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Im Hohen Norden /Gotland

Musik: Zwei trad. Melodien von der Insel Gotland, bearbeitet von J.M., gespielt auf der Nyckelharpa (J. Motog), Violine (Cornelia Francke), Viola (Ingolf Lienau), Gitarre (Dietmar Weitkus) und Jürgen Ochner (Percussion). Aufnahme September 2001, Brüderkirche Lippstadt/ Westf., Tonmeister Martin Wagner, Kassel.

Auf der Ostseeinsel Gotland

Versteinerte Angst

Mühsam stiegen wir, von Hajdjeby kommend, durch ein Geröllfeld und wüsten Urwald hinauf auf ein riesiges Plateau, 68 m hoch über dem Meeresspiegel gelegen. Es gilt als die größte Fliehburg („fornborg“) ihrer Art in Skandinavien und trägt – als wollte man seit altersher ihre Besonderheit hervorheben, den Namen des Gottes Thor – der nicht nur der Donnergott, sondern auch der Gott des Mutes, der Angst und der Omnipotenz ist. In einer Grotte im Innern des Plateaus soll sich einer alten Überlieferung gemäß der Wohnort Thors, und an anderer Stelle sein Grab befinden – ein bedeutsamer kultischer Ort also, Tempel ohne Dach – ein Ort, an dem einst die Nähe der mächtigen Gottheit erlebt, zumindest aber erhofft wurde. Die gotländische Gutasaga berichtet, dass sich hier eine große Menschengruppe verschanzte, die dazu bestimmt worden war, das im 5. Jahrhundert nach Christus überbevölkerte Gotland zu verlassen. Doch die Anlage – zur einen Hälfte aus natürlichen Gegebenheiten bestehend, zur anderen künstlich aus von Menschenhand errrichteten Mauern errichtet, ist viel älter und lässt sich schon auf weit vorchristliche gelegene Jahrhunderte datieren. Sie mag für tausend und mehr Jahre in Benutzung gewesen sein, bis weit hinein in die nachchristliche Wikingerzeit.

Schroff abfallende Klippen begrenzen und schützen das Plateau, dessen Umfang etwa 5 km beträgt, gegen Südosten, gegen Südwesten aber erhebt sich eine aus Kalksteinen geschichtete Mauer, 7 -10 m hoch und bis zu 20 m breit. Mehr oder weniger gut erhalten erstreckt sie sich über eine Länge von 2 km. Das sind  Zahlen, die erst einmal wenig besagen …  . Viele Jahre hatte ich diesem Plateau keine Sehenswürdigkeit zugemessen, nichts gab es, was mich dorthin gezogen hätte – ein schwerer, vorurteilsschwangerer Fehler, wie sich nun herausstellte.

Das teils erhaltene, teils eingestürzte geschichtete Mauerwerk macht auf mich einen geradezu ungeheuerlichen Eindruck. Keine Photographie vermag diese gigantische, sorgsam aufgeschichtete Masse Stein in ihrer Monumentaltität auch nur annähernd zu erfassen. Generationen von Menschen, von Sklaven müssen hier wohl über viele Jahrhunderte am Werk gewesen sein.

Doch die Angst, der Verteidigungszwang und Lebenserhaltungstrieb, der diese Menschen  antrieb, gehört einer namenlosen Vergangenheit an. Allenfalls am Beginn unserer Wanderung, im wüsten und durch ein riesiges Feuer im Jahre 1992 verwüsteten Halbkreis des Plateaus, der von den steil abfallenden Klippen begrenzt wird, spürte ich ein Unbehagen. Wenn es böse, dem Menschen missgünstige Naturwesen wie z.B. Trolle gäbe: hier müssten sie hausen, auf Vergeltung sinnend. Doch im gegenüberliegenden, sanfter ansteigenden Halbrund, das von der Mauer begrenzt wird, liegt das liebliche Reich der Feen, der Elfen, der Orchideen und des prächtigen Apollofalters. Alles hier lockt die Sinne und schmeichelt dem Auge, wenn man, auf dem schmalen Kamm des hohen Walles wandernd, das weite Gelände überschaut.

Nichts mehr ist übrig von der Angst, die einst die Menschen hier zusammentrieb – nur noch die Versteinerung dieses Gefühls ist zu sehen, riesig in ihren Ausmaßen, unfassbar und schauerlich die Anstrengungen und die Zeit, die dafür aufgewendet werden mussten  …

 

Auf dem Tafelberg Billingen /Västergötland/ Schweden

 

Die geologische Evolution der Erde gleicht einer Sanduhr: Wenn eine Zeit abgelaufen ist, wird die Uhr umgedreht, das Innere des Handschuh nach Außen, das Unterste zuoberst und das Oberste zuunterst gekehrt, damit neue Bewegung entstehe und weitere Entwicklung. „Wie vieles muss zugrunde gehen, damit ein Weniges gedeih‘.“ (Christian Morgenstern)

Die schwedischen Tafelberge oder das „Korallenriff Gotland“ oder die Insel Ösel auf der gegenüberliegenden estländischen Seite: ehemaliger Meeresgrund voller Organismen, herausgehobene Inseln.

Die Wüsten: sandiger ehemaliger Meeresgrund, ebenso wie die steinernen Meere der Kalkgebirge: versteinertes Leben, versteinerte einstige Fruchtbarkeit der vegetativen und animalischen Welt.

Auch unsere Zeit, wie schon frühere Kulturen, die unterm Wüstensand oder unter Vulkanasche begraben oder im Meer versunken liegen, wird dereinst zuunterst gekehrt werden. Welche Rolle haben wir Menschen dabei? Sind wir nur Parasiten, die diese Zerstörung- und Umwandlungsprozesse fördern und beschleunigen? Sind wir Bremser, Bewahrer,  Retter? Oder Teil der evolutionären Prozesse auf Bewusstseinsebenen?

Oder Wesen, die sich von diesen Prozessen abwenden?

 

Die Mühlsteine von Lugnås

Ich durchstreifte die dunklen Wälder um das Dorf Lugnås im Westgötaland nahe des riesenhaften Vänersees, und begegnete dabei den Spuren jener ungeschlachten Riesen, die hier einer ungeschriebenen Sage nach einst gehaust hatten. Das Riesenweib vom Billingen-Tafelberg hatte als Brautgeschenk ein steinernes Halsband von ihrem Liebsten bekommen, das ihr von ihrer eifersüchtigen Rivalin vom Kinnekulle entrissen worden war. Die Schnur des Halsbandes aber war auf deren Flucht zerrissen, als die Räuberin in vollem Lauf an einer hohen Tanne hängengeblieben war, und die kolossalen Steine waren polternd über dem Tafelberg von Lugnås herabgestürzt und krachend und splitternd durch den Wald gekollert, wo sie seither nun überall verstreut herumliegen … 

Tiefes Schweigen herrscht in diesem Wald aus Ahorn, Birke, Esche, Ulme, Eiche, Fichte und Kiefer, in dem mein Weg mich an manchen Stellen an schwarz-unheimlichen kleinen Seen, Tümpeln und oder Weihern vorbeiführt, die mich aus einer steil abfallenden Tiefe angähnen. Hier und da das Halbrund einer Steilkante, zu deren Füßen ganz oder auch nur halb aus dem Fels gebrochene Steine liegen – kreisrund und in der Mitte gelocht, viele von einem Eisenring umklammert … . 

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Mein Augen lernten schnell die bearbeiteten Steine von anderem losen Felsgestein zu unterscheiden, auch da, wo sie teils von Moos und Farn überwuchert, teilszerborsten, kaum noch zu erkennen sind, ja, manche Birke oder Fichte hat sich eine Bahn durch das Loch eines dieser kreisrunden Steine gesucht, ist immer breiter und stärker im Laufe vieler Jahre geworden, bis sie den sie einzwingenden steinernen Kreis zersprengte.

Die Zisterzienser, die sich auf der Insel Lurö im Vänersee Mitte des 12. Jahrhunderts niedergelassen hatten, um auf der Pilgerstation nach Nidaros ein Kloster zu errichten, hatten dieses weltabgelegene, schwierig zu besiedelnde und zu haltende Terrain jedoch bald wieder aufgegeben und sich zunächst auf dem Festland beim Dorf Lugnås im Westgötaland, ganz in der Nähe von Mariestad, niedergelassen. Die Klosterquelle markiert noch heute die Stelle, wo einst die hölzernen Gebäude der Mönche gestanden haben mögen, bevor sie wiederum wegzogen – diesmal, dank einer Donation der wohlhabenen Sigrid, nach Varnhem, eine halbe Tagesreise Fußmarsch entfernt in einem Tal am Fuße des Billingen zwischen Skara und Skövde gelegen, wo schon lange eine reiche Ansiedlung (christianisierter) Wikinger bestanden hatte.

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Ich wanderte von der Quelle durch den von Haselbüschen und Eichen bewachsenen Äng weiter, und nach etwa hundert Meter öffnete sich mit einem Male eine große Lichtung, von mächtigen Eichen wie von den Säulen einer Hallenkirche umsäumt. Ein großes Kreuz am Ende des Kirchenschiffs markiert heutzutage die Vierung oder die Apsis. Meine Schritte wurden geradezu magnetisch in diese Richtung gezogen … . C.D. Friedrichs Mönche tauchten vor meinem inneren Auge auf, ja, in diesen aufgeladenen Augenblicken wandelte ich beinahe selbst wie ein Mönch umher, und die 900 Jahre, seit die Zisterzienser sich hier niederließen, verflossen ineinander in Erinnerung, Gegenwart und Ahnung… .

Ich setzte meinen Weg fort, einem markierten Pfad folgend. Die vielen herumliegenden mächtigen Mühlsteine … als sei plötzlich eine Katastrophe über die Arbeiter und die ganze Gegend hereingebrochen … . Alles schien stehen- und liegengelassen worden zu sein … .

Silva war das älteste Gesicht der Natur, unermüdliche Gebärerin der Vermehrung, erster Entwurf der Formen, Materie der Köper und Grundlage der Substanz.“ (Bernhardus Silvestris (um 1100)

War es nicht immer das innerste Anliegen dieser Mönche gewesen, diese Wildnis zu bändigen, zu kultivieren, urbar und fruchtbar zu machen?

Die Zisterzienser und ihre Laienbrüder waren möglicherweise nicht die Ersten, die die Entdeckung gemacht hatten, dass der Erdgeist in seinem Geschichtsbuch hier um Lugnås eine ganz besondere Seite aufgeschlagen hat. Unter dem Kalkstein des Tafelberges nämlich tritt der feinkörnige Gneis zutage, aus dem die Mönche Mühlsteine allerbester feinkörniger Qualität heraushauten und sie dann unter kaum vorstellbaren Mühen ans Tageslicht beförderten – Mühlsteine für Handmühlen, für Wassermühlen, Windmühlen … – Mühlsteine, die für die Menschen wichtig und geradezu heilig waren, das „Unser täglich Brot gib uns heute“  erst ermöglichten. Wo an den begehrten Stein nicht oberirdisch heranzukommen war, wühlten sich die Mönche wie die Maulwürfe in den Berg hinein und durch ihn hindurch, unten an seiner Sohle, dort also, wo der leicht in Platten zu brechende Kalkstein auf dem Urberg aus Gneis lastet. Die fertigen Steine wurden auf ächzende Fuhrwerke verladen, für die zuvor befestigte Fahrwege gebaut werden mussten, um sie dann über den Vänern zu verschiffen – Richtung Norden und Richtung Westen und von dort weiter nach ganz Europa. 

So wanderten die Steine der Zisterzienser von Lugnås aus zu den Kornmühlen, in die Dörfer und Städte des Nordens und sogar bis weithin in die mittleren, östlichen und hinunter in die südlichen Teile Europas, und mit dem Herausbrechen und der Anfertigung der Mühlsteine durch die Mönche kam Leben, Ordnung, Struktur, Licht und göttliche Schönheit in den ungezähmten Urwald und die Bergwildnis dieser Gegend. Und nicht nur dies: die Zisterzienser – geistige, architektonische, (land-)wirtschaftliche und technische Elite der damaligen Zeit – brachten mit ihrem Wissen und ihren technischen Neuerungen allmählich auch Wohlstand und waren zudem Heilkundige. 

Steine für Brot. Die Mönche hatten es vor 800 Jahren in großem Stil angestoßen. Tagaus, tagein Rodungen, Axtschläge, dumpfes Aufschlagen fallender Bäume, das schwere Hämmern von Vorschlaghämmern und Spitzhacken, das Picken der Meißel, Spreng- und Zahneisen, die wimmelnden Arbeiter, frühmorgens um vier schon seufzende, verhärmte Frauen und greinende Kinder in den Steinbrüchen, um die Bergsole im Steinbruch vom Schutt freizuräumen, jeder und jede musste ran nach dem Willen der späteren Patrone, die an die Stelle der Mönche getreten waren; Pferdegewieher, antreibende Rufe, knarrende Fuhrwerke – all dies sollte in der heutzutage so tiefen, stillen, heilen Waldwildnis von Lugnås für die Dauer von rund 800 Jahre nicht verstummen. 

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Kaum ein Rauschen aus der großen Welt war in den Jahrhunderten einmal hierher vorgedrungen – nicht die Stürme der Reformation, die die Mönche vertrieben, nicht das Kriegsgeschrei des dreißigjährigen Krieges und der nordischen Kriege, nicht die mächtige, befehlende Stimme des großen Magnus de la Gardie, den in Varnhem prunkvoll bestatteten Berater der großen Königin Christina, nicht die Kunde vom Untergang der stolzen „Wasa“, ebensowenig wie der Kanonendonner und die heulenden Bomber des ersten Weltkrieges. All die Jahrhunderte schwärten über den Wäldern von Lugnås, des Billingen und des benachbarten Kinnekulle die ewigen Rauchschwaden und der Brandgeruch der Schmieden, der Kohlenmeiler, der Kalkbrennöfen, und trübten den klarblauen Himmel des Nordens … . Dann schnaufte die erste Dampflokomotive durch die Wälder, die Dampfschiffe auf dem Vänern und Vettern und auf Ost- und Nordsee, mit denen der mühsame Transport der Mühlsteine erleichtert wurde und schneller ging. Das Rad des industriellen Zeitalter hatte lange schon begonnen, sich schneller und unerbittlicher zu drehen – nun war dies auch hier angekommen. 

Die Nachfrage nach den Steinen von Lugnås ging kurz nach Beginn des 1. Weltkrieges dramatisch zurück, es herrschte Ratlosigkeit auf den Herrenhöfen der Steinpatrone. Arbeiter und ihre Familien mussten entlassen werden und wurden brotlos. Viele wanderten in diesen Jahren nach Amerika aus – ausgerechnet dorthin, von wo aus die Katastrophe begonnen und Todesstoß gegen die Steinindustrie von Lugnås erfolgt war. In Amerika hatte man damit begonnen, in großem Stil Mühlsteine zu gießen , konkurrenzlos billig, jeder schaute aufs Geld und auf seinen Gewinn, und da war es denn bald aus mit der Tradition der vielgerühmten und jahrhundertelang gefragten Steine von Lugnås. Der endgültige Zusammenbruch kam 1919 so plötzlich, dass man alle begonnenen oder fertiggestellten Steine einfach stehen und liegengelasssen hatte, wie bei einer Flucht …

All diese Begebenheiten von Menschen und Wäldern und von den Steinenerahnte ich im leise flüsternden Rauschen des Windes in den herbstlich gefärbten Baumkronen und einem einsetzenden rieselnden Regen, gleich einer fernen, schwermütigen Sage aus der Tiefe der Zeiten… . 

Die Natur aber und der Wald hatten schon vor 100 Jahren damit begonnen, sich all unser unermüdliches, schweres Menschenwerk mit seinen Geschichten und Schicksalen wieder einzuverleiben …

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Västergötland, Tiveden, Stora Trehörningen

Regen ist Segen

Unvermittelt – trotz warmen Sonnenscheins – begann leichter Regen in dicken Tropfen vom Himmel zu fallen.  Ich schaute überrascht auf: perlengroße, silbern funkelnde Tropfen fielen mir aus dem tiefen Blau des Himmels entgegen. Die kleine, lichtgraue Wolke am Himmel, zu klein jedoch, um die Sonne zu verdunkeln, musste die Quelle dieser Regentropfen sein. Auf dem dunkel-kupfergoldfarbenen Wasser des  Stora Trehörningen Sees mischte sich das leise, allmählich anschwellende Tröpfeln der himmlischen Perlen wie immer dichter aufeinanderfolgende Triangelschläge und steigerte sich zu einem weichen, melodischen Rauschen. Die irisierenden Wasserblasen, die sich mit jeder Berührung jedes einzelnen Tropfens mit der Wasseroberfläche aufwölbten, gaben dem See einen millionenfach aufblitzenden Glanz, ein sprühendes Auffunkeln, so, als wolle sich mit jedem Tropfen ein Stück Himmel im Kleinen wölben, um dann in der großen Einheit des in kreisende Schwingung versetzten Wasserspiegels aufzugehen.

Mal war der Regen stärker und dichter, dann wieder schwächer, um dann  für einige Minuten wieder ganz zu versiegen. Die Welt des Sonnenscheins schien wieder in Ordnung. Wenig später aber näherte er sich erneut, wie ein Schleier langsam heranrauschend: gleißender, klingender, singender und schwingender Regen, Tropfen wie in Märchenbüchern gemalt, wo jeder Tropfen ein Gesicht hat und ihm ein eigenes Wesen innezuwohnen scheint, und nur darauf wartet, sich mit Wonne fallen zu lassen, um beim Aufschlagen aufs Wasser einen möglichst schönen Ton anzuschlagen, metallisch und doch zugleich weich: eine zärtliche, musikalische Berührung der Haut des Sees, ein myriadenfaches leises Trommeln mit unsichtbaren Fingern, das den See in still kreisende, sich durchdringende Schwingungen versetzte. Und wir: kindlich staunende, stumme, lächelnde Zeugen, vergessend unsere immer nasser werdende Kleidung, hingebungsvoll gebannt vom stillen, freudigen Klang dieser Himmelstränen, die nach und nach zu unseren Eigenen zu werden schienen …

 

 

Von hier aus, hoch oben im „freien, felsigen Norden“, im Morgenglanz der Waldlichtung, der Birken und Fichten, umschwirrt von der Libelle, dem Tagpfauenauge, dem Dukatenfalter und Hauhechelbläuling, beäugt vom Rotkehlchen und der Waldeidechse, erkannte ich ihn, den Konsumtyrannen, den Dollardiktator mit dem goldgefärbten Haar, den von Mammon gezeugten Sohn: aufblicklos, brutal ans Profitdenken angeschmiedet mit ehernen, schweren, vergoldeten Ketten; ein Bote und  Diener der Finsternis. War denn nicht auch er einst ein Menschenkind: ein kleiner, neugieriger, lebhafter, gedemütigter, missachteter Junge, dazu verurteilt, „es“  Vater und Mutter unentwegt beweisen zu müssen … vergeblich.

 

 

Impressionen von der Ostseeinsel Gotland

Setzt du in einer lauen Sommernacht, vom schwedischen granitenen Festland kommend, nach Verlassen der Fähre deinen Fuß auf die Insel Gotland, so betrittst du eine unerwartete, fremd anmutende Welt. Und wäre es eine Nachtfähre, mit der du Gotlands Hafenstadt Visby spät abends erreichst, und du würdest, magnetisch angezogen von den angestrahlten Umrissen des Doms, der mächtigen Fassade der Ruine von St. Nicolai, den uralten verschachtelten Häusern mit ihren mittelalterlichen Treppengiebeln oder der Stadtmauer, um dann schließlich auf dem Stora Torget, dem großen Marktplatz mit der gotischen Ruine von St. Karin anzukommen, weil der Nachtwind Musik, Stimmengewirr und Gelächter lockend zu dir hinwehte, so würdest du dir vielleicht die Augen reiben. Was ist das? Bin ich hier – mitten in der Ostsee – wie auf einem Zauberteppich in den Süden Europas versetzt worden? Es ist, als wärest du auf einer südländischen Piazza gelandet, wo ein rauschhaftes, lebhaftes Leben, Genießen, Flirten und Flanieren erst mit der Dunkelheit richtig erwacht …

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Dein erster Weg am Morgen nach einer kurzen Nacht führt dich durch ein gewundenes, von blühenden Rosen duftendes Gässchen vielleicht an den Rand einer Klippe, zu deren Füßen das Meer sanft an den Strand anschlägt. Die Schreie der Möven und das ekstatische „Srriii Srriii“ der Mauersegler begrüßen dich. Und wieder erstaunst du über diese Fremdheit des Bodens, der Vegetation: Es scheint, als wäre diese Insel ein besonderer, mitten in die Ostsee gefallener Meteorit, aus hellem, lichtem, sonnendurchtränkten Material verdichtet, dessen schroff-karstige Steilküsten, die hellen, klingenden Klappersteinstrände mit ihren uralten höher gelegenen, Jahrhunderte und Jahrtausende alten Strandlinien eine Sonneninsel gebildet hätten …

Doch nach und nach verstehst, begreifst du, dass diese Insel kein Fremdkörper ist, der von oben, vom Himmel ins Meer stürzte, sondern eine Masse, die sich von unten, aus den Tiefen eines Urmeeres und seines schlammigen Urgrundes in unvorstellbaren Jahrmillionen verdichtete, verhärtete, sich von dem Panzer des Eisriesen befreit allmählich hob und schließlich aufwölbte, dem Sonnenlicht entgegen, gebildet aus Myriaden von Skeletten: Korallenriffe, Algen, Weichtiere, Muscheln und den ersten Fischen …

Wer auf Gotland nicht zum Steinesucher, zum Süchtigen und zum Sammler von Versteinerungen werden will, der jedoch sollte diesen Ort  tunlichst meiden …

Beim Steinesammeln am Klappersteinstrand von Ygne unterhalb Fridhems auf der Insel Gotland:  ist das nicht letztlich eine Art Suche nach dem Stein der Weisen?

Vom Himmel gefallene Findlinge aber sind wir alle, Fossile unserer eigenen Vergangenheit,  im Hier und Jetzt immer wieder zum Leben erweckt.

 

 

Über Gräbern

Nach dem Besuch des dämmrigen, engen Antiquariats nahe der Domkyrka von Visby begab ich mich, das gleißende Mittagslicht meidend, in den Schatten der alten Linden, die den Vorplatz und den uralten, ehemaligen Friedhof unterhalb der hohen Domklippe beschatten. Ich ließ mich, mit dem Rücken an eine große, aufgerichtete Grabplatte gelehnt, am Fuß der Klippe nieder. Meine Augen schweiften über die Ruhesuchenden, die sich etwas unterhalb auf der Wiese, auf und neben  Grabplatten oder Kreuzen niedergesetzt oder ausgestreckt hatten. Ahnten die Schlummernden unter den sanften Flügeln der rauschenden Blätterkronen, dem  heiteren „Jak, Jak“der Dohlen und dem gedämpften Orgelspiel aus der Domkyrka, dass sie auf hunderten von Gräbern ausruhten,  über den Gebeinen vieler Generationen, die hunderte von Jahren hindurch dort bestattet worden waren? Wäre den friedlich Schlummernden bewusst gewesen, wo sie sich zu einem Nickerchen ausgestreckt hatten: hätten sie’s dann auch getan? Und würde jemand sie sanft wach gerüttelt und aufmerksam gemacht haben, dass sie über einer letzten Ruhestätte schliefen – hätten sie sich nicht mit Unbehagen erhoben und wären diesem von Tod, Vergänglichkeit, Ahnung und Gegenwart aufgeladenen Ort entflohen? Und ich begriff das Wort vom „Schlaf als dem kleinen Bruder des Todes“ …

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Vårvindar friska (Schwedischer Vorfrühling)

(Volksweise, Text: Julia Nyberg/ Übertragung aus dem Schwedischen: J.M.)

Frische Frühlingswinde spielen
flüsternd in den Waldeswipfeln.
Wie ein Liebespaar sind Wind und Wald.
Ströme drängen, treiben,
finden nicht eher Ruh,
bis mit brausender Welle sie
ins Meer sich stürzen.

Wehmütig lauscht mein ruheloses Herz
dem Klang des Weidenhorns von den Klippen her.
Der Wassermann spielt,
spielt seine Sehnsucht hinaus
weit über Berg und Tal.

Fast will brechen mir mein Herz.
Ach, ist es das letzte Mal,
das ich dem Sehnsuchtssang des Wassermanns lausche?
Erinnerung heißt sein Lied,
an liebesleuchtende Augen, an Abschiedsschwere,
Kuss um Kuss aus ruhelosem Herz.

Grün prangten Täler und Hügel,
trunken vor Glück sang die Amsel ihren Brautgesang.
Der Wassermann aber spielt,
spielt seine Sehnsucht hinaus
weit über Berg und Tal.

Helsinki

Sommerlicher Abendspaziergang über die Esplanade. Die Stadt hat hier etwas von einer Theaterbühne oder einem Laufsteg: Betrachten und Betrachtet werden, eine Frau schöner als die andere. Mein Blick fiel auf eine riesige, ockerfarben grundierte fensterlose Hauswandfläche, auf der steinzeitlichen Felszeichnungen nachempfundene Figuren in Lebensgröße aufgemalt waren – Jäger mit Äxten oder Bögen, gehörnte Tiergestalten. Eine der Figuren jedoch war sitzend dargestellt und der Jagdszenerie abgewandt, eine Zeitung lesend. Das war nicht nur spektakulär dekorativ und unerwartet, sondern von abgründiger Ironie: die Reduktion des urbanen Typus, im Wesen Steinzeitmensch geblieben, für den die Quintessenz seiner aktuellen Entwicklungsstufe in der Fähigkeit zum Zeitungslesen liegt – der Jagd nach Neuigkeiten also.

Bornholm, Paradiesbakken

Alle Last hält sich die Waage,
dunkle Dichte ist verstoben.
Jedweder Weg und Wesen woll’n dir trauen,
und alle Schwere scheint gehoben.

Wie des starren Steines lichte Seele,
den gelb versprühten Flechten gleichend,
harrt eine Ammer.
Doch jäh, den feinen Leib durchzitternd
spannt sie den Bogen ihrer Seele,
schlägt an, als sollt ihr Herz zerspringen.

Dann löst sich ab ein Pfeil aus Licht und Klang,
durchfliegt des Felsenpfades Enge,
den warmen Atem des Granits,
durchschwirrt den Blütenrausch,
im Sonnenglast die Meeresferne.

 

 

Der Kranich

Aus himmelstiefem Sonnenglast
trifft mich sein Rufen,
rührt meine stummen Saiten, auf die mein Herz gestimmt.
Tönt mir da Klage?
Urzeitsage jener Welt,
aus der wir unsere kurze Spanne stillen,
und all die Ängste, Atemnot und Hast?
Klingt da die Frage: Woher ich kam
und woraufhin ich leb,
und wer ich bin,
ich Erdengast?

Kraniche – Boten des Frühlings und des Glücks

(Gekürzte Erstveröffentlichung im März 2013)

Jetzt sind sie wieder da, jene lichtdurchfluteten Tage, in denen wir, obwohl noch Nachtfrost und kalte Winde herrschen, mit Gewissheit spüren: der Frühling ist da, wohl auch, weil die Erinnerung an das lange, kalte Dunkel noch so nah ist. Noch staunen und verwundern wir uns täglich, wie früh es hell wird und wie merkbar länger sich abends Sonnenuntergang und Dämmerung dehnen. Wer an solchen Tagen das Glück hat, vom Rufen ziehender Kraniche getroffen zu werden, und wer dann suchend aufschaut, um diese lebenden Zeichen am Himmel zu entdecken und mit Ohr und Auge zu verfolgen, der ahnt und fühlt beglückt, dass er Teil hat an etwas Planetarischem, ja Kosmischen.

Auf meinem Weg vom Parkplatz bei Bjurum am Hornborgasee im schwedischen Västergötland hinauf zu einem hügeligen Beobachtungsplatz traue ich kaum meinen Ohren. Die Luft scheint überall erfüllt von an– und abschwellenden Lauten, von nahen und ferneren Fanfarenstößen. Je näher ich komme, desto stärker verdichten sich diese Laute zu einem erregt wogenden Meer von Tönen aus tausenden von Vogelkehlen. Der Anblick, der sich mir dann auf die Niederung unterhalb der umzäunten Anhöhe bietet, verschlägt mir die Sprache. Für einige Augenblicke schließe ich die Augen, lausche. Es ist, als wären diese Töne auf mein Gefühl abgestimmt, in einer fremden Sprache zwar, doch unmittelbar herzergreifend. Was schwingt da alles mit: zärtlich gurrendes, werbendes Schluchzen, forderndes Trompeten, schmerzvolle Abwehrschreie, ekstatisches Aufjauchzen in allen dynamischen Schattierungen.

Die plötzliche Nähe und unglaubliche Fülle der sonst so überaus scheuen, die Einsamkeit und totale Abgeschiedenheit von Mooren und Waldlichtungen suchenden Vögel hat etwas Überwältigendes und Beglückendes. Immer neue Kraniche, einzeln, paarweise oder in kleineren Formationen, gleiten majestätisch heran, um sich auf der Wiese vor mir in den großen Tanz einzureihen. Sobald sie sich im Landeanflug aus ihrer vollkommen gestreckten Flughaltung gelöst haben, scheinen sie den Erdboden mit ihren langen Beinen und Krallen ergreifen zu wollen. Kaum haben sie aufgesetzt, beginnt ihr ekstatisches Treiben: hohe Sprünge, von heftigem Flügelschlagen begleitet, eindringliche „Verneigungen“ gegeneinander, einknickende Bewegungen der Beine, erregtes Umherstolzieren, Hochwerfen von Erde und Pflanzenteilen – Anmut und Würde, Aggression und Passion, vereint in totaler Hingabe, welche sie die Nähe von uns Menschen, ihren gefährlichsten Feinden, nahezu vergessen lässt.

Nüchtern spricht der Vogelkundler hier vom Balzverhalten. Aber dieses Schauspiel scheint noch etwas Größeres zu meinen. Darin liegen etwas Festlich-Freudiges, Werbendes, Hochzeitliches, rivalisierende Leidenschaft, Verteidigung und Kampf um die Auserwählte, Wiedersehensfreude und auch Abschiedsschmerz nach einem langen gemeinsamen Zug über tausende von Kilometern von Süd nach Nord.
Doch bald schon werden sich die Kraniche wieder die kommenden warmen Monate über in die paarweise  Absonderung zurückziehen, um ihre Nester zu bauen, zu brüten, ihre Jungen großzuziehen. Erst im Herbst, nach dem kurzen, intensiven Sommer der Nordhalbkugel unseres Planeten, werden sie sich an den großen Sammelplätzen wie z.B. hier in Bjurum/ Dagsnäs am schwedischen Hornborgasee im Westgötaland wiedertreffen, sich erneut zu großen Zügen vereinen, um zielstrebig und mit wunderbarer Unfehlbarkeit südlichere und wärmere Gefilde aufzusuchen.

Zunehmend ist dabei in den letzten 25 Jahren zu beobachten, wie eine von Jahr zu Jahr zunehmende Zahl von Kranichen ihre Winterquartiere etwa schon im milderen Nordeutschland aufschlagen, und sich damit die ganz weiten Entfernungen ersparen.
Inmitten des unübersehbaren Treibens unter mir rasten, scheinbar unberührt, die weiß- leuchtenden und um so viel schwerfälligeren Sing- und Höckerschwäne, die unauffälligeren Grau-, Nonnen- und Ringelgänse; eine Wolke hunderter von Staren fällt schwatzend ein, verstummt urplötzlich wieder und fliegt wie ein Wesen auf einen Zauberschlag wieder auf; das mischt sich mit Krähen- und Kiebitzrufen zu einer ungeheuren Frühlings- und Fruchtbarkeitssymphonie, gekrönt vom Morgenjubel der Lerche hoch oben im tiefen Blau des Himmels.

Ich fühle, dass ich teilhabe an der Äußerung einer großen, gewaltigen Kraft, welche Abertausenden von einzelnen Vögeln ihren verbindenden Stempel aufdrückt, stärker vielleicht noch als beim keilförmigen Flug im Reich von Licht und Luft., denn dies hier spielt sich kaum fünfzig, hundert Meter entfernt von mir auf dem Erdboden ab, auf dem auch ich stehe. Fast handgreiflich spürbar wird hier das morphogenetische Feld, die Gruppenseele , die Vögel hier so leidenschaftlich vereint…

Später am Tage, vor Sonnenuntergang und noch kurze Zeit danach, wenn die Vögel sich anschicken, ihre Schlafplätze im flachen Wasser des Sees aufzusuchen, spielt sich dann das umgekehrte Schauspiel ab. Womöglich ist das „Gru Gru“ der abziehenden Tiere noch inniger, noch zärtlicher, noch wehmütiger. Wunderbar hat der finnische Komponist Einojuhani Rautavaara in seiner Komposition für Orchester und Vogelstimmen, dem „Cantus Arcticus“, dieses Stimmungsbild erfasst.

In kleinen Gruppen, zu zehn oder zwanzig, streichen die Vögel nordwärts ab, dem flachen Wasser des Hornborga zu. Dicht gleiten ihre Silhouetten über den im letzten Licht aufleuchtenden Wasserspiegel. Ein letzter, großer Schwarm von vielleicht zweihundert Vögeln fliegt wie auf ein geheimes Zeichen hin auf, und gegen 21 Uhr haben sich die letzten Tiere im Grau-Rot des Abendhimmels „aufgelöst“ . Der Tanzplatz wird nun leer bleiben bis Sonnenaufgang. Doch die ganze Frühlingsnacht wird es nicht wirklich still werden – seien es die erregt schluchzenden Laute der Singschwäne, die hellen Kiebitzschreie und nicht zuletzt, von weit draußen vom See her, das ferne, vielstimmige, nur langsam abklingende „Gru Gru“.

Seit rund sechzig Millionen Jahren gibt es Kranicharten auf unserem Planeten – heute sind es weltweit noch 15 verschiedene Arten, deren eine der in Mittel- und Nordeuropa verbreitete Graue Kranich (grus grus) ist. Diese größten unter den Vögeln, die so viele menschenähnliche Verhaltensweisen zeigen – lebenslange Ehe, sorgfältige Pflege der Jungen, ihre Zeremonien und Tänze – haben seit Jahrtausenden die schöpferische Phantasie und mythenbildenden Vorstellungskräfte von Menschen in nahezu allen Erdgegenden angeregt – unmöglich ist es an dieser Stelle, die Fülle dieser Vorstellungen und Mythen zu erfassen.

Für den Chinareisenden etwa ist das Bild des Kranichs nahezu allgegenwärtig, nicht nur im Alltag bei vielen Alltagsgegenständen, oder etwa auf dem Klangkörper der traditionellen Zither Ghu Zheng in Form kunstvoller Säge- oder Schnitzarbeiten, sondern auch in der Kulturgeschichte.

Für Laotse war der Kranich Mittler zwischen diesseitiger und jenseitiger Welt, Botschafter einer himmlischen Sphäre, ein Reittier für die Götter oder für Heilige auf dem Wege nach „oben“. Starb etwa ein taoistischer Priester, so stellte man sich die sich von der diesseitigen Welt ablösende Seele als einen gefiederten Kranich vor – der Kranich also als Symbol der unsterblichen Seele und eines langen, ewigen Lebens. (In Analogie dazu: Kraniche können Flughöhen von bis zu 10 00 Metern erreichen und non stopp bis zu 2000 Kilometern fliegen!)

Vor allem aber sind es wohl Eigenschaften wie die Körpergröße, das aufrechte Stolzieren, das Aufspringen, die berührenden Laute und das mächtige, raumerfüllende Trompeten und ihr geheimnisvolles , immer wiederkehrendes zeichenhaftes Erscheinen am Himmel um die großen Tag- und Nachtgleichen herum, die die Menschen bewogen haben, Kraniche als Boten oder Verkörperungen von etwas Göttlichem zu betrachten. Auch ihr Federkleid (insbesondere das des Mandschurei-Kranichs mit seinem leuchtend roten Scheitel, dem schneeweißen Gefieder mit den kontrastierenden schwarzen Verzierungen) spielte für das Attribut des Göttlichen eine Rolle. Als weiß gefiederter Vogel galt er nicht nur als Bote der Reinheit und Unsterblichkeit, sondern auch des Glücks, der Treue, der Liebe und Unzertrennlichkeit.

… „ So unter Sonn und Monds wenig verschiedenen Scheiben/ Fliegen sie hin, einander ganz verfallen./ Wohin ihr?/ Nirgendhin. / Von wem davon?/ Von allen./ Ihr fragt, wie lange sind sie schon beisammen?/ Seit kurzem./ Und wann werden sie sich trennen?/ Bald./ So scheint die Liebe Liebenden ein Halt. ( Berthold Brecht: Die Liebenden).

Auch im alten Ägypten spielten die Kraniche als Götter- und Seelenvögel, doch auch als Opfertiere im Tempel und sogar als Nahrungsmittel – nicht für die Götter, sondern auch für den Menschen – eine wichtige Rolle. So wurden sie mit Netzen gefangen und als Geflügel zusammen mit Enten, Tauben, Hühnern und Gänsen gehalten und gemästet.
Im griechischen Mythos sind Kraniche die beständigen Begleiter der Erdgöttin Demeter. Als Teil von Sonnen- und Fruchtbarkeitskulten sind Kranichtänze überliefert , die besonders im Frühjahr getanzt wurden. So wurde im Mittelalter an den Höfen der „Crue“ getanzt, und vom Carnevale im spätmittelalterlichen Florenz ist ein Kranich-Madrigal überliefert, in dem die Balzlaute und die Bewegungen des Kranichs lautmalerisch vertont sind.

In vielen japanischen Häusern hängen heutzutage aus buntem Papier gefaltete stilisierte Kraniche in großen Bündeln als Glücksbringer, und die „Kette der 1000 Kraniche“ ist durch das Mahnmal in Hiroshima zu einem internationalen Friedenszeichen geworden. Und während und nach der Tsunami- und Reaktorkatastrophen von Fukushima im März 2011 kamen Schulkinder in Deutschland auf die Idee, Papierkraniche zu falten und sie in den Fenstern der Schulklassen als Zeichen der Verbundenheit, des Mitgefühls und der Hoffnung für die Opfer aufzuhängen.

Der Kranich allein in der Literatur Skandinaviens oder Osteuropas wäre ein eigenes, umfassendes Thema, ebenso wie seine Darstellungen in den bildenden Künsten im Laufe der jahrtausendealten Kulturgeschichte der Menschheit. Denn kaum ein anderes Lebewesen auf unserem Planeten hat uns Menschen bis heute so stark beeindruckt, begeistert, im Herzen berührt, beglückt und inspiriert zu Gedanken und Gefühlen über unser eigenes menschliches „Woher“ und Wohin“ im Wolkenmeer der Zeiten.

 

 

 

Helgoland und der Dichter James Krüss

(Lesedauer 5′)

Gleich einem versteinerten Ungetüm aus namenloser Vorzeit ragt die Insel Helgoland mitten in der Nordsee. Lauert dieses Ungetüm, auf tägliche fette Touristenbeute? Sein ins rote spielender Leib, von dünneren weißen Schlieren im Sandstein gerippt, erhebt sich schroff abweisend und zugleich abenteuerlich anziehend aus dem Meer.

Vom Flieger aus werden auf dem Rücken des Riesenfossils die Narben sichtbar, die das titanische Bombardement der Engländer am Ende des 2. Weltkrieges hinterlassen haben. Die Witwe Schowe-Nannen, ein altes Batrumer Original, – als Kinder hatten wir sie in den sechziger Jahren aus sicheren Dünenverstecken heraus mit den Rufen „Butterhexe, Butterhexe!“ bis zur Weißglut geärgert – sie hatte mir während meiner Studentenzeit, da ich mich bei ihr eingemietet hatte erzählt, wie das Grollen des Bombardements, gewaltige Rauchwolken, ja sogar die Erschütterungen bis nach Baltrum zu merken gewesen waren.

Der Felsenpanzer Helgolands hielt jedoch der Zerstörungswut stand.
Damals krochen die Bewohner aus den unterirdischen Felsengängen und Schutzkellern wieder ans Licht des Tages zurück und bauten ihre Häuser neu auf. Bis heute haben diese ihr nüchternes Erscheinungsbild aus jenen Nachkriegsjahren beibehalten. Sie stehen sogar unter Denkmalschutz, doch wird die Insel, jedenfalls aus Luft besehen, nicht schöner.

Die rot-blauen Hummerbuden und Häuserzeilen, die im Unter-und Oberland dicht zusammendrängen, von engen Gässchen und Straßen schnurgerade zerteilt, wirken aus der Luft betrachtet beinahe wie pockenartige Auswüchsen auf dem schweren, schründig-kantigen Leib des Fossils.Die die Hafeneinfahrt schützenden Buhnen und Kaimauern leuchten fahl wie riesige, skelettierte Kieferteile. Sie lassen für die weißen Dampfer und ihre Passagiere nicht Gutes erahnen.

Mein Auge sucht vergebens nach Bäumen, die zwischen Erde und Himmel Schatten und Lebensatem spendend vermitteln. Einzig die Türme der Kirche und des Leuchtfeuers und ein clownesk gestreifter Sendemast erheben sich in die ungewöhnlich klare, reine Luft. So sticht auf dem kahlen Hochplateau, das sich weit bis zur Nordspitze hin erstreckt, im Sommer die Sonne erbarmungslos auf etwaige Touristen und Tabak-oder Schnapskäufer, die sich bis hierhin verirrt haben, herab.

Nur wenige schaffen es bis hierher zum Reich der Lummen.
Dem abendlichen Wanderer jedoch, der, nachdem die Hamsterströme wieder auf dem Festland angelandet sind, hier eine abendliche Runde macht, ihm enthüllt sich in der Stille des Abends etwas vom einstigen Zauber dieses Eilandes, dem diejenigen nah verbunden waren, die diesen Ort vor Jahrhunderten „Heiliges Land“ (=Helgoland) nannten. Caspar David Friedrichs „Mönch am Meer“ – hier könnte er auch gewandelt sein.

Alle Unruhe und alle lockende Fassade einer konsumgetriebenen Welt fällt ab. Die von sanftem Grün und duftenden Hundsrosen überwucherten Bombentrichter geben dem Plateau den Charakter einer anmutig geschwungenen Hügellandschaft. Etwas Zeitlosem beginnt sich der Wanderer näher zu fühlen, da die kupferrote, noch kräftige Abendsonne die „Lange Anna“ tief erröten lässt.

Schon funkelt die Venus, der sich schon bald Stern um Stern hinzugesellt. Wohl an kaum einem anderen Orte Deutschlands öffnet sich hier ein sternklarer Himmel von derartiger Tiefe, dass es dir schier den Atem verschlägt.
Nach einer Weile stehst du dann vielleicht am Klippenrand; aus der Tiefe, vom trümmerübersäten Strand herauf vernimmst du das endlose Anbranden, spürst fröstelnd die kühlen Aufwinde. Schwarz und riesiger wirkend als bei Tage grüßt die Silhouette der „Langen Anna“ schweigend herüber. Phosphoreszierend schimmern die heranrollenden Wogenkämme weit unter dir auf dem Meere.

Dort draußen, und nicht auf dem kleinen Inselfriedhof, grüßt du den dort einst den Elementen übergebenen Dichter, dessen Verse, Moritaten, Lieder und Geschichten dich als Kind so anrührten, und die Seele des Dichters, der hier geboren wurde, grüßt zurück:

„Irgendwo ins grüne Meer hat ein Gott mit leichtem Pinsel lächelnd, wie von ungefähr, einen Fleck getupft: die Insel. Und dann hat er, gutgelaunt, Menschen diesem Fels zugegeben und den Menschen zugerufen: liebt die Welt und liebt das Leben!“

 

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