Spiegelungen im Hier und Jetzt –

DSC_0055
Zum Hören anklicken:
Musik: „Der Vogel“ (Trad. aus Finnland, gespielt auf  der 38-saitgen Konzertantele. Aufnahme in der Brüderkirche Lippstadt, September 2001)

 

20. Juni 2018

Vexierbild:

Sie wuchs über ihre Ängste hinaus. Ihre Ängste wuchsen über sie hinaus.

 

19. Juni 2018

Märchen:

Pessimistikos war ein blinder König, den nichts freute. Seiner pompösen Rechthaberei und seines üblen Atems wegen hielten alle Abstand zu ihm. Sein Blick machte andere stets klein, daher versuchte jeder, diesem Blick auszuweichen; fiel aber sein Blick doch auf jemanden, so fiel dieser, wie ein Kegel von der Kugel getroffen; oder er wurde von dem Gewicht des Blicks, der auf ihn fiel, niedergedrückt. Wenn dieser König einen Verbündeten umarmte oder ihm den Bruderkuss gab, lag alsbald der Geruch von Aufruhr und Geschrei, von zerbombten Straßen, von Tod und Verwesung in der Luft. Über dem Eingang zum Thronsaal seines Schwarzen Hauses prangte in bleiernen Lettern sein Motto: „Es gibt nichts Schlechtes, das nicht von einem noch Schlimmeren übertroffen werden kann!“

In der Hauskapelle des Pessimistikos stand das Bildnis des Gottes Pessimistos, des Gottes der Verneinung. Einer Legende nach habe er am Anfang Wesen anstatt aus Ton aus seinem eigenen Kot geformt, nach seinem Bilde.

 

Ungemaltes Bild von Otto Dix mit dem Titel: Er kann nicht die Klappe halten. Darauf zu sehen der aufgerissene Rachen eines heutigen politischen Demagogen, dem Unrat entquillt.

 

„Individualisierungsfallen“: daran kleben Menschen auf der Suche nach sich selbst fest wie  Insekten am Klebestreifen.

Ein Staatsschul-Lehrer in der Individualisierungsfalle: Sie oder er wird langsam in Stücke gerissen.

 

 

17./18. Juni 2018

Vexierbild- Rätsel

Um nichts in der Welt würdest du alles für ihn, für sie tun. Was ist „alles“? Was „nichts“? Und: Wer bist Du?

 

„Was um alles in der Welt hat dich da geritten?“ „Ich saß auf dem falschen Pferd …“.

 

Das schlimmste Schimpfwort unter Hausschweinen lautet:“Du Mensch!“

 

 

16. Juni 2018

Im Bauch des Wolfs

Die Tragikomödie eines, der sich durch seine Neigung zum voreiligen „Ja“ lebendig auffressen lässt. Solchen zu begegnen ist, als würde man mit der Ente im Bauch des Wolfs („Peter und der Wolf“)  kommunizieren. Sie ist zugleich da und doch nicht da. Unverbindlichkeit; das „Nicht-wissen-woran-man-ist“; Fata Morgana.

 

Die Lust kleiner Kinder am Marschieren oder „Schule-wie früher-Spielen“.

Habituelles Jasagen als Folge einer „Bildung als Anpassung“. Die abgebrühten Funktionalisten zu allen Zeiten wussten um die geheime Lust des Menschen zum Gleichschritt. Der Mitläufer: er sitzt im Boot ohne Anker, dessen Steuer gebrochen und dessen Segel nicht gesetzt sind. Dagegen die Kraft der Poesie eines Dietrich Bonhoeffer: „Von guten Mächten wunderbar geborgen …“. (Ein gefährliches Kraftwort für den Leviathan. Er rächte sich dafür, indem er B. am Pendelgalgen aufhing und sich an dessen Ohnmacht weidete.)

 

 

15.Juni 2018

Es gab einmal ein „age of enlightment“. Wir zehren noch heute – mehr denn je – u.a. auch von der Musik, die damals entstand. Im vergangenen Jahrhundert entstand Bernsteins zweite Sinfonie „The age of anxiety“. Mittlerweile sind wir längst im digitalen Zeitalter – dem der Spaltung in O/1, dem „The age of hate-or-love“ –  angekommen. Gab es das nicht schon einmal in der damals noch analogen Welt? Hinter den Zwingern und Gitterstäben der „virtual reality“, der „(un-)social media“ und ihrer Kommentarfunktionen geifern und wüten Hass-und Hetzkommentare, eine Meute mit Menschenmündern, ihrer Maulkörbe entledigt, zum Teil in sich selbst verbissen.

Vielleicht ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Gitterstäbe dem Druck nachgeben oder die Zwinger vorsätzlich entriegelt werden, und die Meute loshetzt, ob organisiert oder unorganisiert, und ihren Worten Taten folgen lässt …

 

Die verblühenden Rosen, in diesem Jahr so prächtig wie selten: ein kleiner Herbst, mitten im Sommer.

 

11.Juni 2018

„Da wo Du nicht bist, ist das Glück …“: eine Zeile aus Schuberts „Doppelgänger“. Von unseren Traumorten sind wir notwendig getrennt, sonst wären sie nicht mehr Orte des Traums. Ich stellte mir einmal eine Landkarte vor, mit einem Land, zusammengesetzt aus all meinen Traumplätzen und Wegen, sehr nahe beieinander,  miteinander verbunden, schnell erreichbar und zugänglich – und empfand die Vorstellung davon als eine Quelle möglichen Unglücks, das in der Langeweile liegen kann: des Lebens Suppe ohne Salz.

Die Potsdamer Könige haben in ihren Schlössern, Parks und Gärten sich nach und nach einzigartige Traumorte geschaffen, etwa: Schloss „Sorgenfrei“, ein in Stein komponiertes  Brandenburgisches Konzert; die gewaltige  Orangerie mit ihren Allegorien, die in der Dämmerung lebendig werden –  ein römischer Traum:

„Dort warst Du einmal ganz und heil/ Die Wunden durften sich schließen/ Aug in Auge leuchtete Dir die Welt/ und alle Fesseln sprengtest Du, Apoll … (Fragment eines unbekannten römischen Dichters aus dem 1. Jh. v. Chr.)

 

10. Juni 2018

Ich beobachte täglich eine Nebelkrähe mit einer hohen Dohlenstirn, die  schon frühmorgens auf dem Giebel eines Nachbarhauses Garten und Haus beobachtet. Ich sehe deutlich, wie sie auch das Innere des Hauses inspiziert. Sie weiß z.B. genau, wo der Napf mit dem Katzenfutter steht (nahe der Tür in den Garten). Vor Nikolaus, dem stattlichen Hauskater, hat sie nicht die mindeste Furcht.  In Momenten, wo sie sich vor mir sicher fühlt, spaziert sie mitunter durch die offene Tür ins Innere des Hauses, um dort das begehrte Katzenfutter zu fressen. Was sie nicht schafft, damit stopft sie sich ihren Schnabel voll. Einmal  sah ich sie anfliegen und mit Käsestücken im Schnabel im Innern des Hauses verschwinden. Nach einer Weile hüpfte sie o h n e  den Käse wieder heraus in den Garten. Als ich drinnen nachschaute, ob und wieviel sie übriggelassen, lagen die Käsestückchen unberührt neben dem leeren Fressnapf … .

Oft sitzt sie zwei Meter von mir entfernt auf dem Zaun, wartend, mich fixierend, doch sobald ich den Kopf hebe und sie meinerseits fixiere, wird sie unruhig: ein Augenspiel nach dem Motto: ich gucke, ob du guckst. Mein Menschenblick weckt bei ihr – wie beim kleinen Kind – noch Scheu, ja Angst, wenn auch stark abgeschwächt im Vergleich zum vergangenen Jahr. Augen, Blicke sind Energieträger und Wäremespender.

Die Tiere wissen seit Äonen: der Tod ist ein Meister aus Menschenhand. Vielleicht sind wir Menschen für die Tiere so etwas wie Aliens?

Vielleicht sterben die akut bedrohten Tierarten oder die strandenden Wale einen Stellvertretertod für jene gequälten Tierarten, die aus der erbarmungslosen Maschinerie industrieller Fleischproduktion nicht entfliehen können. Denn sowohl ihr Tod, ihr organisiertes, profitorientiertes Hinmorden ebenso wie ihre Zeugung (oft genug künstlich und jedenfalls kalt funktionalisiert) geschieht mit unausweichbarer, maschinenhafter Kälte, mit Zwang und Brutalität. Dass Nutztiere einfach aussterben – das darf für die Profiteure nicht sein. Was aber nicht nutztbar ist, wird bei lebendigem Leibe zerschreddert. Wann wird wohl es einen Friedensnobelpreis für einen Tierschützer geben?

 

4./5. Juni 2018

Ein allgemeiner empörter Aufschrei geht dieser Tage durch die Medien. Ein Parteibonze hat nämlich – ob fuchsschlau kalkuliert oder tumb-bräsig nach Beifall von Seinesgleichen heischend – die zwölf Jahre Hitlerterror mit einem „Vogelschiss“ verglichen, gemessen an tausend Jahren deutscher Geschichte. Für einen derart geschichtsvergessenen Vergleich braucht es wohl mehr Dummheit als Mut, immerhin ist der Mann ein ehemals hochrangiger Parteimann einer  sogenannten „christlichen Partei“. (Nebenbei: Was würde Christus wohl heute zu  unseren „christlichen Parteien“ zu sagen haben…? – Ich vermute, er würde sich als erstes umbenennen). Jenem Parteioberbonzen wurde nun beim Baden im See nahe seines Hauses im Potsdamer Nobelviertel ein „Streich“ gespielt, indem seine am Ufer abgelegte Kleidung gestohlen  wurde. (Der Staatsschutz ermittelt wegen des Verdachts auf eine politisch motivierte Straftat … ). Ich hätte mir statt dieser Straftat  einen dicken „Vogelschiss“ auf seinen Klamotten als Reaktion gewünscht, meinetwegen zusammengemixt aus alter Majonaise … Und: gibt es einen Straftatbestand der Ignoranz und Menschenverachtung?

 

2./3. Juni 2018

Der Mont Saint-Michel oder die Kathedrale von Chartres: versteinerte Hymnen, Gebete. Eine Ritterburg dagegen: versteinerte Angst. Die Flossenbürg-Ruine in der Oberpfalz, auf einem hoch aufragenden Granitberg errichtet, bietet von der höchsten Plattform aus einen atemberaubenden Ausblick, eine Vogelschau über 60, 80 Kilometer weit bis zum Bayrischen Wald, dem Fichtelgebirge, ins Böhmische. U.a. auch die Staufer waren Eigner der Burg … . Ist nicht ein derartiger raumschaffenden Blick von einem hohen Berg aus schon eine Vorstufe über-sinnlichen Schauens? Denn Raum und Zeit begannen sich zu überschneiden, ja gegenseitig aufzuheben, während ich ins Weite schaute: sowohl in die  Vergangenheit als auch in die Zukunft – und zugleich war ich ganz und gar gegenwärtig. In einem derartigen Tableau verlangsamt mit der Zunahme der Entfernung die Bewegung. Autos scheinen zu stehen, ein Wasserfall wirkt erstarrt, die Schwerkraft und der Ablauf der Zeit scheinen angehalten.

Flossenbuerg.jpg

 

Im Staunen und dem sich verändernden Atmen verändert sich subtil mein – des  Betrachters – Bewusstsein. Stifter, der im „Nachsommer“ ein derartiges Bergerlebnis schildert; Goethes „Über allen Gipfeln“. Gleiches beim Blick aus dem Flieger; auf’s höchste gesteigert: der staunende Blick des Astronauten auf die schwebende Erdkugel.

Von der Flossenbürg blickte ich herunter auf das Dorf, auf die Siedlung der ehemaligen Häuser der SS-Leute, das „Tal des Todes“ nahe dem KZ. Hier wurden neben vielen anderen Bonhoeffer, Hans Oster und Canaris ermordet.

Zur Mittagszeit ertönten minutenlang zwei martialische Sirenen zwecks Probealarm: Ein Ton, der die Landschaft verfinstert. Dem Erfinder derartiger Sirenen, wie sie schon im Weltkrieg üblich waren, muss man eins lassen: kein Ton könnte die Bedrohung, ein latentes oder bereits eingetretenes Böses, eine nahende Katastrophe klanglich besser ausdrücken. Besonders tückisch und bedrohend klingt der Ton, wenn er anschwillt, um sich aufzuschwingen; beim Abgesang kam mir das Bild eines unzufrieden murrenden, knurrenden dämonischen Wesens aus einem Gemälde von Bosch, das sich unverrichteter Dinge wieder zurückziehen muss in seine Finsternis …

Die Ritterburg: versteinerte Angst. Der Sirenenton: ein Ton wie aus dem Vorhof der Hölle: Gesang des Bösen, des Terrors und Horrors. Dagegen die Glockentöne der Pfarrkirche in Theuern/ Obpf., die mich heute morgen weckten:  eine Himmelsleiter aus reinen Obertönen, in der Luft schwebende, gläsern-leuchtende Trauben.

 

1. Juni 2018

Beim Steinesammeln am Klappersteinstrand auf der Insel Gotland:  ist das nicht letztlich meine, unsere Suche nach dem Stein der Weisen? Vom Himmel gefallene Findlinge sind wir alle, Fossile unserer eigenen Vergangenheit,  im Hier und Jetzt wieder zum Leben erweckt.

 

Sollte der Computerbildschirm etwa eine Wand aus Glas sein?

 

Beim Singen das Zauberwort treffen („…und die Welt hebt an zu singen…“) und singend und küssend mehr als die Tiefgelehrten wissen. ( Novalis)

 

Die Klangfülle eines Chors oder Orchesters ist keine Frage der Masse der musizierenden Menschen, sondern des Hörens, der Resonanz und der darauf beruhenden Verbindung untereinander.

 

29. Mai 2018

Der kleine K. erzählt mir heute:„Mein Opa ist Schriftsteller.“ „Ach, das wußte ich ja gar nicht. Hat er Bücher geschrieben?“ „Ja, der schreibt immer beim Anglerverein.“

 

Ich höre zwei Jungen (Erstklässlern) zu.  A: „Ich liebe dich!“ B. (vehement): „Ich hasse dich!“ A:“Ich liebe dich!“ B: „Ich hasse dich!Ich hasse dich!“

C. unterbricht die beiden:“Ich weiß!  Ihr hassliebt Euch!“

 

Zeit der Gemeinsamkeit: ein Strauß von Rosen; Meinsamkeit:  eine einzelne Rose, noch nicht gepflückt.

 

Wenn eine Schlange singen könnte, so würde sie nach erfolgreicher Häutung Oktaven singen. Während der Häutung, beim Kriechen durch enge Spalten, um die alte Haut aufzureißen und loszuwerden: chromatische Folgen, barocke Seufzermotive.

 

Früher war natürlich nicht alles besser, aber vieles wahrscheinlich echter. Heute reduzieren sich die Ideen von einst der sozial oder gar christlich-sozial ausgerichteten Parteigänger größtenteils auf Phrasen und auf vor allem leere Versprechungen. Dahinter oder darunter – unter dem doppelten, dunklen Boden:  „die Wirtschaft“, die rattenhafte Gier lichtscheuer Gesellen, die fast alles diktieren – nur bei „Freiheit“ müssen sie passen, da ihr Diktat ins Leere greift. (Oder tut man den Ratten damit nicht Unrecht?)

 

In Absurdistan:

Abminderungstatbestände, Anrechnungstatbestände, Profilmerkmale

Dagegenhalten mit: Socken auf dem Computer grillen, einen Pirol damit füttern und zum Nachtisch beim Licht einer Glühwürmchenlampe ein Vogelbeereis verspeisen. Das ganze bei Gewitterregen, nackt.

 

28./29.Mai 2018 (Vollmond)

Mondnacht

(für Joseph von Eichendorff, könnte er mich hören)

Ach, Joseph,
hättest Du Dir je träumen lassen
damals, in jener Mondnacht,
als die Erde vom Himmel
noch still geküsst wurde,
in wirren Träumen
oder in heimlich dämmernder Pracht,
hinter Myrthen und in leis rauschenden Wäldern,
in denen die alten Götter
noch die Runde machten …
… dass Du, ja Du
im Jahre 2018
in einer funktionalisierten,
(okay, du warst seinerzeit Beamter in Berlin,
ich weiß, was das, damals wie heute, bedeutet hat)
zwangsstrukturierten, digitalisierten, sexualisierten
scheinfrei
zu Werbezwecken gestylten Welt
noch gelesen und gehört würdest?
Sinnhaft gehört werden k ö n n t e s t ?
War d a s für dich zu ahnen, auszudenken,
was uns bis hierher geführt hat –
uns unbelehrbare Schüler der Geschichte,
in unserer Trägheit der Herzen …
War dies auszudenken?:
Mozart- und Kanonenkugeln,
Bismarkeichen und Heringe,
Schiller- und Hitlerlocken,
die Pinselstriche eines mäßig talentierten Aquarellmalers,
mit denen Europa zum Tode verurteilt wurde;
Schauspieler als Politiker,
Lipotiker im Schauspiel der politischen Bühne,
von Geheimdienstintendanten geleitet …
mit ihren – parteiübergreifend –
nichtssagenden Wahrheiten,
der Wahrheit des Nichts
(was nur anderes Wort für nützliche Lügen);
Und die eiskalten Skalpelle,
die gewinnmaximierend
Herzen und Nieren aus Wehrlosen herausschneiden … Diese Motorsägengier,
die das wunderbare, tiefe Schweigen
und Rauschen der Wälder totschweigt:
„Für Millionen von Jahren sichere Endlager“,
die wie Seifenblasen
im Wahn erkrankter Hirne
existieren.

Das Summen der Bienen
ist noch nicht verstummt.
Doch die Wale
singen schon lange ihre Totenklagen
und stranden vor Entsetzen …
Was nun, Joseph?
Was singst Du nun?

 

27. Mai 2018

Besuch der Ausstellung „Archaeomusica“ im Landesmuseum Brandenburg. Zu sehen die wohl erste in Schriftform überlieferte Liedkomposition aus dem alten Griechenland:

Solange du lebst, lass Dein Licht leuchten.
Traure über nichts zu viel.
Eine kurze Frist bleibt zum Leben.
Das Ende bringt die Zeit von selbst.
(Inschrift auf der „Seikilos -Stele“, einer Vorform der Musik-Notation, gefunden in der heutigen Türkei ca. 200 v. Chr.)

Zu sehen und zum Probieren u.a. auch klingende Steine: Aus scheinbar totem Gestein lassen sich reine Töne hervorbringen. Es brauchte dazu ursprünglich einen Schlüsselmoment. Die Pädagogik mit dem altmodisch gewordenen Begriff des „entdeckenden Lernens“ sollte solche Schlüsselmomente des Staunens und Aufhorchens schaffen, das die Urmenschheit über die Naturgeräusche des Wassers, des Windes, des Regens und Donners, der Tiere und vor allem der Vögel zur selbst hervorgebrachten Musik und den Instrumenten hinführte. War und ist erst der Schlüssel gefunden, so ließ und lässt sich eine ganz neue Welt öffnen.

Das galt und gilt auch für menschliche Begegnungen, das Freundschafts- und Liebeserlebnis, für Lehrer und Schüler, Ich-Du, Subjekt- Objekt. So ergab sich aus einem staunenden Schlüsselerlebnis etwa der Elektrizität nach und nach die Elektrifizierung unseres gesamten Planeten. Die antike Wasserorgel antizipiert schon Funktionsprinzipien, die zum Computer führen. Die Faszination gegenüber diesem genial konstruierten Instrument steht im frühen Mittelalter derjenigen in nichts nach, die „der Computer“ seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auslöste. Und auch an Verteufelungen  fehlte es damals (wie heute) nicht.

Streichinstrumente: das Schwingungs – und Resonanzprinzip musste zusammengeschaut und erlebt werden (anschauendes Denken und denkendes Anschauen). So wurde möglicherweise der Schießbogen zum Musikbogen. Oder war es umgekehrt? Kain, der mit Pfeil und Bogen jagte, Abel, der die Bogensehne mit einem Stab zum Schwingen und Klingen brachte und die Vögel damit anlockte, die dann mit ihm musizierten … die ungeheure Überraschung des jeweils anderen Bruders über die Entdeckung des Anderen. Schon da vielleicht der Neid: Warum ist mir das nicht eingefallen? In Kann und Abel manifestiert sich schon eine Trennungen Riss, der durch jeden Menschen geht.

 

26. Mai 2018

Besuch in einer sogenannten Seniorenresidenz. Eine hochbetagte Dame verlässt nach dem Abendessen in ihrem elektrobetriebenen Rollstuhl den Raum. Dazu sind aufgrund der engen Räumlichkeiten einige Wendemanöver notwendig. Da fällt mein Blick auf die Typenbezeichnung ihres so hilfreichen Fahrzeugs. In großen weißen Druckbuchstaben lese ich da auf schwarzem Grund: KARMA. Ist das nun Ironie oder ein Wink des Schicksals?

 

22. Mai 2018

Gestern Tag der offenen Tür in der Berliner Philharmonie. Sechs Jahre ist es her, dass wir  – 100 Musikerinnen und Musiker aus Wer-weiß-wie-viel Ländern – zum damaligen Tag der offenen Tür unter Simon Rattle spielten, mit unvergesslicher Intensität. Gestern nun war der Besucherandrang so groß, dass sich an allen Eingängen lange Schlangen gebildet hatten. Als bloßer Zuhörer war aber an einen Einlass ohne lange Warterei nicht zu denken, also verfolgte ich das  Konzert des BE-Phil-Orchesters – 100 Musikerinnen und Musiker aus 32 Ländern – von einer Wiese aus auf einem riesigen Bildschirm vor der Philharmonie, zeitgleich also zum real concert im großen Saal.

Die Wiese, auf der ich halb sitzend, halb liegend neben und mit vielen anderen Menschen lauschte, bot ein buntes Bild: spielende Kleinkinder, tratschende „Zehlendorfer Witwen“, die doch auch endlich vor Brahms Feuer seiner 1. Sinfonie verstummen mussten, eine junge Farbige, versunken in Noam Chomskys Buch „Profit over people“ , während sich „Brahms over people“ über viele hingelagerte Menschen, deren Haltung konzentriertes Zuhören und Hinsehen verriet, mit exzellenter Tonqualität entlud; für mich eine merkwürdige Sicht von Außen auf etwas, was ich doch ganz von Innen her kenne mit dem Erlebnis von 2012: die Anspannung, das Gefühl, an etwas Einmaligem teilzuhaben und in der kontrollierter Extase, die durch gemeinsames Musikmachen möglich wird, „abzuheben“; die Landung am Ende im euphorischen Jubel des Publikums, getragen von der Erfahrung, dass der Probenweg dorthin, geführt von Simon Rattle und Stanley Dodds, eine höchste Herausforderung an Anspruch und Vertrauen bedeutete …

 

 

21. Mai 2018

Die sogenannte „intuitive Bedienung“ des Smartphones: diese Geräte, die allgegenwärtig die Körperhaltungen ihrer Bediener erstarren lassen, so dass man den am Smartphone Anhängigen schon von weitem erkennt: diese Geräte schwächen eine unsere wichtigsten Fähigkeiten, nämlich: uns selbst, mich selbst intuitiv zu bedienen, zu betätigen …

 

20. Mai 2018

J.S. Bach im Vergleich mit Telemann: Ordnung, gespannt wie ein kunstvoll geflochtenes Netz über einem unergründlichen Abgrund. Oder: das weite, tiefe Meer, auf dessen Spiegel sich der Himmel mit Sonne, Mond und Sternen spiegelt.

Bach – ein  Erleuchteter. Mendelssohn, Brahms und Reger…  als von ihm erleuchtete Schüler.

 

Vor einigen Tagen ein Telefonwerbeanruf wie aus dem Haifischbecken. Eine ölige Männerstimme fragt: „Spreche ich mit Herrn J.M. ?“ „Nein, jetzt nicht mehr“, lautete meine Antwort. Sogleich hatte ich den Hörer wieder aufgelegt.

 

Ein Lehrer, der die Klasse versucht ruhig zu bekommen und in seiner Ohnmacht schreit: „Ruhe, verdammt nochmal!“ Eine Schülerin murmelt maulig in die plötzliche, schreckstarrende Totenstille: „Selber Ruhe.“

 

19.Mai 2018

„Da führte mich das Schicksal mit … ihm zusammen, und er lehrte mich verstehen, was Wünsche sind, was Warten, was Hoffen ist, wie sie miteinander verflochten sind, und wie man diesen Gespenstern die Maske vom Gesicht reißt. Wir haben sie die Zeitegel genannt, weil sie, wie die Blutegel das Blut, uns die Zeit, den wahren Saft des Lebens, aus dem Herzen saugen.“ (Gustav Meyrink)

Ob die Pförtner am Bühneneingang der Berliner Philharmonie wissen, w e r  da aus  -und eingeht? Parallelwelten, die vielleicht nichts oder nur sehr wenig voneinander wissen. Ob sie darum wissen, was sich im Innern abspielt, was sich dort ereignet? Sie sehen Menschen mit Instrumentenkästen oder Aktentaschen kommen und gehen, grüßen und werden begrüßt. Haben sie Ohren zu hören, Augen zu sehen? Ahnt der Pförtner? Oder genießt er das Bewusstsein, zum geheimen Kreis der eigentlichen Weltenbeherrscher zu gehören – derer, die die Eingangsschwellen hüten, die Schlüsselgewalt innehaben und die die Lichtschalter zu bedienen wissen? Kyrill Petrenko, der Nachfolger Simon Rattles – vor Jahren vor seinem ersten Dirigat an der Bayrischen Staatsoper – wurde im Foyer vom  Personal angeherrscht, was er dort suche und was er hier wolle …

 

In der S- Bahn ein Pärchen, sich innig küssend. Wie selten ist so ein Anblick geworden – zwei, die sich küssen! Die ihr Liebhaben und ihre Zugehörigkeit an so einem Ort konzentriert und gespielt gleichgültigem Aneinander-Vorbei-Begegnens offen zeigen …

 

 

18. Mai 2018

Nichts stößt einen Menschen mehr von einem anderen ab, als das Gefühl, nur im Traum seines Gegenübers wirklich zu sein.

 

 

16. Mai 2018

Die kleine siebenjährige J., bei der ein Hirntumor diagnostiziert wurde. Die Anstrengungen der Chemotherapie sind ihr ins Gesicht geschrieben. Sie erzählt mir von  ihrem Bruder, der Schillers „Ode an die Freude“  im Musikunterricht gelernt habe. „Ich kann es auch schon!“, verkündet sie mir ernsthaft und stolz. „Soll ich es dir mal vorsingen?“ Und da steht sie vor mir, schaut mich unverwandt an, während sie die erste Strophe „Freude, schöner Götterfunken“ ohne zu stocken singt, mit all ihrem berührenden Ernst und kindlicher Direktheit, während sich meine Augen langsam mit Tränen füllen. Es ist mir in diesem Moment, als sähe ich sie unter dem Schatten Seiner sanften Flügel – den Flügeln des Todesengels, der zugleich der Engel des Lebens ist – geborgen auch in der hochgestimmten, heilenden Zuversicht von Schillers Worten. Als sie geendet, sagt ihr Blick : „Ich werde leben“.

 

15. Mai 2018

Angst oder Liebe… Es steht etwas im Raum, eine Möglichkeit. Es würde nur einer Frage und einer Antwort bedürfen, um diese Möglichkeit zu realisieren. (Was auch bedeuten könnte, sie zu verwerfen, also sich g e g e n  sie zu entscheiden.) Aber- die Frage bleibt aus, wird nicht gestellt; ihr Lebenskeim wird totgeschwiegen, bleibt ungewagt –  und vergeht im Ungelebten.

 

In „Verlust“ steckte einst  „Lust“ wie das Schwert in der Scheide.

 

Tragikomödie: die Scheu und Angst vor der Schönheit seines Gegenübers, was wiederum ihr, der Schönen, Angst macht. Unausgesprochenes: „Mir macht Deine Angst vor mir Angst.“

 

Im Aquarium der Wirklichkeit wird langsam der Sauerstoff knapp. Dessen Bewohner ringen nach der Luft der Wahrhaftigkeit.

 

Gregorianik: Gesänge, Schwingungen wie aus dem Innern von kooperierenden Zellen; ein plasmatisches Atmen des Metrums, das aber noch nicht die erdverbundene „1“ betont. Nur Zielpunkte, Landungspunkte des Fluges werden wie schwankende Äste angesungen,  kurz aufgesetzt, um sich erneut abzustoßen und aufzuschwingen.

 

Symbole als mögliche Schnittstellen zwischen dieser sinnlich erfahrbaren Welt und der Welt der Seele und des Geistes. Bilder, Musik, Glockenklang, die den Hörer, Betrachter an die Grenzen der Zeit, an die Zeitmauer führen, dorthin, wo die Wand ganz dünn, ja transparent werden kann. Die Glasfenster der Kathedrale zu Chartres. Die Steinsetzungen auf Bornholm, auf Gotland, Stonehenge … das Spiel von Licht und Schatten: wie Töne einer Melodie: das Wesentliche aber liegt zwischen den Tönen: der Raum, den die Töne aber erst erschaffen müssen.

Schattentheater spielt an dieser Grenze und mit dieser Grenze: mit der Lichtdurchlässigkeit von „Drüben“ und der materiellen Undurchlässigkeit im Diesseits. Doch das Undurchlässige, Schwarze bleibt nicht stumm: die Linie, die Kontur, der farbige Schatten sprechen umso stärker, die Geste gewinnt an Bedeutsamkeit.

 

Fürchterliche Vision:  der Bildschirm des Computers als Glasscheibe einer Gefangenenzelle für lebenslänglich Verurteilte. Diese glauben, sie würden hinaus „in die Freiheit“ schauen.

 

Was, wenn Goethe wirklich mit seiner Liebsten nach Amerika ausgewandert wäre? Welche Werke wären dann nicht geschrieben, und welche nicht Geschriebenen wären dort in der Neuen Welt geschrieben worden?

 

 

1. April 2018

Viertklässlerinnen und Vierklässler definierten heute im Gespräch „Pubertät“ wie folgt:

„Einer rülpst. Der andere furzt.  Einer, der seine Stinkefüße hochhält. Einer, der viel schlafen muss. Einer schlägt, hat aber keine Agressionsprobleme. Sie schlägt,  ohne Agressionsprobleme.  Er schlägt nicht, hat aber Agressionsprobleme. Man hat ein Gedächtnis wie ein Emmentaler Käse. Man kriegt Pickel und einen Freund oder (als Junge) eine Freundin, die kann man dann aufkratzen (die Pickel!!!). Man wird faul und will nur in Ruhe gelassen werden. Man sitzt nur an der Technik, telefoniert oder spielt. Wenn man 14 ist kriegt man Stimmbruch.“

 

Dunkle Zauberwörter: wenn du sie triffst, machen sie, dass die Welt aufhört zu singen  (pädagogisches Alltagsvokabular):

Könnensbeschreibung

Belehrungsordner

Hausaufgabenersatzkonzept

aktuelle „V.-V-en“ (=Verwaltungsvorschriften)

datengestützte Qualitätsgespräche

kompetenzorientierte Lernbeschreibung

prozessorientierte Kompetenzen

kompetenzorientierte Prozesse

kompressionsorientierte Potenzen

potenzorientierte Kompressionen

pflichtige Verweildauer

dauernde Verweilungspflicht

verweilende Pflichtdauer

pflichtige Dauerverweilung

angemeldete Bedarfe

Modderköppe und Muttihefte

„den Kindern die Wache ansagen“

Brotbüchsenkind