Im Hohen Norden /Gotland

Tiveden, Stora Trehörningen

Regen ist Segen

Unvermittelt – trotz warmen Sonnenscheins – begann leichter Regen in dicken Tropfen vom Himmel zu fallen.  Ich schaute überrascht auf: perlengroße, silbern funkelnde Tropfen fielen mir aus dem tiefen Blau des Himmels entgegen. Die kleine, lichtgraue Wolke am Himmel, zu klein jedoch, um die Sonne zu verdunkeln, musste die Quelle dieser Regentropfen sein. Auf dem dunkel-kupfergoldfarbenen Wasser des westgotländischen Stora Trehörningen Sees mischte sich das leise, allmählich anschwellende Tröpfeln der himmlischen Perlen wie immer dichter aufeinanderfolgende Triangelschläge und steigerte sich zu einem weichen, melodischen Rauschen. Die irisierenden Wasserblasen, die sich mit jeder Berührung jedes einzelnen Tropfens mit der Wasseroberfläche aufwölbten, gaben dem See einen millionenfach aufblitzenden Glanz, ein sprühendes Auffunkeln, so, als wolle sich mit jedem Tropfen ein Stück Himmel im Kleinen wölben, um dann in der großen Einheit des in kreisende Schwingung versetzten Wasserspiegels aufzugehen.

Mal war der Regen stärker und dichter, dann wieder schwächer, um dann  für einige Minuten wieder ganz zu versiegen. Die Welt des Sonnenscheins schien wieder in Ordnung. Wenig später aber näherte er sich erneut, wie ein Schleier langsam heranrauschend: gleißender, klingender, singender und schwingender Regen, Tropfen wie in Märchenbüchern gemalt, wo jeder Tropfen ein Gesicht hat und ihm ein eigenes Wesen innezuwohnen scheint, und nur darauf wartet, sich mit Wonne fallen zu lassen, um beim Aufschlagen aufs Wasser einen möglichst schönen Ton anzuschlagen, metallisch und doch zugleich weich: eine zärtliche, musikalische Berührung der Haut des Sees, ein myriadenfaches leises Trommeln mit unsichtbaren Fingern, das den See in still kreisende, sich durchdringende Schwingungen versetzte. Und wir: kindlich staunende, stumme, lächelnde Zeugen, vergessend unsere immer nasser werdende Kleidung, hingebungsvoll gebannt vom stillen, freudigen Klang dieser Himmelstränen, die nach und nach zu unseren Eigenen zu werden schienen …

 

 

 

Von hier aus, hoch oben im „freien, felsigen Norden“, im Morgenglanz der Waldlichtung, der Birken und Fichten, umschwirrt von der Libelle, dem Tagpfauenauge, dem Dukatenfalter und Hauhechelbläuling, beäugt vom Rotkehlchen und der Waldeidechse, erkannte ich ihn, den Konsumtyrannen, den Dollardiktator mit dem goldgefärbten Haar, den von Mammon gezeugten Sohn: aufblicklos, brutal ans Profitdenken angeschmiedet mit ehernen, schweren, vergoldeten Ketten; ein Bote und  Diener der Finsternis. War denn nicht auch er einst ein Menschenkind: ein kleiner, neugieriger, lebhafter, gedemütigter, missachteter Junge, dazu verurteilt, „es“  Vater und Mutter unentwegt beweisen zu müssen … vergeblich.

 

 

Impressionen von der Ostseeinsel Gotland

Setzt du in einer lauen Sommernacht, vom schwedischen granitenen Festland kommend, nach Verlassen der Fähre deinen Fuß auf die Insel Gotland, so betrittst du eine unerwartete, fremd anmutende Welt. Und wäre es eine Nachtfähre, mit der du Gotlands Hafenstadt Visby spät abends erreichst, und du würdest, magnetisch angezogen von den angestrahlten Umrissen des Doms, der mächtigen Fassade der Ruine von St. Nicolai, den uralten verschachtelten Häusern mit ihren mittelalterlichen Treppengiebeln oder der Stadtmauer, um dann schließlich auf dem Stora Torget, dem großen Marktplatz mit der gotischen Ruine von St. Karin anzukommen, weil der Nachtwind Musik, Stimmengewirr und Gelächter lockend zu dir hinwehte, so würdest du dir vielleicht die Augen reiben. Was ist das? Bin ich hier – mitten in der Ostsee – wie auf einem Zauberteppich in den Süden Europas versetzt worden? Es ist, als wärest du auf einer südländischen Piazza gelandet, wo ein rauschhaftes, lebhaftes Leben, Genießen, Flirten und Flanieren erst mit der Dunkelheit richtig erwacht …

20180810_203849

 

Dein erster Weg am Morgen nach einer kurzen Nacht führt dich durch ein gewundenes, von blühenden Rosen duftendes Gässchen vielleicht an den Rand einer Klippe, zu deren Füßen das Meer sanft an den Strand anschlägt. Die Schreie der Möven und das ekstatische „Srriii Srriii“ der Mauersegler begrüßen dich. Und wieder erstaunst du über diese Fremdheit des Bodens, der Vegetation: Es scheint, als wäre diese Insel ein besonderer, mitten in die Ostsee gefallener Meteorit, aus hellem, lichtem, sonnendurchtränkten Material verdichtet, dessen schroff-karstige Steilküsten, die hellen, klingenden Klappersteinstrände mit ihren uralten höher gelegenen, Jahrhunderte und Jahrtausende alten Strandlinien eine Sonneninsel gebildet hätten …

Doch nach und verstehst, begreifst du, dass diese Insel kein Fremdkörper ist, der von oben, vom Himmel ins Meer stürzte, sondern eine Masse, die sich von unten, aus den Tiefen eines Urmeeres und seines schlammigen Urgrundes in unvorstellbaren Jahrmillionen verdichtete, verhärtete, sich von dem Panzer des Eisriesen befreit allmählich hob und schließlich aufwölbte, dem Sonnenlicht entgegen, gebildet aus Myriaden von Skeletten: Korallenriffe, Algen, Weichtiere, Muscheln und den ersten Fischen …

 

Wer auf Gotland nicht zum Steinesucher, zum Süchtigen und zum Sammler von Versteinerungen werden will, der jedoch sollte diesen Ort  tunlichst meiden …

 

Beim Steinesammeln am Klappersteinstrand von Ygne unterhalb Fridhems auf der Insel Gotland:  ist das nicht letztlich eine Art Suche nach dem Stein der Weisen?

Vom Himmel gefallene Findlinge aber sind wir alle, Fossile unserer eigenen Vergangenheit,  im Hier und Jetzt immer wieder zum Leben erweckt.

 

 

 

Über Gräbern

Nach dem Besuch des dämmrigen, engen Antiquariats nahe der Domkyrka von Visby begab ich mich, das gleißende Mittagslicht meidend, in den Schatten der alten Linden, die den Vorplatz und den uralten, ehemaligen Friedhof unterhalb der hohen Domklippe beschatten. Ich ließ mich, mit dem Rücken an eine große, aufgerichtete Grabplatte gelehnt, am Fuß der Klippe nieder. Meine Augen schweiften über die Ruhesuchenden, die sich etwas unterhalb auf der Wiese, auf und neben  Grabplatten oder Kreuzen niedergesetzt oder ausgestreckt hatten. Ahnten die Schlummernden unter den sanften Flügeln der rauschenden Blätterkronen, dem  heiteren „Jak Jak“der Dohlen und dem gedämpften Orgelspiel aus der Domkyrka, dass sie auf hunderten von Gräbern ausruhten,  über den Gebeinen vieler Generationen, die hunderte von Jahren hindurch dort bestattet worden waren? Wäre den friedlich Schlummernden bewusst gewesen, wo sie sich zu einem Nickerchen ausgestreckt hatten: hätten sie’s dann auch getan? Und würde jemand sie sanft wach gerüttelt und aufmerksam gemacht haben, dass sie über einer letzten Ruhestätte schliefen – hätten sie sich nicht mit Unbehagen erhoben und wären diesem von Tod, Vergänglichkeit, Ahnung und Gegenwart aufgeladenen Ort entflohen? Und ich begriff das Wort vom „Schlaf als dem kleinen Bruder des Todes“ …

DSC00198

 

 

Vårvindar friska (Schwedischer Vorfrühling)

(Volksweise, Text: Julia Nyberg/ Übertragung aus dem Schwedischen: J.M.)

Frische Frühlingswinde spielen
flüsternd in den Waldeswipfeln.
Wie ein Liebespaar sind Wind und Wald.
Ströme drängen, treiben,
finden nicht eher Ruh,
bis mit brausender Welle sie
ins Meer sich stürzen.

Wehmütig lauscht mein ruheloses Herz
dem Klang des Weidenhorns von den Klippen her.
Der Wassermann spielt,
spielt seine Sehnsucht hinaus
weit über Berg und Tal.

Fast will brechen mir mein Herz.
Ach, ist es das letzte Mal,
das ich dem Sehnsuchtssang des Wassermanns lausche?
Erinnerung heißt sein Lied,
an liebesleuchtende Augen, an Abschiedsschwere,
Kuss um Kuss aus ruhelosem Herz.

Grün prangten Täler und Hügel,
trunken vor Glück sang die Amsel ihren Brautgesang.
Der Wassermann aber spielt,
spielt seine Sehnsucht hinaus
weit über Berg und Tal.

 

Bornholm, Paradiesbakken

Alle Last hält sich die Waage,
dunkle Dichte ist verstoben.
Jedweder Weg und Wesen woll’n dir trauen,
und alle Schwere scheint gehoben.

Wie des starren Steines lichte Seele,
den gelb versprühten Flechten gleichend,
harrt eine Ammer.
Doch jäh, den feinen Leib durchzitternd
spannt sie den Bogen ihrer Seele,
schlägt an, als sollt ihr Herz zerspringen.

Dann löst sich ab ein Pfeil aus Licht und Klang,
durchfliegt des Felsenpfades Enge,
den warmen Atem des Granits,
durchschwirrt den Blütenrausch,
im Sonnenglast die Meeresferne.

 

Kraniche – Boten des Frühlings und des Glücks

(Gekürzte Erstveröffentlichung im März 2013)

 

Jetzt sind sie wieder da, jene lichtdurchfluteten Tage, in denen wir, obwohl noch Nachtfrost und kalte Winde herrschen, mit Gewissheit spüren: der Frühling ist da, wohl auch, weil die Erinnerung an das lange, kalte Dunkel noch so nah ist. Noch staunen und verwundern wir uns täglich, wie früh es hell wird und wie merkbar länger sich abends Sonnenuntergang und Dämmerung dehnen. Wer an solchen Tagen das Glück hat, vom Rufen ziehender Kraniche getroffen zu werden, und wer dann suchend aufschaut, um diese lebenden Zeichen am Himmel zu entdecken und mit Ohr und Auge zu verfolgen, der ahnt und fühlt beglückt, dass er Teil hat an etwas Planetarischem, ja Kosmischen.

Auf meinem Weg vom Parkplatz bei Bjurum am Hornborgasee im schwedischen Västergötland hinauf zu einem hügeligen Beobachtungsplatz traue ich kaum meinen Ohren. Die Luft scheint überall erfüllt von an– und abschwellenden Lauten, von nahen und ferneren Fanfarenstößen. Je näher ich komme, desto stärker verdichten sich diese Laute zu einem erregt wogenden Meer von Tönen aus tausenden von Vogelkehlen. Der Anblick, der sich mir dann auf die Niederung unterhalb der umzäunten Anhöhe bietet, verschlägt mir die Sprache. Für einige Augenblicke schließe ich die Augen, lausche. Es ist, als wären diese Töne auf mein Gefühl abgestimmt, in einer fremden Sprache zwar, doch unmittelbar herzergreifend. Was schwingt da alles mit: zärtlich gurrendes, werbendes Schluchzen, forderndes Trompeten, schmerzvolle Abwehrschreie, ekstatisches Aufjauchzen in allen dynamischen Schattierungen.

Die plötzliche Nähe und unglaubliche Fülle der sonst so überaus scheuen, die Einsamkeit und totale Abgeschiedenheit von Mooren und Waldlichtungen suchenden Vögel hat etwas Überwältigendes und Beglückendes. Immer neue Kraniche, einzeln, paarweise oder in kleineren Formationen, gleiten majestätisch heran, um sich auf der Wiese vor mir in den großen Tanz einzureihen. Sobald sie sich im Landeanflug aus ihrer vollkommen gestreckten Flughaltung gelöst haben, scheinen sie den Erdboden mit ihren langen Beinen und Krallen ergreifen zu wollen. Kaum haben sie aufgesetzt, beginnt ihr ekstatisches Treiben: hohe Sprünge, von heftigem Flügelschlagen begleitet, eindringliche „Verneigungen“ gegeneinander, einknickende Bewegungen der Beine, erregtes Umherstolzieren, Hochwerfen von Erde und Pflanzenteilen – Anmut und Würde, Aggression und Passion, vereint in totaler Hingabe, welche sie die Nähe von uns Menschen, ihren gefährlichsten Feinden, nahezu vergessen lässt.

Nüchtern spricht der Vogelkundler hier vom Balzverhalten. Aber dieses Schauspiel scheint noch etwas Größeres zu meinen. Darin liegen etwas Festlich-Freudiges, Werbendes, Hochzeitliches, rivalisierende Leidenschaft, Verteidigung und Kampf um die Auserwählte, Wiedersehensfreude und auch Abschiedsschmerz nach einem langen gemeinsamen Zug über tausende von Kilometern von Süd nach Nord.
Doch bald schon werden sich die Kraniche wieder die kommenden warmen Monate über in die paarweise  Absonderung zurückziehen, um ihre Nester zu bauen, zu brüten, ihre Jungen großzuziehen. Erst im Herbst, nach dem kurzen, intensiven Sommer der Nordhalbkugel unseres Planeten, werden sie sich an den großen Sammelplätzen wie z.B. hier in Bjurum/ Dagsnäs am schwedischen Hornborgasee im Westgötaland wiedertreffen, sich erneut zu großen Zügen vereinen, um zielstrebig und mit wunderbarer Unfehlbarkeit südlichere und wärmere Gefilde aufzusuchen.

Zunehmend ist dabei in den letzten 25 Jahren zu beobachten, wie eine von Jahr zu Jahr zunehmende Zahl von Kranichen ihre Winterquartiere etwa schon im milderen Nordeutschland aufschlagen, und sich damit die ganz weiten Entfernungen ersparen.
Inmitten des unübersehbaren Treibens unter mir rasten, scheinbar unberührt, die weiß- leuchtenden und um so viel schwerfälligeren Sing- und Höckerschwäne, die unauffälligeren Grau-, Nonnen- und Ringelgänse; eine Wolke hunderter von Staren fällt schwatzend ein, verstummt urplötzlich wieder und fliegt wie ein Wesen auf einen Zauberschlag wieder auf; das mischt sich mit Krähen- und Kiebitzrufen zu einer ungeheuren Frühlings- und Fruchtbarkeitssymphonie, gekrönt vom Morgenjubel der Lerche hoch oben im tiefen Blau des Himmels.

Ich fühle, dass ich teilhabe an der Äußerung einer großen, gewaltigen Kraft, welche Abertausenden von einzelnen Vögeln ihren verbindenden Stempel aufdrückt, stärker vielleicht noch als beim keilförmigen Flug im Reich von Licht und Luft., denn dies hier spielt sich kaum fünfzig, hundert Meter entfernt von mir auf dem Erdboden ab, auf dem auch ich stehe. Fast handgreiflich spürbar wird hier das morphogenetische Feld, die Gruppenseele , die Vögel hier so leidenschaftlich vereint…

Später am Tage, vor Sonnenuntergang und noch kurze Zeit danach, wenn die Vögel sich anschicken, ihre Schlafplätze im flachen Wasser des Sees aufzusuchen, spielt sich dann das umgekehrte Schauspiel ab. Womöglich ist das „Gru Gru“ der abziehenden Tiere noch inniger, noch zärtlicher, noch wehmütiger. Wunderbar hat der finnische Komponist Einojuhani Rautavaara in seiner Komposition für Orchester und Vogelstimmen, dem „Cantus Arcticus“, dieses Stimmungsbild erfasst.

In kleinen Gruppen, zu zehn oder zwanzig, streichen die Vögel nordwärts ab, dem flachen Wasser des Hornborga zu. Dicht gleiten ihre Silhouetten über den im letzten Licht aufleuchtenden Wasserspiegel. Ein letzter, großer Schwarm von vielleicht zweihundert Vögeln fliegt wie auf ein geheimes Zeichen hin auf, und gegen 21 Uhr haben sich die letzten Tiere im Grau-Rot des Abendhimmels „aufgelöst“ . Der Tanzplatz wird nun leer bleiben bis Sonnenaufgang. Doch die ganze Frühlingsnacht wird es nicht wirklich still werden – seien es die erregt schluchzenden Laute der Singschwäne, die hellen Kiebitzschreie und nicht zuletzt, von weit draußen vom See her, das ferne, vielstimmige, nur langsam abklingende „Gru Gru“.

Seit rund sechzig Millionen Jahren gibt es Kranicharten auf unserem Planeten – heute sind es weltweit noch 15 verschiedene Arten, deren eine der in Mittel- und Nordeuropa verbreitete Graue Kranich (grus grus) ist. Diese größten unter den Vögeln, die so viele menschenähnliche Verhaltensweisen zeigen – lebenslange Ehe, sorgfältige Pflege der Jungen, ihre Zeremonien und Tänze – haben seit Jahrtausenden die schöpferische Phantasie und mythenbildenden Vorstellungskräfte von Menschen in nahezu allen Erdgegenden angeregt – unmöglich ist es an dieser Stelle, die Fülle dieser Vorstellungen und Mythen zu erfassen.

Für den Chinareisenden etwa ist das Bild des Kranichs nahezu allgegenwärtig, nicht nur im Alltag bei vielen Alltagsgegenständen, oder etwa auf dem Klangkörper der traditionellen Zither Ghu Zheng in Form kunstvoller Säge- oder Schnitzarbeiten, sondern auch in der Kulturgeschichte.

Für Laotse war der Kranich Mittler zwischen diesseitiger und jenseitiger Welt, Botschafter einer himmlischen Sphäre, ein Reittier für die Götter oder für Heilige auf dem Wege nach „oben“. Starb etwa ein taoistischer Priester, so stellte man sich die sich von der diesseitigen Welt ablösende Seele als einen gefiederten Kranich vor – der Kranich also als Symbol der unsterblichen Seele und eines langen, ewigen Lebens. (In Analogie dazu: Kraniche können Flughöhen von bis zu 10 00 Metern erreichen und non stopp bis zu 2000 Kilometern fliegen!)

Vor allem aber sind es wohl Eigenschaften wie die Körpergröße, das aufrechte Stolzieren, das Aufspringen, die berührenden Laute und das mächtige, raumerfüllende Trompeten und ihr geheimnisvolles , immer wiederkehrendes zeichenhaftes Erscheinen am Himmel um die großen Tag- und Nachtgleichen herum, die die Menschen bewogen haben, Kraniche als Boten oder Verkörperungen von etwas Göttlichem zu betrachten. Auch ihr Federkleid (insbesondere das des Mandschurei-Kranichs mit seinem leuchtend roten Scheitel, dem schneeweißen Gefieder mit den kontrastierenden schwarzen Verzierungen) spielte für das Attribut des Göttlichen eine Rolle. Als weiß gefiederter Vogel galt er nicht nur als Bote der Reinheit und Unsterblichkeit, sondern auch des Glücks, der Treue, der Liebe und Unzertrennlichkeit.

… „ So unter Sonn und Monds wenig verschiedenen Scheiben/ Fliegen sie hin, einander ganz verfallen./ Wohin ihr?/ Nirgendhin. / Von wem davon?/ Von allen./ Ihr fragt, wie lange sind sie schon beisammen?/ Seit kurzem./ Und wann werden sie sich trennen?/ Bald./ So scheint die Liebe Liebenden ein Halt. ( Berthold Brecht: Die Liebenden).

Auch im alten Ägypten spielten die Kraniche als Götter- und Seelenvögel, doch auch als Opfertiere im Tempel und sogar als Nahrungsmittel – nicht für die Götter, sondern auch für den Menschen – eine wichtige Rolle. So wurden sie mit Netzen gefangen und als Geflügel zusammen mit Enten, Tauben, Hühnern und Gänsen gehalten und gemästet.
Im griechischen Mythos sind Kraniche die beständigen Begleiter der Erdgöttin Demeter. Als Teil von Sonnen- und Fruchtbarkeitskulten sind Kranichtänze überliefert , die besonders im Frühjahr getanzt wurden. So wurde im Mittelalter an den Höfen der „Crue“ getanzt, und vom Carnevale im spätmittelalterlichen Florenz ist ein Kranich-Madrigal überliefert, in dem die Balzlaute und die Bewegungen des Kranichs lautmalerisch vertont sind.

In vielen japanischen Häusern hängen heutzutage aus buntem Papier gefaltete stilisierte Kraniche in großen Bündeln als Glücksbringer, und die „Kette der 1000 Kraniche“ ist durch das Mahnmal in Hiroshima zu einem internationalen Friedenszeichen geworden. Und während und nach der Tsunami- und Reaktorkatastrophen von Fukushima im März 2011 kamen Schulkinder in Deutschland auf die Idee, Papierkraniche zu falten und sie in den Fenstern der Schulklassen als Zeichen der Verbundenheit, des Mitgefühls und der Hoffnung für die Opfer aufzuhängen.

Der Kranich allein in der Literatur Skandinaviens oder Osteuropas wäre ein eigenes, umfassendes Thema, ebenso wie seine Darstellungen in den bildenden Künsten im Laufe der jahrtausendealten Kulturgeschichte der Menschheit. Denn kaum ein anderes Lebewesen auf unserem Planeten hat uns Menschen bis heute so stark beeindruckt, begeistert, im Herzen berührt, beglückt und inspiriert zu Gedanken und Gefühlen über unser eigenes menschliches „Woher“ und Wohin“ im Wolkenmeer der Zeiten.

 

 

Der Kranich

 

Aus himmelstiefem Sonnenglast
trifft mich sein Rufen,
rührt meine stummen Saiten, auf die mein Herz gestimmt.
Tönt mir da Klage?
Urzeitsage jener Welt,
aus der wir unsere kurze Spanne stillen,
und all die Ängste, Atemnot und Hast?
Klingt da die Frage: Woher ich kam
und woraufhin ich leb,
und wer ich bin,
ich Erdengast?

 

 

Der Berg der Töne (Eine Erzählung aus Lettland)

(Zum Lesen anklicken, Lesedauer ca. 5′)

 

 

Die Butterhexe (Eine Begegnung auf der Nordseeinsel Baltrum)

In mir, liebend, dort, wo wir uns treffen, wenn die virtuelle Welt untergeht, bauscht sich das schlohweiße Haar der Witwe Schowe-Nannen im Winde. Ich sitze neben ihr auf der Bank vor ihrem verwitterten, gemütlich in die Dünen geduckten Insulanerhauses, einem der letzten seiner Art, das auf der Insel noch nicht der Sterilisierung durch Normmaße und Sanierungssmaßnahmen zum Opfer gefallen war …. Die Alte hat ihren ganz eigenen, trotzigen Kopf, sehr zum Verdruss der Gemeindevertreter, die das West- und das Ostdorf immer mehr zu Orten touristischer Ausbeutung umzugestalten beabsichtigten, wie sie mir erzählte, und die es auch auf ihre Behausung abgesehen hatten.

“Sie warten doch nur darauf, dass ich sterbe,” sagte sie grimmig, “aber den Gefallen tue ich ihnen nicht so bald.” Stolz hatte sie mir von einem prominenten Politiker erzählt, dem Rechtsanwalt und späterem Innenminister der Republik. Er hatte sich in ihrer Pension mit Frau und Kindern für drei Wochen Sommerfrische einmieten wollen.

“ Seine Koffer standen schon im Flur,” erzählte sie. “Aber es war dem Herrn hier wohl nicht fein genug.  Da hab ich ihm die Koffer eigenhändig wieder vor die Tür gestellt. Konnte sich ja woanders was Besseres suchen. Geld genug haben sie ja , diese Herren. Und genug davon können sie auch nie haben.”

Als Kinder war uns die hagere, weißhaarige Alte nie ganz geheuer gewesen, und ihr selbst schienen die lebhaften Jungen und Mädchen aus der benachbarten Pension ebenfalls nicht besonders lieb zu sein, hatte sie uns doch einige Male mit barschen Rufen aus der Nähe ihres Hauses vertrieben. Wir hatten sie oft heimlich aus unserem Dünenversteck beobachtet, wenn sie etwa draußen ihre Wäsche zum Trocknen aufhing, und riefen ihr manchmal zu – aus sicherem Abstand versteht sich, damit ihre Zauberkräfte uns nichts anheben konnten: “Butterhexe! Butterhexe!” – um sofort durch die Dünentäler und Pfade, davonzujagen, als würde sie uns auf ihrem Reisigbesen durch die Lüfte reitend verfolgen …

Und jetzt saß ich, Jahrzehnte später, vom Zufall und von meiner Neugier hierhergeführt, mit dieser kernigen Alten auf einer Bank in der warmen Mittagssonne eines Pfingstsonntages, und öffnete ihr mein Herz, so wie sie mir das Ihrige öffnete. In ihren Gesichtszügen schienen die vergangenen Jahrzehnte, ja die Zeit  überhaupt angehalten, konserviert.

“Meinen Mann habe ich hier 1926 kennengelernt, auf dem Petroleumlampenabschiedsball. Am nächsten Tag trafen wir uns in den Dünen, beim Brombeerpflücken, da ist es dann passiert, einfach so … . ”
Auf meinen fragenden Bick hin erzählte sie, dass die Insel erst 1926 durch ein Unterwasserkabel mit dem Festland verbunden worden war. Bis dahin hatte es hier keinen elektrischen Strom, kein elektrisches Licht gegeben, nur Petroleumlampen und Kerzen. Der große Zug, der auf dem Festland, in den Städten, schon längst abgefahren war, erreichte die Insulaner erst nach und nach, ebenso wie die abgelegenen Winkel, Wälder, Hinterwäldler und Bergigpfel. Manchmal, so wie hier auf den ostfriesischen Inseln, erst nach Jahrzehnten.

Verträumt lächelnd, vom Sonnenlicht einer fernen Erinnerung liebkost, blickte sie ins Weite, während sie sich das wehende Haar aus den weicher gewordenen Gesichtszügen strich. Ich lauschte dem Winde,  den verklungenen Worten. Petroleumlampenabschluss -ball … an diesem Ort klang es, als wäre es gestern erst gewesen.

Helgoland und der Dichter James Krüss

(Lesedauer 5′)

Gleich einem versteinerten Ungetüm aus namenloser Vorzeit ragt die Insel Helgoland mitten in der Nordsee. Lauert dieses Ungetüm, auf tägliche fette Touristenbeute? Sein ins rote spielender Leib, von dünneren weißen Schlieren im Sandstein gerippt, erhebt sich schroff abweisend und zugleich abenteuerlich anziehend aus dem Meer.

Vom Flieger aus werden auf dem Rücken des Riesenfossils die Narben sichtbar, die das titanische Bombardement der Engländer am Ende des 2. Weltkrieges hinterlassen haben. Die Witwe Schowe-Nannen, ein altes Batrumer Original, – als Kinder hatten wir sie in den sechziger Jahren aus sicheren Dünenverstecken heraus mit den Rufen „Butterhexe, Butterhexe!“ bis zur Weißglut geärgert – sie hatte mir während meiner Studentenzeit, da ich mich bei ihr eingemietet hatte erzählt, wie das Grollen des Bombardements, gewaltige Rauchwolken, ja sogar die Erschütterungen bis nach Baltrum zu merken gewesen waren.

Der Felsenpanzer Helgolands hielt jedoch der Zerstörungswut stand.
Damals krochen die Bewohner aus den unterirdischen Felsengängen und Schutzkellern wieder ans Licht des Tages zurück und bauten ihre Häuser neu auf. Bis heute haben diese ihr nüchternes Erscheinungsbild aus jenen Nachkriegsjahren beibehalten. Sie stehen sogar unter Denkmalschutz, doch wird die Insel, jedenfalls aus Luft besehen, nicht schöner.

Die rot-blauen Hummerbuden und Häuserzeilen, die im Unter-und Oberland dicht zusammendrängen, von engen Gässchen und Straßen schnurgerade zerteilt, wirken aus der Luft betrachtet beinahe wie pockenartige Auswüchsen auf dem schweren, schründig-kantigen Leib des Fossils.Die die Hafeneinfahrt schützenden Buhnen und Kaimauern leuchten fahl wie riesige, skelettierte Kieferteile. Sie lassen für die weißen Dampfer und ihre Passagiere nicht Gutes erahnen.

Mein Auge sucht vergebens nach Bäumen, die zwischen Erde und Himmel Schatten und Lebensatem spendend vermitteln. Einzig die Türme der Kirche und des Leuchtfeuers und ein clownesk gestreifter Sendemast erheben sich in die ungewöhnlich klare, reine Luft. So sticht auf dem kahlen Hochplateau, das sich weit bis zur Nordspitze hin erstreckt, im Sommer die Sonne erbarmungslos auf etwaige Touristen und Tabak-oder Schnapskäufer, die sich bis hierhin verirrt haben, herab.

Nur wenige schaffen es bis hierher zum Reich der Lummen.
Dem abendlichen Wanderer jedoch, der, nachdem die Hamsterströme wieder auf dem Festland angelandet sind, hier eine abendliche Runde macht, ihm enthüllt sich in der Stille des Abends etwas vom einstigen Zauber dieses Eilandes, dem diejenigen nah verbunden waren, die diesen Ort vor Jahrhunderten „Heiliges Land“ (=Helgoland) nannten. Caspar David Friedrichs „Mönch am Meer“ – hier könnte er auch gewandelt sein.

Alle Unruhe und alle lockende Fassade einer konsumgetriebenen Welt fällt ab. Die von sanftem Grün und duftenden Hundsrosen überwucherten Bombentrichter geben dem Plateau den Charakter einer anmutig geschwungenen Hügellandschaft. Etwas Zeitlosem beginnt sich der Wanderer näher zu fühlen, da die kupferrote, noch kräftige Abendsonne die „Lange Anna“ tief erröten lässt.

Schon funkelt die Venus, der sich schon bald Stern um Stern hinzugesellt. Wohl an kaum einem anderen Orte Deutschlands öffnet sich hier ein sternklarer Himmel von derartiger Tiefe, dass es dir schier den Atem verschlägt.
Nach einer Weile stehst du dann vielleicht am Klippenrand; aus der Tiefe, vom trümmerübersäten Strand herauf vernimmst du das endlose Anbranden, spürst fröstelnd die kühlen Aufwinde. Schwarz und riesiger wirkend als bei Tage grüßt die Silhouette der „Langen Anna“ schweigend herüber. Phosphoreszierend schimmern die heranrollenden Wogenkämme weit unter dir auf dem Meere.

Dort draußen, und nicht auf dem kleinen Inselfriedhof, grüßt du den dort einst den Elementen übergebenen Dichter, dessen Verse, Moritaten, Lieder und Geschichten dich als Kind so anrührten, und die Seele des Dichters, der hier geboren wurde, grüßt zurück:

„Irgendwo ins grüne Meer hat ein Gott mit leichtem Pinsel lächelnd, wie von ungefähr, einen Fleck getupft: die Insel. Und dann hat er, gutgelaunt, Menschen diesem Fels zugegeben und den Menschen zugerufen: liebt die Welt und liebt das Leben!“

 

 

Musik: Zwei trad. Melodien von der Insel Gotland, bearbeitet von J.M., gespielt auf der Nyckelharpa (J. Motog), Violine (Cornelia Francke), Viola (Ingolf Lienau), Gitarre (Dietmar Weitkus) und Jürgen Ochner (Percussion). Aufnahme September 2001, Brüderkirche Lippstadt/ Westf., Tonmeister Martin Wagner, Kassel.