Die geheime Tür

 „Das Machen schlechter Gedichte ist noch viel beglückender als das Lesen der allerschönsten.“ (Hermann Hesse)

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Zu einem Gemälde von Rembrandt

Ist’s seine Tochter?
Geliebte, Muse?
Eine, für die er durchs Feuer ginge,
wie auch sie für ihn,
Mensch oder Engel …?

Lauscht er Worten,
die ihn nur meinen
und unverbrüchlich einen
dem Zauber einer Welt,
die anhebt zu singen?

Ziellos strahlt sein Auge
ins Ferne,
nicht Wälder und Wände
noch Berge halten es auf,
nichts sperrt sich seiner Tiefe,
selbstvergessen,
hingegeben Ihr,
ihrem Duft und Atemhauch
ganz Ohr.

Weil das Küssen ein lieb Gesicht der Lust, das der Lieb entspringt …

 

An Luna

Du bist ein Teil in mir,
Nocturne in Dur,
das doch in lichtem Silbermoll erklingt.

Du bist ein Teil von ihr,
der Nachtigall,
die Blütenduft und Maiennacht besingt.

Du bist ein Teil in uns,
Du wandelst Zeit in Leere, Fülle,
Du Nebelglanz und Liebeshülle.

 

 

 

 Auf stillen Wassern

I

Auf stillen Wassern
werden wir tief.
Auf stillen Wassern
gleiten wir
in unsern Booten …
Wir traun der Weite,
traun den Kräften,
die uns treiben …
Was Ziel? Und wo?

Ferne Stimmen,
ein springender Fisch,
weltverlornes, stilles Kreisen  …
Ein Reiher gleitet überm Wasser,
trauend der Weite,
trauend Kräften,
die ihn tragen,
durch Räume, Zeiten
überm dunkelnden Antlitz des Sees,
von Sternennacht geküsst.

 

II

Und dies nenn ich Glück:
Mit Dir in einem Boot
im Einklang
Welle schneidend,
die uns schwankend näher in den Himmel hebt
und wieder einlässt in ein lächelnd Wellental,
das Segel prall den blauen Winden hingegeben,
auf schwerelosen Wellenblitzen gleitend …

 

 

Lebenszauber

Und immer ist’s die Unschuld wieder
die wir sehnen, die wir suchen,
in allem Trüben, aller Schwere,
allem Schmerz und allem Grau –
das lichte, reine Lied in allen Dingen,
ganz nahe am Erwachen …
Die stille Stadt im Morgenglanz,
der nahe Winterwald im Licht …
Ein greiser Alter,
der den abgefahrenen Zügen
seines Lebens wehmütig nachblickt …
Ostersang der Amsel, lang vor Ostern,
ein Kind mit seiner Puppe,
eben noch ganz selbstvergessen spielend,
gewahrt sich plötzlich selbst im Spielen …
Des jungen Mädchens Blick,
das selbstversunken seinem Herzschlag lauscht,
dem neuen, dunklen Ton darin …
Und immer ist’s die Unschuld wieder,
die ich suche, die ich sehne,
einem Rätsel gleichend,
dessen Lösungswort
mir auf den Lippen liegt –
ein noch nicht geschenktes Lächeln
und ein Kuss, der nur noch nicht geküsst …

(Nach einem lyrischem Stück für Klavier „Erotik“ von Edvard Grieg, Januar 2018)

 

Geheimer Ort

Deine Schönheit …
noch weiß sie kaum von sich
und von Vergänglichkeit,
vom Verblühen und Reifen,
von Früchten und Samen,
vom Welken und Herbst
vom Frost und Winter …

Selbstvergessen blühst Du,
bis Du einst Dich selber findest
in deiner Schönheit.
Genieße sie, wie die Amsel
ihr Lied im Frühling.
Schlag Dein Rad!
Und, wo Gefahr und Not,
da geh in Dich,
an den Ort deiner Schönheit,
der nur dir gehört.

 

… auf den ersten Blick                                                                                                                     

… – Sie ist das Rätsel, das Du immer in dir trägst,
der erste Ton des süßen Liedes,
das eben noch im Stillen ruhte
und dann, vom Augenspiel geweckt,
beginnt und singt,
und mit sich ringt,
ob’s Wahrheit oder Träumerei;
und jedes Lauschen, jeder Blick
fühlt hinter Worten, Masken und Kostümen
das neue Lied …

Noch fehl’n ihm Worte,
wagt’s nur ein Summen auf den Lippen,
den Klang des Lächelns,
Vokale, hinter denen sich
verräterische Konsonanten noch verbergen …
Ein Name, Zauberwort,
aus Herz und Mund,
aus Mut und Tat und Leben …

 

Wer dies wüsst‘

Wer wüßt, wohin die Wege führn,
die keine Wege sind …
Zwar kannst du Richtung ahnen, spür’n,
doch fühlst mit Schauern du, wie blind,
wie es dich treibt und drängt.

Wer wüsste, was ihn so bezwängt –
wie all der Wege sind –
in Raum und Zielen fest beschränkt :
Wie sich erlösen, gleich dem Kind,
vom Zwang, der stets im Kreise geht?

Wer wüßt, warum das Kind sich dreht –
lebt’s selig nicht im Traum, im Lied?
Der Kreis des Blühens – was vergeht,
und wieder, tief und trunken, blüht –
lebt’s nicht im Lichtesglühn?

Wer wüßt, wohin die Wasser ziehn
des Bachs, des Stroms, der Welle?
Wohin der Wind, die Wolken fliehn,
der Sternenschnuppen Helle,
der Liebsten fern Geschick?

Wer wüßt, wohin der Weg ihn schickt,
der in der Liebe kreist …
wie’s Kind im Lied, wie Blütenglück,
wie Tau, der See und Wolke speist –
Nicht wissen muss ich, muss nur müssen …

 

Mittsommernachtsballade

Stille, laue Sommerpracht,
über uns der Sterne Funkeln …
Wachslicht schimmert durch die Nacht …
Rascheln, Tuscheln, Huscheln, Munkeln.

Da erwacht ein flirres Leben,
Kribbeln, Krabbeln, sirr Erregen.
Spinne eilt auf flinken Füßen
Kerzensonne zu begrüßen.

Ameisen wimmeln dicht an dicht
um den nächtlich irren Schein.
Schnöckes Silberspur windet sich zum Licht
durch achtlos ausgegoss’nen Wein.

Und ein Käfer, blindes Tier,
durchirrt den Lichtkreis voll trunkner Gier.
Das Kerlchen, da man es berührt,
sich listig leblos zusammenschnürt.

Da liegt er, kugelig, erschreckt –
für uns ein heit’rer Zeitvertreib:
Wir warten nur, bis er sich wieder streckt,
und dann … Da krabbelt ja sein Weib!

Mit rascher Hand wird sie genommen:
Der Käfer soll ein Weib bekommen!
Sanft wird gestoßen, gerollt und geneckt,
damit das Weib den Mann entdeckt.

Doch vergebens unser Ziel und Trachten.
Des Käfers Liebste eilt von hinnen,
entflieht entsetzt vor unsern Machenschaften.
Erstarrt verharrt der Käfer in sich drinnen.

Da rührt es an mich tief im Herzen:
Was, wenn alle unsre Menschenziele
wär’n solch ein Spiel von Götterscherzen,

ein flirtend Spiel von Liebesmächten,
die sich am Menschenwahn erheitern
in lauen Weltensommernächten …

(Insel Baltrum, 1984)

 

 

Sommersonnenwende

Alles ist Wandlung,
Alles was lebt,
Strebt zur Entfaltung
Bis fest es steht.

Und da es fest stehet
In Form und Gestalt,
Verströmt sich sein Leben,
Wird wieder Gehalt,

Verströmt sich in Düften,
Verblühend in Farben,
Verklingend in Lüften,
Geschnitten die Garben.

Immer in Wandlung
Ist alles was lebt,
Strebt in sein Wesen
Das nimmer vergeht.

(Juni 2015)

 

Morgenglocken

Sie singen vom Leben,
sie künden vom Oben.
Die Töne, sie schweben
und rufen und loben.

Im Vorhof der Sphären,
die Augen nicht sehen,
die Ohren nicht hören,
erklingen – vergehen

die dunklen Rufer,
die lichten, die hellen,
mit mächtigen Wellen
am Erdenufer.

Sie schlagen verklingend
vom wandelnden Leben,
der Zeiten verschwingend
vergängliches Weben,

vom Schicksal und Werden,
von Stund, Sein und Zeit,
vom Lieben und Sterben
und Ewigkeit.

 

Sommertag

Ungemessen atmend weilt
Im Morgenglanz die Zeit.
Kein Takt und Maß von Stunden
An die wir gebunden …

Wissen kein Maß, keiner Ziffer Zwang,
Fühlen kein Herzensbang.
Tag ist SEIN: im Windes Flüstern,
Zaunkönigs Lied im Blätterwispern.

Ein Spinnweb gleißt. Im Kiefernduft
Durchweht dein Flötenspiel die Luft.
Im Mittagsglast Geflirr der Wellen …
Azurblau schwirrende Libellen.

Am Sonnenstein die Natter ohne Regung …
Ein Windhauch, wiegende Bewegung
Im Schilf, und sanftes Kräuseln,
Vom Waldessaum der Wipfel Säuseln …

Und nun, allmählich, tiefen sich die Schatten
Ins Kupfergold von Wald, von Ährenmatten,
Dem Sichelmond im blaugetränkten Traum –
Zeit, in Liebe, atmend im Raum …

(Västergötland, 2015)

Abschiedsblick

Violetter Wehmutsklang
vom Heidekraut, das in den Felsenspalten
flort. Sommerabschied ist im Schwang,
und manches muss jetzt Ernte halten.

In aller sonnentrunknen Ruh,
im sanften Wellenschlag vom See,
im Sang des Fitis lauschest Du
dem Ach!, des Sommers lichtem Weh.

Die Hummeln summen noch im Rausch.
Die Zeit hält inne im Verblühn
der Ernte dort im Heidestrauch.
Lass los … Wir müssen gehn.

(Im schwedischen Spätsommer 2017)

 

Aquarell im September

Sonnenglast
Spiegelglatt
Träumt der See und ruht
Windhauch pflückt ein falbes Blatt
Aus erster Strähnen goldner Glut

Kinderjauchzen
Sang der Grille
Am Ufersaum ein Liebespaar
Abendhimmel leuchtet stille
Alles Ferne rückt ganz nah

Vertraute Stimmen von zwei Schwimmern
Punkte dunkelfern im See
Insektentanz
Ein schwebend Schimmern
Im letzten Sommersonnenglanz

(Schwielowsee 2015)

 

 

narzisse

sie ist so ganz natürlich
zeigt keine scham
in nackter schönheit
sich selber
durch und durch begehrlich

 

 

 

Beim Hören von Chopins Prelude Cis-Dur

Eben noch war des Himmels blaue Stille
Erfüllt nur in sich selbst.
Auf einmal bist Du, großer Vogel
Da mit Deinen Atemschwingen,
Schwebst hoch Du,
Kreisend immer höher,
Schwingenschlagend höher noch …
Jetzt wieder, Kreis um Kreis
Zur Tiefe gleitend.
Schwebend öffnest Du Dir
Raum um Raum
Und mir,
Im unumgrenzten Blau der Stille.

 

 

Psalm

(Wintersonnenwende)

Wir suchen Seine Nähe nicht.
Wir suchten zu entfliehen,
Verbargen uns vor Ihm in unseren Höhlen,
bedeckten uns mit Feigenblättern,
kletterten hoch auf dichtbelaubte Bäume
oder kauerten im Schatten ihrer Stämme,
unter Dächern und Decken;
machten Es unsichtbar mit Scheuklappen,
hielten unter Wasser den Atem an
fast zum Ersticken –
immer in der Hoffnung,
Es gehe vorüber,
ohne unserer gewahr zu werden.
Doch untrüglich und sicher
fand Es mich, dich, und jeden noch.
Komm, fass meine Hand,
ich geb Dir meine!
Und auch, wenn Du es lässt …
so oder so sind wir verbunden:
in Ihm, dem Leid,
dieser Liebe der Erde
zu uns flügellosen Engeln,
voller Sehnsucht
nach dem Himmel auf Erden.

(Dezember 2017)

 

J. S. Bach

In der Tiefe wohnt die Trauer,
Lindern Tränen und vergeben.
Aus dem Dunkel wehen Schauer
Lichtem Blau und Tag entgegen.

Rhythmen wollen sich entrollen,
Bild und Muster sich beleben.
In Präludien und in Fugen wollen
Sie am Ja zum Leben weben.

Alle Schönheit ist Bewegung.
Ihrem Werden hingegeben,
Kreist in tönender Versöhnung
Sie um Liebe, Sehnsucht, Tod und Leben.

Aus der Tiefe wächst das Leben,
Wächst und wächst und wirkt mein Ja.
Im Vergehn die Töne geben,
Was ihr Sinn für mich gebahr.

 

Air

I

Wege, Stufen ohne festes Ziel.
In einen Reigen steter Schritte –
ins Steigen, Sinken, Heben, Neigen –
sind wir gerufen und gewollt.

Du weist nichts ab,
nimmst nicht zurück die Hand.
Ich folge Blicken, die mich meinen;
geschlossen noch die Blüte deines Lächelns.

II

Schmerzliches Ach und Atemhauch …
wie eine Wehe, sanft und stark …
Was soll aus ihr geboren werden?
Ach, mein Du … Sehnsucht nach der letzten Nähe!

Wortlos unser Lied,
wieder, wieder fragend,
nicht wissend, ob wir zugehörig …
Ein süß verschwistert Weh und Wagen.

Dein Schweigen ist am sichern Ort.
Schmieg dich an mich.
Ich bin bei Dir, bin da.
mein Kopf in Deinem Schoß.

Wir ruhen aus in dem, was stets aufs neue
steigt und sinkt, uns hält.
Nicht weil wir’s wollen, ist’s:
Wir fühlen, dass wir’s sollen.

 

 

Statt eines Blumenstraußes

(Für die Dirigentin E.-M. Schäfer)

In Gesängen wohnt dein Wille
hört dein Herz auf unser Tönen,
und dein Leben ist der Wille
zur Musik, und ist im Schönen.

Herz und Auge schaffen Leben,
Deine Hände formen den Gesang,
und wir folgen ihrem Weben,
atmend, lauschend unsrem Klang.

Und die Seele will dir geben
was ersehnt – mal froh, mal bang :
beseeltes Singen, liebend Leben
aus des Herzens reinem Drang.

 

Obertongesang

(für A. M. Hefele)

Du holst aus Wolken alle Sterne oben
und singst dein Lied dem dunklen Stein.
Du baust aus Tönen einen Regenbogen
und findest dich in deinem Sein.

Dein tönend Sein wirkt einen Regenbogen,
der dunkle Stein wird zum Kristall.
Der Wolkenvorhang wird gehoben
und Töne führ’n ins Ein und All.

(November 2017)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Musik: „Vismelodie“ (Lied ohne Worte), Trad./ Gotland, arr. von J.M., Cornelia Franke (Violine) und die Gruppe Vårvindar friska“ auf der CD „Singende Steine“, aufgenommen in der Brüderkirche in Lippstadt 2001.