu sagen haben, was nicht für Kinderohren bestimmt ist,  sich nur mit gegenseitigen Äußerlichkeiten die Zeit stehlen, wird das Belauschen schnell quälend.

Ich schwor mir jedenfalls, niemals , wenn ich groß wäre, solche schwarzen, spitzen Schuhe zu tragen wie zum Beispiel auch Onkel Paul. Sie schienen die Verkörperung von Leere und Eingefahrenheit, ja des Unglücks, das es bedeutet, das verödete Leben eines Erwachsenen zu führen – so langweilig, dass es nicht mal mehr etwas zum Gruseln gab, außer natürlich solche schwarzen, spitzen Schuhe.

Übrigens, selbst wenn die Küchentür gegen den in der dunklen Jahreszeit kühlen Flur immer peinlich geschlossen gehalten werden musste – ich höre noch die oft genervten Rufe meiner Mutter „Macht doch die Tüüür zu!“- hatten wir Kinder nie das Gefühl, ausgeschlossen zu sein. Diese Tür war nicht nur licht-, sondern auch seelendurchlässig, und das gab immer ein Gefühl der Anwesenheit irgendeines Erwachsenen und die Gewissheit einer zwanglosen Zugehörigkeit  – es sei denn, ich versteckte mich nach einem Streit oder einer Lüge aus Trotz, Scham oder Angst in einem der vielen Winkel des Hauses, oder gar im Bettkasten in meinem Zimmer, fast unauffindbar … (Aber ich will  hier nicht von der Trostlosigkeit solch verzweifelten Versteckens und versuchten Ausbrüchen aus kindlichen Unglücks- oder Angstzuständen erzählen.)

Die  eigene Mutter schön zu finden ist für ein Kind etwas Selbstverständliches und Unbezweifelbares, wohl bis zum Beginn der Pubertät. Hingegen blickt auch das kleine Kind schon auf das Aussehen und die Wirkung anderer weiblicher Wesen. Schaue ich alte Fotos meiner Mutter an oder, wie vor Jahren, einmal einen wiederhergestellten Super 8-Film von einer Familienfeier aus den fünfziger Jahren, sehe ich eine bestürzend schöne, junge Frau mit einem klaren Antlitz, das einem Marienbild eines der alten Meister hätte zum Vorbild dienen können .

Es wunderte mich nicht, von meinem Vater in einer seiner Erzählungen an einem langen schwedischen Herbstabend zu hören, dass ihm das damals sechszehn- oder siebzehnjährige rotwangige Mädchen mit den schwarzen Haaren, das viel später seine Frau werden sollte, ihm schon bei seinem allerersten Besuch in Lippstadt – er war aus Bottrop mit dem Zug angereist –  aufgefallen war. Sie hatte in einer Gruppe Gleichaltriger gestanden und seinen Blick aus ihren braunen Augen erwidert … Lange Zeit sollte noch vergehen, bis sie die ersten Worte wechselten und sich einander immer mehr annäherten.
Für manch einen der Schulkameraden oder Freundinnen Ilses aber war sehr schnell klar, dass sich hier etwas anbahnen wollte, wahrlich schicksalhaft in der schicksalhaften Zeit des 2. Weltkrieges. So hatte ein Bekannter meine Mutter damals einmal unvermittelt gefragt, ob sie später einmal „Frau Motog“ werden wolle? Diese Frage wurde ihr – wohlgemerkt – zu einem Zeitpunkt gestellt, als noch kaum die ersten Worte zwischen meiner Mutter und meinem Vater gewechselt  worden waren …

Es war eine a n d e r e Art von Schönheit meiner Mutter, die ich ganz früh in meiner Kindheit – ich fand noch ausreichend Platz auf ihrem Schoß  – wahrnahm oder vielmehr, mit allen Fasern in mich aufnahm. Sie sitzt auf der Bettkante in ihrem Schlafzimmer, ich sehe mich auf ihrem Schoß und lausche ihrer Singstimme, als habe jemand die Welt für die Dauer ihres Singens angehalten Weihnachtslieder sind es, die sie singt, Strophe um Strophe von „Vom Himmel hoch, ihr Englein kommt  …“.
Dann  „Was soll das bedeuten …“ . Noch anderes? – Vielleicht … : mein erstes bewusstes, prägendes Musikerlebnis, untrennbar verbunden mit dem Gefühl einer tiefen Verbundenheit, zugleich mein erstes bewusstes und beglückendes Schönheitserlebnis  – ein Klang, eine Tiefe und Erfülltheit der Stimmung und Erwartung in dieser vorweihnachtlichen Zeit, die, sooft ich sie später beim Musikhören oder Musikmachen mit anderen wiedersuchte und  wiederfand, zutiefst beglückend war und ist …

Eine andere  glücksgeladene Prägung ist der Klang von Glocken.

Heiligabend wie im Buch. Dicke Schneeflocken fallen zum Festgeläut der großen Marienkirche vom Himmel herab, das die Stille der verschneiten Stadt erfüllt. Die großen, erleuchteten gotischen Fenster des Chores, die wie feierliche riesige Scherenschnitte das Maßwerk durchleuchten. Während der Christvesper fahre ich mit den Augen diese steinernen, filigranen Linien und Schwünge der Unendlichkeit nach. Die Predigt will und will nicht enden. Ich höre kehlige, befremdlich-gepresste, sehr eindringliche Wortklänge aus dem Munde des Pastors, dem eine Kriegsverletzung im Hals das Sprechen und Singen so bedeutungsschwer macht, umfliege träumerisch hoch oben den im Gewölbe schwebenden Stern, lausche dem seligen Orgelgebraus von „O, du fröhliche“ … . Dann endlich stapfe ich an der Hand meines Vaters durch den Schnee. Er macht mit mir einen Umweg nach Hause, vielleicht hatte meine Mutter noch einige Vorbereitungen, die für Kinderaugen verborgen bleiben sollen, vielleicht wollte er aber einfach nur die Ruhe und die weihnachtliche Stimmung genießen, die die Glocken, der Schnee über der alten Stadt ausbreiten. Das Glück der Erwartung auf die Bescherung, die beglückende Schönheit des Schnees, die unbekannten Welten hinter den erleuchteten Fenstern der Kirche und der Häuser ringsherum und die Verbundenheit zwischen mir und meinem Vater auf diesem Gang nach Hause war nicht weniger intensiv als die auf dem Schoß meiner singenden Mutter …

Ein paar Tage vor Weihnachten war unser Wohnzimmer plötzlich verschlossen – es wurde ernst. Durch das Fensterglas war im Innern nichts deutlich zu unterscheiden, der spähende  Blick durchs Schlüsselloch ließ nichts ahnen – nur die Gewissheit, dass das Christkind dort drin, hinter der verschlossenen Tür, zu manchen Zeiten eifrig tätig war, manchmal auch in einem kometenhaften Lichtschein draußen am Fenster zur schmalen Gasse zwischen unserem und dem Nachbarhaus vorbeifliegend…

Meine Eltern verstanden es, die Adventszeit und auch die anderen Zeiten des Jahres durch kleinere oder größere Rituale zu gestalten und uns nahezubringen: Der Schokoladen-Adventskalender, der auf der Fensterbank über der Eckbank stand, der  Teller auf der Treppe am Abend vorm Nikolaustag, der am nächsten Morgen gut gefüllt dastand und am Nachmittag noch durch einen plötzlich dastehenden Stutenkerl aus der Bäckerei Reineke Gesellschaft bekam; das verschlossene Wohnzimmer, der Heringssalat und das Weißbrot mit guter Butter am Heiligen Abend; das Glöckchen, mit dem zur Bescherung gerufen wurde …Mein Vater schlich sich immer zuvor unbemerkt vom Essentisch davon. Wenig später vernahmen wir aus der Dunkelheit des Treppenhauses ein helles Gebimmel, und dann gab es kein Halten mehr: nach kurzer Zeit  standen wir vor dem wunderbar nur von Kerzen erleuchteten Weihnachtsbaum im Weihnachtszimmer, „Ihr Kinderlein kommet …“ auf den Lippen, mit den Augen schon die Umrisse der weißen Tücher abtastend, mit denen die Geschenke für uns Kinder noch abgedeckt waren … (Es dauerte lange Zeit, bis ich verstand, dass das Glöckchen mit dem Verschwinden meines Vaters zu tun hatte, behauptete er doch stets, er müsse mal eben auf die Toilette …).

Doch zuvor hieß es sich in den Sesseln und auf der Couch niederlassen und der Weihnachtsgeschichte lauschen, die mein älterer Bruder vorlas.  Während er das tat, besah ich träumerisch die kleine holzgeschnitzte Krippe auf dem Tisch, deren fein geschnitzte Figuren ganz lebendig wurden. Dann wurde gesungen, meine Mutter und meine Großmutter voller kindlicher Inbrunst waren die Stimmführererinnen des familiären Chores, wir anderen sangen deutlich schüchterner, nur Onkel Ernst, der Schwager meiner Mutter,  fiel stimmlich heraus, weil er in einer gänzlich anderen, immer zu tiefen Tonlage anstimmte, die so gar nicht zu der unserigen passen wollte. Ihm war’s aber egal, er sang, was das Zeug hielt und scherte sich nicht im geringsten um unsere Blicke, die wir Kinder uns anfänglich belustigt zuwarfen.