Lyrisches

 

 

Amazone

Sie liebt die Einsamkeit
des Felsenstrandes und der Wälder,
den schmalen Grat am Berg,
den Blick in schwindelnde Tiefen,
und lauscht dem Wildbachtoben unter sich,
dem Schrei des Falken auch,
wagt über’n Abgrund Sprung um Sprung,
und wandert bis ans Weltenend
im Alles oder Nichts der Liebe;
und stiehlt ein Pferd aus Phantas Schloss.

Auf Pegasus sattellosen Rücken
schwingt sie sich,
zwingt ihn mit ihren bronzenen Schenkeln
und dem Griff in die Mähne
unter sich.
Aufbäumend schlagen seine Hufe,
doch mit schlanken Fesseln
gibt sie ihm die Sporen …
Funkenstiebend sprengt ihr Ross
dem kupfergoldnen Kontinent der Wolken entgegen.

Aus Wolkenbergen und Luftschlössern
springt sie wieder hinab,
– nicht wissend,
ob sie fliegt
oder fallen wird und fehlen –
zu ihrem Feuerplatz,
um dort dem Tod,
der Leben ihr und Schönheit schenkt,
leuchtenden Auges
ins Antlitz zu schauen.

(Februar 2018)

 

Karneval

Wir gaben dich für dieses Jahr verlorn,
du kalter, kristalliner Meister.
Wir seufzten „Schade“ oder „Gott sei Dank“,
da Du dein bleigraues Gewand
mit Knospen, Rosenblüten
und Krokusspitzen verziertest,
und, als Du es dir überwarfst,
umwehten uns laue Lüfte.
Die Schneemänner blieben ungeboren;
mein Schlittschuhpaar hängt vergessen
am rostigen Nagel des Schuppens.
Der Rodelberg hinterm Haus
liegt still und leer.
Über ihn zogen dann und wann
lärmende Schwärme von Raben und Wildgänsen
dem glitzernden See zu
und weiter, Richtung Westen.

Lag denn nicht schon
das Lied vom Mai in den Lüften,
und sahn wir nicht schon
das Grün der Bäume,
auch dort, wo noch keins wuchs?
Es hatte uns doch schon
in die Straßencafes und Parks gelockt,
und die Gärtner hatten sich die Augen gerieben,
und dann geschäftig in die Hände gespuckt …

Er hat uns genarrt, der starre Januskopf,
im Kostüm des frühesten Frühlings,
und den einsamen Storch auch,
der nun vergeblich
auf die Seine warten muss.
Das Kranichpaar zieht nicht mehr
selig seine Kreise überm Berg,
ist wieder verstummt,
und auf dem Spiegel des Sees
knirschen und knacken meine Schritte.
Unterm Eise aber glüht mein Herz …

(Februar 2018)

 

 

 

 

 

WEIL DAS KÜSSEN EIN SÜß GESICHT DER LUST, DAS DER LIEBE ENTSPRINGT …

 

… auf den ersten Blick                                                                                                                     

… – Sie ist das Rätsel, das Du immer in dir trägst,
der erste Ton des süßen Liedes,
das eben noch im Stillen ruhte
und dann, vom Augenspiel geweckt,
beginnt und singt,
und mit sich ringt,
ob’s Wahrheit oder Träumerei;
und jedes Lauschen, jeder Blick
fühlt hinter Worten, Masken und Kostümen
das neue Lied …

Noch fehl’n ihm Worte,
wagt’s nur ein Summen auf den Lippen,
den Klang des Lächelns,
Vokale, hinter denen sich
verräterische Konsonanten noch verbergen …
Ein Name, Zauberwort,
aus Herz und Mund,
aus Mut und Tat und Leben …

(Januar 2018)

 

Mein Lied ist ein Lächeln

Mein Lied ist ein Lächeln
das Deinen Augen gilt,
mein Lied ist Dein Lächeln,
das meine Sehnsucht stillt.

Es streicht mir die Wangen
und kost Dich am Ohr,
wie leises Verlangen
wagt sich’s hervor.

Mein Lied ist mein Lächeln
das hin zu Dir will,
ein flüsterndes Fächeln
im Haar … namenlos … still.

(Februar 2018)

 

 

Lebenszauber

Und immer ist’s die Unschuld wieder
die wir sehnen, die wir suchen,
in allem Trüben, aller Schwere,
allem Schmerz und allem Grau –
das lichte, reine Lied in allen Dingen,
ganz nahe am Erwachen …
Die stille Stadt im Morgenglanz,
der nahe Winterwald im Licht …
Ein greiser Alter,
der den abgefahrenen Zügen
seines Lebens wehmütig nachblickt …
Ostersang der Amsel, lang vor Ostern,
ein Kind mit seiner Puppe,
eben noch ganz selbstvergessen spielend,
gewahrt sich plötzlich selbst im Spielen …
Des jungen Mädchens Blick,
das selbstversunken seinem Herzschlag lauscht,
dem neuen, dunklen Ton darin …
Und immer ist’s die Unschuld wieder,
die ich suche, die ich sehne,
einem Rätsel gleichend,
dessen Lösungswort
mir auf den Lippen liegt –
ein noch nicht geschenktes Lächeln
und ein Kuss, der nur noch nicht geküsst …

(Nach einem lyrischem Stück für Klavier von Edvard Grieg, Januar 2018)

 

Wer dies wüsst‘

Wer wüßt, wohin die Wege führn,
die keine Wege sind …
Zwar kannst du Richtung ahnen, spür’n,
doch fühlst mit Schauern du, wie blind,
wie es dich treibt und drängt.

Wer wüsste, was ihn so bezwängt –
wie all der Wege sind –
in Raum und Zielen fest beschränkt :
Wie sich erlösen, gleich dem Kind,
vom Zwang, der stets im Kreise geht?

Wer wüßt, warum das Kind sich dreht –
lebt’s selig nicht im Traum, im Lied?
Der Kreis des Blühens – was vergeht,
und wieder, tief und trunken, blüht –
lebt’s nicht im Lichtesglühn?

Wer wüßt, wohin die Wasser ziehn
des Bachs, des Stroms, der Welle?
Wohin der Wind, die Wolken fliehn,
der Sternenschnuppen Helle,
der Liebsten fern Geschick?

Wer wüßt, wohin der Weg ihn schickt,
der in der Liebe kreist …
wie’s Kind im Lied, wie Blütenglück,
wie Tau, der See und Wolke speist –
Nicht wissen muss ich, muss nur müssen …

 

Wintersonnenwende

Wir suchen Seine Nähe nicht.
Wir suchten zu entfliehen,
Verbargen uns vor Ihm in unseren Höhlen,
bedeckten uns mit Feigenblättern,
kletterten hoch auf dichtbelaubte Bäume
oder kauerten im Schatten ihrer Stämme,
unter Dächern und Decken;
machten Es unsichtbar mit Scheuklappen,
hielten unter Wasser den Atem an
fast zum Ersticken –
immer in der Hoffnung,
Es gehe vorüber,
ohne unserer gewahr zu werden.
Doch untrüglich und sicher
fand Es mich, dich, und jeden noch.
Komm, fass meine Hand,
ich geb Dir meine!
Und auch, wenn Du es lässt …
so oder so sind wir verbunden:
in Ihm, dem Leid,
dieser Liebe der Erde
zu uns flügellosen Engeln,
voller Sehnsucht
nach dem Himmel auf Erden.

(Dezember 2017)

 

Mittsommernacht

Stille, laue Sommerpracht,
über uns der Sterne Funkeln …
Wachslicht schimmert durch die Nacht …
Rascheln, Tuscheln, Huscheln, Munkeln.

Da erwacht ein flirres Leben,
Kribbeln, Krabbeln, sirr Erregen.
Spinne eilt auf flinken Füßen
Kerzensonne zu begrüßen.

Ameisen wimmeln dicht an dicht
um den nächtlich irren Schein.
Schnöckes Silberspur windet sich zum Licht
durch achtlos ausgegoss’nen Wein.

Und ein Käfer, blindes Tier,
durchirrt den Lichtkreis voll trunkner Gier.
Das Kerlchen, da man es berührt,
sich listig leblos zusammenschnürt.

Da liegt er, kugelig, erschreckt –
für uns ein heit’rer Zeitvertreib:
Wir warten nur, bis er sich wieder streckt,
und dann … Da krabbelt ja sein Weib!

Mit rascher Hand wird sie genommen:
Der Käfer soll ein Weib bekommen!
Sanft wird gestoßen, gerollt und geneckt,
damit das Weib den Mann entdeckt.

Doch vergebens unser Ziel und Trachten.
Des Käfers Liebste eilt von hinnen,
entflieht entsetzt vor unsern Machenschaften.
Erstarrt verharrt der Käfer in sich drinnen.

Da rührt es an mich tief im Herzen:
Was, wenn alle unsre Menschenziele
wär’n solch ein Spiel von Götterscherzen,

ein flirtend Spiel von Liebesmächten,
die sich am Menschenwahn erheitern
in lauen Weltensommernächten …

 

Sommersonnenwende

Alles ist Wandlung,
Alles was lebt,
Strebt zur Entfaltung
Bis fest es steht.

Und da es fest stehet
In Form und Gestalt,
Verströmt sich sein Leben,
Wird wieder Gehalt,

Verströmt sich in Düften,
Verblühend in Farben,
Verklingend in Lüften,
Geschnitten die Garben.

Immer in Wandlung
Ist alles was lebt,
Strebt in sein Wesen
Das nimmer vergeht.

(Juni 2015)

 

 

Sommertag

Ungemessen atmend weilt
Im Morgenglanz die Zeit.
Kein Takt und Maß von Stunden
An die wir gebunden …

Wissen kein Maß, keiner Ziffer Zwang,
Fühlen kein Herzensbang.
Tag ist SEIN: im Windes Flüstern,
Zaunkönigs Lied im Blätterwispern.

Ein Spinnweb gleißt. Im Kiefernduft
Durchweht dein Flötenspiel die Luft.
Im Mittagsglast Geflirr der Wellen …
Azurblau schwirrende Libellen.

Am Sonnenstein die Natter ohne Regung …
Ein Windhauch, wiegende Bewegung
Im Schilf, und sanftes Kräuseln,
Vom Waldessaum der Wipfel Säuseln …

Und nun, allmählich, tiefen sich die Schatten
Ins Kupfergold von Wald, von Ährenmatten,
Dem Sichelmond im blaugetränkten Traum –
Zeit, in Liebe, atmend im Raum …

 

Abschiedsblick

Violetter Wehmutsklang
vom Heidekraut, das in den Felsenspalten
flort. Sommerabschied ist im Schwang,
und manches muss jetzt Ernte halten.

In aller sonnentrunknen Ruh,
im sanften Wellenschlag vom See,
im Sang des Fitis lauschest Du
dem Ach!, des Sommers lichtem Weh.

Die Hummeln summen noch im Rausch.
Die Zeit hält inne im Verblühn
der Ernte dort im Heidestrauch.
Lass los … Wir müssen gehn.

(Im schwedischen Spätsommer 2017)

 

Aquarell im September

Sonnenglast
Spiegelglatt
Träumt der See und ruht
Windhauch pflückt ein falbes Blatt
Aus erster Strähnen goldner Glut

Kinderjauchzen
Sang der Grille
Am Ufersaum ein Liebespaar
Abendhimmel leuchtet stille
Alles Ferne rückt ganz nah

Vertraute Stimmen von zwei Schwimmern
Punkte dunkelfern im See
Insektentanz
Ein schwebend Schimmern
Im letzten Sommersonnenglanz

 

 

 

narzisse

sie ist so ganz natürlich
zeigt keine scham
in nackter schönheit
sich selber
durch und durch begehrlich

 

An Luna

Du bist ein Teil in mir,
Nocturne in Dur,
das doch in lichtem Silbermoll erklingt.

Du bist ein Teil von ihr,
der Nachtigall,
die Blütenduft und Maiennacht besingt.

Du bist ein Teil in uns,
Du wandelst Zeit in Leere, Fülle,
Du Nebelglanz und Liebeshülle.

 

 

Der Kranich

Aus himmelstiefem Sonnenglast
trifft mich sein Rufen,
rührt meine stummen Saiten, auf die mein Herz gestimmt.
Tönt mir da Klage?
Urzeitsage jener Welt,
aus der wir unsere kurze Spanne stillen,
und all die Ängste, Atemnot und Hast?
Klingt da die Frage: Woher ich kam
und woraufhin ich leb,
und wer ich bin,
ich Erdengast?

 

Beim Hören von Chopins Prelude Cis-Dur

Eben noch war des Himmels blaue Stille
Erfüllt nur in sich selbst.
Auf einmal bist Du, großer Vogel
Da mit Deinen Atemschwingen,
Schwebst hoch Du,
Kreisend immer höher,
Schwingenschlagend höher noch …
Jetzt wieder, Kreis um Kreis
Zur Tiefe gleitend.
Schwebend öffnest Du Dir
Raum um Raum
Und mir,
Im umumgrenzten Blau der Stille.

 

Tombeau
(zum Tode von Nikolaus Harnoncourt)

Wo ist er hin, der Augen Flammenblick?
Wohin der freien Hände Gesten?
Wohin die Seele in dem Körperklang der Stimme?
Wohin der Geist,
aus dem die Bilder quollen,
und wo der Wille,
Form wie glühend Eisen schmiedend,
den Klang, den seine Hände formten,
wie Holz, aus dem befreit Gestalten sich beleben
und jeder Schlag und jedes Schnitzen
aufblitzende Entscheidung trifft:
Eins darf leben, ein Andres weichen, sterben …

Unmöglichkeiten waren Dir
die schönsten Möglichkeiten,
und Du befreitest,
Schnitt für Schnitt
und Schlag um Schlag,
doch immer eine Möglichkeit von vielen,
im All von zeitlichen Beliebigkeiten.
Und doch, dies Eine:
Wahrhaft, einzig war’s kraft Deiner Flamme.
Sie lehrte uns das große Ja,
das jedem Nein noch innewohnt,
und zeugte fruchtbar Rede, Gegenrede,
ein Nein, ein Doch,
ein unerwartet Wenn und Aber,
die aus dem großen Ja durch Dich geboren …

Nun ruhst Du aus
von allem Wissen, Wollen, Fragen,
von allem Muss und Schmerz,
vom Engen und Bedrängen,
von Zagen, Risiko und Wagen –
atemholend in der Sternenstille
über unsern wirren Welten.

(Für Alice Harnoncourt zum Tode von Nikolaus Harnoncourt im März 2016)

 

 

J. S. Bach

In der Tiefe wohnt die Trauer,
Lindern Tränen und vergeben.
Aus dem Dunkel wehen Schauer
Lichtem Blau und Tag entgegen.

Rhythmen wollen sich entrollen,
Bild und Muster sich beleben.
In Präludien und in Fugen wollen
Sie am Ja zum Leben weben.

Alle Schönheit ist Bewegung.
Ihrem Werden hingegeben,
Kreist in tönender Versöhnung
Sie um Liebe, Sehnsucht, Tod und Leben.

Aus der Tiefe wächst das Leben,
Wächst und wächst und wirkt mein Ja.
Im Vergehn die Töne geben,
Was ihr Sinn für mich gebahr.

 

Statt eines Blumenstraußes
(Für die Dirigentin E.-M. Schäfer)

In Gesängen wohnt dein Wille
hört dein Herz auf unser Tönen,
und dein Leben ist der Wille
zur Musik, und ist im Schönen.

Herz und Auge schaffen Leben,
Deine Hände formen den Gesang,
und wir folgen ihrem Weben,
atmend, lauschend unsrem Klang.

Und die Seele will dir geben
was ersehnt – mal froh, mal bang :
beseeltes Singen, liebend Leben
aus des Herzens reinem Drang.

 

Obertongesang

(für A. M. Hefele)

Du holst aus Wolken alle Sterne oben
und singst dein Lied dem dunklen Stein.
Du baust aus Tönen einen Regenbogen
und findest dich in deinem Sein.

Dein tönend Sein wirkt einen Regenbogen,
der dunkle Stein wird zum Kristall.
Der Wolkenvorhang wird gehoben
und Töne führ’n ins Ein und All.

(November 2017)

 

Musik: „Vismelodie“ (Lied ohne Worte), Trad./ Gotland, arr. von J.M., Cornelia Franke (Violine) und die Gruppe Vårvindar friska“ auf der CD „Singende Steine“, aufgenommen in Brüderkirche in Lippstadt 2001.