Nikolaus Harnoncourt

 

Tombeau

Wo ist er hin, der Augen Flammenblick?
Wohin der freien Hände Gesten?
Wohin die Seele in dem Körperklang der Stimme?
Wohin der Geist,
aus dem die Bilder quollen,
und wo der Wille,
Form wie glühend Eisen schmiedend,
den Klang, den seine Hände formten,
wie Holz, aus dem befreit Gestalten sich beleben
und jeder Schlag und jedes Schnitzen
aufblitzende Entscheidung trifft:
Eins darf leben, ein Andres weichen, sterben …

Unmöglichkeiten waren Dir
die schönsten Möglichkeiten,
und Du befreitest,
Schnitt für Schnitt
und Schlag um Schlag,
doch immer eine Möglichkeit von vielen,
im All von zeitlichen Beliebigkeiten.
Und doch, dies Eine:
Wahrhaft, einzig war’s kraft Deiner Flamme.
Sie lehrte uns das große Ja,
das jedem Nein noch innewohnt,
und zeugte fruchtbar Rede, Gegenrede,
ein Nein, ein Doch,
ein unerwartet Wenn und Aber,
die aus dem großen Ja durch Dich geboren …

Nun ruhst Du aus
von allem Wissen, Wollen, Fragen,
von allem Muss und Schmerz,
vom Engen und Bedrängen,
von Zagen, Risiko und Wagen –
atemholend in der Sternenstille
über unsern wirren Welten.

(Für Alice Harnoncourt zum Tode von Nikolaus Harnoncourt im März 2016)

 

NIKOLAUS HARNONCOURT PROBT BEETHOVENS „FÜNFTE“  – Beobachtungen während einer Probe mit den Berliner Philharmonikern  

 

Zum Tode von Nikolaus Harnoncourt  – ein Zuruf, kein Nachruf

(Zum Lesen anklicken)

 

NACHRUF AUF GUSTAV LEONHARDT – Zum Tode von Gustav Leonhardt

 

 

BEGEGNUNGEN MIT DEM DIRIGENTEN NIKOLAUS HARNONCOURT

Begegnungen mit N.H. im Spiegel des Traums

 

Notwendiges Vorwort:„Träume sind, wie C.G.Jung erklärt, so paradox das auch scheinen mag, wenn man daran denkt, wie bizarr manche Träume in Form und Inhalt sein
können -, Träume sind objektiver und verzerren die Wirklichkeit weniger als
die Gedanken, die wir im wachen Zustand haben. … Wenn man den Inhalt
von Träumen wiedergibt, dann schildert man etwas, das man empfangen hat,
eine objektive Botschaft, die (wie der Träumende richtig sagt) ihm im Schlaf
begegnet ist. Niemand ist für seine Träume verantwortlich …“ .(Yehudi Menuhin im Gespräch mit Robert Daniels. In: „Ich bin fasziniert“ von allem Menschlichen“.        München 1982)

Meine Faszination von der Figur des Dirigenten, des Pfarrers, des Lehrers:
wie oft waren nicht Lehrer auch Dirigenten oder Dirigentinnen: auf dem
Gymnasium, während der Grundschulzeit in der Blockflötengruppe, im
Posaunenchor, der sangesfreudige Pfarrer Althoff, der hunderte von
Gottedienstbesuchern kraft seiner Stimme zum Singen animierte, aber
genauso zum Stillwerden, zum In-sich-gehen; ein ritualisiertes Wort
genügte, und eine ganze Gemeinde erhob sich widerspruchslos, einhellig,
sprechend oder singend, nachsprechend oder singend antwortend.“
Warum folgte man diesen Impulsen des Pfarrers gerne, ja, wartete freudig
darauf? Warum – bei anderen Personen – fühlte man dagegen Druck, das
Müssen, den Zwang der Konvention und die Macht der Gewohnheit, den
Leerlauf des Rituals, dessen hohl gewordenen Automatismus?
Ganz gleich, wo einer leitend steht – ob vor Flöte spielenden
Grundschülern, Jungbläsern im Posaunenchor, vorm einfachen
Kirchenchor, im Kirchenschiff vor der Gemeinde oder im Konzertsaal vor
den Philharmonikern – entscheidend ist, ob und wie der Dirigierende
befreiend oder bindend, lösend oder fesselnd agiert. Wesentlich ist, w i e
er oder sie handelt. Ob unterm Erfolgszwang oder dem Drang, gute Figur
zu machen, ob unterm Zwang von Vorgaben und Traditionen (“Das
machen wir hier schon immer so“… oder „Das ist hier so üblich“) oder ob
er seinen eigenen Impulsen folgt, die sich aus Hingabe, Liebe,
Begeisterung für eine Sache, eine Idee, ein Werk ergeben und aus der
Sympathie für die Menschen, die er zu gewinnen sucht zum Teilhaben und
Teilnehmen, zum Lernen, zum Aufnehmen, zum Werden und Entstehen
einer Sache, eines Projektes, eines Werkes, einer Aufführung …“ !
Immer lag und liegt für mich eine der größten Faszination darin:
w i e ein Mensch seine Impulse, seinen Willen ausdrückt und mit anderen
dadurch in Beziehung kommt, oder auch n i c h t, sondern sie stattdessen
bremst oder gar verhindert …

 

 

17.2. 2004

Ich besuche eine Probe eines Kammerorchesters. Am Dirigentenpult erkenne ich Nikolaus Harnoncourt. Das ist also der Concentus Musicus, der da spielt? Gespannt lausche ich. Endlich einmal, so hoffe ich, finde ich Gelegenheit, den Dirigenten persönlich anzusprechen, ihn „zwanglos“ oder beiläufig um die Signierung eines seiner Bücher zu bitten, das ich zufällig bei mir trage.
Ich erfahre, dass er abends in einem Konzert in Osterholz- Scharmbeck nahe Bremen zu hören sei. Entschlossen fahre ich dorthin, halte an einem Waldparkplatz, wo viele kleine Hütten stehen. Ein Schild weist drauf hin, dass es sich hier um einen Hundefriedhof handelt. Dort also „liegt der Hund begraben“!? Welcher?
Meine beiden Begleiter sind schon vorausgegangen, einen Weg hinauf in Richtung eines Bachtales. Dort irgendwo vermute ich den Ort, an dem der Concentus spielen wird. Ich selber klettere noch ziemlich halsbrecherisch in dem Bachtal herum. Dabei verschmiere ich mir in dem kalkigen, schweren Lehmboden die Schuhe. Entsprechend mühsam ist deren Reinigung. Durch die Zweige einer verästelten Baumkrone klettere ich dann auf einen Felsen hinauf, der dabei bedenklich schwankt. Oben angelangt ist mein erhofftes
Ziel, der Ort des Konzertes, nicht in Sicht. Wo kann ich nun weiter suchen? Ich frage eine Gruppe von Wanderern, die mir daraufhin den Weg beschreiben. Ob ich wohl noch so rechtzeitig mein Ziel erreichen werde, um eine Eintrittskarte zu ergattern? Der Concentus Musicus in dem kleinen Kaff Osterholz-Scharmbeck nahe Bremen …!

 

3.4.2006

Hans Abegg, ein alter Bekannter aus Lippstädter Zeiten und Mitglied des Posaunenchores wie ich einst, begegnet mir. Er berichtet von seinen Studien am Orff-Institut am Salzburger Mozarteum, wo auch Harnoncourt Lehrer war.
Dann erzählt er von einem Konzert des Concentus Musicus Wien, das am Abend in Dortmund im Konzerthaus stattfände. Entschlossen mache ich mich auf den Weg dorthin (60 km).

27.12.2005

Ich hielt mich in einem großen, abgelegenen Haus auf: groß und geräumig, zugleich uralt, mit Holzfußböden, Öfen, ja sogar Tasteninstrumente – vom Klavier, Klavichord, Cembalo bis zum Spinett – stehen dort. Dort begegnete ich N.H. Wir sprechen über das Rückwärtsgewandte und die Rückwärtsgewandheit als Seelenhaltung, dann sachlich, kritisch-distanziert, geht es um aufführungspraktische Fragen.

9.1.2006

In einem Gespräch mit Harnoncourt sage ich: „Was Ihnen gelungen ist – selbst auf der Schallplatte – ist: dass man aufhorcht und hinhört. Unverwechselbar die Klangfarbe, der Impetus, das dynamisch-klangliche „Relief“ der Instrumente – verglichen mit vielen anderen Aufnahmen so verschieden wie ein Säugetier sich vom Insekt unterscheidet: Ein andere Gattung. Mittlerweile höre ich Ihr Orchester nach wenigen Sekunden heraus. Ich weiß leider nicht mehr, wann ich begriff: H i e r ist die Musik. Vielleicht mit der Aufnahme der Matthäuspassion, vor allem in der Arie „Mache dich, mein Herze, rein…“

 

20.2.2006

Ich hörte einem Gespräch zwischen Nikolaus, Alice Harnoncourt und Anne Sophie Mutter zu. Letztere im Bewusstsein ihrer Bedeutung: „Es gibt auf diesem Planeten keinen Menschen, der besser Geige spielt als ich. Geiles Gefühl.“
Darauf Harnoncourt ganz trocken zu seiner Frau: „Papas Beste!“

 

20.3.2006

In der Berliner Philharmonie füllten sich die Plätze sehr schnell. Auch wir suchten unsere Plätze, die jedoch seitwärts auf dem Podium im Rücken des Orchesters lagen. Nur ein kleiner Spalt gab noch die Sicht auf die Musiker frei, und so erreichte uns auch nur ein Teil der Musik. Diese wurde darum elektronisch verstärkt, was jedoch hörbare Verzerrungen aus den Lautsprechern zur Folge hatte. Wie könnten wir nur an bessere Plätze kommen?“
Jetzt betrat der Dirigent das Podium – Harnoncourt im hellgrauen Jacket. Applaus brandet auf. Zunächst sehe ich ihn nur von hinten, bis er sich auch zu uns hinwendet und uns dankend zuwinkt. Wichtig ist mir, seinen Augenausdruck zu sehen – was mir von meinem Platz aber verwehrt bleibt. Es gibt Schuberts frische mozartsche 5. und Bruckners 8. Sinfonie. Die Philharmoniker atmen unter freien, befreienden Händen.

 

27.7.2007

Nikolaus Harnoncourt ist zu Besuch in meiner einstigen Dorfschule in A. Er wirkt viel jünger als ein Mann „in den Siebzigern“. Wir unterhalten uns, am Zaun stehend, während die Kinder Hofpause haben, über den Sinn von Schule. Er beginnt ein feuriges Plädoyer für die Ganztagsschule zu halten. Ich bin da jedoch ganz anderer Meinung. Unsere Diskussion verläuft unbefangen, ohne die fatale Distanz, die die Bewunderung oft schafft.
Ich rufe meine Freundin Anne hinzu. Wann je hätte denn wieder so eine gute Gelegenheit, diesen Dirigenten persönlich kennenzulernen? Sie erzählt ihm, wie es einmal anlässlich eines Dirigierkurses schon beinahe zu einer Begegnung mit ihm gekommen sei. Die beiden verstehen sich sehr gut. Neben dem fachlichen Austausch entwickelt sich nämlich auch ein ausgelassener Humor. Beide beginnen im Verlauf des Gesprächs, aberwitzige Grimassen zu schneiden, die ich quasi in Großaufnahme betrachte. Dabei machte ich aber nicht mit, beobachte mehr, ja, fühle mich fast ein wenig außen vor gelassen und gebremst. An beiden beeindruckt mich die ungebremste Lebendigkeit, die lebhafte Kraft, mit der sie ihre Gedanken äußern und die Pointen durch Gestik und Mimik zum Ausdruck bringen. Mir aber wird an dem Dialog der beiden sehr bewusst, in welch engen Bahnen das Denken und Fühlen in der Schule doch verläuft… Wie alt war Harnoncourt, als er aus dem verödenden Orchesterbetrieb ausstieg?

 

21.6.2007

Ich nehme Platz in einem Konzertsaal, der einem Amphitheater gleicht. Dort sitzt Nikolaus Harnoncourt in der obersten Reihe als Zuhörer. Gedanke: Kann ich den einfach ansprechen?

 

29.7. 2007

Probe mit Nikolaus Harnoncourt und dem Concentus Musicus. Ein ausgefallenes Stück wird geprobt. H. fordert mich auf, dabei den Dudelsackpart zu spielen. Das setzt mich einesteils in Verlegenheit, da doch mein Dudelsack noch kalt und somit noch nicht gut intoniert ist. Auch weiß ich nicht, ob die Grundtonart passen wird. Die Probe verläuft derweil lebendig und engagiert. Harnoncourts ungebremste Energie strömt und weht wie Wind und Windstöße in die Musik.
Ich verharrte noch abwartend. In meiner Aufregung komme ich zunächst nicht auf das Einfachste und Naheliegenste, nämlich, einfach den Probensaal kurz zu verlassen, um das Instrument draußen einzuspielen und einzurichten. Als hätte er meine Not und den wachsenden Druck gespürt, fordert H. mich und eine Gruppe von Musikern auf, eine extra Stimmprobe in einem anderen Raum abzuhalten … Erleichterung!

 

27.12. 2007

Ich befand mich in einer Konzertprobe mit Nikolaus Harnoncourt in der Lippstädter Marienkirche, genauer, in der vergrößerten Sakristei. Die Oper „Alceste“ von Gluck wurde geprobt. Ich bin zwar lediglich G a s t h ö r e r, sitze jedoch mitten im Orchester und erlebe die Musiker aus nächster Nähe. Später probiere ich selbst ein Instrument, doch ist mir entfallen welches. Eine Gruppe von Kindern benimmt sich dabei völlig undiszipliniert. Harnoncourt beginnt sich schließlich die Haare zu raufen, da die chaotischen „lieben Kleinen“ einfach nicht still sitzen können. Selbst seine Autorität versagt an dieser Stelle gänzlich.

 

31.10 2014

Gemeinsam mit der Geigerin Cornelia Franke, einer alten Freundin von mir, begegne ich Nikolaus Harnoncourt. Cornelia versetzte diese Begegnung in helle Aufregung. Ihr Gesicht rötet sich stark, während wir in einem Garten zu dritt gemütlich an einem Tischchen sitzen. Mit großen, weit geöffneten Augen, intensiv zuhörend betrachte ich Cornelia, wie sie den Worten des Dirigenten lauscht, während er über Spinoza und dessen Lebensphilosophie spricht.
Abrupter Szenenwechsel: Probe mit den Berliner Philharmonikern. Es ist ein Mittwoch Vormittag – der freie Tag des Chefdirigenten. So hätte Simon Rattle eigentlich Zeit, zuzuhören. Harnoncourt beklagt sich vor dem Orchester: „Der Rattle war noch nie bei einer Probe von mir. Jetzt hätte er doch mal Zeit, und da kommt er nicht!“

 

3.1.2014

Im Morgentraum zusammen mit einer befreundeten Geigerin in Vorbereitungen zu einem Konzert „Bach meets O’Carolan“ an der Schuke-Orgel in der Philharmonie. Der Saal ist fast leer. Lediglich einige Arbeiter machen sich an der geöffneten Saaldecke mit Isolierungsarbeiten zu schaffen. Dabei fallen Staub, Dreck und Mäusekot herunter, auch auf den Spieltisch der Orgel. Ich versuche das, so gut es geht, wegzupusten und zu wegzuwischen.
Beim Probieren des Eingangsstückes habe ich das Gefühl, dass mir das große Instrument in keiner Weise entgegenkommt. Die Bank ist rutschig und ich versuche vergeblich in einen richtigen Abstand zu den Manualen zu kommen, bei dem ich Halt habe. Auch scheint mir die Anordnung der vielen Register chaotisch und unlogisch, so dass sich die Registrierung meinen Vorstellungen kaum fügt – mal klingt es zu laut, mal zu schwach, dann wieder ist der Klang ohne Substanz und Dichte. Fatales Überforderungsgefühl: Wird das alles hier vielleicht nicht einige Nummern zu groß für mich?
Zuvor, vor diesem Probieren und Proben hatte ich ein Gespräch mit N.H., der mir dabei erzählt, wie es ihm mit der Post und Geschenken seiner Verehrer ergehe. Unmöglich sei es, diese zu beantworten, selbst die zugesendeten handwerklichen Arbeiten – gekonnte, schöne Schnitzereien darunter – könne er nicht würdigen, es sei einfach zu viel, und es bliebe ihm keine Zeit mehr. Er habe aber für mich ein Geschenk: eine bisher unveröffentlichte Fuge von Bach, vierstimmig gesetzt. H. zeigt mir die druckfrischen, noch nicht geschnittenen und gefalteten Bögen, erschienen bei Döbereiner (?) in Wien (ich schlug nach: es muss der Doblinger Verlag in Wien sein). Ich lege die Blätter aufs Notenpult eines Cembalos und spiele das Thema, die nach und nach einsetzenden Stimmen langsam und getragen, ohne Fehlgriff, eine wunderbar innige Musik.
Später spielt H. daraus, mit vielen Verzierungen, die seine rechte Hand so unmerklich ausführt, dass selbst mein genaues Hinschauen, wie er das hinkriegt, mir keinerlei Aufschluss gibt, wie sein so leichtes Spiel möglich ist.
Zuvor hatte ich, während ich in einem Saal einem Vortrag lauschte, überlegt, wo H., seine Frau Alice und einige Damen vom „Concentus“ unter den versammelten Zuhörern sitzen. Soll ich mich zu erkennen geben, namentlich, mit Hinweis auf einen Workshop 2007 in der UDK, wo er mir eine sehr ausführliche Antwort auf meine Nachfrage zum Verhältnis von ausgeschriebenen und tatsächlich gespielten Notenwerten im Autograph von Mozarts Posthornserenade gegeben hatte? Das könnte peinlich werden – unmöglich, dass er sich meines Gesichtes erinnert, obwohl wir uns im Vortragssaal sehr lange anblicken, wie zwei alte Bekannte, die sich nach längerem wiedertreffen und die Veränderungen im Gesicht des andern wahrnehmen. Worum geht es aber in dem Vortrag? Es scheint ein pädagogisches Thema zu sein. Denn als ich wenig später mit drei Geigerinnen des „Concentus“ ins Gespräch komme, finde ich mich schnell in der Rolle des Pädagogen und gebe mich als Lehrer für Kinder im Grundschulalter zu erkennen. Wie bringt man die Kinder zu kräftigerem Singen? Das ist z.B. eine der Fragen, die wir lebhaft erörtern. Dabei kommt das Akkordeon ins Gespräch – für Harnoncourt ein unmögliches Instrument, da es die Kinderstimmen förmlich totschlage. Das bringt er mit nachdrücklichem Furor heraus. Dagegen wende ich ein, dass es für Tanzmusik und Kindertänze sehr wohl geeignet sei und versuche ihn vollends zu überzeugen durch die Erwähnung der Bach-Aufnahmen des italienischen Akkordeonisten Babarena … (Anmerkung: 10 Tage später erhielt ich unerwartete Antwort von N.H. und seiner Frau auf einen langen Brief zu seinem 85. Geburtstag.)

 

6. 7. 2005

Im Morgentraum ist N.H. zu Besuch in meiner Berliner (Traum-)Wohnung. Da gibt er Hinweise zur Interpretation der Posthornserenade von Mozart. Der Schauplatz wechselt vexierbildhaft: wir sind plötzlich in meinem Elternhaus in Lippstadt. Distanz und freundschaftliche Verbundenheit ist gleichermaßen spürbar. Ich bitte ihn um eine Widmung in einem seiner Bücher bzw. in eins seiner Bücher ü b e r ihn. Am liebsten hätte ich in j e d e m der Bücher seine Widmung. Wo aber sind die Bücher bloß? Die alten Räumlichkeiten in der Fleischhauerstraße vermischen sich mit den Gegenwärtigen. Zunächst gehen H. und ich in mein altes Jugendzimmer. Dort treffen wir meinen Bruder, dem ich meinen Gast vorstelle. Dieser aber scheint gar keine Ahnung zu haben, wen er hier vor sich hat. Freundlich-konventionell, ja gleichgültig bleibt der kurze Kontakt. Ich suche vergebens nach meinen Büchern, währenddessen erzähle ich aber davon, w i e  ich die Schriften finde.
Endlich habe ich sie gefunden. Doch in welches der Bücher soll nun die Widmung? Mir scheint  nämlich, als sei nur e i n e  einzige Eintragung möglich, und ich müsse mich entscheiden. In „Was ist Wahrheit“?? Es ist das äußerlich unscheinbarste Buch, ein schmales Bändchen, doch im Traum erfühle ich’s als sein wichtigstes Werk …

 

20.10.2005

In einer riesigen, halligen Kirche während eines Konzertes Begegnung mit Nikolaus Harnoncourt. Er wirkt erheblich jünger als in Wirklichkeit, ist unkonventionell gekleidet. Während wir auf einer Galerie oder Empore sitzen und zuhören, kommen wir ins Gespräch über die Hardangergeige, ihre Musik und deren eigenartige Rhythmik mit ihren besonderen Bewegungsimpulsen. Ob er, der gerade auf Urlaubsreise in Norwegen war, die Hardangerfiedel – Musik kennengelernt habe? Er verneint, zeigt aber großes Interesse und so erzähle ich über das Instrument und seine Besonderheiten und berichte von meinen Hör -und Seherlebnissen mit einem Geiger und einer Gruppe von Tanzpaaren in Valdres. Das alles scheint für diesen Klangforscher von großem Interesse zu sein.
Ob wir ihm zufällig noch einmal über den Weg laufen werden auf einer der Reisestationen? Als das Konzert zuende ist und alle dem Ausgang zustreben, begegnen wir uns nochmals, diesmal jedoch unpersönlich, fast abweisend, als hätten Gespräch und Begegnung zuvor nie stattgefunden …

31.12. 2002

Nikolaus Harnoncourt probt für eine Inszenierung. Er bittet mich, die geprobte Szene zu beobachten. Dabei gibt er mir eine Beobachtungsaufgabe, die ich jedoch aufgrund verschiedener Fremdworte, die er einfließen lässt, nicht verstehe, allenfalls nur vage erahne, worum es geht. In der Szene, die ich nun mitansehe, probt H. mit einem kleinen Jungen. In mir wächst derweil die Verunsicherung: Wenn ich nicht weiß, worauf mein Fokus liegen soll, kann ich nur meinen Vermutungen und vagen Spekulationen folgen anstatt unvoreingenommen zu beobachten.
Gefühl wie vor einer Prüfung, in die ich unzureichend vorbereitet hineingehe …

27.10.2013

Ich bin im Wiener Musikinstrumentenmuseum und bestaune dort die herrlichen, alten Cembali, Klavichorde usw. Plötzlich sehe ich Nikolaus Harnoncourt über den Flur eilen. Er wirkt jung und frisch, ein Mann in den besten Jahren, angetan mit einem weißen Hemd. Am Ende des Flures verschwindet er in einer Tür, und mir scheint, als wäre er dort in der angrenzenden Wohnung zuhause.
Ich komme nun in ein Gespräch mit zwei mir unbekannten Besucherinnen und machte sie auf H. aufmerksam.
„Haben Sie gesehen, wer da gerade vorbeikam? Das ist Nikolaus Harnoncourt gewesen, der Dirigent“ bemerke ich. „Ich glaube, dass er hier wohnt. Das passt sehr gut zu ihm, so Tür an Tür mit den alten Instrumenten.“
Die Wohnungstür, durch die er verschwand, steht, wie ich nun erst bemerke, weit offen, und ich blicke gespannt und neugierig hinein. Ich sehe dort viele Menschen versammelt. Das widerspricht doch aber sehr meiner Annahme, dass dies seine Privatwohnung ist. Doch was hat es mit dieser Versammlung auf sich? Ich rätsele herum. Ein Kolloquium? Konzertbesucher? Oder Workshopteilnehmer? In diesem Augenblick kommt der Hausherr und Gastgeber aus dem Innern der Wohnung auf mich zu und bittet mich sehr freundlich, doch einzutreten.
Wurde er auf mich aufmerksam, weil ich meine bunt-auffällige Lapplandmütze trug? Worauf mag sich sein Interesse gründen und ihn zu einer persönlichen Einladung veranlassen? Als hätte er meine unausgesprochene Frage vernommen, sagt er: „Ich habe vorhin im Museum ihr starkes Interesse an den alten Instrumenten bemerkt.“
Das Innere der Wohnung, die ich nun betrete, ist überaus stilvoll mit vielen alten Renaissancemöbeln – lauter ausgesuchten Stücken – eingerichtet. An einem kleinen Tischchen mit H. sitzend genieße ich das Glücksgefühl der unverhofften Begegnung. Es hat etwas von dem anrührenden Charakter seiner ersten Begegnung mit Goethe, die der Norweger Henrik Steffens beschreibt. „Was ist wertvoller als Gold? Das Licht. Was ist wertvoller als Licht? Das Gespräch!“

 

3. April 2016

Im Morgentraum Nikolaus Harnoncourt, den ich zu einer Lesung in den „Hof an der Aue“ bei Bremen eingeladen habe. Die Zeit bis zum Beginn ist knapp bemessen; der Raum, die Bestuhlung sind noch nicht hergerichtet, und ich muss mich noch am Cembalo einspielen und das Instrument stimmen.
N.H. ist schon da, schwarz gekleidet, entspannt und freundlich. Er wird aus Mozart- Briefen lesen.
Erstaunlich ist seine Anwesenheit aber nun doch, weniger wegen des Anlasses einer Lesung und der ungewöhnlichen Lokalität, die ja seinem Rang nicht entfernt angemessen ist, sondern weil ich weiß, dass er ja vor kurzem erst verstorben ist – nun aber hier quicklebendig anwesend ist.
Das scheinen die Hofbewohner aber gar nicht zu realisieren bzw. zu wissen.
Typisch ist, dass ich alles auf den letzten Drücker tun und organisieren muss, während N.H. sehr gelassen abwartet, wie sich die Dinge entwickeln.

 

12.4. 2016

Ähnlich wie im Traum vom 3.4. wundere ich mich, dass der doch unlängst Verstorbene lebt. Ich werde ihn in einem Café am Gendarmenmarkt in Berlin treffen, wo er auf mich wartet.
(Da erwache ich mit dem Impuls  s o f o r t aufzustehen, um ihn dort ja nicht zu verpassen; als ich einen Augenblick später realisiert habe, dass es nur ein Traum ist, stehe ich sofort auf, um den Traum aufzuschreiben (andernfalls droht nämlich Verblassen und Vergessen).

 

11.5. 16

Sehr früh erwacht. Zuvor sitzen NH und ich aneinandergelehnt und unterhalten uns über die Komposition Mozarts „a la Turka“. Wir stellen Mutmaßungen über die Quelle, den Ursprung, das Vorbild zu diesem Stück an, eine beinahe kriminalistische Indiziensuche. Dann ein im Traum überraschender Einfall: Ich mutmaße, dass das Stück gar kein Vorbild hat , es sei – im Gegenteil –  s e l b s t Vorbild, Ursprung, Anregung für spätere Stücke, auch anderer Komponisten. NH gefällt dieser Gedanke: dass ein vermeintlich Späteres zum Ursprünglichen, Vorbild oder Urbild wird. Der Einfall und NH.s Resonanz geben dem ganzen Gespräch eine Wendung in Leichte, Freudige …

 

3.8.16

Mein Freund A.B. betritt gemeinsam mit NH einen Raum. Er schaut mit sehr lebendigen Augen umher, zu wem er kommt. A. hat Harnoncourt stützend untergefasst. Ich wundere mich darüber, nicht ohne eine Anflug von Eifersucht. Warum hat mir A. gar nichts erzählt? I c h hätte NH doch abholen können, zumindest aber wir gemeinsam. So bleibt mir nur die Rolle des Zuschauers …

 

6.10.2015

Nikolaus Harnoncourt lädt provokant zu einer brainstorming-Runde ein. Sein Impuls ist, den eingefahrenen Musikbetrieb durch schlagkräftige Parolen zu entlarven und zugleich zu reformieren: Thesen, die eine neue Richtung weisen. Obwohl sich all dies in ganz privatem, lockeren Rahmen zuträgt – NH bereitet etwa eigenhändig einen Salat für die Teilnehmer der Runde – gehört doch Mut, Unbefangenheit und schlagfertiger Witz des Formulierens dazu, um in so einer Runde zu bestehen.

Ich frage, ob ich ein Foto von ihm machen dürfte, woraufhin er zustimmt. Unterdessen arbeitet es schon kräftig in mir. Aber kein geistreicher Einfall will sich einstellen. In mir bleibt es leer …

Ich beginne, innerlich am „Rad der Assoziationen“  zu drehen: ein immer gleicher, wiederholter Satz, der mein assoziatives Denken wie ein Dynamo in Aktivität versetzen soll. NH – wie immer offen und zugewandt, macht jedoch keinen Druck: die Zeit der alten Autoritäten sei vorbei. Na t ü r l i c h e Autorität sei es jetzt, auf die es ankomme …

 

8.11. 2017

In einer Probe unter NH, gemeinsam mit anderen Musikern. Dabei entspinnt sich ein Gespräch über den zeitgenössischen Komponisten Haas, einen Österreicher, dessen Werke mehrfach in der Philharmonie unter Simon Rattle aufgeführt wurden. Nach einer Weile entfernt sich H., denn er hat, wie jemand weiß, als Dank an uns etwas Kulinarisches vorbereitet bzw. er ist, gemeinsam mit seiner Frau Alice, dabei, dies zu tun.

 

 

(Fortsetzung folgt …)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dem Beitragsbild liegt eine Postkarte zugrunde, die Alice Harnoncourt mir im April 2016 zusandte.

https://wortundklangdotblog.files.wordpress.com/2018/01/15-titel-15.mp3

„Psalm“ (Schweden Trad., arr. von J.M. für Streicher und Lithophon. Von der CD „Singende Steine“)