V I V O

Etwas im Telegrammstil über mich:

Dorfschullehrer in Niedersachsen von 1985 – 2003 und von 2003 bis heute in Caputh bei Potsdam, seit 2017 als Sonderpädagoge tätig

Ausbildung zum Hörtherapeuten nach den Grundlagen von A. Tomatis in Belgien und Bremen; eigene Praxis im „Haus der Klänge“  von 2005  – 2015

Heilpraktiker für Psychotherapie seit 2007

Studium 1980 – 1986 in Bielefeld, Herford (Kirchenmusik) und Bremen (Akademie für Alte Musik)

C-Organist an der Stiftskirche Cappel bis 1985

Mitarbeit im Bestattungsunternehmen meines Großvaters

Hauptamtlicher Musikschullehrer an der KMS Uelzen 1979

Zivildienst/ Krankenpflegehelfer auf einer chirurgischen Station 1976 – 1979

Früheste Berufswünsche: Pastor, Organist, Bademeister auf Baltrum, Zauberer, Lokomotivführer, Erfinder …

Geboren und geborgen in Lippstadt in Westfalen …

 

Gruppen, Ensembles und einige unvergessliche Highlights:

Posaunenchor und Kantorei Lippstadt (1969 – 1979)

Westfälische Kantorei und Motettenchor Bielefeld (bis 1985)

„Rübezahl“ (Jazz-Rock, 1973 – 1978)

Universitätsorchester Bremen

Ensemble „Weserrenaissance“ auf historischen Instrumenten (1986/87) im Rahmen der Akademie für Alte Musik Bremen (heute HDK Bremen)

Figuren-Schattentheater „Glasperlenspiel“ zusammen mit der Cellistin Regine Brunke       und Jürgen Ochner (1988 – 2000)

Bühnenmusik für das Bremer Marionettentheater „Der Goldene Faden“ (1997 – 2000)

Folkgruppe „Vårvindar friska“ (1990 – 2003)

Kanteleworkshop mit Arja Kastinen, Studien bei Anneli Laitinen-Lau (Hamburg/ Mäntyharju/ Finnland)

Veröffentlichungen schwedischer und baltischer Folk-Musik im Eres Verlag, Lilienthal/ Bremen

Projekt „Singende Steine“ – Musik, Gedichte und Lichtbilder von der Insel Gotland
(1999 – 2003) in verschiendenen Kirchen Norddeutschlands und als krönender Abschluss beim Lübecker Gotlandfestival 2003

Duo „Kanteletar“ zusammen mit Christine Rasch (2003 – 2010)

Folkgruppe „Blaufeuer“  mit Christine Rasch und der Geigerin Cornelia Franke           (2003 – 2009)

Konzert mit „Blaufeuer“ zum Auftakt des Hansetages 2007 in Lippstadt („Bernhard II im Baltikum des 12. Jh.“)

Projekte „Musikalische Märchen“ mit Vårvindar friska und Blaufeuer und dem Erzähler Michael Nagel

Buchveröffentlichung „Burgen, Kirchen, Götterhaine“(2010)

Seit 2010 Gastautor bei der Epoch Times Deutschland

Gründung des „Haus der Klänge“ in Caputh bei Potsdam(2005) als intimer Ort für Konzerte, musikalische Lesungen, Schattentheater, Familiensingen u.a.m.

Workshop bei Nikolaus Harnoncourt an der UDK Berlin 2007

Begegnung mit der estnischen Dirigentin Anne Liis Treiman und dem Chor „Eesti Projekt“ (Workshop 1996)

 

Probenbesuche bei den Berliner Philharmonikern, der Kammerakademie Potsdam und dem Berliner Rundfunkchor (Simon Rattle, Simon Halsey, Pierre Boulez, Bernhard Haitink, Antonello Manachorda, Erich Höbarth, Nikolaus Harnoncourt, Maries Jansons, Daniil Trifonov  … (seit 2010)

2012 Mitwirkung im „Liebhaberorchester“ der Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle und Stanley Dodds

2012 Mitwirkung bei den Musikfestspielen Sans soussi mit dem klingenden Instrumentenmuseum des HAUS DER KLÄNGE

Seit 2011 Mitwirkung bei der „Kunsttour Caputh“

Musikalische (Chor)Projekte mit den Sängerinnen u. Musikern Alfred Schlegel, Meinolf Lügners, Christine Rasch, Guido und Susanne Schlegel, Christa Kirschbaum, Ulrike Wild Halevi, Amy Green, Wilfried Staufenbiel, Jens-Peter Müller, der Kantelespielerin und Sängerin Anneli Laitinen-Lau und dem Hamburger Theatermaler Reinhardt Lau, den Geigerinnen Cornelia Franke,  Antje Jansen, Claudia Mende, der Cellistin Regine Brunke sowie Gisela Leppin, Renate Lilge -Stodieck, Helmut Kornemann, Albrecht Winter, Michael Nagel (Sprecherinnen bzw. Sprecher u. Erzähler).

Musikalische Lesungen mit den Autoren und Schauspielern Johannes Merkel, Michael Nagel, Jens Johler, Jan Philipp Sendker, Silvio Huonder, Jörg Schüttauf und Thomas Freundner.

Gruppe „TREE“ gemeinsam mit Catrina Steffen und Antje Jansen (Folk, Alte Musik, Improvisationen und eigene Kompositionen sowie Figurenschattentheater) und dem „Claudius-Ensemble“ (Kammerchor) seit 2010 bis heute

… und schließlich die unzähligen Märchentheater, Musikprojekte, Feste und die damit verbundenen Aufführungen mit meinen vielen wunderbaren Schulkindern von 1986 bis gegenwärtig!

 

 

...Und was wäre ich ohne meine Eltern, meine frühesten Förderer und Anreger … meine singende Mutter, meinen Vater, der sonntags, wenn wir Kinder zu ihm ins warme Bett krochen, mit uns aus der „Mundorgel“ sang, wenn er uns nicht Geschichten von früher erzählte. Meine frühesten Lieblingsinstrumente waren das Harmonium meines Großvaters bei uns im Haus, und die Kirchenorgeln in der Großen Marienkirche und der Brüderkirche im westfälischen Lippstadt. Orgel, Klavier und Posaune wurden während meines Studiums in den 1980er Jahren meine Studienfächer. Harmonium oder gar Zither – wie sie von Adalbert Stifter in dessen Roman „Der Nachsommer“ so faszinierend beschrieben wird – waren keine Studienfächer, und so machte ich auf diesen Instrumenten autodidaktische Schritte. Die Zither hatte ich auf dem Dachboden des Hauses meiner Tante gefunden, und sie bildete den Grundstock meiner Sammlung von Musikinstrumenten …

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In der Tischlerwerkstatt  meines Großvaters versuchten mein Bruder und ich uns erfolgreich im Bau von Streichinstrumenten, die wir mit Hingabe spielten … welche Noten sich auf dem ebenfalls selbstgebauten Notenpult verbergen, weiß ich heute allerdings nicht mehr … (das Foto stammt aus dem Jahre 1961, mit der Geige am Kinn mein älterer Bruder).

Die damalige Organistin der Marienkirche, die steinalt gewordene Hannah Mülker, war damals mein großes Vorbild. Wie die schon auf der Orgelbank saß mit ihrem kantigen Vogelgesicht, in den Pausen die Hände auf die Knie gelegt, wo sie ruhelos hin und her strichen … Andere Vorbilder waren zwei niederländische Tastenvirtuosen: Rick van der Linden und Gustav Leonhardt. Der Erstere brach die Musik der alten Meister brutal-vorwitzig aus ihren Zusammenhängen heraus wie aus einem Steinbruch und komponierte daraus teils aberwitzige, jazzig-rockige Collagen, die sich doch vor den Originalen trotzig verneigten. Leonhardt dagegen, ernst und gesammelt, von aristokratischer Ausstrahlung, war ein faszinierender Klangbrückenbauer von unserer Gegenwart zu den Meisterwerken des Frühbarock und der Epoche Bachs, die er wieder aufleuchten und atmen ließ und damit meine Ohren öffnete;  einer der wirklichen, vorbildlosen Pioniere der Alten Musik nach dem 2. Weltkrieg  …

Das Genre „Klassik-Rock“ hatte es meinen musikalischen Freunden gleichfalls angetan, und wir  – drei vierzehnjährige Gymnasiasten – gründeten, unbemerkt von unseren Lehrern, zu dritt eine  Band, deren Namensgeber der mächtige Berggeist Rübezahl war. Warum  gerade dieser weiß ich allerdings nicht mehr. „Patroclus“ hätte  m i r  persönlich besser gefallen, war doch Johann Patroclus Möller (geboren 1698) ein berühmter Orgelbauer, der auch in meiner Heimatstadt gewirkt hatte …

Schon einige Jahre zuvor hatte ich zuhause ein altes Harmonium entdeckt und wenig später im Turmraum der Marienkirche, in dem wir als Jungbläser unterrichtet wurden, ein Cembalo, dessen silbriger, transparenter Klang es mir angetan hatte. Welch ein Gegensatz zu der eher mulmigen, altjungfernhaften Klangfarbe des ächzenden Harmoniums! So oft sich mir damals Gelegenheit bot, spielte ich in der herrlichen Akustik des gewölbten Turmsaales auf diesem Instrument …

„Rübezahl“ verdanken meine Freunde und ich  s e h r  viel: einen freien, ganz und gar selbstbestimmten Zugang zu unserer eigenen Musik, das Erlebnis gemeinsamer musikalischer Prozesse beim Improvisieren und Komponieren, viele wunderbare und erfolgreiche Auftritte und Gemeinschaftserlebnisse … mein erster Klavierlehrer ahnte allerdings nichts von meinem musikalischen Paralleluniversum. Mein Orgellehrer schon, hatte man ihm doch einige massive Beschwerden zugetragen über grässliche, laute Orgelimprovisationen, die wiederholt einige Anwohner der Kirche um den verdienten sonntäglichen Mittagsschlaf oder die Nachtruhe gebracht hatten. Aber er – Peter L. Voss – hatte eine ganz eigene, stille Größe und schwieg nur vielsagend schmunzelnd, mit leicht hochgezogenen Augenbrauen, ließ mich aber ansonsten gewähren.

Nach Studienjahren in Bielefeld und Herford studierte ich noch „obendrauf“ Cembalo und Aufführungspraxis der Alten Musik (Ensemblespiel, Orchester) vor allem bei Gerhard Kastner und Thomas Albert an der damals neu gegründeten „Akademie für Alte Musik“ in Bremen – ein nicht sehr langes Intermezzo allerdings, denn bald hieß es   eigenes Geld verdienen. Das ging ein wenig wie zu Zeiten Adalbert Stifters, über den ich meine Abschlussarbeit geschrieben hatte: nämlich als Lehrer an einer winzigen Grundschule, als Instrumentallehrer und als Organist und Chorleiter am Rande des Teufelsmoors in der lichtintensiven Worpsweder Landschaft, an Hamme und Oste.

Zugleich begann ich Wurzeln in Skandinavien zu fassen, und flog – den Zugvögeln gleich – so oft es ging in den hohen Norden, zuerst mit Blechbläsern und Chören (Finnland und Gotland  1982 und 1998), später auch ohne wesentliche Konzertanlässe. Absolut unvergessliche Musikerlebnisse hängen für mich an Konzertreisen nach Finnland, Dänemark und verschiedenen Landkirchen und Ruinen auf der Insel Gotland, allen voran die Kirche in Lau mit ihrer einmaligen Akustik. … Immer wieder suchte und suche ich auch die Bucht von Vitsand im Nationalpark Tiveden (Västergötland, Schweden) auf. An einem windstillen Tag erlebt man dort phänomenale Echowanderungen … und wie berührend ist es gewesen, wenn aus kilometerweiter, einsamer Ferne auf meine geblasenen Töne aus einer  Näverlur (eine Art von nordischem Alphorn) eine menschliche Stimme, ein melodischer Ruf antwortete! Musik in einer ihrer Urformen von fragendem Rufen und Antworten; Klang als Brücke zwischen Ich und Du; Nicht nur: ist da wer?, sondern auch Wo bist Du? Um aus der Antwort vielleicht zu erahnen: W e r  und wie bist Du? …

 

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Antje fiddelt fröhlich

Jürgen Motog spielt auf der finnischen Konzertkantele                                                         „Wenn Bach die Kantele gekannt …“

 

„Mcfarleys Reel“, irish trad., arr. für Fiddle/Orgel, Antje Jansen – Fiddle, Jürgen Motog – Orgel

 

 

Das alte Haus –

Kindheitsbilder

 

Erinnerungen sind wie das Wasser des Lebens, und  es  kommt mir vor, als würde ich mein ganzes bisheriges Leben immer wieder aus den Erlebnissen meiner Kindheit schöpfen, wie aus einem Brunnen, der nicht versiegt.
Es ist, als würde sich in diesen Erinnerungen etwas in mir selbst lieben – das ist wohl das Echo, der Widerschein der Liebe derer, die mich umgaben, die mich begleiteten, die mit mir gingen – und das sind natürlich an erster Stelle meine Eltern.

Adventszeit. Unser Haus in der Fleischhauerstraße, ein verwinkeltes, jahrhundertealtes westfälisches Ackerbürgerhaus, scheint mir im Rückblick durch und durch beseelt: unten im Erdgeschoss, wo sich die Ausstellungsräume des Bestattungsunternehmens und die Tischlereiwerkstatt, die Kellerräume und die Strickkammer befanden, wohnte ein Hausgeist, der besonders im Dunkeln spürbar war, wenn ich aus der mittleren Etage hinunter zur Toilette gehen musste, oder in den Vorratskeller, um für Vater eine Flasche Feierabendbier zu holen. Lautes Singen, Treppentrampeln oder das Rufen seines Namens „Bullemann“ half gegen die Angst vor diesem gesichtslosen Etwas, war aber auch zugleich Anrufung, die den „Bullemann“ gegenwärtiger sein ließ und daher ein gruseliges Gefühl erzeugte. Einige Jahre später hatte  „Bullemann“ ein Gesicht bekommen, da wir Kinder im Vorabendprogramm, schon im Schlafanzug aneinandergekuschelt auf der Couch im Fernsehen die französische Serie „Belphigor“ sahen und uns gemeinsam wohlig gruselten, wenn das schreckstarre Antlitz des Gespenstes irgendwo im Louvre, wo diese Serie spielte, urplötzlich erschien.

So schnell wie möglich rannte ich mit trommelnden Füßen ich die steilen Treppenstufen wieder hinauf, durch den Flur zur Küche, deren Tür mit drei Fenstern versehen war. Das milchige Glas war mit filigranen Pflanzenornamenten gemustert, so dass man nur schemenhaft erkennen konnte, wenn sich im Innern jemand bewegte.

Aber dieses Licht, das den dunklen Flur erhellte und die Schemen und Stimmen meiner Mutter, meines Vaters, der Großeltern vielleicht, später auch die Stimmen meiner Geschwister, strahlte eine Geborgenheit aus, die an Glück grenzte: aus dem gruseligen Dunkel des Erdgeschosses, dem Reich von Bullemann und Belphighor in den Kellerräumen, der Werkstatt, dem Schweigen des Sarglagers, der Küche und dem Büro, in dem tagsüber die trauernde „Kundschaft“ empfangen und mit der alles besprochen wurde, was zu einer Bestattung gehört, zurück in das lichte, warme Reich von Küche und  Wohnzimmer. Dort, unter der rot gepolsterten Eckbank, wo die beiden Sitzbänke im rechten Winkel verschraubt waren und wo darunter ein dreieckiger umwandeter Hohlraum war, befand sich meine Höhle, mein geheimer Ort, in den ich, so lange es ging, hineinkroch, ja, später, als ich gewachsen war, mich noch hineinzwängte. Dort fühlte ich mich in Sicherheit, fand gemütliche Geborgenheit, Schutz, hatte ich die Kontrolle. Wenn ich mich durch eine schmale Öffnung dort hineinzwängt hatte und mich lautlos verhielt, sah ich alle, hingegen sah m i c h  niemand. Ich konnte die Tischgespräche belauschen, musterte die Hosenbeine, die Strümpfe, das Schuhwerk  der am Küchentisch Sitzenden, oder sog einfach den Duft der Weihnachtsplätzchen ein, den ich zuvor mit Hilfe meiner Mutter durch einen Wolf gedreht hatte, und genoss die Urgemütlichkeit meines unterirdischen Dachsbaus …

Auch das war ein Glück: Ganz allein und geschützt in meinem Versteck unter der Kückeneckbank zu kauern, und mich doch zugleich mittendrin im familiären Leben zu fühlen, das sich hier im Zentrum des Haushaltes abspielte:

Tante Lore und Onkel Ernst, die beiden Omas und Opa  gingen ein und aus,  mein Bruder Michael, später Eva und Christoph… Sonntag morgens mit schöner Regelmäßigkeit kam Onkel Paul Twillemeier , einer der Honorarkräfte des Bestattungsinstitutes, ließ sich auf der Eckbank nieder, kam mit  seinem eiligen, nervösen Redeschwall vom „Hölzchen aufs Stöckchen“, mehrere Kornschnäpse herunterspülend, welche ihn erst so richtig in Fahrt brachten. Meine Mutter setzte sich höflich zu ihm.  Nach einer Weile erhob sie sich unruhig; ihre Beine hatten schon schon eine Weile unter dem Tisch, für mich sichtbar, hin und hergescharrt. Wenn sie dann aufstand und sich höflich mit den Vorbereitungen für’s Mittagessen entschuldigte, war das für Onkel Paul das endgültige Zeichen zum Aufbruch. Leicht angetüdelt hob er sein schwer gewordenes sonntägliches Sitzfleisch in die Höhe … Ob meine Mutter dann und wann die Augen verdrehte, konnte ich von meinem geheimen Platz aus an ihren Beinen natürlich nicht erkennen …

Was tat Onkel Paul eigentlich hier jeden Sonntag vormittag? Frau Twillemeier, seine korpulente Frau, wirkte so gar nicht anziehend oder wäre für meinen Geschmack schön zu nennen gewesen, genausowenig, wie man unseren sonntäglichen Stammgast mit seinen Pockennarben und seiner etwas näselnden, hektischen Stimme, dem stereotypen „nich wahr, ni ni nich?!“ einen attraktiven Mann hätte nennen können. Sicher fand er meine Mutter sympathisch und hübsch,was sie ja auch tatsächlich war. Von meinem Vater hatte ich einmal eine spitze, naserümpfende Bemerkung über Onkel Pauls regelmäßige Visiten aufgeschnappt; dieser regelmäßige Gast nahm wohl zusammen mit den Schnäpsen immer auch ein stärkendes Augenfrühstück.

Welch ein Glück, wenn solche Erwachsenen, die stundenlang über Nichts reden und eifern konnten und nichts als Langeweile verbreiteten, endlich aufstanden und das Haus verließen. Wenn „Große“ sich nichts zu sagen haben, was nicht für Kinderohren bestimmt ist,  sich nur mit gegenseitigen Äußerlichkeiten die Zeit stehlen, wird das Belauschen schnell quälend.

Ich schwor mir jedenfalls, niemals , wenn ich groß wäre, solche schwarzen, spitzen Schuhe zu tragen wie zum Beispiel auch Onkel Paul. Sie schienen die Verkörperung von Leere und Eingefahrenheit, ja des Unglücks, das es bedeutet, das verödete Leben eines Erwachsenen zu führen – so langweilig, dass es nicht mal mehr etwas zum Gruseln gab, außer natürlich solche schwarzen, spitzen Schuhe.

Übrigens, selbst wenn die Küchentür gegen den in der dunklen Jahreszeit kühlen Flur immer peinlich geschlossen gehalten werden musste – ich höre noch die oft genervten Rufe meiner Mutter „Macht doch die Tüüür zu!“- hatten wir Kinder nie das Gefühl, ausgeschlossen zu sein. Diese Tür war nicht nur licht-, sondern auch seelendurchlässig, und das gab immer ein Gefühl der Anwesenheit irgendeines Erwachsenen und die Gewissheit einer zwanglosen Zugehörigkeit  – es sei denn, ich versteckte mich nach einem Streit oder einer Lüge aus Trotz, Scham oder Angst in einem der vielen Winkel des Hauses, oder gar im Bettkasten in meinem Zimmer, fast unauffindbar … (Aber ich will  hier nicht von der Trostlosigkeit solch verzweifelten Versteckens und versuchten Ausbrüchen aus kindlichen Unglücks- oder Angstzuständen erzählen.)

Die  eigene Mutter schön zu finden ist für ein Kind etwas Selbstverständliches und Unbezweifelbares, wohl bis zum Beginn der Pubertät. Hingegen blickt auch das kleine Kind schon auf das Aussehen und die Wirkung anderer weiblicher Wesen. Schaue ich alte Fotos meiner Mutter an oder, wie vor Jahren, einmal einen wiederhergestellten Super 8-Film von einer Familienfeier aus den fünfziger Jahren, sehe ich eine bestürzend schöne, junge Frau mit einem klaren Antlitz, das einem Marienbild eines der alten Meister hätte zum Vorbild dienen können .

Es wunderte mich nicht, von meinem Vater in einer seiner Erzählungen an einem langen schwedischen Herbstabend zu hören, dass ihm das damals sechszehn- oder siebzehnjährige rotwangige Mädchen mit den schwarzen Haaren, das viel später seine Frau werden sollte, ihm schon bei seinem allerersten Besuch in Lippstadt – er war aus Bottrop mit dem Zug angereist –  aufgefallen war. Sie hatte in einer Gruppe Gleichaltriger gestanden und seinen Blick aus ihren braunen Augen erwidert … Lange Zeit sollte noch vergehen, bis sie die ersten Worte wechselten und sich einander immer mehr annäherten.
Für manch einen der Schulkameraden oder Freundinnen Ilses aber war sehr schnell klar, dass sich hier etwas anbahnen wollte, wahrlich schicksalhaft in der schicksalhaften Zeit des 2. Weltkrieges. So hatte ein Bekannter meine Mutter damals einmal unvermittelt gefragt, ob sie später einmal „Frau Motog“ werden wolle? Diese Frage wurde ihr – wohlgemerkt – zu einem Zeitpunkt gestellt, als noch kaum die ersten Worte zwischen meiner Mutter und meinem Vater gewechselt  worden waren …

Es war eine a n d e r e Art von Schönheit meiner Mutter, die ich ganz früh in meiner Kindheit – ich fand noch ausreichend Platz auf ihrem Schoß  – wahrnahm oder vielmehr, mit allen Fasern in mich aufnahm. Sie sitzt auf der Bettkante in ihrem Schlafzimmer, ich sehe mich auf ihrem Schoß und lausche ihrer Singstimme, als habe jemand die Welt für die Dauer ihres Singens angehalten Weihnachtslieder sind es, die sie singt, Strophe um Strophe von „Vom Himmel hoch, ihr Englein kommt  …“.
Dann  „Was soll das bedeuten …“ . Noch anderes? – Vielleicht … : mein erstes bewusstes, prägendes Musikerlebnis, untrennbar verbunden mit dem Gefühl einer tiefen Verbundenheit, zugleich mein erstes bewusstes und beglückendes Schönheitserlebnis  – ein Klang, eine Tiefe und Erfülltheit der Stimmung und Erwartung in dieser vorweihnachtlichen Zeit, die, sooft ich sie später beim Musikhören oder Musikmachen mit anderen wiedersuchte und  wiederfand, zutiefst beglückend war und ist …

Eine andere  glücksgeladene Prägung ist der Klang von Glocken.

Heiligabend wie im Buch. Dicke Schneeflocken fallen zum Festgeläut der großen Marienkirche vom Himmel herab, das die Stille der verschneiten Stadt erfüllt. Die großen, erleuchteten gotischen Fenster des Chores, die wie feierliche riesige Scherenschnitte das Maßwerk durchleuchten. Während der Christvesper fahre ich mit den Augen diese steinernen, filigranen Linien und Schwünge der Unendlichkeit nach. Die Predigt will und will nicht enden. Ich höre kehlige, befremdlich-gepresste, sehr eindringliche Wortklänge aus dem Munde des Pastors, dem eine Kriegsverletzung im Hals das Sprechen und Singen so bedeutungsschwer macht, umfliege träumerisch hoch oben den im Gewölbe schwebenden Stern, lausche dem seligen Orgelgebraus von „O, du fröhliche“ … . Dann endlich stapfe ich an der Hand meines Vaters durch den Schnee. Er macht mit mir einen Umweg nach Hause, vielleicht hatte meine Mutter noch einige Vorbereitungen, die für Kinderaugen verborgen bleiben sollen, vielleicht wollte er aber einfach nur die Ruhe und die weihnachtliche Stimmung genießen, die die Glocken, der Schnee über der alten Stadt ausbreiten. Das Glück der Erwartung auf die Bescherung, die beglückende Schönheit des Schnees, die unbekannten Welten hinter den erleuchteten Fenstern der Kirche und der Häuser ringsherum und die Verbundenheit zwischen mir und meinem Vater auf diesem Gang nach Hause war nicht weniger intensiv als die auf dem Schoß meiner singenden Mutter …

Ein paar Tage vor Weihnachten war unser Wohnzimmer plötzlich verschlossen – es wurde ernst. Durch das Fensterglas war im Innern nichts deutlich zu unterscheiden, der spähende  Blick durchs Schlüsselloch ließ nichts ahnen – nur die Gewissheit, dass das Christkind dort drin, hinter der verschlossenen Tür, zu manchen Zeiten eifrig tätig war, manchmal auch in einem kometenhaften Lichtschein draußen am Fenster zur schmalen Gasse zwischen unserem und dem Nachbarhaus vorbeifliegend…

Meine Eltern verstanden es, die Adventszeit und auch die anderen Zeiten des Jahres durch kleinere oder größere Rituale zu gestalten und uns nahezubringen: Der Schokoladen-Adventskalender, der auf der Fensterbank über der Eckbank stand, der  Teller auf der Treppe am Abend vorm Nikolaustag, der am nächsten Morgen gut gefüllt dastand und am Nachmittag noch durch einen plötzlich dastehenden Stutenkerl aus der Bäckerei Reineke Gesellschaft bekam; das verschlossene Wohnzimmer, der Heringssalat und das Weißbrot mit guter Butter am Heiligen Abend; das Glöckchen, mit dem zur Bescherung gerufen wurde …Mein Vater schlich sich immer zuvor unbemerkt vom Essentisch davon. Wenig später vernahmen wir aus der Dunkelheit des Treppenhauses ein helles Gebimmel, und dann gab es kein Halten mehr: nach kurzer Zeit  standen wir vor dem wunderbar nur von Kerzen erleuchteten Weihnachtsbaum im Weihnachtszimmer, „Ihr Kinderlein kommet …“ auf den Lippen, mit den Augen schon die Umrisse der weißen Tücher abtastend, mit denen die Geschenke für uns Kinder noch abgedeckt waren … (Es dauerte lange Zeit, bis ich verstand, dass das Glöckchen mit dem Verschwinden meines Vaters zu tun hatte, behauptete er doch stets, er müsse mal eben auf die Toilette …).

Doch zuvor hieß es sich in den Sesseln und auf der Couch niederlassen und der Weihnachtsgeschichte lauschen, die mein älterer Bruder vorlas.  Während er das tat, besah ich träumerisch die kleine holzgeschnitzte Krippe auf dem Tisch, deren fein geschnitzte Figuren ganz lebendig wurden. Dann wurde gesungen, meine Mutter und meine Großmutter voller kindlicher Inbrunst waren die Stimmführererinnen des familiären Chores, wir anderen sangen deutlich schüchterner, nur Onkel Ernst, der Schwager meiner Mutter,  fiel stimmlich heraus, weil er in einer gänzlich anderen, immer zu tiefen Tonlage anstimmte, die so gar nicht zu der unserigen passen wollte. Ihm war’s aber egal, er sang, was das Zeug hielt und scherte sich nicht im geringsten um unsere Blicke, die wir Kinder uns anfänglich belustigt zuwarfen.

 

 

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