Spiegelungen im Hier und Jetzt – Rückblicke

Spiegelung Tiveden 2

29./30. September 2018

Magdalena Kozena,Vaclav Luks und das Collegium 1704: Das hörende und sehende Herz

28. September 2018

Jeder Dom, jede Kathedrale, jede Kirche gleicht einem Kristall, in dem sich der Klang des Gotteswortes bricht. Aber: in jedem Raum auf andere Art. Und in jedem Herzen wiederum anders.

Die Werke Josquins, Palestrinas, Monteverdis,  Praetorius‘, Schütz‘, Beethovens, Mozarts, Bruckners, Brahms, Pärts und vielen ungenannten anderen  … : Kristalle, in denen sich das Wort Gottes im Klang bricht. Johann Sebastian Bach: der Diamant unter all diesen.

27. September 2018

Lehrer …

Siegfried Westenfelder: Er lehrte uns die Bool’sche Algebra (5. Klasse, 1970), leuchtenden Auges und mit leuchtend klingender Stimme, ein mathematisch Erleuchteter, Inbegriff ansteckender Begeisterungsfähigkeit.

1971, 5. Klasse: Vertretungsunterricht bei dem Deutschlehrer H. Kuppert. Er blättert ein abgegriffenes Märchenbuch von Bechstein auf und liest uns – der „schlimmsten Klasse der ganzen Schule“ – ein Märchen (!) vor, uns, der verrufenen 5. Klasse des Lippstädter Ostendorf-Gymnasiums! Wir lauschten in zugespitzter und anhaltender Stille seiner äußerst lebendigen Stimme. Unvergesslich: ein  M e n s c h  unter den vielen Gepanzerten seiner Kriegsgeneration und ein Apostel der Sprache der Grimms, Bechsteins, letztlich: Goethes.

Hellmut Pache: ein Freund Herbert von Karajans, mit österreichischem Dialekt, verunglimpft durch Schmierereien auf den Schülerbänken: „Pache ist eine schwule Sau“ und ähnliche Unflätigkeiten. Damit musste der Beethoven-Karajan-Enthusiast märtyrerhaft leben und fertigwerden, er, der Enthusiast und Pianist, der kein ausgebildeter Lehrer war. Wutanfälle , mitunter Tätlichkeiten, blieben da nicht aus. Unter uns Schülern war er schon zu Lebzeiten eine Legende – eine Art „Don Quichotte der Musik“.

23. September 2018

Aus dem Innenleben einer Zeitungsmeldung

(Zum Lesen anklicken; Lesezeit ca. 10′)

September 2018

Beim Betreten des Supermarktes sah ich vor mir eine Frau mittleren Alters mit ihrem … Partner ? Irgendetwas schien aber nicht zu stimmen. War es ihr erwachsener Sohn?  Oder doch noch ein Kind?  Irritierte mich in den wenigen Sekunden, die ich die Beiden vor mir hatte, seine Kleinwüchsigkeit? Die schon gelichteten Haare seines Hinterkopfes? Der Kleine im Körper eines Erwachsenen aber begann nun auf einmal auf einer Mundharmonika zu spielen, unbekümmert, frei, ein Lied aus dem Anderswo, ohne Worte.  Da wusste ich: er ist dieser Welt, ihren ausgesprochenen und unausgesprochenen Vorschriften, Gesetzen und Erwartungen entrückt, ein Nicht- Behinderter, Glücklicher. Und ich spürte die Liebe seiner Mutter, die ihn neben sich mit seinem Mundharmonikaglück einfach sein ließ.

Wieviel Liebe aber gab er ihr und uns anderen mit  seinem unerwarteten Spiel gleichsam zurück, an einem Ort, der sonst durch vergiftete Konservenmuzak verseucht ist und Vieles ansaugt und Raum für Vieles gibt, nur nicht für Musik „aus dem Herzen“. Liebe war das Eine, was ich spürte – Sehnsucht aber das Andere: die Sehnsucht des „Eseleins“ aus dem gleichnamigen Grimmschen Märchen.

20. September 2018

„Was ist Gott? Er ist Länge, Breite, Höhe, Tiefe.“ (Bernhard von Clairvaux, 12. Jh.)

Man muss selbst einmal etwas Funktionales Stein auf Stein gemauert haben, um die Leistungen der Kathedralenbauer mit ganz neuen Augen zu sehen und staunend neu zu erahnen, was  und wie sie in Jahren aufwachsen ließen.

Jede mittelalterlichen Kirche aus Stein gleicht einer Fuge. Konkret: Ihr Thema, der „Dux“, ist der Grundriss des ersten Pfeilers. Von diesem ausgehend leiten sich die räumlichen Dimensionen, Proportionen, die Wölbungen des Gesamtbaus ab.

Der Grundpfeiler also – in der Gotik oft ein Bündelpfeiler –  ist die Matrix des Kirchenbaus, mit den harmonikalen Proportionen 1:1, 1:2 (Oktave), 2:3 usw.

Die Zisterzienser haben in dieser Hinsicht die absolute Meisterschaft erreicht.

19. September 2018

„Digitalisierung“, „Digitalpakt“ – die großen Schlagwörter, mit denen derzeit auf den Bildungsbegriff – sofern dieser überhaupt noch existiert – eingeschlagen wird: „Die Welt muss digitalisiert werden“ – wenn es nach dem Willen der Effizienzialisten und Funktionalisten ginge, die diesen „Digitalpakt“ ge- und beschlossen haben.

Dagegen Novalis: „Die Welt muss romantisiert werden.“  

Oder sein: „Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren…“ .

Ich sehe darüber Mephisto – seiner Sache sicher – nur müde lächeln oder spöttisch grinsen. Durch seine Adern fließt anstelle von Blut elektrischer Strom. Und: er ist vollkommen unfähig zu singen, und, wer oder was von ihm geküsst wird, erstarrt zu etwas Gläsernem …

(So geschah es, als Mephisto sich der Leier, der Harfe bemächtigte. Da er sie küsste, verwandelten sich diese Instrumente in das Klavier: Obertonarm und gläsern dessen Klang, aber – bis heute – unendlich faszinierend.)

18. September 2018

Aus der Vogelperspektive

Das andere, jenseitige Ufer war schon längere Zeit in Sichtweite. Das Schiff hielt seinen Kurs parallel zur Küste; noch segelte es nicht in Richtung Ufer, um dort anzulanden. Eine kleine Bewegung des Steuers würde genügen, damit das Schiff seinen parallelen Kurs verließe und die Linie des Jenseits schneiden würde: der Tod – und das neue Leben, danach, im neuen Land.

Seine Arme bewegten sich im Winde des Orchesterklangs: Er dirigierte gleich einer Windmühle.

17. September 2018

Über Bach schreiben? – Ist nicht meine Berufung. An Bach schreiben? – Kommt zu spät. Mich für Bach beim Leipziger Rat einsetzen? Braucht es heute nicht mehr, da sie ihn weitaus besser behandeln als damals, ja, ihn lieben. Aber für m i c h muss ich an ihn schreiben: Lieber Bach, du machst mich fromm, dass ich in den Himmel komm. Amen!

Nie wieder Krieg“! Auch Sentenzen oder Schlagworte können kranken, in diesem Falle eine chronische Erkrankung  – an Verneinung.

Na, alles im Griff?“ Was meinte der Frager? Würgegriff? Haltegriff? Zugriff? Angriff? Hilfestellungsgriff? Eingriff? Begriff?

Lichtqualitäten: Das blaue Licht der virtuellen Welt oder das blaue Licht der unsterblichen Seele?

16.September 2018

Palimpsest

Beim Schlendern durch die einstige Ackerbürgerstadt, die Orte meiner Kindheit und Jugend: ein Palimpsest: Verstorbene, die meinen Weg über den belebten Markt kreuzen; Selbstbegegnungen mit dem kleinen Jungen von damals im alten Park unter der riesigen Blutbuche, welcher voller Verstecke und geheimer Plätze ist, die aber keiner derer, die mir begegnen, sehen kann.

Ich schlendere durch Geschichten, Geräusche und Gerüche, sehe die alte Schmiede mit der großen, rauchenden Esse – jetzt ein schickes Restaurant –  rieche den Geruch von rotblühendem Eisen, von verbranntem Horn der Pferdehufe, denen der bärbeißige Schmied Bernhard Asshauer neue Hufeisen angepasst, höre das Schnauben des Gauls, das rhythmische Klingen seines Schmiedehammers, in der Ferne jetzt das tiefe Mittagsgeläute von Sankt Marien… ist es das Läuten vor 50 Jahren oder ist das Geläute im Hier und Jetzt? Die Glocke holt mich zurück aus der Traumstadt, deren mittelalterliche Lineatur der Straßen und Gassen und das Relief der Gebäude von der neuen Zeit überwachsen, überbaut, überwuchert sind. Diese Traumbilder aber spiegelten mir eine intensivere Wirklichkeit als die realen Bilder, an denen meine Augen schnell ermüden.

15. September 2018

Meine Muttersprache: mein Eigenheim. Später gelernte Fremdsprachen: Zweit– oder Mietwohnungen oder gar Ferienhäuser.

14. September 2018

Manches Kind gleicht einem kostbaren Streichinstrument: rein gestimmt, leuchtend, mit einer reichen Vergangenheit, die sich mir in seiner hochgradigen Schwingungsfähigkeit, seinem Erstaunen und seiner Neugier verrät… .Mit solchen Kindern zu spielen, zu lernen macht glücklich.

13. September 2018

Der neue Rattenfänger

Juchheisa! und ich führ den Zug
Hopp über Feld und Graben.
Des alten Plunders ist genug,
Wir wollen neuen haben.

Was! wir gering? Ihr vornehm, reich?
Planierend schwirrt die Schere,
Seid Lumps wie wir, so sind wir gleich,
Hübsch breit wird die Misere!

Das alte Lied, das spiel ich neu,
Da tanzen alle Leute,
Das ist die Vaterländerei,
O Herr, mach uns gescheute!

(Gedichtet von einem meiner Lieblingsdichter, der von 1788 bis 1857 lebte; einer der wenigen, die sich in ihrer Zeit in Deutschland nicht von Nationalismus und  aufkeimendem Antisemitismus anstecken ließen …).

12. September 2018

Mit der immer mehr zunehmenden nationalistisch- rassistischen Auslegung der damals,  in der 2. Hälfte des 19 Jahrhunderts noch relativ jungen darwin’schen Evolutionslehre auch durch die deutsche Professorenschaft – Joachim Bauer hat dies akribisch recherchiert – verhielt es sich ähnlich, als würde man in die glimmende, schwelende Glut der überall in Europa erstarkenden Nationalismen hineinblasen. Aus  der nationalen Gesinnung schlug nun die Flamme des Nationalistischen, die weiter genährt wurde durch den Antisemitismus.

Rassenreinheit, „Kampf ums Dasein“ waren der ideologische, durch die damalige Wissenschaft gerechtfertigte Boden, auf welchem die Ideen zu Taten reiften, vermeintlich Unwertere, Schwächere durch das „Recht des Stärkeren“ systematisch zu verdrängen und zu vernichten.

Der Dichter Franz Werfel ist durch seine Darstellung des Überlebenskampfes der Armenier in seinem Roman „Die vierzig Tage des Musa Dagh ...“ für dieses geschundene Volk, an dem im 20. Jahrhundert der erste Völkermord als Exempel statuiert wurde, bis heute hochverehrt.

Für Hitler und Co. war der Völkermord an den Armeniern ab 1915 Vorbild für die Ausrottung der europäischen Juden. Rätselhaft erscheint immer wieder, bis auf den heutigen Tag,  die Verknüpfung von intellektueller Klarheit  Vorausplanung und effizienter Durchführung einerseits mit der enthemmten Grausamkeit: das Rätsel des Bösen und d e r Bösen:

.. Taalat und Enver Pasha, Hitler, Stalin,  Mao, Pol Pot; der einzelkämpferische Norweger Breivik im Jahre 2011, der seine Taten auf einem eintausenfünfhundertseitigen Pamphlet jahrelang ideologisch vorbereitete: Oberteufel mit ihren zahllosen Nebenteufeln, untere Chargen, Schlächtern, Folterern, Handlangern, Gekauften und Belohnten, Verrätern, Nutznießern, den gemeinen Dieben …

Taalat Pasha und Enver Pasha: die obersten Chefideologen und hauptverantwortlichen Befehlsgeber der Vernichtungsaktionen gegen das armenische Volk:

Ersterer wird als gedrungen-aufgedunsene Erscheinung beschrieben, mit einer Ausstrahlung als der „machtvollsten zwischen Berlin und der Hölle“.

Enver Pasha lebte jahrelang unbehelligt im Exil u.a. im Klein-Glienicker/ Babelsberger Villenviertel, Freund und als Gast des damaligen Direktors des Berliner Völkerkundemuseums. In Klein-Glienicke wurde eine 1945 teilweise zerstörte Brücke zu Ehren Enver Pashas benannt, die diesen Namen bis heute trägt. Ihr Wiederaufbau wurde diskutiert.

11. September 2018

Auf des Sommers Waagschale
Stille Fülle,
Morgenglanz und Kühle,
Diamantener Tau am Thun.
Sonnenflecken leuchtend ruhn.
In den Zweigen wispern Meisen. 
Winde flüstern ein Ade’ 
Ins goldene Ohr der reifen Rispen.
Raschelnd fällt ein roter Apfel nieder …
Langsam neigend – steigend wieder 
Wiegt der Sommer sich.

9. September 2018

Eine Großmutter erzählt ihrer kleinen Enkelin Märchen, lässt jedoch, um das Kind vermeintlich zu schonen, die Grausamkeiten aus. Nach und nach wird die gar so freundliche, süße Omi dem Kind immer unheimlicher.

Die zehnjährige Theresa erzählte mir: „Wir haben ausgelost, wer beim Theaterstück welche Rolle spielen darf. X. spielt die Taube und ich bin die böse Stiefmutter.“

Dann strahlte sie mich an und sagte mit festem Blick: „Ich liebe es, ein bisschen böse zu sein!“

Was wird später im Leben aus denen, die als Kinder nie „böse“ sein dürfen oder durften, die das Böse nie spielen durften? Oder: denen das „Böse-sein“ nicht verziehen wurde?

8. September 2018

Betrachten wir sonach die Kunst als Lebensfaktor von unermeßlicher Bedeutung, als Erzieherin zur freien harmonischen Persönlichkeit, so müssen wir als wichtigste soziale Forderung empfinde, den im Menschen schlummernden Künstler zu erwecken.“

Victor Ullmann (1898 -1944), „Entarteter“ Pianist, Dirigent und Komponist, Jude, Deutscher, Anthroposoph …

Die Musik zieht alle Künste groß, kodiert alle Wissenschaften, haucht unter den Sprachen, akkreditiert die Gesellschaften, inspiriert jedes Denken, besser noch: rhythmisiert, umhüllt und verbreitet unsere Beweggründe und die geregelte, aber unerwartete Aufeinanderfolge der Zahlen; unter ihr, hinter ihr, zwischen ihr und diesem weitgefassten Mysterium, das alle Geheimnisse in sich birgt. Wer es entdeckt, spricht virtuell alle Sprachen und vernimmt alle Stimmen der Welt.“

(In: „Musik“ von Michel Serres, französischer Philosoph, geb. 1930)

7. September 2018

Es gab einmal ein „Age of Enlightment“. Wir zehren noch heute – mehr denn je – u.a. auch von der Musik, die damals entstand: Z.B.  Im vergangenen Jahrhundert Bernsteins zweite Sinfonie „The age of anxiety“. Mittlerweile sind wir längst im digitalen Zeitalter – dem der Spaltung in O/1, dem „Age of hate-or-love“ –  angekommen. Gab es das nicht schon einmal in der damals noch fast ausschließlich analogen Welt?

Hinter den Zwingern und Gitterstäben der „virtual reality“, der „(un-)social media“ und ihrer Kommentarfunktionen geifern und wüten Hass-und Hetzkommentare, eine Meute mit Menschenmündern, ihrer Maulkörbe entledigt, zum Teil in sich selbst verbissen.

Vielleicht ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Gitterstäbe dem Druck nachgeben oder die Zwinger vorsätzlich entriegelt werden, und diese Meute loshetzt, ob organisiert oder unorganisiert, und ihren Worten Taten folgen lässt …

Ohnmächtige Wut“: sie sucht die Ohnmacht zu überwinden, die verlorene oder nie besessene Autonomie zurückzugewinnen durch Gewalt. Wo das nicht möglich ist, wächst und staut sich der Hass, wie das Magma im Untergrund eines Vulkans.

6. September 2018

Wahrheitsbesetzer oder Wahrheitsbesitzer?

„Auf YouTube“ ein Wahrheitsverkünder: Möglicherweise ein ehemaliger Ringkämpfer, einer, der sich irgendwie selbst massiv im Wege zu stehen scheint, undurchlässig wirkend. Einer, der anstelle zu ringen nun spirituell wirken möchte. Ein Ringkämpfer nunmehr auf der Ebene der Gedanken und Ideen, schlagfertig.

„Mephistophelia“ – so nenne ich sie für mich: die geniale, sprachlich alles überragende Kabarettistin mit dem Wiener Dialekt. Wäre Mephisto wohl eine weibliche Figur geworden, wenn Goethe sie gekannt hätte?

Meine Frage bei all ihrer zersetzenden, furiosen sprachlichen Genialität aber ist: Kennt sie, hat sie Liebe?

5. September 2018

Aquarell

Sonnenglast
Spiegelglatt
Träumt der See und ruht
Windhauch pflückt ein falbes Blatt
Aus Blättersträhnen goldner Glut

Kinderjauchzen
Sang der Grille
Am Ufersaum ein Liebespaar
Abendhimmel leuchtet stille
Alles Ferne rückt ganz nah

Vertrautes Murmeln von zwei Schwimmern
Punkte dunkelfern im See
Insektentanz
Ein schwebend Schimmern
Im letzten Sommersonnenglanz

3. September 2018

Unterm Himmel

Ein lauer Spätsommerabend. Ich sitze am Feuer im Garten, den Blick nach oben auf den klaren Sternenhimmel gerichtet. Das Rauschen eines nahenden Flugzeugs vom Flughafen Berlin-Schönefeld schwillt an. Jetzt sehe ich die blinkenden Positionslichter, zwei-, dreitausend Meter über mir. Ich erahne die Kreuzform der Maschine. Nach wenigen Sekunden ist sie meinen Augen entzogen; ich lausche dem Flugzeug nach, welches das Sternbild des Bären gekreuzt hat, gleich einem irrlichtelierenden Sternbild – nennen wir’s „Kreuz“ oder „Schwert“ … . Zweihundert Menschenschicksale, auf engstem Raum zusammengeballt,  überkreuzen, „verknoten“ sich dort oben für die Dauer des Fluges, um sich nach geglückter Landung in Barcelona, in London oder Stockholm wieder zu lösen. Wohl die meisten derer, die jetzt dort oben ihre Gurte abgeschnallt haben und sich entspannt zurücklehnen,  umarmten, küssten jemanden zum Abschied oder drückten eine Hand, und werden wohlmöglich nach der Landung am Ziel von jemandem erwartet. Herzen schlagen erwartungsvoll, Augen und lächelnde Antlitze leuchten auf, Körper schmiegen sich bei der Begrüßung glücklich aneinander, Hände werden gedrückt und Tränen abgewischt: die Technik hat uns vom unmittelbaren Leben und Begegnen nicht nur abstrahiert und zu Partikeln in ihren Maschinen degradiert, die wie anonyme Kometen oder Satelliten am Himmel dahineilen. Sie hat unser aller Leben intensiviert, unfassbar beschleunigt im Vergleich zur Pferde- und Postkutschenzeit.

Ich lausche dem Flugzeug nach: sein Klang ist auch Ausdruck der Liebe zum Leben und zum Lebendig- und Verbundensein.

Und in den nächtlichen Träumen nach der Ankunft am Ziel fliegen die Seelen derer, die ihr Leben und ihr Schicksal der Maschine und den Maschinisten anvertrauten, ihren physischen Leibern hinterher, holen sie,  mehr oder weniger schnell, ein, vereinigen sich wieder; Stress und Jetlag klingen ab.

Dann erst werden sie ganz und  wirklich angekommen sein.

23. August 2018

Auf dem Fährschiff

Das kaum einjährige Kind, von seiner Mutter an den hochgereckten Ärmchen gehalten wie eine Marionette an zwei dicken Fäden, verfolgte mit strampelnden Beinchen und jauchzend sein Zwillingsgeschwisterchen, das vor ihm, erstaunlich schnell und behende, auf allen Vieren auf dem Teppich des Ganges vorauskrabbelte … da traf  mich wieder einmal einer dieser langen, hingebungsvollen, tief verwunderten Kinderblicke, auf die es wohl nur eine einzige mögliche Antwort gibt; denn das Leben selbst scheint dich aus tiefster Verwunderung anzublicken, und das Leben selbst in mir antwortete … mit meinem Lächeln.

Was ist uns geschehen, dass wir die Fähigkeit verloren zu haben scheinen, ungeteilt im Augenblick zu sein, so wie es das Kleinkind noch beherrscht, das dich unverwandt und hingebungsvoll anblickt und zugleich hinlauscht. Sein ruhig schauendes Auge und sein lauschendes Ohr scheinen noch zu einem Organ des Glücks vereint zu sein. Muss es, gleich der Vertreibung aus dem Paradies, geschehen, dass jeder von uns die Fähigkeit verliert,  mühelos „vom Blatt zu spielen“?

Damals erklang die Sinfonie des Lebens noch vollständig und auf rein gestimmten Instrumenten gespielt. Doch das Kind vergaß das Ganze, verlor die Sicherheit des „Von-Selbst“. Als  es erwachte und sich der Sinfonie sehnsüchtig erinnerte wie eines verklungenen, wunderbaren Traums, sah es sich vor einen wirren Wald von Wegweisern versetzt: Du sollst, du musst, du darfst, du darfst nicht, du bist, du musst so sein usw. Und das Reisegepäck für die weitere Lebensreise – ein großer Koffer – war vollgestopft mit „Sei schön artig“, „Tu, was man Dir sagt“, „Bescheidenheit!“, “ Harmonie“, „Das tut man nicht“, „Unser Bester“, „Lieber Gott …“, „Sünde“ … .

Doch all dies war, gewollt oder ungewollt, vergiftet mit dem Gift des „Nicht-leben-Dürfens“.

22. August 2018

In einer Schule begegnete ich Simon Rattle. Er stand etwas abseits und beobachtete eine Gruppe von Frauen, die einen Kreistanz einstudierten. Ich sprach ihn vertraulich an mit „Hey Simon!“ und bezog mich dabei auf ein Konzert anlässlich des Tags der offenen Tür in der Berliner Philharmonie, bei dem ich vor einigen Jahren unter seiner Leitung im Projekt-Orchester mitgewirkt hatte. So war der Ton zwischen ihm, dem Nahbaren, und mir doch gleich vertraut, obwohl er sich unmöglich meiner erinnern konnte. Er äußerte sich skeptisch gegenüber dieser Art des Tanzens: „Nicht mein Ding„, sagte er, und es klang trotzdem wohlwollend. „Something is wrong.“ Ich konnte ihm nur zustimmen. Später übernahm er in einem Klassenraum, in denen sich ein Flügel und ein Cembalo befanden, den Unterricht, wobei er schwierige mathematische Zusammenhänge schlüssig erklärte – ungewöhnlich genug, da wir von ihm eher musikalische Erörterungen erwartet hatten.

Der Autor und Regisseur unserer Träume zitiert oft in unseren Träumen aus unseren Sinneseindrücken. Aber: Darf ich deshalb als Co-Autor, Regieassistent und Darsteller meiner Tages- und Sinneswelt das Umgekehrte tun und aus  meinen Träumen zitieren? Täte ich’s aber nicht: Was wären denn dann Ideale, Bilder, Gedichte, Musik, Kunst, die Verbindung und Liebe zu Menschen, zu mir selbst, zur Natur …?

21. August 2018

Jakob Wassermann, der große Romancier und Anwalt „Kaspar Hausers“, zeichnet immer wieder in seinen Romanen, gleich einem Leitmotiv, den lichtlosen Typus des Kleinbürgers, dessen also, der aufblicklos, ohne Ideale, geschichtslos und ideenlos, ans materielle Dasein versklavt ist, und daher jeden Moment der Freiheit benutzt, um sich zum Herrn über Schwächere zu machen und ihnen die eigene Demütigung heimzuzahlen.

Dieser Typus bildete u.a. den Nährboden für den Erfolg der hitlerischen Wahnideen: Hitler, der zu einem „Aufblick“, zu etwas vermeintlich Höherem, Verbindenden an Lebenszielen verführte und zugleich zu erzwingen trachtete. Möglich wurde das wohl auch durch eine Art „Umpolung“:  Die Zeichen wurden vertauscht (darin steckt auch „täuschen“), die „Sonne ging nun rückwärts“, das Untere ward zum Oberen, und das bislang Obere zum Niedrigsten. Die Menschen blickten mehr und mehr statt in den Himmel in den Abgrund, ja mehr noch: So tief waren sie gefallen oder hinuntergedrückt, dass sie zum Abgrund aufblickten.

18. August 2018

Regen ist Segen

Unvermittelt – trotz warmen Sonnenscheins – begann leichter Regen in dicken Tropfen vom Himmel zu fallen.  Ich schaute überrascht auf: perlengroße, silbern funkelnde Tropfen fielen mir aus dem tiefen Blau des Himmels entgegen. Die kleine, lichtgraue Wolke am Himmel, zu klein jedoch, um die Sonne zu verdunkeln, musste die Quelle dieser Regentropfen sein. Auf dem dunkel-kupfergoldfarbenen Wasser des westgotländischen Stora Trehörningen Sees mischte sich das leise, allmählich anschwellende Tröpfeln der himmlischen Perlen wie immer dichter aufeinanderfolgende Triangelschläge und steigerte sich zu einem weichen, melodischen Rauschen. Die irisierenden Wasserblasen, die sich mit jeder Berührung jedes einzelnen Tropfens mit der Wasseroberfläche aufwölbten, gaben dem See einen millionenfach aufblitzenden Glanz, ein sprühendes Auffunkeln, so, als wolle sich mit jedem Tropfen ein Stück Himmel im Kleinen wölben, um dann in der großen Einheit des in kreisende Schwingung versetzten Wasserspiegels aufzugehen.

Mal war der Regen stärker und dichter, dann wieder schwächer, um dann  für einige Minuten wieder ganz zu versiegen. Die Welt des Sonnenscheins schien wieder in Ordnung. Wenig später aber näherte er sich erneut, wie ein Schleier langsam heranrauschend: gleißender, klingender, singender und schwingender Regen, Tropfen wie in Märchenbüchern gemalt, wo jeder Tropfen ein Gesicht hat und ihm ein eigenes Wesen innezuwohnen scheint, und nur darauf wartet, sich mit Wonne fallen zu lassen, um beim Aufschlagen aufs Wasser einen möglichst schönen Ton anzuschlagen, metallisch und doch zugleich weich: eine zärtliche, musikalische Berührung der Haut des Sees, ein myriadenfaches leises Trommeln mit unsichtbaren Fingern, das den See in still kreisende, sich durchdringende Schwingungen versetzte. Und wir: kindlich staunende, stumme, lächelnde Zeugen, vergessend unsere immer nasser werdende Kleidung, hingebungsvoll gebannt vom stillen, freudigen Klang dieser Himmelstränen, die nach und nach zu unseren Eigenen zu werden schienen …

16. August 2018

Von hier aus, hoch oben im „freien, felsigen Norden“, im Morgenglanz der Waldlichtung, der Birken und Fichten, umschwirrt von der Libelle, dem Tagpfauenauge, Hauhechel-Bläuling und Golddukatenfalter und beäugt vom Rotkehlchen und der Eidechse, erkannte ich ihn, den Konsumtyrannen, den Dollardiktator mit dem goldgefärbten Haar, den von Mammon gezeugten Sohn: aufblicklos, brutal ans Profitdenken angeschmiedet mit ehernen, schweren Ketten; ein Bote und  Diener der Finsternis. War denn nicht auch er einst ein Menschenkind: ein kleiner, neugieriger, lebhafter, gedemütigter, missachteter Junge, dazu verurteilt, „es“  Vater und Mutter unentwegt beweisen zu müssen … vergeblich.

15. August 2018

Impressionen von der Ostseeinsel Gotland

Setzt du in einer lauen Sommernacht, vom schwedischen granitenen Festland kommend, nach Verlassen der Fähre deinen Fuß auf die Insel Gotland, so betrittst du eine unerwartete, fremd anmutende Welt. Und wäre es eine Nachtfähre, mit der du Gotlands Hafenstadt Visby spät abends erreichst, und du würdest, magnetisch angezogen von den angestrahlten Umrissen des Doms, der mächtigen Fassade der Ruine von St. Nicolai, den uralten verschachtelten Häusern mit ihren mittelalterlichen Treppengiebeln oder der Stadtmauer, um dann schließlich auf dem Stora Torget, dem großen Marktplatz mit der gotischen Ruine von St. Karin anzukommen, weil der Nachtwind Musik, Stimmengewirr und Gelächter lockend zu dir hinwehte, so würdest du dir vielleicht die Augen reiben. Was ist das? Bin ich hier – mitten in der Ostsee – wie auf einem Zauberteppich in den Süden Europas versetzt worden? Es ist, als wärest du auf einer südländischen Piazza gelandet, wo ein rauschhaftes, lebhaftes Leben, Genießen, Flirten und Flanieren erst mit der Dunkelheit richtig erwacht …

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Dein erster Weg am Morgen nach einer kurzen Nacht führt dich durch ein gewundenes, von blühenden Rosen duftendes Gässchen vielleicht an den Rand einer Klippe, zu deren Füßen das Meer sanft an den Strand anschlägt. Die Schreie der Möven und das ekstatische „Srriii Srriii“ der Mauersegler begrüßen dich. Und wieder erstaunst du über diese Fremdheit des Bodens, der Vegetation: Es scheint, als wäre diese Insel ein besonderer, mitten in die Ostsee gefallener Meteorit, aus hellem, lichtem, sonnendurchtränkten Material verdichtet, dessen schroff-karstige Steilküsten, die hellen, klingenden Klappersteinstrände mit ihren uralten höher gelegenen, Jahrhunderte und Jahrtausende alten Strandlinien eine Sonneninsel gebildet hätten …

Doch nach und verstehst, begreifst du, dass diese Insel kein Fremdkörper ist, der von oben, vom Himmel ins Meer stürzte, sondern eine Masse, die sich von unten, aus den Tiefen eines Urmeeres und seines schlammigen Urgrundes in unvorstellbaren Jahrmillionen verdichtete, verhärtete, sich von dem Panzer des Eisriesen befreit allmählich hob und schließlich aufwölbte, dem Sonnenlicht entgegen, gebildet aus Myriaden von Skeletten: Korallenriffe, Algen, Weichtiere, Muscheln und den ersten Fischen …

Wer auf Gotland nicht zum Steinesucher, zum Süchtigen und zum Sammler von Versteinerungen werden will, der jedoch sollte diesen Ort  tunlichst meiden …

Beim Steinesammeln am Klappersteinstrand von Ygne unterhalb Fridhems auf der Insel Gotland:  ist das nicht letztlich meine Suche nach dem Stein der Weisen:

Vom Himmel gefallene Findlinge aber sind wir alle, Fossile unserer eigenen Vergangenheit,  im Hier und Jetzt immer wieder zum Leben erweckt.

14. August

Nach dem Besuch des dämmrigen, engen Antiquariats nahe der Domkyrka von Visby begab ich mich, das gleißende Mittagslicht meidend, in den Schatten der alten Linden, die den Vorplatz und den uralten, ehemaligen Friedhof unterhalb der hohen Domklippe beschatten. Ich ließ mich, mit dem Rücken an eine große, aufgerichtete Grabplatte gelehnt, am Fuß der Klippe nieder. Meine Augen schweiften über die Ruhesuchenden, die sich etwas unterhalb auf der Wiese, auf und neben  Grabplatten oder Kreuzen niedergesetzt oder ausgestreckt hatten. Ahnten die Schlummernden unter den sanften Flügeln der rauschenden Blätterkronen, dem  heiteren „Jak Jak“der Dohlen und dem gedämpften Orgelspiel aus der Domkyrka, dass sie auf hunderten von Gräbern ausruhten,  über den Gebeinen vieler Generationen, die hunderte von Jahren hindurch dort bestattet worden waren? Wäre den friedlich Schlummernden bewusst gewesen, wo sie sich zu einem Nickerchen ausgestreckt hatten: hätten sie’s dann auch getan? Und würde jemand sie sanft wach gerüttelt und aufmerksam gemacht haben, dass sie über Gräbern und Gebeinen schliefen – hätten sie sich nicht mit Unbehagen erhoben und wären diesem von Tod, Vergänglichkeit, Ahnung und Gegenwart aufgeladenen Ort entflohen? Und ich begriff das Wort vom „Schlaf als dem kleinen Bruder des Todes“ …

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Visby/ Gotland. Blick auf den alten Hafen (Almedalen) und den Dom

13. August 2018

An wen bloß erinnerte mich die schöne, türkische Mittdreißigerin mit ihrem ausdrucksvollen Blick, die ein paar Meter entfernt im Eingangsbereich des Boardingshops der Fähre bediente? Sie wirkte in ihrem marineblauen Kostüm umso anziehender, als die vielen Konsumenten, die dort kamen und gingen – Urlauber, muskulöse, abenteuerlich tätowierte Trucker, quirlige polnische Jugendliche, ergraute Lehrerehepaare und vorzeitig gealterte und aufgedunsene Sinti-Romafrauen mit riesigen Hängebusen unter den schlabbrigen, viel zu großen Kleidern, die zu wiederholten Malen den Eingangsbereich mit „Elektronik“, Uhren und Parfüms in ihren Socken und abgetragenen, offenen Schlappen schlurfend in Augenschein nahmen – nur ausnahmsweise einen erfreulichen Anblick boten.

Die Schöne – ich nenne sie Meryem – hatte wohl bemerkt, dass ich sie nicht nur einmal flüchtig angeschaut hatte, und sie blickte ab und zu ernst zu mir zurück, als wolle sie sich wegen etwas vergewissern, um sich dann wieder der Kasse, einer Kundin, ihrer blonden, kurvigen Kollegin oder dem Auspacken und Einsortieren von „Nachschub“ zu widmen: ein merkwürdiges Augenspiel, dem die Zeit der Überfahrt auf der Fähre ihre Grenze setzen würde: trotzdem, oder gerade deshalb rollen in solchen Situationen zeitrafferartig Lebensentwürfe –  unlebbare und doch wünschbare und mögliche Lebens- und Liebesituationen – vorm inneren Auge ab, als würde „das Schicksal“  darüber hinscannen …

In dieser parfümduftschwangeren Hochglanzwelt teurer, begehrenswerter Edelmarken und großer, einschüchternder Hochglanzfotos perfekter, in Extase erstarrter Schönheiten verwandelte sich die so seriöse Verkäuferin Meryem aber unvermittelt in ein ausgelassenes Mädchen: plötzlich, ja blitzartig warf sie nämlich einen zerknitterten Kassenzettel einer vorbeigehenden Kundin in den noch leeren Warenkorb. Sie hatte gut gezielt, ihre Augen blitzten mutwillig auf, ihren Treffer befriedigt quittierend. Die Dame mit dem Korb schien nichts gemerkt zu haben. Vielleicht dadurch gereizt zielte Meryem erneut und warf zielsicher einer der schlurfenden Sintimatronen eine Papierkugel an den Nacken. Diese hatte etwas verspürt, wendete sich irritiert um, doch Meryem, das Unschuldslamm, war konzentriert in ihre Arbeit vertieft. Ihre Kollegin aber war amüsierte Zeugin des Anschlags gewesen.

Kaum war das Opfer im weitläufigen hinteren Bereich des Shops verschwunden, blickten sich die beiden verschwörerisch an, und Meryem bog sich vor Lachen zur Erde, machte einen  Luftsprung, bevor sie nun ihre Kollegin mutwillig zu bewerfen begann. Der Mutwille, das Gelächter und der Tanz des Ausweichens der beiden kostümierten mädchenhaften Frauen vor ihren gegenseitigen Papiergeschossen verzauberte diese sterile, erstarrte Konsumwelt wie mit einem Zauberschlag:  herrliche, plötzliche Wandlung einer Larve in einen lebendigen, farbigen Schmetterling voller Lebenslust und Spontanität: ungeahnte Entfaltung von Lebensmöglichkeiten …

Die Geschichte von Ebba, der Seemannstochter

Ebba, die Tochter eines gotländischen Seemanns, war schön wie das Licht der Sonne kurz nach Sonnenaufgang. Derart aber war ihre Schönheit, dass viele Angst vor ihr hatten. „Aussichtslos, sinnlos“, dachten die einen. „Die ist schon längst vergeben“, meinten andere. Auch: „Ich bin ihrer nicht wert.“ Oder es verschlug einem, dem sie gefiel und der ihr in die Augen zu schauen wagte, vor Herzklopfen die Sprache, und sein Mut verließ ihn gleich wieder. Was sollte daraus werden? Liebe und Angst – das geht nie zusammen!

Ebba aber war oft bei ihrem alten Vater, war für ihn da, sehnte sich jedoch oft insgeheim nach Einem, der sie begehrte und brauchte; Ihr wisst schon: begehren, brauchen, da sein für einander, ein Du und ein Ich. Und trotzdem liebte sie ihren alten Vater, der sie brauchte, und kümmerte sich um ihn.

Aber wenn sie aufs Meer hinausschaute, dann fühlte sie sich wie gefesselt und angebunden. Ach, welch ein Zwiespalt in ihrer Seele!

Also ging sie eines Tages den Domberg hinauf zu einem weisen Mönch. „Was mache ich nur falsch, Meister?“ fragte sie „Niemand begehrt mich, alle machen einen Bogen um mich, und die Anderen, die sich nach mir umwenden und mir nachzischeln – niemals will ich mit denen zu tun haben!“

Der Mönch sah sie schweigend an. Dann blickte er hinunter aufs Meer, auf die Bucht unten mit dem Hafen, wo die großen und kleinen Schiffe ein- und ausfuhren.

„Du kannst es nicht wissen, Ebba, so wenig, wie eine Blume weiß, dass sie blüht. Der, nach dem Du Dich sehnst, hat sich verletzt, und seine Wunde ist noch nicht lange verheilt. Und darum ist er vorsichtig, weil er fürchtet, die Wunde könne wieder aufbrechen.“

Was kann denn ich dafür ?“ fragte die junge Frau fast trotzig.  „Was kann ich denn tun?“

„D u  kannst gar nicht dafür, Seemannstochter. Aber was Du tun kannst, ist dein Lassen: Lass ab davon, zu suchen und zu warten, Ebba. Tu, was getan sein muss, und tue es mit Liebe!“

Und der Mönch wies aufs Meer hinaus, wo gerade ein Segelschiff mit einem purpurroten Segel,  vom Wind getrieben, dass es eine Lust war anzusehen, auf den Hafen zusteuerte, um dort zu landen und festzumachen.

„Segeln ohne Wind, Ebba, wie soll das gehen? Den Wind kannst du nicht machen, aber du kannst ihn mit Lust nehmen, wie der Schiffer dort unten es tut.“

Und sie verstand den Mönch mit dem Denken ihres Herzens, erhob sich alsbald dankend und eilte den Domberg hinunter zur Steinmauer, wo die Schiffe festmachten, streckte ihre Arme entgegen und fing die Leine auf, die ihr ein Schiffer zuwarf, und sie vertäute das Segelschiff, so, wie sie’s von ihrem Vater von klein auf gelernt und oft getan hatte. Das Boot aber mit dem purpurroten Segel war es gewesen, und der Schiffer wich Ebbas Blick nicht aus, so wenig wie sie dem seinen auswich …

12. August 2018

Bei einem Aufenthalt auf einer Insel stellt sich für mich die Frage nach meinem „Woher“ und „Wohin“  deutlicher als auf dem Festland des Berufsalltags: die insuläre Situation, die Isolation, synchronisiert sich mit meinem „Ich“ und dessen Grenzen- oder Entgrenzungserfahrungen.

Im planetarischen Maßstab: Ist nicht jeder der Kontinente eine Insel? Und wiederum unser Heimatplanet Erde eine Insel im „schwarzen Meer“ des Weltalls? Ist seine blau – leuchtende  Erscheinungsform nicht die Farbe tiefsten Heimwehs: eines Heimwehs sowohl nach der Erde (aus der Sicht eines Astronauten oder eines anderen Himmelbewohners) als auch nach dem schwarzen, sternenübersäten Meer, dem Kosmos, dessen Anblick mir diese Augustnächte schenken?

„Wie ein Säugling im Schoß der Mutter. In meinem Raumschiff bleibe ich immer das Kind der Mutter Erde.“ So der polnische Astronaut Miroslav Hermaszewski.

R. schrieb mir von ihrem Inselaufenthalt: Der Schrei der Möwe – in seinem Klang  erlebe sie zugleich Sehnsucht und tiefstes Heimatgefühl. Der Möwenschrei hatte mich bisher unaussprechlich berührt. Jetzt aber habe ich Worte. Er berührt mich und schließt sich mir auf in eben dem Sinn, den R. aus ihm herauszuhören vermochte.

11. August 2018

Mauersegler

An den Küsten des Abendlichts, im Einklang selig kreisend,

jagen die Delphine der Lüfte im lustvollen Spiel

über den Häuserriffen, tief und tiefer,

den Grenzen des Himmelsozeans zu …

Ferne jetzt, nur noch zu ahnen,

ist ihr Silberjubel vor den still glühenden Wolkeninseln,

himmelhoch, jauchzend, zum Leben befreit.

(Visby/ Gotland, im August 2018)

10. August 2018

Du kannst mit dem Kopf, mit den Armen, den Beinen noch so oft und noch so hart dagegen anstoßen und anrennen:  es gibt in deinem Leben Tatsachen, die sind ebenso unumstößlich wie ein Stein unter der Wasseroberfläche: Du musst um ihn herumschwimmen.

9. August 2018

Ich stand vor den Grabstellen meiner Mutter, meiner Großeltern, meiner Tante, meines Onkels, deren Grabsteine und Schriftformen in der gleichen Farbe und Form gestaltet sind. Ich las die Geburt- und Sterbedaten und ein kombinatorisches Spiel begann. Die Jahreszahlen, die Monate und Tage erschienen mir wie  Larven, Maskierungen oder Verschlüsselungen eines tieferen Sinns. Aber die Maske der Zahlen saß fest auf dem Antlitz des Schicksals, das sich darunter verbirgt. Es will sich noch nicht zeigen. Erst, wenn ich durch die Zeitmembran hindurch auf die andere Seite des Stroms gelangt bin, wird sich’s mir entschlüsseln.

8. August 2018

Das Smartphone:  Das heraussezierte Innenleben des Gehirns in Teilaspekten, reduziert auf ein Rechteck von ca. 12 x 6 cm: ein Spiegelbruder oder eine Spiegelschwester im Westentaschenformat, welche – noch – vergeblich danach trachten, ihren Besitzer oder ihre Besitzerin ihrerseits zu besitzen.

Erinnerungen von Imre Kertész an „Buchenwald“Kaum vorstellbar ist eine größere Wucht am Ende seiner Erinnerungen an seine KZ- Erlebnisse, als  er auf die Frage eines Journalisten, der, eine große Story witternd, den Jüngling fragt, was er empfände. Lapidare Antwort: „Hass.“ Der Journalist hakt nach: „Hass auf wen, auf was?“             „Hass auf a l l e s!“

7. August 2018

Morgenstunde, Gold des Tages,
schenkst mir Morgenglanz und Leben.
Auf der Lichtung wispernd weben
leise Lieder hohen Grases,

singen Birken Wiegenlieder.
Vor dem dunklen Tannenhag,
perlt der selig-süße Schlag
des Fitis wieder, immer wieder,

verschwistert sich zur Freudenklage
sein wehes Lied mit Lieb und Leid;
sei’s zur Antwort, sei’s zur Frage
nach dem Woher? Wohin? Wie weit ?…

Morgenstunde, Gold des Tages,
schenktst mir Morgenglanz und Licht,
und beim Flüstern hohen Grases
schenke ich Dir dies Gedicht.

(Ygne/ Gotland, im August 2018)

21. Juli 2018

J. S. Bach, der in seiner Musik das Göttliche mathematisiert und musikalisch auslegt. Damit gehört er zu den ganz großen Aufklärern. Selbst noch die blumigste barocke geistliche Lyrik wird durch seine musikalische Bildsprache in etwas Zeitloses transformiert. Und seine nicht  wortgebundene Musik berührt immer die Sphäre, wo ein Gedanke, ein Wort, ein Satz, ein Gespräch einem als Musiker oder musischem Zuhörer  „auf der Zunge liegt“: Vieldeutige Eindeutigkeit und eindeutige Vieldeutigkeit – ein Vexierbild, das mich zwischen menschlich-schmerzerfahrener Tiefendimension und freudig-leuchtender Höhendimension zum „Denken des Herzens“ herausfordert und zugleich beschenkt.

Bach’s Musik verkörpert eine Ordnung, gespannt wie ein kunstvoll geflochtenes Netz über einen unergründlichen Abgrund. Oder: der weite, tiefe Ozean, auf dessen Spiegel sich der Himmel mit Sonne, Mond und Sternen abbildet.

Bach – ein  Erleuchteter. Mendelssohn, Niels W. Gade, Brahms, Schuhmann und Reger… : von ihm erleuchtete Jünger.

J. S. Bach

In der Tiefe wohnt die Trauer,
Lindern Tränen und vergeben.
Aus dem Dunkel wehen Schauer
Lichtem Blau und Tag entgegen.

Rhythmen wollen sich entrollen,
Bild und Muster sich beleben.
In Präludien und in Fugen wollen
Sie am Ja zum Leben weben.

Alle Schönheit ist Bewegung.
Ihrem Werden hingegeben,
Kreist in tönender Versöhnung
Sie um Liebe, Sehnsucht, Tod und Leben.

Aus der Tiefe wächst das Leben,
Wächst und wächst und wirkt mein Ja.
Im Vergehn die Töne geben,
Was ihr Sinn für mich gebahr.

20. Juli 2018

Hitlers Töchter

Ich begegnete im Traum Hitlers Töchtern: zwei gepflegte, attraktive Frauen mittleren Alters im Hosenanzug und schickem Kostüm, das die schönen Beine der Letzteren verführerisch zur Geltung bringt. Sie transportieren den Nachlass ihres Vaters auf einem großen Pferdewagen, wie ihn z. B. die 1945 aus Ostpreußen Flüchtenden benutzten …  Hat die Frauenquote die Sphäre des Traums erreicht?

Im Traum: Hitler im Bett liegend.  Nur sein Kopf, seine Augen schauen streng, ja fanatisch unter der Bettdecke hervor. Das Bett aber gehört eigentlich einer geistig behinderten alten, gutmütigen Frau, die geistig auf dem Niveau einer Erstklässlerin erstarrt ist. S i e  sollte dort eigentlich liegen. Entschlossen trenne ich mit einem Messer den Kopf vom Körper ab – ein mühsames, blutiges Unterfangen. Zu meinem Entsetzen aber lebt der Kopf auch im abgetrennten Zustand weiter. Die Augen rollen und blinzeln, der Mund, die Lippen formen hitlerische Worte – einfach nicht totzukriegen.

Kannst Du einem Kummer, einem Schmerz mit natürlichem Stolz begegnen, ihn  tragen und daran reifen? So  gleichst Du einem Kajakfahrer, der weit draußen auf dem  See unversehens in stürmisches Wetter geraten ist. Du kannst am ehesten lebendig und heil ans rettende Ufer gelangen, wenn Du mit den Wellen und nicht gegen sie paddelst.

19. Juli 2018

… und der Vorhang der Wohlanständigkeit im Tempel zerriss von oben bis unten, während die Aufrichtigkeit gekreuzigt wurde … und verschied.

18. Juli 2018

Segnen und Lassen

„Meister, woran erkenne ich den Weisen?“ wollte der Schüler wissen. „Geh hin und schau, wie er küsst,“ antwortete der Lehrer. Der Schüler ging hin und erblickte von weitem den Weisen, wie dieser eine schöne Frau leidenschaftlich umarmte und lange auf den Mund küsste. Fassungslos und enttäuscht erzählte der Schüler dem Meister davon. Der Meister schwieg.

„Meister, woran erkenne ich den Weisen?“ fragte der Schüler wieder, diesmal etwas ungeduldig. Und der Meister entgegnete wieder: „Geh hin und schau wie er küsst.“

Der Schüler tat also, und wieder sah er, wie der Weise dieselbe schöne Frau innig küsste und leidenschaftlich umarmt hielt. Als er sich von ihr verabschiedete,  nahm er sanft ihren Kopf in seine Hände und  ihre Augenpaare versenkten sich einen Moment ineinander. Dann  küsste er sie innig auf ihre klare Stirn, woraufhin er sich umwandte und seiner Wege ging, ohne sich noch einmal zu ihr umzuwenden. Der Schüler erzählte dem Meister, was er gesehen hatte.

Der Meister aber sprach zum Schüler:„ So geh Du deiner Wege. Trenne und verwechsle fortan nicht den Reiz mit dem Sinn des Lebens! Lasse los und segne, wem immer und was immer Dir begegnet!“

16. Juli 2018

Sanfte Revolutionen

Die Liebe auf der Fluchte 

vorm Kummer seufzend suchte

Asyl in einem Schneckenhaus.

Bleib ich? Zieh ich aus?

fragte sich die Schneck

nach dem ersten Schreck.

Lange ging’s so hin und her …

Doch, sanft und revolutionär,

wollte die Schnecke fortan gern

ihr Leben grundlegend modern

ändern, ganz im Sinn von Mobilität,

indiv. Freiheit und mehr Flexibilität.

So bat sie die Liebe ins Schneckenhaus hinein.

Bis auf Weiteres weilt diese dort allein.

Die Schnecke aber zieht fortan

nackt ihre Lebensbahn …

15.Juli 2018

Der Untergang der „Wilhelm Gustloff“ am 30. Januar 1945 – ursprünglich ein luxuriöses Vergnügungsschiff unter dem Motto „Kraft durch Freude“, einschließlich einer Luxussuite für „den Führer“-   ist für das „Tausendjährige Reich“ das, was die „Titanic“  33 Jahre zuvor für das auftrumpfende industrielle Zeitalter war und wiederum rund 300 Jahre zuvor der Untergang der schwedischen“Wasa“ in den Schären von Stockholm: Symbole unmenschlicher, nationalistischer, materialistischer, technologischer, militärischer Hybris und vermeintlicher Weltmacht. Bei diesen Katastrophen versanken jeweils zeichenhaft eine ganze Epoche und ihre jeweiligen Wahnvorstellungen mit. Dass dabei Hunderte, Tausende Unschuldiger mit in die Tiefe gerissen worden sind, bekräftigt diese Tragödien mit größtmöglicher Wucht.

Vielleicht macht auch dies den unheimlichen und ungeheuerlichen Eindruck aus, den der Anblick dieser Schiffswracks ausübt. In höchster Steigerung erlebte ich das im „Wasa-Museum“ in Stockholm, das um das gigantische königliche Schlachtschiff geradezu herumgebaut  wurde, und in dem eine ganze vergangene Epoche – Machtpolitik, Wirtschaftsmacht, Schiffsbau, Handwerke aller Art, Künste, Malerei, Musik, religiöse Konfession, menschliche Schicksale usw.  ihre Auferstehung feiert: zugleich ein Triumph des Geistes unseres gegenwärtigen Zeitalters, das mit der einen Hand atomisiert, digitalisiert und zerstört, mit der anderen aber akribisch restauriert und konserviert.

Der Glaube an die Unsinkbarkeit der „Titanic“ – ein mühsam maskierter und durch die Ereignisse entlarvter Machbarkeitswahn – erlebt seine Metamorphose u.a. in der Vorstellung, es könne „sichere Endlager“ (eine Million Jahre lang) für atomare Abfälle geben. Schon die Suche unter dieser Prämisse ist Ausdruck von Geschichtsvergessenheit und beruht wahrscheinlich auf demselben Wahn – s.o.

Die geradezu dämonische Gier der Macher, die die Welt nicht nur beherrschen, sondern sie auch aufzehren, ja fressen …

In Mephistos Blutbahnen fließt elektrischer Strom. Auch darum ist für ihn „Blut ein ganz besonderer Saft“.

10. Juli 2018

Wenn wir Menschen anfangen, Gott, Schicksal, Herren des Zufalls zu spielen (im geheiligten Namen von Nutzen und Zwecken) mutieren wir unweigerlich nach und nach zu einer Art von Teufeln.

So wie es einen Kadavergehorsam gibt, so auch einen Kadaveridealismus. Am Ende stehen immer wieder, unbelehrbar durch „die Geschichte“: Kontrolle, Denunziation, Gefängnisse, Tortur, Blut. Schließlich: die Selbstzerstörung, das gegenseitige Sich-Auffressen.

Wenn die Angst schwanger ist, gebiert sie früher oder später den Wahn. Wer aber ist der zeugende Vater?

Auch die hehrsten Zielsetzungen und Bewegungen kommen an den Punkt, an dem sich die ursprünglich geeinten Wege trennen, die Geister sich scheiden. Diese spaltende Kraft ist wohl etwas sehr Menschliches. Politische Bewegungen, Religionen bilden so nach und nach amorphe Gebilde, die wie durch wuchernde Zellteilungen entstehen.

Paulus, der unermüdliche Mahner und Briefeschreiber, der Erleuchtete von Damaskus, ahnte oder wusste voraus, welche Auswüchse aus dem Christentum entstehen würden. Daher sein Wort: „Nicht ich, sondern Christus in mir“: das erste und letzte einende Mittel gegen die Konfessionen- und Parteien-Aufspaltung.

9. Juli 2018

Berlin – Friedenau, Bundesallee. Ich hatte vollgepackt und eilig die Straße überquert und nun den Gehweg erreicht, der auch von Fahrradfahrern benutzt wird. Die Radfahrerin hatte ich nicht gesehen, und ein Ausweichen wäre zu spät gewesen, aber ihr Kommen hatte ich intuitiv gespürt:  sie hatte sich statt mit der Fahrradklingel mit einem von Innen strahlenden Lächeln wie mit hellen Augenglocken angekündigt. Ich wendete meinen Kopf und begegnete nun auch sehend diesen Augenglocken. Für die Dauer von Augenblicken war die Welt im einenden, lebenszauberischen Fluss, statt in rauher Konfrontation.

8. Juli 2018

Jakob Wassermann („Kaspar Hauser oder die Trägheit des Herzens“) im Traum: „Verwechsle nicht den Sinn des Lebens mit dessen Reiz!“ 

6/ 7. Juli 2018

Die Eier im Nest des großen Urzeitvogels (taciturnitas quies silentium reticentia): Was schlüpft aus ihnen aus? Pflichtgemäßes, bedrückendes,- und unheilvolles, strafendes, tödliches, beredtes, gebrochenes, tiefes, goldenes, gemeinsames … SCHWEIGEN:

Die Mauern des Schweigens; das tödliche Schweigen der Ammen des Stauferkaisers Friedrich II. gegenüber den neugeborenen Kindern, die daran allesamt verkümmert und verendet sein sollen. Die gestellten Täter und Handlanger Hitlers, die im wahrsten Sinne in Schweigen ausbrachen;  und immer wieder das wunderbare, tiefe Schweigen der Wälder und des Sternenhimmels (Eichendorff); das Gold des Schweigens; das Wachstum der Liebe im gemeinsamen Schweigenkönnen: flügge gewordene Junge des Taciturnitas.

1.Juli 2018

In der Vorfreude bewegt sich meine Seele auf der Überholspur neben meinem Körper. Überholt aber der Körper die Seele, bleibt letztere zurück: Erinnerung, Wehmut, Trauer, Müdigkeit, Depression stellen sich nach und nach ein.

30. Juni

Zu den Abschiedskonzerten Simon Rattles mit den Berliner Philharmonikern u.a. in der Philharmonie mit Mahlers „Sechster“ … als würde ein Sternbild über der schmutzig-schönen Hauptstadt untergehen, das in der Ära Rattle – Halsey (dem Freund und Dirigenten des Rundfunkchors) wie über einem goldenen Zeitalter des Vertrauens und der Menschlichkeit stand, ein konsequenter, natürlicher Führungsstil – das Gegenteil von Macht und Autorität durch Druck und Angst.

Der Nahbare oder: Simon Rattle begegnet Lisa Krause

… Es war im Jahre 2007, als ein grauer Lockenkopf mit einem kleinen Rucksack auf dem Rücken durch den beschaulichen Havelort wanderte, den schon Einstein vor seiner Emigration als seinen glücklichsten Rückzugsort geschätzt hatte. Mit einem Rucksack auf dem Rücken, ganz allein, führte der Weg des  Spaziergängers einmal nicht zum Einsteinhaus, sondern zufällig auch zum gemütlichen Heimathaus nahe des Caputher Schlosses. Zwei rührige, hochbetagte Damen –  hellwach, sehr gesprächig und vorzügliche Bäckerinnen –   baten den unentschlossen vorm Heimathaus Stehenden hinein (wer könnte auch der freundlich-entschlossenen Art der mittlerweile über neunzigjährigen Lisa Krause, der einen der beiden Damen, widerstehen!) Sie bewirteten den fremden, sehr freundlichen, bescheiden-zurückhaltenden Wandersmann im kleinen Hof des Heimathauses ausgiebig mit Kaffee und selbstgebackenem Kuchen, kamen ins Erzählen, und der Besucher nahm nach ungefähr einer Stunde nicht nur sehr genaue Kenntnisse von Capuths Vergangenheit und Tipps für die weitere Fußwanderung mit nach Hause, sondern auch Erinnerungen an märkisches Urgestein:  Frau Krause, ihr markantes, gebräuntes Gesicht, den klaren Klang ihrer Stimme, ihre blitzenden, wachen Augen – die verkörperte Geschichte des alten Schifferortes …

Wenige Tage später aber macht Frau Krause im Fernsehen eine erschreckende Entdeckung. Kaum traut sie ihren Augen. Da erblickt sie doch tatsächlich ihren Gast vom letzten Sonntag, die Berliner Philharmoniker dirigierend. Kann denn das wahr sein… und man hat nichts gewusst, und er hat auch nichts gesagt, na so was! Sie schießt schnell ein Polaroidfoto des Dirigenten, zeigt es tags darauf ihrer weltläufigen Freundin Erika. Kein Zweifel: Der bescheiden-sympathische Gast vom vorherigen Wochenende ist Sir Simon Rattle gewesen, Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, ein Weltstar …

Der Begegnung Simon Rattles mit Lisa Krause folgt ein noch gewisses Happy End, und zwar Monate später, an einem eiskalten, windig-frostigen Berliner Wintertag.

Probenbesuch in der Philharmonie mit den Philharmonikern unter ihrem Chefdirigenten; ein uns tief berührender Schuhmann: „Das Paradies und die Peri“. Nur eine Handvoll Zuhörer wohnt der Probe mit dem Orchester und dem Rundfunkchor bei. Unweit von Frau Krause und mir, direkt hinter uns in Block B, sitzt Kyrill Petrenko, gespannt das Probengeschehen verfolgend, mit einer Partitur auf den Knien, ganz Ohr. (Heute, zehn Jahre später, ist er zum Nachfolger Rattles bestimmt – wer hätte das damals gedacht… ).Und zu welchem der Musiker mag wohl das Baby gehören, das sich jetzt, mitten in einer zarten, ergreifenden Passage von Schuhmanns Werk lautstark aus dem Zuschauerraum bemerkbar macht… .Wie wird der Dirigent reagieren? Simon Rattle dreht sich schmunzelnd um, und viele der Musiker quittieren die Töne des Babys ebenso freundlich und verständnisvoll. Wer weiß, vielleicht spiegeln sich in seinem Lächeln und seiner Bemerkung („Der will wohl schon mitmachen“) seine eigenen Vaterfreuden wieder? Nur einen einzigen genervt-vorwurfsvollen Blick sehe ich aus der Gruppe der Bratscher wie einen abgeschossenen Pfeil in Richtung des kleinen Schreihalses zielen: So was hätte es hier unter X. nie gegeben!  Aber der Pfeil seines einsamen Ärgers trifft nicht, trudelt ins Leere … Gegen Ende des Stücks, in einer Art Apotheose, singt die Sopranistin (Kate Royal) Töne in einer Art, die nicht mehr mit Technik, sondern nur noch mit purer Hingabe möglich scheinen. Kaum ist die Musik verklungen, lässt sie sich auf ihren Stuhl sinken, streckt, fast liegend, alle Viere von sich, seufzt, lacht befreit und erleichtert – was für unglaublich pure, aller Pose und Maske entblößte Momente einer gelungenen Grenzüberschreitung, die einen jeden im Orchester und im Saal tief berührt hat; die Musiker klopfen lebhaften Beifall („die teuren Bögen!“ denke ich) und Sir Simon umarmt die glücklich erschöpfte Kate Royal …

Probenpause. Simon Rattle steht ein paar Meter von uns entfernt im Gang, im Gespräch. „Jetzt, Frau Krause, jetzt oder nie!“, dränge ich die noch respektvoll Zögernde,

die in ihrer Handtasche das Polaroidfoto vom Waldbühnenkonzert und eine vorbereitete Karte für das Gästebuch des Heimathauses griffbereit stecken hat. Ein wenig heißt es noch warten, dann ist Sir Simon frei. „Caputh lässt grüßen …“ beginnt sie.  Im nächsten Augenblick schütteln sich die beiden herzlich die Hände, unverkennbare Wiedersehensfreude blitzt schalkhaft in den Augen des Dirigenten auf; natürlich erinnert er sich an seinen Besuch, an den guten Apfelkuchen, an die beredten Geschichten aus dem Munde von Lisa Krause; es amüsiert ihn, als sie, fast entschuldigend, gesteht, dass sie ihn nicht erkannte,  nicht wußte, wer ihr da gegenübergesessen hatte.  Zum Abschied ergreift Simon mit beiden Händen die Hände Lisas : „Ich habe eine große Freude in mir, Sie wiederzusehen!“

Und Lisa Krause hatte neben der ersten aufregenden Freude einer neuerlichen lebendigen Begegnung nun noch eine Weitere: ein schwungvolles Autogramm vom Nahbaren,  für das Gästebuch ihres Heimathauses … als weiteres Kleinod für die Geschichtenschatzkammer des kleinen, idyllischen Havelortes.

Scan 1

29. Juni

Das Eigentliche

Der Archäologe und sein Team waren sich ganz sicher, dass sie vor einer großen, epochalen Entdeckung standen, vergleichbar wohl der des großen Schlieman. Nie zuvor in 3000 Jahren hatte jemand die unlängst mit modernster Technik aufgespürte geheime Kammer vor ihnen geöffnet, kein Grabräuber sie geschändet oder geplündert. Alles war unversehrt, und er war nun der Erste, der seinen Blick hineinwerfen und seinen Fuß hineinsetzen durfte. Und als nun, endlich, die Öffnung groß genug war und er im Innern der Kammer stand, klopfenden Herzens, und er um sich blickte im Schein seiner Lampe, da sah er, dass der Raum vollständig leer war. Für einen Moment wurde ihm schwindlig und es schien ihm in seiner jäh aufwallenden Enttäuschung und Erbitterung, als seien Jahre des Forschens und mühseliger Kleinarbeit sinnlos, und der im Stillen erhoffte Ruhm nur eine verlöschende Fata Morgana.

Jedoch im Licht seiner Lampe und ihrem Schattenwurf begriff er plötzlich, dass die Kammer keineswegs leer war, denn er gewahrte darin auf einmal sich selbst. Im selben Augenblick aber, da ihm dies geschah, entwich der Geist, den die Erbauer der Geheimkammer vor Jahrtausenden in diesen Raum gebannt hatten wie in eine Flasche, mit einem seufzenden Luftzug durch die aufgebrochene Wand ins Freie.

27.Juni  

Die nächtliche Dunkelheit verwandelte die Fensterscheibe neben meinem Sitzplatz in einen Spiegel. Ich fokussierte das Bild, das darin sichtbar war: ein Mitfahrender, auf der gegenüberliegenden Seite des Waggons. Ich kann die Person unbemerkt betrachten, als unbeobachteter Beobachter. In diesem Spiegelbild des spiegelnden Fensters gleitet nun für Momente eine breite Straße vorüber, von der S-Bahn überquert: Ampellichter, Straßenbeleuchtungen, Häuserfassaden mit gläsernen, erleuchteten Bürozellen; der nasse, glänzende Asphalt, in denen sich die roten Bremslichter und Scheinwerfer der fahrenden Autos spiegeln: bewegte Parallelwelten.

Das Spiegelbild meines Gegenübers und das Geschehen auf der Straße sind für einige Augenblicke gleichzeitig sichtbar. Ich wende meinen Kopf, schaue kurz hinüber, wie um mich der Realität zu vergewissern: da sitzt die Person, in ihrer wirklichen Gestalt anstelle der Gespiegelten, Kopfhörerstecker in den Ohren, versunken in ihre eigene Klangwelt.

Ich wende mich ab, wieder meinem Spiegelfenster zu, wiederum das Bild der Person im Blick. Da die S-Bahn nun an einer Station hält, fällt mein Blick nach draußen auf den stehenden Zug auf dem Nebengleis. Dort fällt mir, ganz nahe, ein fremder Mensch am  Waggonfenster auf. Ich erschrecke, da ich gewahr werde, wie dieser mich unverwandt anstarrt. In diesem Augenblick erkenne ich, aufs Neue erschreckend, den Fremden:  ich schaue in mein eigenes Spiegelbild.

„Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin.“(1. Korinther 13)

Abgeschossene Pfeile, die mit Zungenspitzen versehen sind.

23. Juni

Wer kennt das nicht: man treibt auf einer Party von Mensch zu Mensch, angenehm seicht im günstigen, anstrengend im ungünstigen Fall, meist beides. Beim Abschied aber wird es  unerwartet verbindlich. Schon im Gehen begriffen, redest du dich fest, ja, der schon gelichtete Anker wird wieder zu Wasser gelassen. Das Zauberwort solcher Situationen lautet: Sine expectationes!

(Und glücklich, wer dies schon jetzt, und nicht erst kurz vor seinem letzten Abschied dann und wann zu beherzigen vermag).

22. Juni

Walisische Forscher wollten 2013 anhand von 6000 Islandmuscheln Erkenntnisse über klimatische Veränderungen gewinnen. Für die Untersuchungen wurden die Muscheln eingefroren. Eine der Muscheln – WG061294 („Ming“ getauft) war das bis dato älteste Tier des Nordpolarmeeres. Bevor man „Ming“ mit 5999 anderen Muscheln schockfrostete, hatte es allerdings noch gelebt. Bei „Mings“ Alter von 507 Jahren wirkt eine derartige Nachricht wie ein Fanal: wie erforscht Wissenschaft Lebendiges? Indem sie das Lebendige abtötet. Ich höre es rumpeln und jemanden stöhnen: Goethe, sich im Grabe umdrehend, da er diese Nachricht vernimmt.

Am Potsdamer Platz in Berlin: Könnte es nicht sein, dass viele der heutigen Architekten in ihrer Kindheit zuviel mit LEGO und Playmobil gespielt haben?

21. Juni

Ich betrachtete die rissig – gefurchte Rinde einer alten Pappel. Für die Ameisen, die emsig am Stamm auf- und niederkrabbeln, sind die Risse und Furchen wie riesige, schroffe Erdspalten, Schluchten, ja Grand Canyons – der Stamm wirkt wie ein autonomer „Erd“boden, ein eigener Kosmos, der Schwerkraft entbunden, wie ja auch der Baum als Ganzes der Schwerkraft entgegen lebt und in ihrer Überwindung eins der großen Wunder auf unserem Planeten darstellt. Auch die Ameisen, Käfer, Insekten leben entgegen und unabhängig von der Schwerkraft: ihr Referenzpunkt ist die Kraft des Lichtes, der Sonne. Die Schwere kann ihnen nichts anhaben, wohl aber die Lichtlosigkeit, die Kälte.

Können Tränen klingen ? Der Klang der Laute: wohl kein anderes Instrument verkörpert so den Klang  unserer menschlichen Tränen: denen einer stillen Freude, der wehmütigen Erinnerung, des leise-verhaltenen Schmerzes, dem Lächeln der Dankbarkeit, der Sehnsucht. Einer der größten Lautenkomponisten seiner Epoche – Silvius Leopold Weiss – war ein Zeitgenosse J. S. Bachs … und dessen Zwillingsbruder im „Geiste der Musik“. Aber es bedurfte und bedarf auch der ihnen zutiefst geistesverwandten Musiker und Forscher unserer Zeit der Nach- und Wiedergeborenen, ja geradezu der Archäomusikologen, um den Reichtum, die Sprache und den Klang der damaligen Lautenmusik wieder hervorzurufen: Zum Beispiel die legendären Lautenisten Hopkinson Smith, Robert Barto und heutzutage jemand wie der noch ganz junge Spanier Daniel Zapico …

20. Juni

Freiwillige Selbstunterwerfung

Die Tragikomödie eines Menschen, der sich durch seine Neigung zum voreiligen „Ja“ lebendig von seiner Umgebung, seinen Mitmenschen verschlingen lässt. (Mögliche Inschrift auf seinem Grabstein: „Allen das Rechte!“) Solchen zu begegnen ist, als würde man mit der Ente im Bauch des Wolfs („Peter und der Wolf“)  kommunizieren. Sie ist zugleich da und doch nicht da. Unverbundenheit; das „Nicht-wissen-woran-man-ist“; Fata Morgana.

Vexierbild:

Sie wuchs über ihre Ängste hinaus … Ihre Ängste wuchsen über sie hinaus …Ihre Ängste wuchsen sich aus … Ihre Ängste wuchsen aus ihr heraus … Sie wuchs aus ihren Ängsten heraus, über sich hinaus …

19. Juni

Ein Märchenfragment:

Pessimistikos war ein blinder König, den nichts freute. Seiner pompösen Rechthaberei und seines üblen Atems wegen hielten alle Abstand zu ihm. Sein Blick machte andere stets klein, daher versuchte jeder, diesem Blick auszuweichen; fiel aber sein Blick doch auf jemanden, so fiel dieser, wie ein Kegel von der Kugel getroffen; oder er wurde von dem Gewicht des Blicks, der auf ihn fiel, niedergedrückt. Wenn dieser König einen Verbündeten umarmte oder ihm den Bruderkuss gab, lag alsbald der Geruch von Aufruhr und Geschrei, von zerbombten Straßen, von Tod und Verwesung in der Luft. Über dem Eingang zum Thronsaal seines Schwarzen Hauses prangte in bleiernen Lettern sein Motto: „Es gibt nichts Schlechtes, das nicht von einem noch Schlimmeren übertroffen werden kann!“

In der Hauskapelle des Pessimistikos stand das Bildnis des Gottes Pessimistos, des Gottes der Verneinung. Einer Legende nach habe er am Anfang Wesen anstatt aus Ton aus seinem eigenen Kot geformt, nach seinem Bilde.

Ungemaltes Bild von Otto Dix mit dem Titel: !“Der den Mund zu voll nimmt“. Darauf zu sehen der aufgerissene Rachen eines heutigen politischen Demagogen, dem Unrat entquillt.

„Individualisierungsfallen“: daran kleben Menschen auf der Suche nach sich selbst fest wie  Insekten am Klebestreifen.

Ein Staatsschul-Lehrer in der Individualisierungsfalle: Sie oder er wird langsam in Stücke gerissen. (Der moderne Begriff für diese ausgeklügelte Foltermethode könnte vielleicht lauten: „Burnout“.)

17., 18. Juni 

Um nichts in der Welt würdest du alles für ihn, für sie tun. Was ist „alles“? Was „nichts“? Und: Wer bist Du?

„Was um alles in der Welt hat dich da geritten?“ „Nichts -ich saß auf dem falschen Pferd.“ …“.

Das schlimmste Schimpfwort unter Hausschweinen lautet:“Du Mensch!“

16. Juni 2018

Die Lust von Kindern am Marschieren oder „Schule-wie früher-Spielen“: Kommandieren, Exerzieren und Gehorsam;  Machtgefühle.

Habituelles Jasagen als Folge einer „Bildung als Anpassung“. Die abgebrühten Funktionalisten zu allen Zeiten wussten um die geheime Lust des Menschen zum Gleichschritt. Der Mitläufer: er sitzt im Boot ohne Anker, dessen Steuer gebrochen und dessen Segel nicht gesetzt sind. Dagegen die Kraft der Poesie eines Dietrich Bonhoeffer: „Von guten Mächten wunderbar geborgen …“. (Ein gefährliches Kraftwort für den Leviathan. Er rächte sich dafür, indem er B. am Pendelgalgen aufhing und sich an dessen Ohnmacht weidete.)

Die verblühenden Rosen, in diesem Jahr so prächtig wie selten: ein kleiner Herbst, mitten im Sommer.

11. Juni 2018

„Da wo Du nicht bist, ist das Glück …“: eine Zeile aus Schuberts „Doppelgänger“. Von unseren Traumorten sind wir notwendig getrennt, sonst wären sie nicht mehr Orte des Traums. Ich stellte mir einmal eine Landkarte vor, mit einem Land, zusammengesetzt aus all meinen Traumplätzen und Wegen, sehr nahe beieinander,  miteinander verbunden, schnell erreichbar und zugänglich – und empfand die Vorstellung davon als eine Quelle möglichen Unglücks, das in der Langeweile liegen kann: des Lebens Suppe ohne Salz.

Die Potsdamer Könige haben in ihren Schlössern, Parks und Gärten sich nach und nach einzigartige Traumorte geschaffen, etwa: Schloss „Sorgenfrei“, ein in Stein komponiertes  Brandenburgisches Konzert; die gewaltige  Orangerie mit ihren Allegorien, die in der Dämmerung lebendig werden –  ein römischer Traum:

„Dort warst Du einmal ganz und heil/ Die Wunden durften sich schließen/ Aug in Auge leuchtete Dir die Welt/ und alle Fesseln sprengtest Du, Apoll … (Fragment eines unbekannten römischen Dichters aus dem 1. Jh. v. Chr.)

10. Juni 2018

Ich beobachte täglich eine Nebelkrähe mit einer hohen Dohlenstirn, die  schon frühmorgens auf dem Giebel eines Nachbarhauses Garten und Haus beobachtet. Ich sehe deutlich, wie sie auch das Innere des Hauses inspiziert. Sie weiß z.B. genau, wo der Napf mit dem Katzenfutter steht (nahe der Tür in den Garten). Vor Nikolaus, unserem stattlichen Hauskater, hat sie nicht die mindeste Furcht.  In Momenten, wo sie sich vor mir sicher fühlt, spaziert sie mitunter durch die offene Tür ins Innere des Hauses, um dort das begehrte Katzenfutter zu fressen. Was sie nicht schafft, damit stopft sie sich ihren Schnabel voll. Einmal  sah ich sie anfliegen und mit Käsestücken im Schnabel im Innern des Hauses verschwinden. Nach einer Weile hüpfte sie o h n e  den Käse wieder heraus in den Garten. Als ich drinnen nachschaute, ob und wieviel sie übriggelassen, lagen die Käsestückchen unberührt neben dem leeren Fressnapf … .

Oft sitzt sie zwei Meter von mir entfernt auf dem Zaun, wartend, mich fixierend, doch sobald ich den Kopf hebe und sie meinerseits fixiere, wird sie unruhig: ein Augenspiel nach dem Motto: ich gucke, ob du guckst. Mein Menschenblick weckt bei ihr – wie beim kleinen Kind – noch Scheu, ja Angst, wenn auch stark abgeschwächt im Vergleich zum vergangenen Jahr. Augen, Blicke sind Energieträger und Wäremespender.

Die Tiere wissen seit Äonen: der Tod ist ein Meister aus Menschenhand. Vielleicht sind wir Menschen für die Tiere so etwas wie Aliens?

Vielleicht sterben die akut bedrohten Tierarten oder die strandenden Wale einen Stellvertretertod für jene gequälten Tierarten, die aus der erbarmungslosen Maschinerie industrieller Fleischproduktion nicht entfliehen können. Denn sowohl ihr Tod, ihr organisiertes, profitorientiertes Hinmorden ebenso wie ihre Zeugung (oft genug künstlich und jedenfalls kalt funktionalisiert) geschieht mit unausweichbarer, maschinenhafter Kälte, mit Zwang und Brutalität. Dass Nutztiere einfach aussterben – das darf für die Profiteure nicht sein. Was aber nicht nutztbar ist, wird bei lebendigem Leibe zerschreddert. Wann wird wohl es einen Friedensnobelpreis für einen Tierschützer geben?

4., 5. Juni 2018

Ein allgemeiner empörter Aufschrei geht dieser Tage durch die Medien. Ein Parteibonze hat nämlich – ob fuchsschlau kalkuliert oder tumb-bräsig nach Beifall von Seinesgleichen heischend – die zwölf Jahre Hitlerterror mit einem „Vogelschiss“ verglichen, gemessen an tausend Jahren deutscher Geschichte. Für einen derart geschichtsvergessenen Vergleich braucht es wohl mehr Dummheit als Mut, immerhin ist der Mann ein ehemals hochrangiger Parteimann einer  sogenannten „christlichen Partei“. (Nebenbei: Was würde Christus wohl heute zu  unseren „christlichen Parteien“ zu sagen haben…? – Ich vermute, er würde sich als erstes umbenennen). Jenem Parteioberbonzen wurde nun beim Baden im See nahe seines Hauses im Potsdamer Nobelviertel ein „Streich“ gespielt, indem seine am Ufer abgelegte Kleidung gestohlen  wurde. (Der Staatsschutz ermittelt wegen des Verdachts auf eine politisch motivierte Straftat … ). Ich hätte mir statt dieser Straftat  einen dicken „Vogelschiss“ auf seinen Klamotten als Reaktion gewünscht, meinetwegen zusammengemixt aus alter Majonaise … Und: gibt es eigentlich einen Straftatbestand der menschenverachtender Ignoranz ?

2., 3. Juni 2018

Der Mont Saint-Michel oder die Kathedrale von Chartres: versteinerte Hymnen, Gebete. Eine Ritterburg dagegen: versteinerte Angst. Die Flossenbürg-Ruine in der Oberpfalz, auf einem hoch aufragenden Granitberg errichtet, bietet von der höchsten Plattform aus einen atemberaubenden Ausblick, eine Vogelschau über 60, 80 Kilometer weit bis zum Bayrischen Wald, dem Fichtelgebirge, ins Böhmische. U.a. auch die Staufer waren Eigner der Burg … . Ist nicht ein derartiger raumschaffenden Blick von einem hohen Berg aus schon eine Vorstufe über-sinnlichen Schauens? Denn Raum und Zeit begannen sich zu überschneiden, ja gegenseitig aufzuheben, während ich ins Weite schaute: sowohl in die  Vergangenheit als auch in die Zukunft – und zugleich war ich ganz und gar gegenwärtig. In einem derartigen Tableau verlangsamt mit der Zunahme der Entfernung die Bewegung. Autos scheinen zu stehen, ein Wasserfall wirkt erstarrt, die Schwerkraft und der Ablauf der Zeit scheinen angehalten.

Flossenbuerg

Im Staunen und dem sich verändernden Atmen verändert sich subtil mein – des  Betrachters – Bewusstsein. Stifter, der im „Nachsommer“ ein derartiges Bergerlebnis schildert; Goethes „Über allen Gipfeln“. Gleiches beim Blick aus dem Flieger; auf’s höchste gesteigert: der staunende Blick des Astronauten auf die schwebende Erdkugel.

Von der Flossenbürg blickte ich herunter auf das Dorf, auf die Siedlung der ehemaligen Häuser der SS-Leute, das „Tal des Todes“ nahe dem KZ. Hier wurden neben vielen anderen Bonhoeffer, Hans Oster und Canaris ermordet.

Zur Mittagszeit ertönten minutenlang zwei martialische Sirenen zwecks Probealarm: Ein Ton, der die Landschaft verfinstert und die Vögel und Schmetterlinge verstummen und erstarren lässt. Dem Erfinder derartiger Sirenen, wie sie schon im Weltkrieg üblich waren, muss man eins lassen: kein Ton könnte die Bedrohung, ein latentes oder bereits eingetretenes Böses, eine nahende Katastrophe klanglich besser ausdrücken. Besonders tückisch und bedrohend klingt der Ton, wenn er anschwillt, um sich aufzuschwingen; beim Abgesang kam mir das Bild eines unzufrieden murrenden, knurrenden dämonischen Wesens aus einem Gemälde von Bosch, das sich unverrichteter Dinge wieder zurückziehen muss in seine Finsternis …

Die Ritterburg: versteinerte Angst. Der Sirenenton: ein Ton wie aus dem Vorhof der Hölle: Gesang des Bösen, des Terrors und Horrors. Dagegen die Glockentöne der Pfarrkirche in Theuern/ Obpf., die mich heute morgen weckten:  eine Himmelsleiter aus reinen Obertönen, in der Luft schwebende, gläsern-leuchtende Trauben.

1.Juni 2018

Beim Steinesammeln am Klappersteinstrand auf der Insel Gotland:  ist das nicht letztlich meine, unsere Suche nach dem Stein der Weisen? Vom Himmel gefallene Findlinge sind wir alle, Fossile unserer eigenen Vergangenheit,  im Hier und Jetzt wieder zum Leben erweckt.

Sollte der Computerbildschirm etwa eine Wand aus Glas sein?

Beim Singen das Zauberwort treffen („…und die Welt hebt an zu singen…“) und singend und küssend mehr als die Tiefgelehrten wissen. ( Novalis)

Die Klangfülle eines Chors oder Orchesters ist keine Frage der Masse der musizierenden Menschen, sondern des Hörens, der Resonanz und der darauf beruhenden Verbindung untereinander.

29. Mai 2018

Der kleine K. erzählt mir heute:“Mein Opa ist Schriftsteller.“ Ach, das wusste ich ja gar nicht. Hat er Bücher geschrieben?“ „Ja, der schreibt immer beim Anglerverein.“

Ich höre zwei Jungen (Erstklässlern) zu.  A: „Ich liebe dich!“ B. (vehement): „Ich hasse dich!“ A:“Ich liebe dich!“ B: „Ich hasse dich!Ich hasse dich!“

C. unterbricht die beiden:“Ich weiß!  Ihr hassliebt Euch!“

Zeit der Gemeinsamkeit: ein Strauß von Rosen; Meinsamkeit:  eine einzelne Rose, noch nicht gepflückt.

Wenn eine Schlange singen könnte, so würde sie nach erfolgreicher Häutung Oktaven singen. Während der Häutung, beim Kriechen durch enge Spalten, um die alte Haut aufzureißen und loszuwerden: chromatische Folgen, barocke Seufzermotive.

Früher war natürlich nicht alles besser, aber vieles wahrscheinlich echter. Heute reduzieren sich die Ideen von einst der sozial oder gar christlich-sozial ausgerichteten Parteigänger größtenteils auf Phrasen und auf vor allem leere Versprechungen. Dahinter oder darunter – unter dem doppelten, dunklen Boden:  „die Wirtschaft“, die rattenhafte Gier lichtscheuer Gesellen, die fast alles diktieren – nur bei „Freiheit“ müssen sie passen, da ihr Diktat ins Leere greift. (Oder tut man den Ratten damit nicht Unrecht?)

In Absurdistan:

Abminderungstatbestände,  Anrechnungstatbestände, Profilmerkmale

Dagegenhalten mit: Socken auf dem Computer grillen, einen Pirol damit füttern und zum Nachtisch beim Licht einer Glühwürmchenlampe ein Vogelbeereis verspeisen. Das ganze bei Gewitterregen, nackt.

28., 29. Mai 2018 (Vollmond)

Mondnacht

(für Joseph von Eichendorff, könnte er mich hören)

Ach, Joseph,

hättest Du Dir je träumen lassen

damals, in jener Mondnacht,

als die Erde vom Himmel

noch still geküsst wurde,

in wirren Träumen

oder in heimlich dämmernder Pracht,

hinter Myrthen und in leis rauschenden Wäldern,

in denen die alten Götter

noch die Runde machten …

… dass Du, ja Du

im Jahre 2018

in einer funktionalisierten,

(okay, du warst seinerzeit Beamter in Berlin,

ich weiß, was das, damals wie heute, bedeutet hat)

zwangsstrukturierten, digitalisierten, sexualisierten

scheinfrei

zu Werbezwecken gestylten Welt

noch gelesen und gehört würdest?

Sinnhaft gehört werden k ö n n t e s t ?

War d a s für dich zu ahnen, auszudenken,

was uns bis hierher geführt hat –

uns unbelehrbare Schüler der Geschichte,

in unserer Trägheit der Herzen …

War dies auszudenken?:

Mozart- und Kanonenkugeln,

Bismarkeichen und Heringe,

Schiller- und Hitlerlocken,

die Pinselstriche eines mäßig talentierten Aquarellmalers,

mit denen Europa zum Tode verurteilt wurde;

Schauspieler als Politiker,

Lipotiker im Schauspiel der politischen Bühne,

von Geheimdienstintendanten geleitet …

mit ihren – parteiübergreifend –

nichtssagenden Wahrheiten,

der Wahrheit des Nichts

(was nur anderes Wort für nützliche Lügen);

Und die eiskalten Skalpelle,

die gewinnmaximierend

Herzen und Nieren aus Wehrlosen herausschneiden … Diese Motorsägengier,

die das wunderbare, tiefe Schweigen

und Rauschen der Wälder totschweigt:

„Für Millionen von Jahren sichere Endlager“,

die wie Seifenblasen

im Wahn erkrankter Hirne

existieren.

Das Summen der Bienen

ist noch nicht verstummt.

Doch die Wale

singen schon lange ihre Totenklagen

und stranden vor Entsetzen …

Was nun, Joseph?

Was singst Du nun?

27. Mai 2018

Besuch der Ausstellung „Archaeomusica“ im Landesmuseum Brandenburg. Zu sehen die wohl erste in Schriftform überlieferte Liedkomposition aus dem alten Griechenland:

Solange du lebst, lass Dein Licht leuchten.

Traure über nichts zu viel.

Eine kurze Frist bleibt zum Leben.

Das Ende bringt die Zeit von selbst.

(Inschrift auf der „Seikilos -Stele“, einer Vorform der Musik-Notation, gefunden in der heutigen Türkei ca. 200 v. Chr.

Zu sehen und zum Probieren u.a. auch klingende Steine: Aus scheinbar totem Gestein lassen sich reine Töne hervorbringen. Es brauchte dazu ursprünglich einen Schlüsselmoment. Die Pädagogik mit dem altmodisch gewordenen Begriff des „entdeckenden Lernens“ sollte solche Schlüsselmomente des Staunens und Aufhorchens schaffen, das die Urmenschheit über die Naturgeräusche des Wassers, des Windes, des Regens und Donners, der Tiere und vor allem der Vögel zur selbst hervorgebrachten Musik und den Instrumenten hinführte. War und ist erst der Schlüssel gefunden, so ließ und lässt sich eine ganz neue Welt öffnen.

Das galt und gilt auch für menschliche Begegnungen, das Freundschafts- und Liebeserlebnis, für Lehrer und Schüler, Ich-Du, Subjekt- Objekt. So ergab sich aus einem staunenden Schlüsselerlebnis etwa der Elektrizität nach und nach die Elektrifizierung unseres gesamten Planeten. Die antike Wasserorgel antizipiert schon Funktionsprinzipien, die zum Computer führen. Die Faszination gegenüber diesem genial konstruierten Instrument steht im frühen Mittelalter derjenigen in nichts nach, die „der Computer“ seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auslöste. Und auch an Verteufelungen  fehlte es damals (wie heute) nicht.

Streichinstrumente: das Schwingungs – und Resonanzprinzip musste zusammengeschaut und erlebt werden (anschauendes Denken und denkendes Anschauen). So wurde möglicherweise der Schießbogen zum Musikbogen. Oder war es umgekehrt? Kain, der mit Pfeil und Bogen jagte, Abel, der die Bogensehne mit einem Stab zum Schwingen und Klingen brachte und die Vögel damit anlockte, die dann mit ihm musizierten … die ungeheure Überraschung des jeweils anderen Bruders über die Entdeckung des Anderen. Schon da vielleicht der Neid: Warum ist <em>mir</em> das nicht eingefallen? In Kain und Abel manifestiert sich schon eine Trennung, der Riss, der durch jeden von uns geht.

26. Mai 2018

Besuch in einer sogenannten Seniorenresidenz. Eine hochbetagte Dame verlässt nach dem Abendessen in ihrem elektrobetriebenen Rollstuhl den Raum. Dazu sind aufgrund der engen Räumlichkeiten einige Wendemanöver notwendig. Da fällt mein Blick auf die Typenbezeichnung ihres so hilfreichen Fahrzeugs. In großen weißen Druckbuchstaben lese ich da auf schwarzem Grund: KARMA. Ist das nun Ironie oder ein Wink des Schicksals?

22. Mai 2018

Gestern Tag der offenen Tür in der Berliner Philharmonie. Sechs Jahre ist es her, dass wir  – 100 Musikerinnen und Musiker aus Wer-weiß-wie-viel Ländern – zum damaligen Tag der offenen Tür unter Simon Rattle spielten, mit unvergesslicher Intensität. Gestern nun war der Besucherandrang so groß, dass sich an allen Eingängen lange Schlangen gebildet hatten. Als bloßer Zuhörer war aber an einen Einlass ohne lange Warterei nicht zu denken, also verfolgte ich das  Konzert des BE-Phil-Orchesters – 100 Musikerinnen und Musiker aus 32 Ländern – von einer Wiese aus auf einem riesigen Bildschirm vor der Philharmonie, zeitgleich also zum real concert im großen Saal.

Die Wiese, auf der ich halb sitzend, halb liegend neben und mit vielen anderen Menschen lauschte, bot ein buntes Bild: spielende Kleinkinder, tratschende „Zehlendorfer Witwen“, die doch auch endlich vor Brahms Feuer seiner 1. Sinfonie verstummen mussten, eine junge Farbige, versunken in Noam Chomskys Buch „Profit over people“ , während sich „Brahms over people“ über viele hingelagerte Menschen, deren Haltung konzentriertes Zuhören und Hinsehen verriet, mit exzellenter Tonqualität entlud; für mich eine merkwürdige Sicht von Außen auf etwas, was ich doch ganz von Innen her kenne mit dem Erlebnis von 2012: die Anspannung, das Gefühl, an etwas Einmaligem teilzuhaben und in der kontrollierter Extase, die durch gemeinsames Musikmachen möglich wird, „abzuheben“; die Landung am Ende im euphorischen Jubel des Publikums, getragen von der Erfahrung, dass der Probenweg dorthin, geführt von Simon Rattle und Stanley Dodds, eine höchste Herausforderung an Anspruch und Vertrauen bedeutete …

21. Mai 2018

Die sogenannte „intuitive Bedienung“ des Smartphones: diese Geräte, die allgegenwärtig die Körperhaltungen ihrer Bediener erstarren lassen, so dass man den am Smartphone Anhängigen schon von weitem erkennt: diese Geräte schwächen eine unsere wichtigsten Fähigkeiten, nämlich: uns selbst, mich selbst intuitiv zu bedienen, zu betätigen …

20. Mai 2018

J.S. Bach im Vergleich mit Telemann: Ordnung, gespannt wie ein kunstvoll geflochtenes Netz über einem unergründlichen Abgrund. Oder: das weite, tiefe Meer, auf dessen Spiegel sich der Himmel mit Sonne, Mond und Sternen spiegelt.

Bach – ein  Erleuchteter. Mendelssohn, Brahms und Reger…  als von ihm erleuchtete Schüler.

Vor einigen Tagen ein Telefonwerbeanruf wie aus dem Haifischbecken. Eine ölige Männerstimme fragt: „Spreche ich mit Herrn J.M. ?“ „Nein, jetzt nicht mehr“, lautete meine Antwort. Sogleich hatte ich den Hörer wieder aufgelegt.

Ein Lehrer, der die Klasse versucht ruhig zu bekommen und in seiner Ohnmacht schreit: „Ruhe, verdammt nochmal!“ Eine Schülerin murmelt maulig in die plötzliche, schreckstarrende Totenstille: „Selber Ruhe.“

19. Mai 2018

„Da führte mich das Schicksal mit … ihm zusammen, und er lehrte mich verstehen, was Wünsche sind, was Warten, was Hoffen ist, wie sie miteinander verflochten sind, und wie man diesen Gespenstern die Maske vom Gesicht reißt. Wir haben sie die Zeitegel genannt, weil sie, wie die Blutegel das Blut, uns die Zeit, den wahren Saft des Lebens, aus dem Herzen saugen.“(Gustav Meyrink)

Ob die Pförtner am Bühneneingang der Berliner Philharmonie wissen, w e r  da aus  -und eingeht? Parallelwelten, die vielleicht nichts oder nur sehr wenig voneinander wissen. Ob sie darum wissen, was sich im Innern abspielt, was sich dort ereignet? Sie sehen Menschen mit Instrumentenkästen oder Aktentaschen kommen und gehen, grüßen und werden begrüßt. Haben sie Ohren zu hören, Augen zu sehen? Ahnt der Pförtner? Oder genießt er das Bewusstsein, zum geheimen Kreis der eigentlichen Weltenbeherrscher zu gehören – derer, die die Eingangsschwellen hüten, die Schlüsselgewalt innehaben und die die Lichtschalter zu bedienen wissen? Kyrill Petrenko, der Nachfolger Simon Rattles – vor Jahren vor seinem ersten Dirigat an der Bayrischen Staatsoper – wurde im Foyer vom  Personal angeherrscht, was er dort suche und was er hier wolle …

In der S- Bahn ein Pärchen, sich innig küssend. Wie selten ist so ein Anblick geworden – zwei, die sich küssen! Die ihr Liebhaben und ihre Zugehörigkeit an so einem Ort konzentriert und gespielt gleichgültigem Aneinander-Vorbei-Begegnens offen zeigen …

18. Mai 2018

Nichts stößt einen Menschen mehr von einem anderen ab, als das Gefühl, nur im Traum seines Gegenübers wirklich zu sein.

15. Mai 2018

Angst oder Liebe… Es steht etwas im Raum, eine Möglichkeit. Es würde nur einer Frage und einer Antwort bedürfen, um diese Möglichkeit zu realisieren. (Was auch bedeuten könnte, sie zu verwerfen, also sich g e g e n  sie zu entscheiden.) Aber- die Frage bleibt aus, wird nicht gestellt; ihr Lebenskeim wird totgeschwiegen, bleibt ungewagt –  und vergeht im Ungelebten.

In „Verlust“ steckte einst  „Lust“ wie das Schwert in der Scheide.

Tragikomödie: die Scheu und Angst vor der Schönheit seines Gegenübers, was wiederum ihr, der Schönen, Angst macht. Unausgesprochenes: „Mir macht Deine Angst vor mir Angst.“  Die Geschichte endet mit dem Satz:…“und wenn sie nicht gestorben sind, so gehen sie sich immer noch aus dem Weg.“

Im Aquarium der Wirklichkeit wird langsam der Sauerstoff knapp. Dessen Bewohner ringen nach der Luft der Wahrhaftigkeit.

Gregorianik: Gesänge, Schwingungen wie aus dem Innern von kooperierenden Zellen; ein plasmatisches Atmen des Metrums, das aber noch nicht die erdverbundene „1“ betont. Nur Zielpunkte, Landungspunkte des Fluges werden wie schwankende Äste angesungen,  kurz aufgesetzt, um sich erneut abzustoßen und aufzuschwingen.

Symbole als mögliche Schnittstellen zwischen dieser sinnlich erfahrbaren Welt und der Welt der Seele und des Geistes. Bilder, Musik, Glockenklang, die den Hörer, Betrachter an die Grenzen der Zeit, an die Zeitmauer führen, dorthin, wo die Wand ganz dünn, ja transparent werden kann. Die Glasfenster der Kathedrale zu Chartres. Die Steinsetzungen auf Bornholm, auf Gotland, Stonehenge … das Spiel von Licht und Schatten: wie Töne einer Melodie: das Wesentliche aber liegt zwischen den Tönen: der Raum, den die Töne aber erst erschaffen müssen.

Schattentheater spielt an dieser Grenze und mit dieser Grenze: mit der Lichtdurchlässigkeit von „Drüben“ und der materiellen Undurchlässigkeit im Diesseits. Doch das Undurchlässige, Schwarze bleibt nicht stumm: die Linie, die Kontur, der farbige Schatten sprechen umso stärker, die <em>Geste</em> gewinnt an Bedeutsamkeit.

Fürchterliche Vision:  der Bildschirm des Computers als Glasscheibe einer Gefangenenzelle für lebenslänglich Verurteilte. Diese glauben, sie würden hinaus „in die Freiheit“ schauen.

Was, wenn Goethe wirklich mit seiner Liebsten nach Amerika ausgewandert wäre? Welche Werke wären dann nicht geschrieben, und welche nicht Geschriebenen wären dort in der Neuen Welt geschrieben worden? Aber welche Liebste? Charlotte von Stein? Anna-Amalia? Christiane? Henriette von Lüttwitz?

1.April 2018

Viertklässlerinnen und Vierklässler definierten heute im Gespräch „Pubertät“ wie folgt:

„Einer rülpst. Der andere furzt.  Einer, der seine Stinkefüße hochhält. Einer, der viel schlafen muss. Einer schlägt, hat aber keine Agressionsprobleme. Sie schlägt,  ohne Agressionsprobleme.  Er schlägt nicht, hat aber Agressionsprobleme. Man hat ein Gedächtnis wie ein Emmentaler Käse. Man kriegt Pickel und einen Freund oder (als Junge) eine Freundin, die kann man dann aufkratzen (die Pickel!!!). Man wird faul und will nur in Ruhe gelassen werden. Man sitzt nur an der Technik, telefoniert oder spielt. Wenn man 14 ist kriegt man Stimmbruch.“

Dunkle Zauberwörter: wenn du sie triffst, machen sie, dass die Welt aufhört zu singen  (pädagogisches Alltagsvokabular):

Könnensbeschreibung

Belehrungsordner

Hausaufgabenersatzkonzept

aktuelle „V.-V-en“ (=Verwaltungsvorschriften)

datengestützte Qualitätsgespräche

kompetenzorientierte Lernbeschreibung

prozessorientierte Kompetenzen

kompetenzorientierte Prozesse

kompressionsorientierte Potenzen

potenzorientierte Kompressionen

pflichtige Verweildauer

dauernde Verweilungspflicht

verweilende Pflichtdauer

pflichtige Dauerverweilung

angemeldete Bedarfe

Modderköppe und Muttihefte

„den Kindern die Wache ansagen“

Brotbüchsenkind