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Die Zeitmembran

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Das Leben und der Tod gleichen zwei verschlossenen Schatullen. Von denen enthält eine jede den Schlüssel zum Schloss der anderen. Und das ist die Zeit. (Chinesisches Sprichwort)
“ … Milliarden Seelen, haben sie ein Gewicht? Was richtet es an, wenn s i e  an u n s  denken? Wieso denken wir gleich immer an brennende Kerzen, wenn wir mit den Seelen in Beziehung treten? Auch Blumenopfer sind sinnlos. Setze dich in einen Stuhl und sage leise vor dich hin: Vater, da steht er sofort neben dir.“ (Walter Kempowski in „Alkor“)

DER ALTE BASS  (bitte anklicken)

Musik: TREE, Lyrik- Catrina Steffen, Musik – Jürgen Motog

(Siehe auch:  http://www.music-of-tree.de)

 

 

An Gräbern

Beim Gang über den städtischen Friedhof blieb mein Blick am monumentalen Grabmal des Fregattenkapitäns a.D. Steinbrink haften. Aus der Inschrift ging weiterhin hervor, dass er Träger eines einst höchsten vaterländischen Ordens gewesen war. Der Hinweis auf den Orden und Rang des Verstorbenen, der zudem Ehrenbürger der Stadt gewesen war, im Verein mit dem vergleichsweise mächtigen steinernen Denkmal wirkten zusammen ernst und ehrfurchtgebietend, trotzdem befremdeten mich – wie auch an manch anderer Grabstelle, wo ein „Dr.med.“, „Kammersänger“, „Kirchenmusikdirektor“ oder „Oberlandesgerichtsrat“ dem Namen des Verstorbenen vorangestellt war, all diese einst wichtigen Titel und Ränge. Waren und sind denn die Seelen der Verstorbenen nicht mehr und bewegen sich nun in ungleich größeren Dimensionen als diese zu Lebzelten einst bedeutenden Attribute es festlegen? Auch die in emaillierten Rahmen auf den Grabstein oder das blank lackierte Holzkreuz reproduzierten Fotografien der Verstorbenen befremdeten mich, womöglich noch stärker, weil sie den Verstorbenen auf ein Bild, eine Momentaufnahme gleich einer Mumifizierung festlegen. Wirkt das nicht angesichts der zeitlosen Dimensionen des nachtodlichen Lebens geradezu bizarr? Um wieviel stimmiger dagegen der Äskulapstab über dem Namen und den Lebensdaten, oder ein Violinschlüssel – Symbole, die weit über die zeitgebundene Einzelpersönlichkeit hinausweisen: der Tote kann in seiner abgelegten, besonderen irdischen Prägung als Teil eines größeren Ganzen erinnert werden, aber gelöst von Rechtsformen und Konventionen, wie sie in eingemeißelten Titeln und akademischen Rängen zum Ausdruck kommen.

 

 

 

 

Ich stand vor den Grabstellen meiner Mutter, meiner Großeltern, meiner Tante, meines Onkels, deren Grabsteine und Schriftformen in der gleichen Farbe und Form gestaltet sind. Beim Lesen der Geburts- und Sterbedaten verfiel ich auf ein kombinatorisches Spiel. Die Jahreszahlen, die Monate und Tage erschienen mir wie  Larven, Maskierungen oder Verschlüsselungen eines tieferen Sinns. Aber die Maske der Zahlen saß fest auf dem Antlitz des Schicksals, das sich darunter verbirgt. Es will sich noch nicht zeigen. Erst, wenn ich durch die Zeitmembran hindurch auf die andere Seite des Stroms gelangt bin, wird sich’s mir entschlüsseln.

Blumen für das Grab

Der Friedhof lag unterm Glast der heißen Sonne des späten Vormittags still da. Hier und  da stand in ferner liegenden Gräberreihen eine einsame Person an einem Grab, hinabbeugt oder mit einer Gießkanne die dürstende Bepflanzung tränkend. Wie wohltuend der Schatten der hohen Bäume war. Der Blumenstrauß, den ich auf das Grab meiner Mutter gestellt hatte – ähnlich jenen üppigen Sträußen, wie sie ihr mein Vater jahrzehntelang als Liebes- und Freudezeichen oft nach Feierabend aus seinem reichhaltigen Staudengarten mitgebracht hatte (ihr, mit der er 73 Jahre verbunden zusammengelebt hatte) – ihr bereitete dieser Gartengruß spürbar Freude: Blumen aus dem eigenen Gartenparadies, nichts Gekauftes, Gekünsteltes und Gezüchtetes. Und in dieser Freude spürte ich, wie die Zeitmembran, die mich vom „Drüben“ trennte, durchlässig geworden war.

 

Da führte mich das Schicksal mit … ihm zusammen, und er lehrte mich verstehen, was Wünsche sind, was Warten, was Hoffen ist, wie sie miteinander verflochten sind, und wie man diesen Gespenstern die Maske vom Gesicht reißt. Wir haben sie die Zeitegel genannt, weil sie, wie die Blutegel das Blut, uns die Zeit, den wahren Saft des Lebens, aus dem Herzen saugen.“  (Gustav Meyrink in „Der Kardinal Nappelus)) 

 

Zum Lesen anklicken!

EIN TAGEBUCH INNERER ZUSTÄNDE – Zu Goethes Geburtstag, am 28. August

 

Zu Goethes Todestag am 22. März (Veröffentlicht im März 2018

 

Begegnungen an der Schwelle  – Der Tod im Lichte der Natur und der Seele (Erstveröffentlichung im November 2015)

DER VERWANDELNDE BLICK – Christian Morgenstern zum 100. Todestag (Erstveröffentlichung im März 2014)

 

DER KLANG, DIE ZEIT UND DIE LIEBE (Erstveröffentlichung im Oktober 2013)

 

 

DER TOD ALS LEBENSWANDLER – Gedanken nicht nur zum Totensonntag (Erstveröffentlichung im November 2014)

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