Begegnungen

 

 

Der Nahbare oder: Simon Rattle begegnet Lisa Krause

(Lesezeit 3′)

… Es war im Jahre 2007, als ein grauer Lockenkopf mit einem kleinen Rucksack auf dem Rücken durch den beschaulichen Havelort wanderte, den schon Einstein vor seiner Emigration als seinen glücklichsten Rückzugsort geschätzt hatte. Mit einem Rucksack auf dem Rücken, ganz allein, führte der Weg des  Spaziergängers einmal nicht zum Einsteinhaus, sondern zufällig auch zum gemütlichen Heimathaus nahe des Caputher Schlosses. Zwei rührige, hochbetagte Damen –  hellwach, sehr gesprächig und vorzügliche Bäckerinnen –   baten den unentschlossen vorm Heimathaus Stehenden hinein (wer könnte auch der freundlich-entschlossenen Art der mittlerweile über neunzigjährigen Lisa Krause, der einen der beiden Damen, widerstehen!) Sie bewirteten den fremden, sehr freundlichen, bescheiden-zurückhaltenden Wandersmann im kleinen Hof des Heimathauses ausgiebig mit Kaffee und selbstgebackenem Kuchen, kamen ins Erzählen, und der Besucher nahm nach ungefähr einer Stunde nicht nur sehr genaue Kenntnisse von Capuths Vergangenheit und Tipps für die weitere Fußwanderung mit nach Hause, sondern auch Erinnerungen an märkisches Urgestein:  Frau Krause, ihr markantes, gebräuntes Gesicht, den klaren Klang ihrer Stimme, ihre blitzenden, wachen Augen – die verkörperte Geschichte des alten Schifferortes …

Wenige Tage später aber macht Frau Krause im Fernsehen eine erschreckende Entdeckung. Kaum traut sie ihren Augen. Da erblickt sie doch tatsächlich ihren Gast vom letzten Sonntag, die Berliner Philharmoniker dirigierend. Kann denn das wahr sein… und man hat nichts gewusst, und er hat auch nichts gesagt, na so was! Sie schießt schnell ein Polaroidfoto des Dirigenten, zeigt es tags darauf ihrer weltläufigen Freundin Erika. Kein Zweifel: Der bescheiden-sympathische Gast vom vorherigen Wochenende ist Sir Simon Rattle gewesen, Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, ein Weltstar …

Der Begegnung Simon Rattles mit Lisa Krause folgt ein noch gewisses Happy End, und zwar Monate später, an einem eiskalten, windig-frostigen Berliner Wintertag.

Probenbesuch in der Philharmonie mit den Philharmonikern unter ihrem Chefdirigenten; ein uns tief berührender Schuhmann: „Das Paradies und die Peri“. Nur eine Handvoll Zuhörer wohnt der Probe mit dem Orchester und dem Rundfunkchor bei. Unweit von Frau Krause und mir, direkt hinter uns in Block B, sitzt Kyrill Petrenko, gespannt das Probengeschehen verfolgend, mit einer Partitur auf den Knien, ganz Ohr. (Heute, zehn Jahre später, ist er zum Nachfolger Rattles bestimmt – wer hätte das damals gedacht… ).Und zu welchem der Musiker mag wohl das Baby gehören, das sich jetzt, mitten in einer zarten, ergreifenden Passage von Schuhmanns Werk lautstark aus dem Zuschauerraum bemerkbar macht… .Wie wird der Dirigent reagieren? Simon Rattle dreht sich schmunzelnd um, und viele der Musiker quittieren die Töne des Babys ebenso freundlich und verständnisvoll. Wer weiß, vielleicht spiegeln sich in seinem Lächeln und seiner Bemerkung („Der will wohl schon mitmachen“) seine eigenen Vaterfreuden wieder? Nur einen einzigen genervt-vorwurfsvollen Blick sehe ich aus der Gruppe der Bratscher wie einen abgeschossenen Pfeil in Richtung des kleinen Schreihalses zielen: So was hätte es hier unter X. nie gegeben!  Aber der Pfeil seines einsamen Ärgers trifft nicht, trudelt ins Leere … Gegen Ende des Stücks, in einer Art Apotheose, singt die Sopranistin (Kate Royal) Töne in einer Art, die nicht mehr mit Technik, sondern nur noch mit purer Hingabe möglich scheinen. Kaum ist die Musik verklungen, lässt sie sich auf ihren Stuhl sinken, streckt, fast liegend, alle Viere von sich, seufzt, lacht befreit und erleichtert – was für unglaublich pure, aller Pose und Maske entblößte Momente einer gelungenen Grenzüberschreitung, die einen jeden im Orchester und im Saal tief berührt hat; die Musiker klopfen lebhaften Beifall („die teuren Bögen!“ denke ich) und Sir Simon umarmt die glücklich erschöpfte Kate Royal …

Probenpause. Simon Rattle steht ein paar Meter von uns entfernt im Gang, im Gespräch. „Jetzt, Frau Krause, jetzt oder nie!“, dränge ich die noch respektvoll Zögernde,

die in ihrer Handtasche das Polaroidfoto vom Waldbühnenkonzert und eine vorbereitete Karte für das Gästebuch des Heimathauses griffbereit stecken hat. Ein wenig heißt es noch warten, dann ist Sir Simon frei. „Caputh lässt grüßen …“ beginnt sie.  Im nächsten Augenblick schütteln sich die beiden herzlich die Hände, unverkennbare Wiedersehensfreude blitzt schalkhaft in den Augen des Dirigenten auf; natürlich erinnert er sich an seinen Besuch, an den guten Apfelkuchen, an die beredten Geschichten aus dem Munde von Lisa Krause; es amüsiert ihn, als sie, fast entschuldigend, gesteht, dass sie ihn nicht erkannte,  nicht wußte, wer ihr da gegenübergesessen hatte.  Zum Abschied ergreift Simon mit beiden Händen die Hände Lisas : „Ich habe eine große Freude in mir, Sie wiederzusehen!“

Und Lisa Krause hatte neben der ersten aufregenden Freude einer neuerlichen lebendigen Begegnung nun noch eine Weitere: ein schwungvolles Autogramm vom Nahbaren,  für das Gästebuch ihres Heimathauses … als weiteres Kleinod für die Geschichtenschatzkammer des kleinen, idyllischen Havelortes.

 

Scan 1

 

 

Die Augenglocken

Berlin – Friedenau, Bundesallee. Ich hatte vollgepackt und eilig die Straße überquert und nun den Gehweg erreicht, der auch von Fahrradfahrern benutzt wird. Die Radfahrerin hatte ich nicht gesehen, und ein Ausweichen wäre zu spät gewesen, aber ihr Kommen hatte ich intuitiv gespürt:  sie hatte sich statt mit der Fahrradklingel mit einem von Innen strahlenden Lächeln wie mit hellen Augenglocken angekündigt. Ich wendete meinen Kopf und begegnete nun auch sehend diesen Augenglocken. Für die Dauer von Augenblicken war die Welt im einenden, lebenszauberischen Fluss, statt in rauher Konfrontation.

 

 

Urzeitvogel

Ein ungeheurer, aus dumpfer Tiefe hinauf gellender Aufschrei, gleich darauf ein einzelnes, dumpf blaffendes Aufstampfen, wieder eines und noch eines, allmählich schneller werdend. Zischender, dichter weißer Dampf, dann ein überhohes, schmerzhaftes Quietschen. Das aus einer unbekannten Tiefe ausgestoßene „Huff Huff“ wurde schwer und schwerer, wieder mischten sich über diesem rhythmischen Bass ineinander verschlungene, metallisch kreischende Töne.

Riesige Gräten kreisten zeitlupenartig oder ruckten vor und zurück, leuchtend rot gegen das Schwarz des mächtigen Rumpfes des Getüms, das nun laut fauchend und scharf zischenden Dampf austoßend zum Stillstand kam. Dieses Rot der Radspeichen und Kolben hatte etwas Überraschendes, so unerwartet wie die freigelegte Unter– oder Innenseite eines ansonsten unscheinbaren Schalentieres …

An „des „Teufels rußigen Bruder“ muss ich denken, wenn ich das Gesicht des Maschinisten wieder vor mir sehe, der meinem Vater gestattet hatte, mit mir – dem damals knapp Dreijährigen auf dem Arm – zu ihm hinauf in den Führerstand der Lokomotive zu klettern.

Die Dampflok – eine DB III der Baureihe 82 – hatte mit einem mit Gleisschotter beladenen Waggon den unbeschrankten Bahnübergang zwischen Poetenweg und Schillerstraße versperrt. Über diesen aber mussten wir hinüber in unseren direkt angrenzenden Garten. Auf mein Drängen hin hatte mein Vater den Lokomotivführer gefragt, ob wir hinaufkommen dürften, und der freundliche, rußgeschwärzte Mann mit der typischen Schirmmütze ergriff mich, hob mich hinauf, woraufhin mein Vater die eiserne Leiter zum Führerstand erklomm.

Der Führerstand, ein rätselhafter Raum mit vielerlei Hebeln, Rädern, Leitungen, Ventilen, Lämpchen und runden Armaturen mit Zeigern und Ziffern war doch ein Ehrfurcht einflößendes Heiligtum eines mächtigen, unbegreiflich- komplizierten Wesens aus Eisen, das mich nicht weniger faszinierte und magisch anzog wie die große Orgel auf der Empore in der Marienkirche.

Der Lokführer öffnete nun das Allerheiligste – die Feuerungsklappe – ich schrak zusammen, presste mich schutzsuchend an meinen Vater –  um mich einen Augenblick später, trotz aller Furcht, wieder den aus der Tiefe lodernden Flammen und dem heiß heranwehenden Feueratem zuzuwenden.  Ein Urzeitfeuer, ein Inferno, doch gebändigt von dem rußigen, routinierten Mann, der offensichtlich amüsiert und auch gerührt war von dem sich angstvoll an seinen Vater anschmiegenden und doch mit weit aufgerissenen Augen staunenden Kinde, hin -und hergerissen zwischen Furcht und Neugier,  Nähe und schützender Distanz.

Er schaufelte Kohlen ins Feuerloch, schlug die Klappe wieder zu, verriegelte sie, legte einen Hebel um. Darauf drehte er am Griff einer kleinen, blankgewetzten Kurbel, und die Lok setzte sich langsam wieder mit ihrem schweren „Huff Huff“  in Bewegung, fuhr vielleicht dreißig, vierzig Meter vorwärts, danach im Schneckentempo wieder zurück …

Mein Vater stieg zuerst wieder hinab, ich wurde von starken, schwarzen, ölig riechenden Armen behutsam wieder hinuntergereicht, und nun ging es in den Garten.

Doch war ich nicht nur erfüllt von dieser Begegnung, sondern sie hatte sich mir förmlich eingebrannt. Alle Erlebnisse mit Lokomotiven in meiner weiteren Kindheit und im Leben trugen und tragen seither den Stempel dieses frühen Erlebnisses: die Holzeisenbahn, Bilderbücher, das Hörspiel von der führerlosen Lok 1414, die Lokomotive Emma mit Lukas dem Lokomotivführer und Jim Knopf, die Dampflok der späteren elektrischen Eisenbahn von uns Geschwistern … : All dies belebt und beseelt sich mir stets von neuem mit der Maschinenmusik von damals – dem Quietschen, Kreischen, Zischen, dem stampfenden Rhythmus und den Gerüchen von Kohle, Metall, Dampf und Öl, dem Gefühl der lodernden Gluthitze der Feuerungkammer unter dem großen Kessel und dem Bild des freundlichen Maschinisten, diesem Beherrscher und Bändiger der mächtigen Urkräfte von Feuer und Wasser.

Und höre ich heute, ein oder zwei Mal im Jahr, die große Lokomotive der Nostalgieeisenbahn, die auf ihrer Sonderfahrt meinen Wohnort durchschnaubt und die eiserne Brücke über die Havel überquert, so beginnt mein Herz zu klopfen, wie damals, am 9. Oktober 1960 am Bahnübergang des Poetenweges. Ich springe auf, lausche, suche etwas von der Lok zu erhaschen. Doch meist bin ich zu spät, der Zug ist längst vorübergeeilt und meinen Blicken entzogen, nur die ungeheuren, dampfenden Atemwolken stehen noch dort, wo die Gleise verlaufen, und lösen sich schnell wieder in Luft auf.

Doch einmal, im Winter vor zwei Jahren, während eines abendliches Spazierganges an der Uferpromenade des schmalen Havelgemündes, hatte ich das Glück einer Begegnung. Ich hörte den Pfiff der Lokomotive aus der Ferne, ein schnelles  rhythmisches Rattern und Fluffen kam näher. Die filigrane Silhouette eines ruhenden Graureihers auf dem höchsten Geländer der Brücke überm Gemünde,  verschmolzen mit deren mächtiger Eisenkonstruktion, strich mit einem unwilligen, heiseren Schrei ab. Er glitt über der Mitte des Gemündes in meine Richtung. Indem der Zug die Brücke erreicht hatte, schwoll das metallische Rauschen über dem Resonanzraum des Gewässers darunter überlaut an. Die schnaufende Lokomotive mit ihren Waggons eilte mit einem langgezogenen Pfiff  dahin – ein kunstvoller, bewegter Scherenschnitt, herausziseliert aus dem symetrischen eisernen Brückenbau und dem dampfenden Ungetüm, die sich scharf gegen das Abendrot, die darüber sich wölbende leuchtende Himmelskuppel und deren Spiegelbild im See abzeichneten.

Der aufgestörte Graureiher aber hatte sich unweit von mir am Ufer niedergelassen, mich scharf fixierend, als frage er: Wer bist Du? … – Er, dieser ferne Nachfahre des  Urzeitvogels Archaeopteryx, gleich einer verkörperten Erinnerung an unwirklich fern zurückliegende Urzeiten der Erde, hatte sich mit seinem Schrei von allem Zeitlichen abgelöst, und mit jedem neuerlichen Schlag seiner Schwingen schien er sich tiefer ins Gegenteil der Zeit hinein zu befreien, dorthin, wo urferne Vergangenheiten und  Gegenwart sich im Augenblick verbinden wie Feuer und Wasser …

Aus dem Innenleben einer Zeitungsmeldung

(Lesezeit ca.10′)

 

 

Des Führers Töchter

Ich begegnete im Traum Hitlers Töchtern: zwei gepflegte, attraktive Frauen mittleren Alters im Hosenanzug und schickem Kostüm, das die schönen Beine der Letzteren verführerisch zur Geltung bringt. Sie transportieren den Nachlass ihres Vaters auf einem großen Pferdewagen, wie ihn z. B. die 1945 aus Ostpreußen Flüchtenden benutzten …  Hat die Frauenquote die Sphäre des Traums erreicht?

Im Traum: Hitler im Bett liegend.  Nur sein Kopf, seine Augen schauen streng, ja fanatisch unter der Bettdecke hervor. Das Bett aber gehört eigentlich einer geistig behinderten alten, gutmütigen Frau, die geistig auf dem Niveau einer Erstklässlerin erstarrt ist. S i e sollte dort eigentlich liegen. Entschlossen trenne ich mit einem Messer den Kopf vom Körper ab – ein mühsames, blutiges Unterfangen. Zu meinem Entsetzen aber lebt der Kopf auch im abgetrennten Zustand weiter. Die Augen rollen und blinzeln, der Mund, die Lippen formen hitlerische Worte – einfach nicht totzukriegen.

Das Eselein

Beim Betreten des Supermarktes sah ich vor mir eine Frau mittleren Alters mit ihrem … Partner ? Irgendetwas schien aber nicht zu stimmen. War es ihr erwachsener Sohn?  Oder doch noch ein Kind?  Irritierte mich in den wenigen Sekunden, die ich die Beiden vor mir hatte, seine Kleinwüchsigkeit? Die schon gelichteten Haare seines Hinterkopfes? Der Kleine im Körper eines Erwachsenen aber begann nun auf einmal auf einer Mundharmonika zu spielen, unbekümmert, frei, ein Lied aus dem Anderswo, ohne Worte.  Da wusste ich: er ist dieser Welt, ihren ausgesprochenen und unausgesprochenen Vorschriften, Gesetzen und Erwartungen entrückt, ein Nicht- Behinderter, Glücklicher. Und ich spürte die Liebe seiner Mutter, die ihn neben sich mit seinem Mundharmonikaglück einfach sein ließ.

Wieviel Liebe aber gab er ihr und uns anderen mit  seinem unerwarteten Spiel gleichsam zurück, an einem Ort, der sonst durch vergiftete Konservenmuzak verseucht ist und Vieles ansaugt und Raum für Vieles gibt, nur nicht für Musik „aus dem Herzen“. Liebe war das Eine, was ich spürte – Sehnsucht aber das Andere: die Sehnsucht des „Eseleins“ aus dem gleichnamigen Grimmschen Märchen.

 

Die Meuterei der schönen Meryem

An wen bloß erinnerte mich die schöne, türkische Mittdreißigerin mit ihrem ausdrucksvollen Blick, die ein paar Meter entfernt im Eingangsbereich des Boardingshops der Fähre bediente? Sie wirkte in ihrem marineblauen Kostüm umso anziehender, als die vielen Konsumenten, die dort kamen und gingen – Urlauber, muskulöse, abenteuerlich tätowierte Trucker, quirlige polnische Jugendliche, ergraute Lehrerehepaare und vorzeitig gealterte und aufgedunsene Sinti-Romafrauen mit riesigen Hängebusen unter den schlabbrigen, viel zu großen Kleidern, die zu wiederholten Malen den Eingangsbereich mit „Elektronik“, Uhren und Parfüms in ihren Socken und abgetragenen, offenen Schlappen schlurfend in Augenschein nahmen – nur ausnahmsweise einen erfreulichen Anblick boten.

Die Schöne hatte wohl bemerkt, dass ich sie nicht nur einmal flüchtig angeschaut hatte, und sie blickte ab und zu ernst zu mir zurück, als wolle sie sich wegen etwas vergewissern, um sich dann wieder der Kasse, einer Kundin, ihrer blonden, kurvigen Kollegin oder dem Auspacken und Einsortieren von „Nachschub“ zu widmen: ein merkwürdiges Augenspiel, dem die Zeit der Überfahrt auf der Fähre ihre Grenze setzen würde: trotzdem, oder gerade deshalb rollen in solchen Situationen zeitrafferartig Lebensentwürfe –  unlebbare und doch wünschbare und mögliche Lebens- und Liebesituationen – vorm inneren Auge ab, als würde „das Schicksal“  darüber hinscannen …

In dieser parfümduftschwangeren Hochglanzwelt teurer, begehrenswerter Edelmarken und großer, einschüchternder Hochglanzfotos perfekter, in Extase erstarrter Schönheiten verwandelte sich die so seriöse Verkäuferin Meryem aber unvermittelt in ein ausgelassenes Mädchen: plötzlich, ja blitzartig warf sie nämlich einen zerknitterten Kassenzettel einer vorbeigehenden Kundin in den noch leeren Warenkorb. Sie hatte gut gezielt, ihre Augen blitzten mutwillig auf, ihren Treffer befriedigt quittierend. Die Dame mit dem Korb schien nichts gemerkt zu haben. Vielleicht dadurch gereizt zielte Meryem erneut und warf zielsicher einer der schlurfenden Sintimatronen eine Papierkugel an den Nacken. Diese hatte etwas verspürt, wendete sich irritiert um, doch Meryem, das Unschuldslamm, war konzentriert in ihre Arbeit vertieft. Ihre Kollegin aber war amüsierte Zeugin des Anschlags gewesen.

Kaum war das Opfer im weitläufigen hinteren Bereich des Shops verschwunden, blickten sich die beiden verschwörerisch an, und Meryem bog sich vor Lachen zur Erde, machte einen  Luftsprung, bevor sie nun ihre Kollegin mutwillig zu bewerfen begann. Der Mutwille, das Gelächter und der Tanz des Ausweichens der beiden kostümierten mädchenhaften Frauen vor ihren gegenseitigen Papiergeschossen verzauberte diese sterile, erstarrte Konsumwelt wie mit einem Zauberschlag:  herrliche, plötzliche Wandlung einer Larve in einen lebendigen, farbigen Schmetterling voller Lebenslust und Spontanität: ungeahnte Entfaltung von Lebensmöglichkeiten …

 

 

VOM WESTEN NACH OSTEN – eine „Begegnung“ mit Goethe

 

 

 

Zu Goethes Todestag am 22. März 1832

Goethe und die Idee der Wiederverkörperung

 

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Wer sich mit Goethe beschäftigt, wer ihn liest, auf seinen Spuren unterwegs ist, der gleicht oft genug einem Kinde, das seine Füße in die großen Fußabdrücke eines vorausgehenden Erwachsenen setzt. Und Goethes Lebensspuren und Lebensäußerungen betrachten und bestaunen bewirkt oft genug auch, dass wir unsere eigenen Spuren daneben sehen und vergleichen.
Goethes Leben, Wirken, Denken und Lieben hinterließen vielfältige Abdrücke, wie sie z.B. in Weimar oder in Dornburg, einem seiner wichtigen Rückzugsorte, konserviert sind. Durch all das Gedruckte, museal Konservierte und Aufbereitete aus seinem irdischen Lebenskreis – wirkt da nicht e i n e große, alles tragende, vorwärtstreibende und beispielgebende Kraft, die dieses Leben immer wieder so faszinierend erscheinen lässt?

Was ist das für eine erstaunliche Kraft, die in Goethe, in seiner Seele wirkt?
Begeben wir uns auf eine Spurensuche, die hier nur andeuten und anreißen will:

Goethes Todestag jährt sich heute, am 22. März, zum 186. Male. Was bedeutete der Tod für Goethe?
Mit abstrakten, philosophischen oder theologischen Spekulationen über ein Leben nach dem Tode hielt sich Goethe zurück, ja er tat dies spöttisch ab:
„ Die Beschäftigung mit Unsterblichkeitsideen ist für vornehme Stände und besonders für Frauenzimmer, die nichts zu tun haben. Ein tüchtiger Mensch aber, der schon hier etwas Ordentliches zu sein gedenkt, und der daher täglich zu streben, zu kämpfen und zu wirken hat, lässt die künftige Welt auf sich beruhen und ist tätig und nützlich in dieser. Ferner sind Unsterblichkeitsgedanken für solche, die in Hinsicht auf Glück hier nicht zum besten weggekommen sind …“. (Zu Eckermann am 25. 2. 1824)

Aber im völligen Gegensatz dazu stehen viele andere Äußerungen in Gesprächen oder Briefen. Zum Beispiel schreibt Goethe noch kurz vor seinem Tode an seinen Altersfreund, den Musiker Karl Friedrich Zelter: „Und dann darf ich Dir wohl ins Ohr sagen: ich erfahre das Glück, dass mir in meinem hohen Alter Gedanken aufgehen, welche zu verfolgen und in Ausübung zu bringen wohl eine Wiederholung des Lebens gar wohl wert wäre …“.

Goethe, der rastlos Tätige, Forschende, Sammelnde, Betrachtende, Rezipierende, Reisende, der Minister, Jurist, Theaterdirektor, Vorsitzender unzähliger Kommissionen des Weimarer Herzogtums, ein großer Kommunikator in Gesprächen und Briefen, der Dichter, der Freund und Liebende … unglaublich und erstaunlich vielfältig, aber auch höchst widersprüchlich sind die Facetten der goetheschen Geistseele, deren unaufhörliches Tätigsein für Goethe die Quelle seines Glaubens an sein unsterbliches Wesen ist:

„Lange leben“, so schreibt er an Zelter, „ heißt viele überleben, so klingt das leidige Rironell unseres vaudevilleartig hinschludernden Lebensganges … wirken wir fort, bis wir, vor- oder nacheinander, vom Weltgeist berufen, in den Äther zurückkehren! Möge dann der ewig Lebendige uns neue Tätigkeiten, denen analog, in welchen wir uns schon erprobt, nicht versagen! Fügt er sodann Erinnerung und Nachgefühl des rechten und Guten, was wir hier schon gewollt und geleistet, väterlich hinzu, so würden wir gewiss nur desto rascher in die Kämme des Weltgetriebes eingreifen. Die entelechische Monade muss sich nur in rastloser Tätigkeit erhalten; wird ihr diese zur andern Natur, so kann es ihr in Ewigkeit nicht an Beschäftigung fehlen.“

In seinem letzten Brief, geschrieben an Goethes Todestag, dem 22. März 1832, (dieser Brief erreichte Goethe nicht mehr) erwidert Zelter: „Es wäre recht artig, wenn man von Jahrhundert zu Jahrhundert an die Oberwelt zurückkehren könnte, welches Korn aufgegangen und fortgegangen ist?“

In den „Wahlverwandtschaften“ aber ließ Goethe Ottilie im Nachsinnen über Gespräche über den Sinn von Friedhöfen und Grabsteinen sagen: „Ist denn alles, was wir tun, für die Ewigkeit getan? Ziehen wir uns nicht morgens an, um uns abends wieder auszuziehen? Und warum sollten wir nicht wünschen, neben den Unsrigen zu ruhen, und wenn es auch nur für ein Jahrhundert wäre. Wenn man die vielen versunkenen … abgetretenen Grabsteine … erblickt, so kann einem das Leben nach dem Tode doch immer wie ein zweites Leben vorkommen, in das man nun im Bilde, in der Überschrift eintritt und länger darin verweilt als in dem eigentlichen lebendigen Leben. Aber auch dieses Bild, dieses zweite Dasein verlischt früher oder später.“ …
Aber am Ende der „Wahlverwandtschaften“ bricht doch wieder Goethes schon sehr früher Glaube durch: „So ruhen die Liebenden nebeneinander. Friede schwebt über ihrer Stätte …,und welch ein freundlicher Augenblick wird es sein, wenn sie dereinst wieder zusammen erwachen.“

Hier klingt – wie in vielen anderen Äußerungen Goethes – seine Überzeugung an, dass sich die Geistseele immer wieder verkörpert, wie er es beispielsweise im Folgenden sprichwörtlich ausdrückte:

„Heute geh ich. Komm ich wieder,
singen wir ganz andere Lieder.
Wo so viel schon hoffen lässt,
ist der Abschied ja ein Fest.“
(Gedichte, Ausgabe letzter Hand 1827, Sprichwörtlich)

Schon der junge Goethe, in den Zeiten seiner leidenschaftlichen Liebe zu Charlotte Buff, trug den Gedanken an die Wiederverkörperung in sich, der im letzten Gespräch vor seiner Trennung zwischen ihm Charlotte und deren Verlobten Kästner aufbrach.
In der Begegnung mit Charlotte von Stein aber wird ihm die Wiederverkörperung nun untrügliche Gewissheit:

„… Sag, was will das Schicksal uns bereiten?
Sag, wie band es uns so rein genau?
Ach, du warst in abgelebten Zeiten
meine Schwester, meine Frau …“.

Später wird Goethe an Frau von Stein prosaisch schreiben:“ … Wenn ich wieder auf die Erde komme, will ich die Götter bitten, dass ich nur einmal liebe, und wenn Sie nicht so feind dieser Welt wären, wollt ich um Sie bitten zu dieser lieben Gefährtin.“ (Brief vom 2.3.1779 an Ch. v. Stein)
Und zwei Jahre später heißt es an die Geliebte: „Wie gut ist’s , dass ein Mensch sterbe, um nur die Eindrücke auszulöschen und gebadet wiederzukommen.“

An den leidenschaftlichen Liebesbegegnungen und Beziehungen zu Charlotte Buff und Charlotte von Stein entzünden und formen sich Goethes Unsterblichkeitgedanken, die zugleich die Überzeugung in sich tragen, dass die Geistseele oder „entelechische Monade“, wie Goethe sie später wiederholt bezeichnete, sich immer wieder verkörpert.

„Des Menschen Seele
Gleicht dem Wasser.
Vom Himmel kommt es,
Zum Himmel muss es,
Und wieder nieder
Zur Erde muss es,
Ewig wechselnd …“ .

Kommen wir zurück auf die Frage vom Anfang: Was war, was ist das für eine erstaunliche Kraft, die in und durch Goethes Seele wirkte?

Im obigen Gleichnis des „Gesangs der Geister über den Wassern“ ist es – unausgesprochen – die Sonne, die den Kreislauf des Wassers impulsiert. In Goethes Leben ist diese Kraft, die ihn durch und durch bestimmt, die sein Wesen ausmacht, die Liebe – Liebe in all ihren Ausprägungen und menschlich-vielfältigen Formen – von der Leidenschaft des „Werther“, der innigen Frauenverehrung gegenüber Charlotte von Stein oder der Fürstinnenmutter Anna Amalia, der sinnlichen Liebe zu Christiane, der tätigen, dichtenden, forschenden und sammelnden Liebe zu Mensch und Natur wie sie Goethe gegen Ende seines Lebens in der „Marienbader Elegie“ zum Ausdruck bringt:

„In unsers Busens Reine wogt ein Streben
Sich einem Höhern, Reinern, Unbekannten
Aus Dankbarkeit freiwillig hinzugeben …“

Für Goethe war dieses Streben mit dem Ablegen des Körpers im Tode nicht zuende.
Für ihn war gewiss, dass er … „schon tausendmal dagewesen und hoffte, wohl noch tausendmal wiederzukommen.“
Mag Goethe für viele auch scheinbar tot sein – wir aber leben hoffentlich wirklich.

 

Die Butterhexe (Eine Begegnung auf der Nordseeinsel Baltrum)

In mir, liebend, dort, wo wir uns treffen, wenn die virtuelle Welt untergeht, bauscht sich das schlohweiße Haar der Witwe Schowe-Nannen im Winde. Ich sitze neben ihr auf der Bank vor ihrem verwitterten, gemütlich in die Dünen geduckten Insulanerhauses, einem der letzten seiner Art, das auf der Insel noch nicht der Sterilisierung durch Normmaße und Sanierungssmaßnahmen zum Opfer gefallen war …. Die Alte hat ihren ganz eigenen, trotzigen Kopf, sehr zum Verdruss der Gemeindevertreter, die das West- und das Ostdorf immer mehr zu Orten touristischer Ausbeutung umzugestalten beabsichtigten, wie sie mir erzählte, und die es auch auf ihre Behausung abgesehen hatten.

“Sie warten doch nur darauf, dass ich sterbe,” sagte sie grimmig, “aber den Gefallen tue ich ihnen nicht so bald.” Stolz hatte sie mir von einem prominenten Politiker erzählt, dem Rechtsanwalt und späterem Innenminister der Republik. Er hatte sich in ihrer Pension mit Frau und Kindern für drei Wochen Sommerfrische einmieten wollen.

“ Seine Koffer standen schon im Flur,” erzählte sie. “Aber es war dem Herrn hier wohl nicht fein genug.  Da hab ich ihm die Koffer eigenhändig wieder vor die Tür gestellt. Konnte sich ja woanders was Besseres suchen. Geld genug haben sie ja , diese Herren. Und genug davon können sie auch nie haben.”

Als Kinder war uns die hagere, weißhaarige Alte nie ganz geheuer gewesen, und ihr selbst schienen die lebhaften Jungen und Mädchen aus der benachbarten Pension ebenfalls nicht besonders lieb zu sein, hatte sie uns doch einige Male mit barschen Rufen aus der Nähe ihres Hauses vertrieben. Wir hatten sie oft heimlich aus unserem Dünenversteck beobachtet, wenn sie etwa draußen ihre Wäsche zum Trocknen aufhing, und riefen ihr manchmal zu – aus sicherem Abstand versteht sich, damit ihre Zauberkräfte uns nichts anheben konnten: “Butterhexe! Butterhexe!” – um sofort durch die Dünentäler und Pfade, davonzujagen, als würde sie uns auf ihrem Reisigbesen durch die Lüfte reitend verfolgen …

Und jetzt saß ich, Jahrzehnte später, vom Zufall und von meiner Neugier hierhergeführt, mit dieser kernigen Alten auf einer Bank in der warmen Mittagssonne eines Pfingstsonntages, und öffnete ihr mein Herz, so wie sie mir das Ihrige öffnete. In ihren Gesichtszügen schienen die vergangenen Jahrzehnte, ja die Zeit  überhaupt angehalten, konserviert.

“Meinen Mann habe ich hier 1926 kennengelernt, auf dem Petroleumlampenabschiedsball. Am nächsten Tag trafen wir uns in den Dünen, beim Brombeerpflücken, da ist es dann passiert, einfach so … . ”
Auf meinen fragenden Bick hin erzählte sie, dass die Insel erst 1926 durch ein Unterwasserkabel mit dem Festland verbunden worden war. Bis dahin hatte es hier keinen elektrischen Strom, kein elektrisches Licht gegeben, nur Petroleumlampen und Kerzen. Der große Zug, der auf dem Festland, in den Städten, schon längst abgefahren war, erreichte die Insulaner erst nach und nach, ebenso wie die abgelegenen Winkel, Wälder, Hinterwäldler und Bergigpfel. Manchmal, so wie hier auf den ostfriesischen Inseln, erst nach Jahrzehnten.

Verträumt lächelnd, vom Sonnenlicht einer fernen Erinnerung liebkost, blickte sie ins Weite, während sie sich das wehende Haar aus den weicher gewordenen Gesichtszügen strich. Ich lauschte dem Winde,  den verklungenen Worten. Petroleumlampenabschluss -ball … an diesem Ort klang es, als wäre es gestern erst gewesen.

 

 

 

 

Das alte Haus 

Erinnerungen sind wie das Wasser des Lebens, und  es  kommt mir vor, als würde ich mein ganzes bisheriges Leben immer wieder aus den Erlebnissen meiner Kindheit schöpfen, wie aus einem Brunnen, der nicht versiegt.
Es ist, als würde sich in diesen Erinnerungen etwas in mir selbst lieben – das ist wohl das Echo, der Widerschein der Liebe derer, die mich umgaben, die mich begleiteten, die mit mir gingen – und das sind natürlich an erster Stelle meine Eltern.

Adventszeit. Unser Haus in der Fleischhauerstraße, ein verwinkeltes, jahrhundertealtes westfälisches Ackerbürgerhaus, scheint mir im Rückblick durch und durch beseelt: unten im Erdgeschoss, wo sich die Ausstellungsräume des Bestattungsunternehmens und die Tischlereiwerkstatt, die Kellerräume und die Strickkammer befanden, wohnte ein Hausgeist, der besonders im Dunkeln spürbar war, wenn ich aus der mittleren Etage hinunter zur Toilette gehen musste, oder in den Vorratskeller, um für Vater eine Flasche Feierabendbier zu holen. Lautes Singen, Treppentrampeln oder das Rufen seines Namens „Bullemann“ half gegen die Angst vor diesem gesichtslosen Etwas, war aber auch zugleich Anrufung, die den „Bullemann“ gegenwärtiger sein ließ und daher ein gruseliges Gefühl erzeugte. Einige Jahre später hatte  „Bullemann“ ein Gesicht bekommen, da wir Kinder im Vorabendprogramm, schon im Schlafanzug aneinandergekuschelt auf der Couch im Fernsehen die französische Serie „Belphigor“ sahen und uns gemeinsam wohlig gruselten, wenn das schreckstarre Antlitz des Gespenstes irgendwo im Louvre, wo diese Serie spielte, urplötzlich erschien.

So schnell wie möglich rannte ich mit trommelnden Füßen die steilen Treppenstufen wieder hinauf, durch den Flur zur Küche, deren Tür mit drei Fenstern versehen war. Das milchige Glas war mit filigranen Pflanzenornamenten gemustert, so dass man nur schemenhaft erkennen konnte, wenn sich im Innern jemand bewegte.

Aber dieses Licht, das den dunklen Flur erhellte und die Schemen und Stimmen meiner Mutter, meines Vaters, der Großeltern vielleicht, später auch die Stimmen meiner Geschwister, strahlte eine Geborgenheit aus, die an Glück grenzte: aus dem gruseligen Dunkel des Erdgeschosses, dem Reich von Bullemann und Belphighor in den Kellerräumen, der Werkstatt, dem Schweigen des Sarglagers, der Küche und dem Büro, in dem tagsüber die trauernde „Kundschaft“ empfangen und mit der alles besprochen wurde, was zu einer Bestattung gehört, zurück in das lichte, warme Reich von Küche und  Wohnzimmer. Dort, unter der rot gepolsterten Eckbank, wo die beiden Sitzbänke im rechten Winkel verschraubt waren und wo darunter ein dreieckiger umwandeter Hohlraum war, befand sich meine Höhle, mein geheimer Ort, in den ich, so lange es ging, hineinkroch, ja, später, als ich gewachsen war, mich noch hineinzwängte. Dort fühlte ich mich in Sicherheit, fand gemütliche Geborgenheit, Schutz, hatte ich die Kontrolle. Wenn ich mich durch eine schmale Öffnung dort hineinzwängt hatte und mich lautlos verhielt, sah ich alle, hingegen sah m i c h  niemand. Ich konnte die Tischgespräche belauschen, musterte die Hosenbeine, die Strümpfe, das Schuhwerk  der am Küchentisch Sitzenden, oder sog einfach den Duft der Weihnachtsplätzchen ein, den ich zuvor mit Hilfe meiner Mutter durch einen Wolf gedreht hatte, und genoss die Urgemütlichkeit meines unterirdischen Dachsbaus …

Auch das war ein Glück: Ganz allein und geschützt in meinem Versteck unter der Kückeneckbank zu kauern, und mich doch zugleich mittendrin im familiären Leben zu fühlen, das sich hier im Zentrum des Haushaltes abspielte:

Tante Lore und Onkel Ernst, die beiden Omas und Opa  gingen ein und aus,  mein Bruder Michael, später Eva und Christoph… Sonntag morgens mit schöner Regelmäßigkeit kam Onkel Paul Twillemeier , einer der Honorarkräfte des Bestattungsinstitutes, ließ sich auf der Eckbank nieder, kam mit  seinem eiligen, nervösen Redeschwall vom „Hölzchen aufs Stöckchen“, mehrere Kornschnäpse herunterspülend, welche ihn erst so richtig in Fahrt brachten. Meine Mutter setzte sich höflich zu ihm.  Nach einer Weile erhob sie sich unruhig; ihre Beine hatten schon schon eine Weile unter dem Tisch, für mich sichtbar, hin und hergescharrt. Wenn sie dann aufstand und sich höflich mit den Vorbereitungen für’s Mittagessen entschuldigte, war das für Onkel Paul das endgültige Zeichen zum Aufbruch. Leicht angetüdelt hob er sein schwer gewordenes sonntägliches Sitzfleisch in die Höhe … Ob meine Mutter dann und wann die Augen verdrehte, konnte ich von meinem geheimen Platz aus an ihren Beinen natürlich nicht erkennen …

Was tat Onkel Paul eigentlich hier jeden Sonntag vormittag? Frau Twillemeier, seine korpulente Frau, wirkte so gar nicht anziehend oder wäre für meinen Geschmack schön zu nennen gewesen, genausowenig, wie man unseren sonntäglichen Stammgast mit seinen Pockennarben und seiner etwas näselnden, hektischen Stimme, dem stereotypen „nich wahr, ni ni nich?!“ einen attraktiven Mann hätte nennen können. Sicher fand er meine Mutter sympathisch und hübsch,was sie ja auch tatsächlich war. Von meinem Vater hatte ich einmal eine spitze, naserümpfende Bemerkung über Onkel Pauls regelmäßige Visiten aufgeschnappt; dieser regelmäßige Gast nahm wohl zusammen mit den Schnäpsen immer auch ein stärkendes Augenfrühstück.

Welch ein Glück, wenn solche Erwachsenen, die stundenlang über Nichts reden und eifern konnten und nichts als Langeweile verbreiteten, endlich aufstanden und das Haus verließen. Wenn „Große“ sich nichts zu sagen haben, was nicht für Kinderohren bestimmt ist,  sich nur mit gegenseitigen Äußerlichkeiten die Zeit stehlen, wird das Belauschen schnell quälend.

Ich schwor mir jedenfalls, niemals , wenn ich groß wäre, solche schwarzen, spitzen Schuhe zu tragen wie zum Beispiel auch Onkel Paul. Sie schienen die Verkörperung von Leere und Eingefahrenheit, ja des Unglücks, das es bedeutet, das verödete Leben eines Erwachsenen zu führen – so langweilig, dass es nicht mal mehr etwas zum Gruseln gab, außer natürlich solche schwarzen, spitzen Schuhe.

Übrigens, selbst wenn die Küchentür gegen den in der dunklen Jahreszeit kühlen Flur immer peinlich geschlossen gehalten werden musste – ich höre noch die oft genervten Rufe meiner Mutter „Macht doch die Tüüür zu!“- hatten wir Kinder nie das Gefühl, ausgeschlossen zu sein. Diese Tür war nicht nur licht-, sondern auch seelendurchlässig, und das gab immer ein Gefühl der Anwesenheit irgendeines Erwachsenen und die Gewissheit einer zwanglosen Zugehörigkeit  – es sei denn, ich versteckte mich nach einem Streit oder einer Lüge aus Trotz, Scham oder Angst in einem der vielen Winkel des Hauses, oder gar im Bettkasten in meinem Zimmer, fast unauffindbar … (Aber ich will  hier nicht von der Trostlosigkeit solch verzweifelten Versteckens und versuchten Ausbrüchen aus kindlichen Unglücks- oder Angstzuständen erzählen.)

Die  eigene Mutter schön zu finden ist für ein Kind etwas Selbstverständliches und Unbezweifelbares, wohl bis zum Beginn der Pubertät. Hingegen blickt auch das kleine Kind schon auf das Aussehen und die Wirkung anderer weiblicher Wesen. Schaue ich alte Fotos meiner Mutter an oder, wie vor Jahren, einmal einen wiederhergestellten Super 8-Film von einer Familienfeier aus den fünfziger Jahren, sehe ich eine bestürzend schöne, junge Frau mit einem klaren Antlitz, das einem Marienbild eines der alten Meister hätte zum Vorbild dienen können .

Es wunderte mich nicht, von meinem Vater in einer seiner Erzählungen an einem langen schwedischen Herbstabend zu hören, dass ihm das damals sechszehn- oder siebzehnjährige rotwangige Mädchen mit den schwarzen Haaren, das viel später seine Frau werden sollte, ihm schon bei seinem allerersten Besuch in Lippstadt – er war aus Bottrop mit dem Zug angereist –  aufgefallen war. Sie hatte in einer Gruppe Gleichaltriger gestanden und seinen Blick aus ihren braunen Augen erwidert … Lange Zeit sollte noch vergehen, bis sie die ersten Worte wechselten und sich einander immer mehr annäherten.
Für manch einen der Schulkameraden oder Freundinnen Ilses aber war sehr schnell klar, dass sich hier etwas anbahnen wollte, wahrlich schicksalhaft in der schicksalhaften Zeit des 2. Weltkrieges. So hatte ein Bekannter meine Mutter damals einmal unvermittelt gefragt, ob sie später einmal „Frau Motog“ werden wolle? Diese Frage wurde ihr – wohlgemerkt – zu einem Zeitpunkt gestellt, als noch kaum die ersten Worte zwischen meiner Mutter und meinem Vater gewechselt  worden waren …

Es war eine a n d e r e Art von Schönheit meiner Mutter, die ich ganz früh in meiner Kindheit – ich fand noch ausreichend Platz auf ihrem Schoß  – wahrnahm oder vielmehr, mit allen Fasern in mich aufnahm. Sie sitzt auf der Bettkante in ihrem Schlafzimmer, ich sehe mich auf ihrem Schoß und lausche ihrer Singstimme, als habe jemand die Welt für die Dauer ihres Singens angehalten Weihnachtslieder sind es, die sie singt, Strophe um Strophe von „Vom Himmel hoch, ihr Englein kommt  …“.
Dann  „Was soll das bedeuten …“ . Noch anderes? – Vielleicht … : mein erstes bewusstes, prägendes Musikerlebnis, untrennbar verbunden mit dem Gefühl einer tiefen Verbundenheit, zugleich mein erstes bewusstes und beglückendes Schönheitserlebnis  – ein Klang, eine Tiefe und Erfülltheit der Stimmung und Erwartung in dieser vorweihnachtlichen Zeit, die, sooft ich sie später beim Musikhören oder Musikmachen mit anderen wiedersuchte und  wiederfand, zutiefst beglückend war und ist …

Eine andere  glücksgeladene Prägung ist der Klang von Glocken.

Heiligabend wie im Buch. Dicke Schneeflocken fallen zum Festgeläut der großen Marienkirche vom Himmel herab, das die Stille der verschneiten Stadt erfüllt. Die großen, erleuchteten gotischen Fenster des Chores, die wie feierliche riesige Scherenschnitte das Maßwerk durchleuchten. Während der Christvesper fahre ich mit den Augen diese steinernen, filigranen Linien und Schwünge der Unendlichkeit nach. Die Predigt will und will nicht enden. Ich höre kehlige, befremdlich-gepresste, sehr eindringliche Wortklänge aus dem Munde des Pastors, dem eine Kriegsverletzung im Hals das Sprechen und Singen so bedeutungsschwer macht, umfliege träumerisch hoch oben den im Gewölbe schwebenden Stern, lausche dem seligen Orgelgebraus von „O, du fröhliche“ … . Dann endlich stapfe ich an der Hand meines Vaters durch den Schnee. Er macht mit mir einen Umweg nach Hause, vielleicht hatte meine Mutter noch einige Vorbereitungen, die für Kinderaugen verborgen bleiben sollen, vielleicht wollte er aber einfach nur die Ruhe und die weihnachtliche Stimmung genießen, die die Glocken, der Schnee über der alten Stadt ausbreiten. Das Glück der Erwartung auf die Bescherung, die beglückende Schönheit des Schnees, die unbekannten Welten hinter den erleuchteten Fenstern der Kirche und der Häuser ringsherum und die Verbundenheit zwischen mir und meinem Vater auf diesem Gang nach Hause war nicht weniger intensiv als die auf dem Schoß meiner singenden Mutter …

Ein paar Tage vor Weihnachten war unser Wohnzimmer plötzlich verschlossen – es wurde ernst. Durch das Fensterglas war im Innern nichts deutlich zu unterscheiden, der spähende  Blick durchs Schlüsselloch ließ nichts ahnen – nur die Gewissheit, dass das Christkind dort drin, hinter der verschlossenen Tür, zu manchen Zeiten eifrig tätig war, manchmal auch in einem kometenhaften Lichtschein draußen am Fenster zur schmalen Gasse zwischen unserem und dem Nachbarhaus vorbeifliegend…

Meine Eltern verstanden es, die Adventszeit und auch die anderen Zeiten des Jahres durch kleinere oder größere Rituale zu gestalten und uns nahezubringen: Der Schokoladen-Adventskalender, der auf der Fensterbank über der Eckbank stand, der  Teller auf der Treppe am Abend vorm Nikolaustag, der am nächsten Morgen gut gefüllt dastand und am Nachmittag noch durch einen plötzlich dastehenden Stutenkerl aus der Bäckerei Reineke Gesellschaft bekam; das verschlossene Wohnzimmer, der Heringssalat und das Weißbrot mit guter Butter am Heiligen Abend; das Glöckchen, mit dem zur Bescherung gerufen wurde …Mein Vater schlich sich immer zuvor unbemerkt vom Essentisch davon. Wenig später vernahmen wir aus der Dunkelheit des Treppenhauses ein helles Gebimmel, und dann gab es kein Halten mehr: nach kurzer Zeit  standen wir vor dem wunderbar nur von Kerzen erleuchteten Weihnachtsbaum im Weihnachtszimmer, „Ihr Kinderlein kommet …“ auf den Lippen, mit den Augen schon die Umrisse der weißen Tücher abtastend, mit denen die Geschenke für uns Kinder noch abgedeckt waren … (Es dauerte lange Zeit, bis ich verstand, dass das Glöckchen mit dem Verschwinden meines Vaters zu tun hatte, behauptete er doch stets, er müsse mal eben auf die Toilette …).

Doch zuvor hieß es sich in den Sesseln und auf der Couch niederlassen und der Weihnachtsgeschichte lauschen, die mein älterer Bruder vorlas.  Während er das tat, besah ich träumerisch die kleine holzgeschnitzte Krippe auf dem Tisch, deren fein geschnitzte Figuren ganz lebendig wurden. Dann wurde gesungen, meine Mutter und meine Großmutter voller kindlicher Inbrunst waren die Stimmführererinnen des familiären Chores, wir anderen sangen deutlich schüchterner, nur Onkel Ernst, der Schwager meiner Mutter,  fiel stimmlich heraus, weil er in einer gänzlich anderen, immer zu tiefen Tonlage anstimmte, die so gar nicht zu der unserigen passen wollte. Ihm war’s aber egal, er sang, was das Zeug hielt und scherte sich nicht im geringsten um unsere Blicke, die wir Kinder uns anfänglich belustigt zuwarfen.