Wanderungen im Norden

Vårdindar friska

Frische Frühlingswinde spielen
flüsternd in den Waldeswipfeln.
Wie ein Liebespaar sind Wind und Wald.
Ströme drängen, treiben,
finden nicht eher Ruh,
bis mit brausender Welle sie
ins Meer sich stürzen.

Wehmütig lauscht mein ruheloses Herz
dem Klang des Weidenhorns von den Klippen her.
Der Wassermann spielt,
spielt seine Sehnsucht hinaus
weit über Berg und Tal.

Fast will brechen mir mein Herz.
Ach, ist es das letzte Mal,
das ich dem Sehnsuchtssang des Wassermanns lausche?
Erinnerung heißt sein Lied,
an liebesleuchtende Augen, an Abschiedsschwere,
Kuss um Kuss aus ruhelosem Herz.

Grün prangten Täler und Hügel,
trunken vor Glück sang die Amsel.
Der Wassermann aber spielt,
spielt seine Sehnsucht hinaus
weit über Berg und Tal.

(Julia Nyberg/ Übertragung aus dem Schwedischen: J.M.)

 

Helgoland und der Dichter James Krüss

(Lesedauer 5′)

Gleich einem versteinerten Ungetüm aus namenloser Vorzeit ragt die Insel Helgoland mitten in der Nordsee. Lauert dieses Ungetüm, auf tägliche fette Touristenbeute? Sein ins rote spielender Leib, von dünneren weißen Schlieren im Sandstein gerippt, erhebt sich schroff abweisend und zugleich abenteuerlich anziehend aus dem Meer.

Vom Flieger aus werden auf dem Rücken des Riesenfossils die Narben sichtbar, die das titanische Bombardement der Engländer am Ende des 2. Weltkrieges hinterlassen haben. Die Witwe Schowe-Nannen, ein altes Batrumer Original, – als Kinder hatten wir sie in den sechziger Jahren aus sicheren Dünenverstecken heraus mit den Rufen „Butterhexe, Butterhexe!“ bis zur Weißglut geärgert – sie hatte mir während meiner Studentenzeit, da ich mich bei ihr eingemietet hatte erzählt, wie das Grollen des Bombardements, gewaltige Rauchwolken, ja sogar die Erschütterungen bis nach Baltrum zu merken gewesen waren.

Der Felsenpanzer Helgolands hielt jedoch der Zerstörungswut stand.
Damals krochen die Bewohner aus den unterirdischen Felsengängen und Schutzkellern wieder ans Licht des Tages zurück und bauten ihre Häuser neu auf. Bis heute haben diese ihr nüchternes Erscheinungsbild aus jenen Nachkriegsjahren beibehalten. Sie stehen sogar unter Denkmalschutz, doch wird die Insel, jedenfalls aus Luft besehen, nicht schöner.

Die rot-blauen Hummerbuden und Häuserzeilen, die im Unter-und Oberland dicht zusammendrängen, von engen Gässchen und Straßen schnurgerade zerteilt, wirken aus der Luft betrachtet beinahe wie pockenartige Auswüchsen auf dem schweren, schründig-kantigen Leib des Fossils.Die die Hafeneinfahrt schützenden Buhnen und Kaimauern leuchten fahl wie riesige, skelettierte Kieferteile. Sie lassen für die weißen Dampfer und ihre Passagiere nicht Gutes erahnen.

Mein Auge sucht vergebens nach Bäumen, die zwischen Erde und Himmel Schatten und Lebensatem spendend vermitteln. Einzig die Türme der Kirche und des Leuchtfeuers und ein clownesk gestreifter Sendemast erheben sich in die ungewöhnlich klare, reine Luft. So sticht auf dem kahlen Hochplateau, das sich weit bis zur Nordspitze hin erstreckt, im Sommer die Sonne erbarmungslos auf etwaige Touristen und Tabak-oder Schnapskäufer, die sich bis hierhin verirrt haben, herab.

Nur wenige schaffen es bis hierher zum Reich der Lummen.
Dem abendlichen Wanderer jedoch, der, nachdem die Hamsterströme wieder auf dem Festland angelandet sind, hier eine abendliche Runde macht, ihm enthüllt sich in der Stille des Abends etwas vom einstigen Zauber dieses Eilandes, dem diejenigen nah verbunden waren, die diesen Ort vor Jahrhunderten „Heiliges Land“ (=Helgoland) nannten. Caspar David Friedrichs „Mönch am Meer“ – hier könnte er auch gewandelt sein.

Alle Unruhe und alle lockende Fassade einer konsumgetriebenen Welt fällt ab. Die von sanftem Grün und duftenden Hundsrosen überwucherten Bombentrichter geben dem Plateau den Charakter einer anmutig geschwungenen Hügellandschaft. Etwas Zeitlosem beginnt sich der Wanderer näher zu fühlen, da die kupferrote, noch kräftige Abendsonne die „Lange Anna“ tief erröten lässt.

Schon funkelt die Venus, der sich schon bald Stern um Stern hinzugesellt. Wohl an kaum einem anderen Orte Deutschlands öffnet sich hier ein sternklarer Himmel von derartiger Tiefe, dass es dir schier den Atem verschlägt.
Nach einer Weile stehst du dann vielleicht am Klippenrand; aus der Tiefe, vom trümmerübersäten Strand herauf vernimmst du das endlose Anbranden, spürst fröstelnd die kühlen Aufwinde. Schwarz und riesiger wirkend als bei Tage grüßt die Silhouette der „Langen Anna“ schweigend herüber. Phosphoreszierend schimmern die heranrollenden Wogenkämme weit unter dir auf dem Meere.

Dort draußen, und nicht auf dem kleinen Inselfriedhof, grüßt du den dort einst den Elementen übergebenen Dichter, dessen Verse, Moritaten, Lieder und Geschichten dich als Kind so anrührten, und die Seele des Dichters, der hier geboren wurde, grüßt zurück:

„Irgendwo ins grüne Meer hat ein Gott mit leichtem Pinsel lächelnd, wie von ungefähr, einen Fleck getupft: die Insel. Und dann hat er, gutgelaunt, Menschen diesem Fels zugegeben und den Menschen zugerufen: liebt die Welt und liebt das Leben!“

 

 

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 Schattenspiele

Ein Gang durch das nächtliche Visby

I

Mir, dem späten Heimkehrer, begannen die letzten Lichter, Schatten, Gemäuer, die winkligen Behausungen und Gässchen des nächtlichen Visbys mit dem Winde, der vom Meere herwehte, leise zuzuraunen. Von lang zurückliegenden Zeiten flüsterte, wisperte, raunte es von Heimlichem und Unheimlichem, von Lautem und Leisem, Gutem wie Bösem, von Schreien, Schmerz, von Qualen des Kampfes und der Liebe …

Täuschte ich mich? Versuchten nicht dort an der Stadtmauer wieder wie einst König Waldemar Atterdags todesverachtende Mannen über hastig angelehnte Leitern die Wehrgänge der Stadtmauer zu erklimmen? Lautlos schwirrende Pfeile, Armbrustbolzen, die in Brustpanzer und Helme eindrangen, funkenstiebendes Metall auf Metall, aufspritzendes Blut, die fürchterliche Melodie von Kampf und Sterben …

Aus einem tiefdunklen Winkel löste sich ein Schatten, näherte sich dem nächtlichen Heimkehrer, größer und größer werdend, schließlich zum Greifen nahe. Stumm und schleppend bewegte sich die schwarze, schemenhafte Gestalt nun die Gasse hinab Richtung Domklippe, vorbei am Schandpfahl, und folgte ihm zögernd.
Die dunklen Fensterhöhlen, die schwarzen Schlünde der Toreinfahrten schienen den späten Fußgänger misstrauisch zu beobachten. Wo willst du hin, Wanderer?
War dies nicht die wichtigste von allen Fragen, über all die Jahrhunderte seit dem Mittelalter hinweg, die sich die alten Gemäuer da zuraunten? Wohin will einer, wohin geht und woher kommt er, wenn er seinen Fuß auf eine Insel, in diese uralte Stadt, dieses Rom des Nordens setzt?

Viele waren seit den letzten Jahrzehnten des 12. Jahrhunderts jahrhundertelang mit den Pilgerschiffen und später mit den Seglern der Hanse in diese lichte, uralte, kosmopolitische Stadt gekommen, um von hier aus, mit neuem Proviant, frischem Wasser und Handels- und Tauschwaren aus Nowgorod, Köln, Lübeck, Bergen, Birka… versehen aufzubrechen ins neue heilige Land Livland, dem Land der Jungfrau Maria …Viele kehrten nie von dort zurück auf die Insel. Andere kamen nur für eine kurze Zeitspanne, blickten in die lachenden oder ernsten Augen eines Mädchens und blieben für immer… .

Merkwürdiges Wort: für immer. Denn von den wenigsten wissen wir noch die Namen oder kennen ihre Antlitze, und ihre Stimmen sind für immer verklungen.
Der Wanderer schien hinter den dunklen, stillen Fenstern etwas oder jemanden zu suchen. Wenn er zögernd seine Schritte verlangsamte und hier und da innehielt, verharrte auch sein Schattenbruder reglos, der ihm die ganze Zeit lautlos gefolgt war, aber nicht wie ein bedrohlicher Verfolger, der Böses im Schilde führt, sondern wie einer, der über den Andern ein wachsames Auge hat, wie ein schützender Engel des Lebens, der den andern friedlich begleitet und an den Grenzen des Lebens, dort wo die Angst lebt, sich in den Engel des Todes verwandelt, manchmal, wachsend, manchmal dem Wanderer vorausgleitend. Dann wieder schrumpft er zusammen oder verschwindet ganz im Schatten einer Mauer.

Dem Wanderer ist die Gegenwart seines Begleiters wohl bewusst – man sieht es den Bewegungen seines Kopfes, seines Körpers, seinen Schritten an. Es sind nicht die Schritte eines, der auf der Flucht vor einem Verfolger kopflos davoneilt, ohne zu wissen wohin. Es ist der Gang eines, der weiss, dass er ohne seinen Begleiter letztlich nur irren würde. Denn sein Schattenbruder kennt den Weg dessen, den er begleitet, tiefer und genauer als dieser selbst. Und es ist auch nur dieser Schattenbruder, der die Kämpfe, Schicksale und Geschichten, die sich in den Gassen, hinter den Mauern der Hütten und Häuser, in den Sälen der Paläste, Kirchen und Klöster in den Jahrhunderten zugetragen haben, zu ahnen, zu sehen und zu vernehmen vermag. Er sieht die Seelen der einst Lebenden kauern in der traurigen Verborgenheit der dunkelsten Ecken, in der gähnenden Leere einsamer Dachböden und in den lichtlosen Kellern und Gewölben, die die Kalkklippen unterhöhlen, auf denen die uralte Stadt gleich einem Korallenriff auf den Überresten und Ruinen des Untergegangenen wuchs, immer neue Blüten und Formen austreibend …
Auch nach Jahrhunderten gibt es viele, die noch nicht losgekommen sind von ihrem Schicksal, dass sie sich selbst und anderen einst bereiteten; die zwanghaft festhalten, weiter irren, die sich nicht zu lösen vermochten von ihrer Gier nach Schätzen, nach Gold, nach Ansehen und Stellung. Sie irren umher, suchen nach geraubten Schätzen, gieren nach Vergeltung oder harren sehnsüchtig auf die Wiederkehr von längst Abgeschiedenen, die erschlagen, geschändet wurden, bei lebendigem Leibe verbrannten oder die nie zurückkehrten aus der Weite der Meere. Und wieder andere sind da, die suchen vergebens ihre einstigen Stätten, die Orte ihrer Liebe, ihres Alltags, ihrer Arbeit, ihres Gebetes, und in all dem wühlen sie nach verzweifelt nach dem Sinn, den sie, da sie noch ihre Körper besaßen, im Leben nicht finden konnten.

All diese Schattenseelen beginnen sich zu regen, lösen sich aus ihren kalten, klammen Erstarrungen und folgen, je länger, je mehr, dem Schattenbruder und seinem Vorbild. Und so, da sich die Sichtbaren und Unsichtbaren treffen, berührt ein unheimlicher Hauch das Herz des Heimkehrers, der nicht ahnt, dass es immer mehr werden, die ihm und seinem Bruder unmerklich nachfolgen.

“Wohin, wohin geht es hinaus?” haucht und weht dieses Unheimliche mit der Stimme des Nachtwindes. “Ihr Lebenden von heute und ihr Lebenden von damals, die ihr mit euren Lebensschiffen am anderen Ufer längst ankommen durftet, und vielleicht schon wieder zurückgekommen seid, weist uns einen Weg hinaus aus dem Ungelösten, Erstarrten, dem zwanghaften Festhalten am Unabänderlichen. Zeigt uns das Licht eines Ausweges und eines guten Ausgangs.”

Immer mehr und mehr werden es, die da heranströmen, ein lautlos sich verdichtetender Zug, ja, eine Prozession von Männern, Frauen, Kindern, Greisen, Händlern und Handwerkern, Rittern und Knappen, Landsknechten, Bettlern, Huren, Mönchen Nonnen und Bischöfen, den Krüppeln und von Krankheit, Hunger und Armut Entstellten. Sie folgen dem nächtlichen Wanderer, weil sie sein Licht, sein Lebenslicht spüren. Ach, kein helles, gleißendes Licht ist es, sondern ein stilles Leuchten nur, gleich dem schimmernden, phosphoreszierenden Meeresleuchten.

II
Die alten Pfeiler und Säulen und die Gewölbereste von Sankt Nikolai wußten von den ersten Tönen an nicht mehr wie ihnen geschah. Sie fühlten, dass neues, strömendes Leben in sie hineinzog wie im Frühling die Säfte aufsteigen in den mächtigen Stämme alter Bäume. Die Steine fühlten eine neue, größere, hellere Zeit mit ihrem Gesang und mit einer anderen, fremdartigen Größe, zu der die alten Gewölbe, ihre Schlusssteine, Joche, Bögen und Kapitelle und der tausendjährige Efeustamm hinablauschten und nicht anders als ein großes Ja zu sagen vermochten zu diesen Klängen. Eine Tonsprache aus leidenschaftlichen Fragen und Bestätigungen, bangen Zweifeln, sehnsuchtsvollen Ängsten und schmerzlichem Zurückgeworfensein, kraftvollem, überströmenden Ja und einem nie gekannten Einssein auf welches die Steine nun singend antworteten…

Die vier Musikerinnen und der Pianist, die an ihren Instrumenten arbeiteten wie Ruderer im strömenden Meer der Überfülle von Themen und Gegenthemen, von Wellentälern und Wellenbergen, sie schienen um ihr Leben zu spielen. Ja, die Musik wurde in diesem der Zeit entrückten Ort zum Leben selbst, das alle Gegenwart ganz und gar einnahm. Wie Nornen, die mit heiterem Ernst Schicksalsfäden auf den Saiten ihrer Instrumente ausspinnen zu ungeheuren, lebendigen, leidenschaftlich-liebvollen Mustern…

Ab und zu suchte ich, der ich völlig unbeabsichtigt, nur durch den unerforschlichen Zufall hierher geführt worden war, die Augen jener Frau, die ich vor dem Konzert angesprochen hatte. Ob sie jetzt fühlte wie ich? Der Schattenbruder folgte lächelnd diesen verstohlen suchenden Blicken, und er schien zu sagen: „Du kannst nichts weiter tun, außer loszulassen. Das ist dein und mein Gesetz. Alles, was du festzuhalten suchst, wirst Du verlieren …“ .

A l l e s und j e d e s, das festhält, verliert seine Lebendigkeit, stirbt ab …
Als ich das begreife, spüre ich ein Leuchten – ein Leuchten, das von Augenblick zu Augenblick stärker und stärker wird. Durch die Prozession der Unerlösten, der unglücklichen Schatten, die sich hinten im leeren, unbestuhlten Chor von Sankt Nikolai dicht zusammendrängt haben, geht eine Unruhe, ein Vorwärtsdrängen. Alle trachten und drängen nach vorne, um der  Quelle des Leuchtens näher zu sein und es zu spüren – wie die Wärme eines Feuers in einer kalten Nacht. Denn das warme Leuchten ist für sie Antwort, Lösung und zugleich Nahrung für ihre verzehrten, ausgehungerten Seelen.

Am stärksten aber wird das Leuchten, ja Glühen dort auf dem Podium, wo die Musikerinnen das Streichquintett von Faure’ spielen. Jeden Ton, jede Phrase ergreifen die norwegischen Musikerinnen und ihr Pianist mit absoluter Hingabe als ihre ureigene lebendige Welt, sie im nächsten Moment loslassend, um den entstehenden Raum und die Zeit einer nächsten und übernächsten Welt zu überlassen …

Und dort nun wuchs und verging – in mir liebend, dort, wo wir uns treffen, wenn die virtuelle Welt untergeht – dort wächst und vergeht aber- und abermals selige Gegenwart, die sich vom Vergangenen löst und erlöst, Räume und Zeiten für neues Leben und neue Entwicklungen schaffend… .

(Visby auf Gotland, Juli/ August 1998)

 

Vårvindar friska (Schwedischer Vorfrühling)

(Volksweise, Text: Julia Nyberg/ Übertragung aus dem Schwedischen: J.M.)

Frische Frühlingswinde spielen
flüsternd in den Waldeswipfeln.
Wie ein Liebespaar sind Wind und Wald.
Ströme drängen, treiben,
finden nicht eher Ruh,
bis mit brausender Welle sie
ins Meer sich stürzen.

Wehmütig lauscht mein ruheloses Herz
dem Klang des Weidenhorns von den Klippen her.
Der Wassermann spielt,
spielt seine Sehnsucht hinaus
weit über Berg und Tal.

Fast will brechen mir mein Herz.
Ach, ist es das letzte Mal,
das ich dem Sehnsuchtssang des Wassermanns lausche?
Erinnerung heißt sein Lied,
an liebesleuchtende Augen, an Abschiedsschwere,
Kuss um Kuss aus ruhelosem Herz.

Grün prangten Täler und Hügel,
trunken vor Glück sang die Amsel ihren Brautgesang.
Der Wassermann aber spielt,
spielt seine Sehnsucht hinaus
weit über Berg und Tal.

 

Bornholm, Paradiesbakken

Alle Last hält sich die Waage,
dunkle Dichte ist verstoben.
Jedweder Weg und Wesen woll’n dir trauen,
alle Schwere scheint gehoben.

Wie des starren Steines lichte Seele,
den gelb versprühten Flechten gleichend,
harrt eine Ammer.
Doch jäh, den feinen Leib durchzitternd
spannt sie den Bogen ihrer Seele,
schlägt an, als sollt ihr Herz zerspringen.

Dann löst sich ab ein Pfeil aus Licht und Klang,
durchfliegt des Felsenpfades Enge,
den warmen Atem des Granits,
durchschwirrt den Blütenrausch,
im Sonnenglast die Meeresferne.

(Insel Bornholm, 1997)

Kraniche – Boten des Frühlings und des Glücks

(Gekürzte Erstveröffentlichung in der Epoche Times im März 2013)

 

Jetzt sind sie wieder da, jene lichtdurchfluteten Tage, in denen wir, obwohl noch Nachtfrost und kalte Winde herrschen, mit Gewissheit spüren: der Frühling ist da, wohl auch, weil die Erinnerung an das lange, kalte Dunkel noch so nah ist. Noch staunen und verwundern wir uns täglich, wie früh es hell wird und wie merkbar länger sich abends Sonnenuntergang und Dämmerung dehnen. Wer an solchen Tagen das Glück hat, vom Rufen ziehender Kraniche getroffen zu werden, und wer dann suchend aufschaut, um diese lebenden Zeichen am Himmel zu entdecken und mit Ohr und Auge zu verfolgen, der ahnt und fühlt beglückt, dass er Teil hat an etwas Planetarischem, ja Kosmischen.

Auf meinem Weg vom Parkplatz bei Bjurum am Hornborgasee im schwedischen Västergötland hinauf zu einem hügeligen Beobachtungsplatz traue ich kaum meinen Ohren. Die Luft scheint überall erfüllt von an– und abschwellenden Lauten, von nahen und ferneren Fanfarenstößen. Je näher ich komme, desto stärker verdichten sich diese Laute zu einem erregt wogenden Meer von Tönen aus tausenden von Vogelkehlen. Der Anblick, der sich mir dann auf die Niederung unterhalb der umzäunten Anhöhe bietet, verschlägt mir die Sprache. Für einige Augenblicke schließe ich die Augen, lausche. Es ist, als wären diese Töne auf mein Gefühl abgestimmt, in einer fremden Sprache zwar, doch unmittelbar herzergreifend. Was schwingt da alles mit: zärtlich gurrendes, werbendes Schluchzen, forderndes Trompeten, schmerzvolle Abwehrschreie, ekstatisches Aufjauchzen in allen dynamischen Schattierungen.

Die plötzliche Nähe und unglaubliche Fülle der sonst so überaus scheuen, die Einsamkeit und totale Abgeschiedenheit von Mooren und Waldlichtungen suchenden Vögel hat etwas Überwältigendes und Beglückendes. Immer neue Kraniche, einzeln, paarweise oder in kleineren Formationen, gleiten majestätisch heran, um sich auf der Wiese vor mir in den großen Tanz einzureihen. Sobald sie sich im Landeanflug aus ihrer vollkommen gestreckten Flughaltung gelöst haben, scheinen sie den Erdboden mit ihren langen Beinen und Krallen ergreifen zu wollen. Kaum haben sie aufgesetzt, beginnt ihr ekstatisches Treiben: hohe Sprünge, von heftigem Flügelschlagen begleitet, eindringliche „Verneigungen“ gegeneinander, einknickende Bewegungen der Beine, erregtes Umherstolzieren, Hochwerfen von Erde und Pflanzenteilen – Anmut und Würde, Aggression und Passion, vereint in totaler Hingabe, welche sie die Nähe von uns Menschen, ihren gefährlichsten Feinden, nahezu vergessen lässt.

Nüchtern spricht der Vogelkundler hier vom Balzverhalten. Aber dieses Schauspiel scheint noch etwas Größeres zu meinen. Darin liegen etwas Festlich-Freudiges, Werbendes, Hochzeitliches, rivalisierende Leidenschaft, Verteidigung und Kampf um die Auserwählte, Wiedersehensfreude und auch Abschiedsschmerz nach einem langen gemeinsamen Zug über tausende von Kilometern von Süd nach Nord.
Doch bald schon werden sich die Kraniche wieder die kommenden warmen Monate über in die paarweise  Absonderung zurückziehen, um ihre Nester zu bauen, zu brüten, ihre Jungen großzuziehen. Erst im Herbst, nach dem kurzen, intensiven Sommer der Nordhalbkugel unseres Planeten, werden sie sich an den großen Sammelplätzen wie z.B. hier in Bjurum/ Dagsnäs am schwedischen Hornborgasee im Westgötaland wiedertreffen, sich erneut zu großen Zügen vereinen, um zielstrebig und mit wunderbarer Unfehlbarkeit südlichere und wärmere Gefilde aufzusuchen.

Zunehmend ist dabei in den letzten 25 Jahren zu beobachten, wie eine von Jahr zu Jahr zunehmende Zahl von Kranichen ihre Winterquartiere etwa schon im milderen Nordeutschland aufschlagen, und sich damit die ganz weiten Entfernungen ersparen.
Inmitten des unübersehbaren Treibens unter mir rasten, scheinbar unberührt, die weiß- leuchtenden und um so viel schwerfälligeren Sing- und Höckerschwäne, die unauffälligeren Grau-, Nonnen- und Ringelgänse; eine Wolke hunderter von Staren fällt schwatzend ein, verstummt urplötzlich wieder und fliegt wie ein Wesen auf einen Zauberschlag wieder auf; das mischt sich mit Krähen- und Kiebitzrufen zu einer ungeheuren Frühlings- und Fruchtbarkeitssymphonie, gekrönt vom Morgenjubel der Lerche hoch oben im tiefen Blau des Himmels.

Ich fühle, dass ich teilhabe an der Äußerung einer großen, gewaltigen Kraft, welche Abertausenden von einzelnen Vögeln ihren verbindenden Stempel aufdrückt, stärker vielleicht noch als beim keilförmigen Flug im Reich von Licht und Luft., denn dies hier spielt sich kaum fünfzig, hundert Meter entfernt von mir auf dem Erdboden ab, auf dem auch ich stehe. Fast handgreiflich spürbar wird hier das morphogenetische Feld, die Gruppenseele , die Vögel hier so leidenschaftlich vereint…

Später am Tage, vor Sonnenuntergang und noch kurze Zeit danach, wenn die Vögel sich anschicken, ihre Schlafplätze im flachen Wasser des Sees aufzusuchen, spielt sich dann das umgekehrte Schauspiel ab. Womöglich ist das „Gru Gru“ der abziehenden Tiere noch inniger, noch zärtlicher, noch wehmütiger. Wunderbar hat der finnische Komponist Einojuhani Rautavaara in seiner Komposition für Orchester und Vogelstimmen, dem „Cantus Arcticus“, dieses Stimmungsbild erfasst.

In kleinen Gruppen, zu zehn oder zwanzig, streichen die Vögel nordwärts ab, dem flachen Wasser des Hornborga zu. Dicht gleiten ihre Silhouetten über den im letzten Licht aufleuchtenden Wasserspiegel. Ein letzter, großer Schwarm von vielleicht zweihundert Vögeln fliegt wie auf ein geheimes Zeichen hin auf, und gegen 21 Uhr haben sich die letzten Tiere im Grau-Rot des Abendhimmels „aufgelöst“ . Der Tanzplatz wird nun leer bleiben bis Sonnenaufgang. Doch die ganze Frühlingsnacht wird es nicht wirklich still werden – seien es die erregt schluchzenden Laute der Singschwäne, die hellen Kiebitzschreie und nicht zuletzt, von weit draußen vom See her, das ferne, vielstimmige, nur langsam abklingende „Gru Gru“.

Seit rund sechzig Millionen Jahren gibt es Kranicharten auf unserem Planeten – heute sind es weltweit noch 15 verschiedene Arten, deren eine der in Mittel- und Nordeuropa verbreitete Graue Kranich (grus grus) ist. Diese größten unter den Vögeln, die so viele menschenähnliche Verhaltensweisen zeigen – lebenslange Ehe, sorgfältige Pflege der Jungen, ihre Zeremonien und Tänze – haben seit Jahrtausenden die schöpferische Phantasie und mythenbildenden Vorstellungskräfte von Menschen in nahezu allen Erdgegenden angeregt – unmöglich ist es an dieser Stelle, die Fülle dieser Vorstellungen und Mythen zu erfassen.

Für den Chinareisenden etwa ist das Bild des Kranichs nahezu allgegenwärtig, nicht nur im Alltag bei vielen Alltagsgegenständen, oder etwa auf dem Klangkörper der traditionellen Zither Ghu Zheng in Form kunstvoller Säge- oder Schnitzarbeiten, sondern auch in der Kulturgeschichte.

Für Laotse war der Kranich Mittler zwischen diesseitiger und jenseitiger Welt, Botschafter einer himmlischen Sphäre, ein Reittier für die Götter oder für Heilige auf dem Wege nach „oben“. Starb etwa ein taoistischer Priester, so stellte man sich die sich von der diesseitigen Welt ablösende Seele als einen gefiederten Kranich vor – der Kranich also als Symbol der unsterblichen Seele und eines langen, ewigen Lebens. (In Analogie dazu: Kraniche können Flughöhen von bis zu 10 00 Metern erreichen und non stopp bis zu 2000 Kilometern fliegen!)

Vor allem aber sind es wohl Eigenschaften wie die Körpergröße, das aufrechte Stolzieren, das Aufspringen, die berührenden Laute und das mächtige, raumerfüllende Trompeten und ihr geheimnisvolles , immer wiederkehrendes zeichenhaftes Erscheinen am Himmel um die großen Tag- und Nachtgleichen herum, die die Menschen bewogen haben, Kraniche als Boten oder Verkörperungen von etwas Göttlichem zu betrachten. Auch ihr Federkleid (insbesondere das des Mandschurei-Kranichs mit seinem leuchtend roten Scheitel, dem schneeweißen Gefieder mit den kontrastierenden schwarzen Verzierungen) spielte für das Attribut des Göttlichen eine Rolle. Als weiß gefiederter Vogel galt er nicht nur als Bote der Reinheit und Unsterblichkeit, sondern auch des Glücks, der Treue, der Liebe und Unzertrennlichkeit.

… „ So unter Sonn und Monds wenig verschiedenen Scheiben/ Fliegen sie hin, einander ganz verfallen./ Wohin ihr?/ Nirgendhin. / Von wem davon?/ Von allen./ Ihr fragt, wie lange sind sie schon beisammen?/ Seit kurzem./ Und wann werden sie sich trennen?/ Bald./ So scheint die Liebe Liebenden ein Halt. ( Berthold Brecht: Die Liebenden).

Auch im alten Ägypten spielten die Kraniche als Götter- und Seelenvögel, doch auch als Opfertiere im Tempel und sogar als Nahrungsmittel – nicht für die Götter, sondern auch für den Menschen – eine wichtige Rolle. So wurden sie mit Netzen gefangen und als Geflügel zusammen mit Enten, Tauben, Hühnern und Gänsen gehalten und gemästet.
Im griechischen Mythos sind Kraniche die beständigen Begleiter der Erdgöttin Demeter. Als Teil von Sonnen- und Fruchtbarkeitskulten sind Kranichtänze überliefert , die besonders im Frühjahr getanzt wurden. So wurde im Mittelalter an den Höfen der „Crue“ getanzt, und vom Carnevale im spätmittelalterlichen Florenz ist ein Kranich-Madrigal überliefert, in dem die Balzlaute und die Bewegungen des Kranichs lautmalerisch vertont sind.

In vielen japanischen Häusern hängen heutzutage aus buntem Papier gefaltete stilisierte Kraniche in großen Bündeln als Glücksbringer, und die „Kette der 1000 Kraniche“ ist durch das Mahnmal in Hiroshima zu einem internationalen Friedenszeichen geworden. Und während und nach der Tsunami- und Reaktorkatastrophen von Fukushima im März 2011 kamen Schulkinder in Deutschland auf die Idee, Papierkraniche zu falten und sie in den Fenstern der Schulklassen als Zeichen der Verbundenheit, des Mitgefühls und der Hoffnung für die Opfer aufzuhängen.

Der Kranich allein in der Literatur Skandinaviens oder Osteuropas wäre ein eigenes, umfassendes Thema, ebenso wie seine Darstellungen in den bildenden Künsten im Laufe der jahrtausendealten Kulturgeschichte der Menschheit. Denn kaum ein anderes Lebewesen auf unserem Planeten hat uns Menschen bis heute so stark beeindruckt, begeistert, im Herzen berührt, beglückt und inspiriert zu Gedanken und Gefühlen über unser eigenes menschliches „Woher“ und Wohin“ im Wolkenmeer der Zeiten.

 

 

Der Kranich

 

Aus himmelstiefem Sonnenglast
trifft mich sein Rufen,
rührt meine stummen Saiten, auf die mein Herz gestimmt.
Tönt mir da Klage?
Urzeitsage jener Welt,
aus der wir unsere kurze Spanne stillen,
und all die Ängste, Atemnot und Hast?
Klingt da die Frage: Woher ich kam
und woraufhin ich leb,
und wer ich bin,
ich Erdengast?

 

 

 

Rondo   

Der Berg der Töne (Eine Erzählung aus Lettland)

(Zum Lesen anklicken)

 

Rondo 

Die Butterhexe (Eine Begegnung auf der Nordseeinsel Baltrum)

In mir, liebend, dort, wo wir uns treffen, wenn die virtuelle Welt untergeht, bauscht sich das schlohweiße Haar der Witwe Schowe-Nannen im Winde. Ich sitze neben ihr auf der Bank vor ihrem verwitterten, gemütlich in die Dünen geduckten Insulanerhauses, einem der letzten seiner Art, das auf der Insel noch nicht der Sterilisierung durch Normmaße und Sanierungssmaßnahmen zum Opfer gefallen war …. Die Alte hat ihren ganz eigenen, trotzigen Kopf, sehr zum Verdruss der Gemeindevertreter, die das West- und das Ostdorf immer mehr zu Orten touristischer Ausbeutung umzugestalten beabsichtigten, wie sie mir erzählte, und die es auch auf ihre Behausung abgesehen hatten.

“Sie warten doch nur darauf, dass ich sterbe,” sagte sie grimmig, “aber den Gefallen tue ich ihnen nicht so bald.” Stolz hatte sie mir von einem prominenten Politiker erzählt, dem Rechtsanwalt und späterem Innenminister der Republik. Er hatte sich in ihrer Pension mit Frau und Kindern für drei Wochen Sommerfrische einmieten wollen.

“ Seine Koffer standen schon im Flur,” erzählte sie. “Aber es war dem Herrn hier wohl nicht fein genug.  Da hab ich ihm die Koffer eigenhändig wieder vor die Tür gestellt. Konnte sich ja woanders was Besseres suchen. Geld genug haben sie ja , diese Herren. Und genug davon können sie auch nie haben.”

Als Kinder war uns die hagere, weißhaarige Alte nie ganz geheuer gewesen, und ihr selbst schienen die lebhaften Jungen und Mädchen aus der benachbarten Pension ebenfalls nicht besonders lieb zu sein, hatte sie uns doch einige Male mit barschen Rufen aus der Nähe ihres Hauses vertrieben. Wir hatten sie oft heimlich aus unserem Dünenversteck beobachtet, wenn sie etwa draußen ihre Wäsche zum Trocknen aufhing, und riefen ihr manchmal zu – aus sicherem Abstand versteht sich, damit ihre Zauberkräfte uns nichts anheben konnten: “Butterhexe! Butterhexe!” – um sofort durch die Dünentäler und Pfade, davonzujagen, als würde sie uns auf ihrem Reisigbesen durch die Lüfte reitend verfolgen …

Und jetzt saß ich, Jahrzehnte später, vom Zufall und von meiner Neugier hierhergeführt, mit dieser kernigen Alten auf einer Bank in der warmen Mittagssonne eines Pfingstsonntages, und öffnete ihr mein Herz, so wie sie mir das Ihrige öffnete. In ihren Gesichtszügen schienen die vergangenen Jahrzehnte, ja die Zeit  überhaupt angehalten, konserviert.

“Meinen Mann habe ich hier 1926 kennengelernt, auf dem Petroleumlampenabschiedsball. Am nächsten Tag trafen wir uns in den Dünen, beim Brombeerpflücken, da ist es dann passiert, einfach so … . ”
Auf meinen fragenden Bick hin erzählte sie, dass die Insel erst 1926 durch ein Unterwasserkabel mit dem Festland verbunden worden war. Bis dahin hatte es hier keinen elektrischen Strom, kein elektrisches Licht gegeben, nur Petroleumlampen und Kerzen. Der große Zug, der auf dem Festland, in den Städten, schon längst abgefahren war, erreichte die Insulaner erst nach und nach, ebenso wie die abgelegenen Winkel, Wälder, Hinterwäldler und Bergigpfel. Manchmal, so wie hier auf den ostfriesischen Inseln, erst nach Jahrzehnten.

Verträumt lächelnd, vom Sonnenlicht einer fernen Erinnerung liebkost, blickte sie ins Weite, während sie sich das wehende Haar aus den weicher gewordenen Gesichtszügen strich. Ich lauschte dem Winde,  den verklungenen Worten. Petroleumlampenabschluss -ball … an diesem Ort klang es, als wäre es gestern erst gewesen.

 

 

Musik: Zwei trad. Melodien von der Insel Gotland, bearbeitet von J.M., gespielt auf der Nyckelharpa (J. Motog), Violine (Cornelia Francke), Viola (Ingolf Lienau), Gitarre (Dietmar Weitkus) und Jürgen Ochner (Percussion). Aufnahme September 2001, Brüderkirche Lippstadt/ Westf., Tonmeister Martin Wagner, Kassel.