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Die „Große Pyramide“ der Musik – Johann Sebastian Bach (1685 – 1750)

B06a 2Johann Sebastian Bach entwickelte ein schöpferisches Prinzip, aus dem heraus er unerschöpflich zu schöpfen vermochte. Was wäre  h e u  t e,  für unsere Zeit, das schöpferische Prinzip? Woran könnte sich ein Komponist heute anschließen? Welches wäre – wie damals Generalbass, Kontrapunkt und Fuge – heute der Schlüssel zum Unerschöpflichen?

 

„McBach’s Frolics“ (nach J.S. Bach)

Antje Jansen – Fiddle und Jürgen Motog – Piano

 

 

Zelter an Goethe am 9. Juni 1828

… „so bin ich oft geneigt, ihn gerade hier zu bewundern, mit welcher heiligen Unbefangenheit, ja mit apostolischer Ironie ein ganz Unerwartetes heraustritt, das keinen Zweifel gegen Sinn und Geschmack aufkommen lässt. Ein „passus et sepultus“ führt an die letzten Pulse der stillen Mächte; ein „resurrexit“ oder “in gloria die patris“ in die ewigen Regionen seligen Schmerzens gegen die Hohlheit des Erdentreibens. Dies Gefühl aber ist wie unzerreißbar, und es möchte schwer sein, eine Melodie oder sonst ein Materialbuches davon mit sich zu nehmen. Es erneut sich nur, ja es stärkt sich verstärkt sich bei Wiederholung des Ganzen immerfort.
Bei alldem ist er bis daher noch abhängig von irgendeiner Aufgabe. Man soll ihm auf der Orgel folgen. Diese ist seien eigentliche Seele, der er den lebendigen Hauch unmittelbar eingibt. Sein Thema ist die eben geborene Empfindung, welche wie der Funke aus dem Steine allenfalls aus dem ersten zufälligen Fußtritt aufs Pedal hervorspringt. So kommt er nach und nach hinein, bis er sich isoliert, einsam fühlt und dann ein unerschöpflicher Strom in den unendlichen Ozean übergeht.
So ungefähr hat sein ältester Sohn Friedemann, welcher hier gestorben ist, die Sache mit seinen Worten wiedergegeben. „Gegen diesen bleiben wir alle Kinder.“
Nicht wenige seiner größeren Orgelsachen hören endlich wohl auf, aber sie sind nicht aus: bei ihnen ist kein Ende.
So will ich denn auch hier aufhören, so viel noch zu sagen wäre. Alles erwogen, was gegen ihn zeugen könnte, ist dieser Leipziger Kantor eine Erscheinung Gottes: klar, doch unerklärbar.
Ich könnte ihm zurufen: „Du hast mir Arbeit gemacht
Ich habe dich wieder ans Licht gebracht.

 

Wenn Bach die Kantele gekannt …

Paraphrase über ein Präludium für 38-saitige finnische Konzertkantele

 

Inhaltsverzeichnis

1. Franz Werfel über Bachs Wohltemperiertes Klavier

 

2 .Probeneindrücke in der Berliner Philharmonie zur Johannesspassion in der rituellen Inszenierung von Peter Sellars

 

2. J. S. Bach/ „In der Tiefe wohnt die Trauer …“

 

4. Lars Ulrik Mortensen über die Orchestersuite D-Dur und das „Air“ (Video)

 

5. Über eine Aria Bachs

 

6. Notizen

 

 

1

Franz Werfel über Bach:

Cella hat jetzt mit leiser Stimme angekündigt: „Präludium und Fuge Nr. 12 aus dem Wohltemperierten Klavier. Ein Ruck geht durch ihren Körper, der wie die Folge eines sehr schweren Entschlusses ist. Sie hebt die Hände hoch, zögert einen Augenblick und lässt sie dann auf die Tasten fallen, als würfe sie beide weg, als überließe sie beide einem selbstständigen, von ihr ganz und gar abgelösten Tun. Dann schließt Cella die Augen und senkt ein wenig den Kopf. Ihr Gesicht verfinstert sich vor Sammlung, wird älter und älter unter den unsichtbaren Strahlen der nahenden Musik, die sie von allen Seiten aus dem Raum auf ihren genügten Scheitel herabzuziehen scheint. Ich spüre genau die kurze Pause, diesen Augenblick gefüllter Leere, mit der das Stück von Bach beginnt, ohne noch zu ertönen, wie wenn ein erster Ruderschlag die Luft trifft, bevor der zweite eigentliche in s Wasser klatscht. Dann ist der erste Doppelklang da, traurig und entschieden.

… Das Präludium ist in hoher Fahrt. Bei Bach weiß man nie, ob er es fröhlich meint oder todtraurig. Nur der letzte Akkord, mit dem seine Stücke immer schließen, ist jedesmal positiv wie ein Sonnenaufgang. Man möchte mehr von diesem letzten Akkord haben.
Wenn ich aufrichtig bin, ist mir Bach zu hoch. Seine Musik erscheint mir wie ein blinder Riese, der mit seinem Knotenstock achtlos durch die Menge geht, manchmal schnell, manchmal langsam. Wer ihm nicht ausweicht, den stößt er zur Seite und merkt es gar nicht. Er hat ein großes Ziel, der blinde Riese, den letzten Akkord nämlich, der ein Sonnenaufgang ist. Die wimmelnde Menge aber, die sich nicht für blind hält, hat keins. Ich selbst gehöre zu dieser wimmelnden Menge …

Die kleine Atempause, die sie nach dem Präludium eingeschaltet hat, ist zu Ende. Ihre Hände stürzen sich in die Fuge, Bach, der blinde Riese, gerät ins Laufen. Er jagt über Stock und Stein, seinem unentrinnbaren Ziel entgegen. Wenn ich auch nicht viel von Musik verstehe, was eine solche Fuge ist, das beginne ich schon zu ahnen. Ein fabelhaftes Fangspiel ist das, ein Immer-wieder-Entkommen und Immer-wieder-in-die-Falle-Gehen, höchste Verwirrung bei höchster Ordnung, etwas Kosmisches und etwas Strategisches zugleich.

Zitiert aus: Franz Werfel, “Cella oder die Überwinder“ (Berlin/Weimar, 1970)

 

 

2

Generalprobe zu Bach’s  Johannespassion in der rituellen Inszenierung von Peter Sellars in der Berliner Philharmonie, eine Voraufführung vor einigen hundert Menschen. Der Evangelist Mark Padmore leistet dabei Phänomenales. Er singt die Evangelistenpartie vollständig auswendig, bewegt sich zudem im Raum, begleitet, kommentiert stumm, trägt und impulsiert das ganze Riesenwerk mit seinen Einsätzen, den abgründig gesetzten Pausen … . Nein, er singt nicht auswendig. Er lebt diese Musik inwendig und, ja, er erschafft geradezu visonäre Bilder: so muss es gewesen sein.

Probeneindrücke (zum Lesen anklicken):

BACHS JOHANNESPASSION in einer rituellen Inszenierung durch Peter Sellars, die Berliner Philharmoniker unter SimonRattle und den Rundfunkchor Berlin unter Simon Halsey (2014)

 

 

3

J. S. Bach

In der Tiefe wohnt die Trauer,
Lindern Tränen und vergeben.
Aus dem Dunkel wehen Schauer
Lichtem Blau und Tag entgegen.

Rhythmen wollen sich entrollen,
Bild und Muster sich beleben.
In Präludien und in Fugen wollen
Sie am Ja zum Leben weben.

Alle Schönheit ist Bewegung.
Ihrem Werden hingegeben,
Kreist in tönender Versöhnung
Sie um Liebe, Sehnsucht, Tod und Leben.

Aus der Tiefe wächst das Leben,
Wächst und wächst und wirkt mein Ja.
Im Vergehn die Töne geben,
Was ihr Sinn für mich gebahr.

 

 

4

Lars Ulrik Mortensen über Bach:

 

 

 

5

Aria

 

I

Wege, Stufen ohne festes Ziel.
In einen Reigen steter Schritte –
ins Steigen, Sinken, Heben, Neigen –
war’n wir gerufen und gewollt.

Du wiesest nichts ab,
nahmst nicht zurück die Hand.
Ich folgte Blicken, die mich meinten;
geschlossen noch die Blüte deines Lächelns.

 

II

Schmerzliches Ach und Atemhauch …
wie eine Wehe, sanft und stark …
Was sollt’ aus ihr geboren werden?
Ach, mein Du … Sehnsucht nach der letzten Nähe!

Wortlos unser Lied,
wieder, wieder fragend,
nicht wissend, ob wir zugehörig …
ein süß verschwistert Weh und Wagen …

Dein Schweigen war am sichern Ort,
schmiegte sich an mich,
und ich war da, bei Dir,
mein Kopf in Deinem Schoß.

Wir ruhten aus in dem, was immer wieder
stieg, sich  neigte und uns hielt.
Nicht, weil wir’s wollten oder sollten war’s:
Es gab sich uns.

 

 

6

Notizen

Die unergründlichen Wege zur Musik

Für wie viele Musiker und Musikerinnen wohl mag sich der Weg zur Musik und zum Musikersein durch den Schlüssel der Musik Bachs erschlossen haben? Sage niemand, Bachs Musik sei zu schwer, um ein Kinderherz in dessen Tiefe berühren zu können. Historische oder unhistorische Praxis der Aufführung und deren jeweilige dogmatische Grundhaltungen halte ich demgegenüber für unwesentlich. Was letztlich zählt, ist das Schlüsselerlebnis, die existenzielle Berührung, die nicht nur den Tränenfluss, sondern auch den Wunsch weckte, sich in diese unergründlich- vielschichtigen Chorgesänge, diese instrumentalen Jubel und in das heiter-ernste oder mystische Spiel der Melodien, Fugenthemen und Kontrapunkte miteinzuschwingen, teilzuhaben daran, nicht nur hörend, sondern auch selbst spielend, singend …
J.S. Bach im Vergleich mit Telemann: Ordnung, gespannt wie ein kunstvoll geflochtenes Netz über einem unergründlichen Abgrund. Oder: das weite, tiefe Meer, auf dessen Spiegel sich der Himmel mit Sonne, Mond und Sternen spiegelt.

 

 

 

Bach – ein  Erleuchteter. Mendelssohn, Brahms und Reger und viele andere Ungenannte: von ihm erleuchtete Jünger.

 

 

 

 

 

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